Landeskunde

Indonesien – die große Unbekannte

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 2/2021

Indonesien gehört zu den Ländern, deren Bedeutung unterschätzt wird. Dabei ist es das viertbevölkerungsreichste Land der Welt (nach China, Indien und den USA) und zählt mehr muslimische Bewohner als Pakistan, Indien oder jedes Land des Nahen Ostens. Seit dem frühen 17. Jahrhundert war Indonesien eine niederländische Kolonie. Erst 1949 kam die Unabhängigkeit. In den folgenden Jahrzehnten dominierten zwei Staatspräsidenten Politik und Gesellschaft: von 1945 bis 1967 zunächst der linksgerichtete Sukarno, von 1967 bis 1998 dann der rechtsgerichtete Suharto. Nach der Asienkrise von 1997 demokratisierte und dezentralisierte sich das Inselarchipel. Dauerhafte Herausforderungen liegen in seiner enormen ethnischen Vielfalt, aber auch in Umweltkatastrophen, islamistischen und separatistischen Anschlägen sowie Korruption. Seit 2014 regiert Präsident „Jokowi“ Joko Widodo, der sich um Reformen bemüht.

Purdey, Jemma / Missbach, Antje / McRae, Dave, Indonesia: State and Society in Transition, Lynne Rienner Publishers Inc., 2020, 261 S., ISBN 978-1-62637-852-0, € 29,36.

Brad, Alina, Der Palmölboom in Indonesien. Zur Politischen Ökonomie einer umkämpften Ressource, transcript Verlag, Edition Politik, Band 78, 2019, 206 S., Print-ISBN 978-3-8376-4757-0, PDF-ISBN 978-3-8394-4757-4, € 39,99 (nur Druckfassung).

Das erste hier vorgestellte Werk konzentriert sich auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung. Dr. Jemma Purdey forscht im australischen Melbourne an der Monash und Deakin University, Dr. Antje Missbach ebenfalls an der Monash University und am Freiburger Arnold-Bergstraesser-Institut. Dr. Dave McRae lehrt am Asia Institute der University of Melbourne. Alle drei sind ausgewiesene Indonesien-Kenner und haben umfassend über das südostasiatische Land publiziert. Ihr Buch schildert nach der Einführung ausführlich Indonesiens Geschichte: Von den Ureinwohnern geht es über die Ankunft von Buddhismus und Hinduismus zur Islamisierung zwischen 1200 und 1700. Der Islam prägt das Inselarchipel heute mehr denn je, wurde aber ab dem 16. Jahrhundert von europäischen Einflüssen und vor allem der niederländischen Kolonialisierung überlagert. Kurz währte die japanische Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Japaner und Niederländer mussten der erstarkten indonesischen Nationalbewegung schließlich weichen, die Republik Indonesien entstand. Kapitel 3 detailliert die Entwicklung zwischen 1950 und 1998: Von 1945 bis Mitte der 1960er Jahre lenkte der sozialistische Präsident Sukarno die Geschicke des Landes. Er war zuvor ein führender Vertreter der nationalen Unabhängigkeitsbewegung gewesen. Ab 1950 herrschte er im Rahmen einer liberalen Demokratie. Diese wich allerdings 1957 einer „Gelenkten Demokratie“. Sukarnos Nachfolger General Suharto etablierte dann ab Mitte der 1960er Jahre die autoritäre „Neue Ordnung“. Seine rechtsgerichtete Regierung kam erst nach über 30 Jahren Herrschaft im Zuge der Asienkrise zu Fall. Die Autoren erläutern, warum dies ihrer Ansicht nach geschah: Die einzige Rechtfertigung der Neuen Ordnung hätte in Wirtschaftswachstum gelegen. Ende 1997 verlor die Landeswährung Rupiah jedoch dramatisch an Wert. Die Preise für Lebensmittel und Öl stiegen, was Aufstände und Gewalt in ganz Indonesien auslöste.

Kapitel 4 veranschaulicht die tiefgreifenden Reformen des politischen Systems, die ab 1998 zu einer Demokratisierung Indonesiens führten. Dazu gehörten vor allem eine umfassende Dezentralisierung und die Direktwahl politischer Repräsentanten auf allen Ebenen. Purdey, Missbach und McRae besprechen hier aber auch Konstanten wie das einflussreiche Militär und separatistische Kräfte in immerhin acht Provinzen. Die bis heute herausragende Rolle des Militärs erklären die Autoren damit, dass die Streitkräfte ursprünglich die Unabhängigkeit von den Niederlanden und Japan vorangetrieben hatten. Die handelnden Eliten seien seit Suharto bestehen geblieben, Nepotismus und Korruption hätten also kein Ende gefunden. Kapitel 5 vertieft die politischen Veränderungen und Konstanten, z.B. hinsichtlich Dezentralisierung, Wahl- und Parteiensystem, Korruption und politischem Islam. Kapitel 6 wendet sich gesellschaftlichen Herausforderungen wie dem Bevölkerungswachstum und der zunehmenden Einkommensungleichheit zu. Ausführlich kommt das Bildungssystem zur Sprache: Es leide unter erheblichen Qualitätsdefiziten und speziell die religiösen Schulen verfehlten jeden Mindeststandard. Kapitel 7 thematisiert vor allem Menschenrechtsverletzungen, die auch nach 1998 von Polizei und Militär ausgegangen seien, speziell in den separatistischen Konfliktregionen Papua, Aceh und Ost-Timor. Daneben geht es um den Umgang mit gesellschaftlichen Gruppen wie Frauen, Homosexuellen oder religiösen Minderheiten. Deren zunehmende Unterdrückung sei der Islamisierung von Politik und Gesellschaft zuzuschreiben: Zwar beeinflusse Salafismus und Wahhabismus schon seit den 1980er Jahren die ultrakonservativen Strömungen innerhalb des sunnitischen Islams. Suhartos Neue Ordnung habe sie jedoch noch unterdrückt. Im Zuge der gesellschaftlichen und politischen Liberalisierung ab 1998 hätten sich diese Strömungen umso ungehinderter entfaltet. Kapitel 8 beschreibt Indonesiens Medienlandschaft und Populärkultur. Es verdeutlicht die überragende Bedeutung des Fernsehens neben Printmedien, Filmen, Sozialen Medien und dem Internet: 80 Prozent der TV-Inhalte müssten heimisch sein, inländische und zunehmend muslimische „Seifenopern“ würden florieren. Von Pluralismus und einer unabhängigen Berichterstattung sei das Land trotz Demokratisierung noch weit entfernt. Da aber das Internet (Stand 2019) keiner signifikanten Zensur unterläge, sei ein Run von der offiziellen Berichterstattung in die Sozialen Medien zu beobachten.

Kapitel 9 widmet sich ausführlich den Außenbeziehungen unter Sukarno, Suharto und ihren Nachfolgern ab 1998. Sie lassen sich als unabhängig und aktiv zusammenfassen: So schloss sich das Land zu keiner Zeit dem US-geführten Westen oder dem chinesisch-russischen Osten an. Vielmehr strebte es gute Beziehungen zu sämtlichen Blöcken an – geschuldet seiner wichtigen geostrategischen Lage und der militärisch kaum zu verteidigenden Inselstruktur. Neben dem Verhältnis zu den USA und China, dem wichtigsten Handelspartner, geht es um Indonesiens Führungsrolle innerhalb der ASEAN, gegenüber der muslimischen Welt und weiteren Partnern wie der EU, Australien und unmittelbaren Nachbarn wie Malaysia. Zwar verfolge das Land keine islamische Außenpolitik. Enge Bindungen zu islamischen Regierungen und Geldgebern wie SaudiArabien würden aber konservatives islamisches Gedankengut im Land verstärken. Die EU spielt für Indonesiens Außenpolitik offenbar eine sekundäre Rolle – unter anderem wegen der Entfernung, dem schwierigen kolonialen Erbe, aber auch aufgrund von Konflikten um Menschenrechtsverletzungen und indonesisches Palmöl.

Purdey, Missbach und McRae bieten einen differenzierten Einblick in Indonesiens Politik- und Gesellschaftssystem. Die Folgen der Kolonialzeit werden ebenso deutlich wie das Vermächtnis der langjährigen Machthaber Sukarno und Suharto, die ethnische und religiöse Vielfalt des Inselarchipels sowie daraus resultierendes Konfliktpotenzial. Für westliche Leser besonders erkenntnisreich dürfte sein, wie sich sämtliche Regierungen seit der Unabhängigkeit gegenüber den Weltmächten positionieren, wie sich die zunehmende Islamisierung des bevölkerungsreichen Landes erklärt und inwiefern sich die 1998 begonnene Liberalisierung und Demokratisierung derzeit eher auf dem Rückzug befindet. Das Buch beruht auf erstklassiger, vornehmlich politikwissenschaftlicher Literatur. Ein Glossar erleichtert die Lektüre ebenso wie Kapiteleinleitungen und -schlussfolgerungen. Allerdings könnten Laien die Ausführungen streckenweise zu ausführlich finden. So befassen sich allein sechs Seiten mit sozialen Medien und dem Internet. Weitere zehn Seiten widmen sich dem Bildungssystem. Daneben hätten Abbildungen auflockernd gewirkt. Einige Passagen erscheinen zudem veraltet – etwa die Ausführungen zum Trans-Pacific Partnership TPP – sie erfassen den Stand 2015. Besonders schade ist, dass die ökonomische Entwicklung dieser bedeutenden asiatischen Volkswirtschaft weitgehend außen vor bleibt. Sie ist in jüngerer Zeit vor allem durch eine boomende, aber auch problematische Palmölindustrie gekennzeichnet.

Das zweite Buch erläutert u.a. genau die Entwicklung dieser weltweit wichtigen Palmölindustrie und ordnet sie gesellschaftspolitisch ein. Dr. Alina Brad forscht am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien zu internationaler Umwelt- und Ressourcenpolitik und sozial-ökologischer Transformation. Ihr Buch beruht auf einer aktualisierten politikwissenschaftlichen Dissertation von 2016. Die Einleitung erklärt, worum es geht: Indonesiens Anbauflächen für Palmöl wachsen seit Jahrzehnten rasant. Die ökologischen und gesundheitlichen Folgen der damit verbundenen Entwaldung und Brandrodung sind verheerend. Der Raubbau der natürlichen Ressourcen reicht weit in die indonesische Kolonialgeschichte zurück. Er lässt sich mit politikwissenschaftlichen Konzepten analysieren. Kapitel 2 fundiert diesen Theorierahmen vor allem anhand der Politischen Ökologie, des Ansatzes der Gesellschaftlichen Naturverhältnisse und der sogenannten Scale-Debatte. Das Kapitel eignet sich für Leser mit speziell politikwissenschaftlichem Interesse – typische Themen sind z.B. die „Neoliberalisierung der Natur“ und die „postfordistischen Naturverhältnisse“ (S. 41 f.).

Wem vornehmlich an indonesischer Landeskunde und der dortigen Palmölindustrie gelegen ist, sollte direkt zu Kapitel 3 und 4 übergehen. Denn das dritte Kapitel erläutert die politökonomische Entwicklung Indonesiens von der Kolonialzeit bis heute: Wer waren die jeweils zentralen Akteure, was waren die Triebkräfte, worum ging es in den Kämpfen? Im Mittelpunkt steht dabei zwar die territoriale Kontrolle. Die Leser erfahren aber auch viel über die allgemeine politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Zunächst geht es um Herrschafts- und Eigentumsverhältnisse im kolonialen Indonesien. Für die Gelenkte Demokratie des sozialistischen Präsidenten Sukarno belegt die Autorin eine „postkoloniale Kontinuität der Landkontrolle“ (S. 67): Erstens sei freie Marktwirtschaft den herrschenden Eliten suspekt gewesen. Zweitens habe das Militär die Kontrolle über große Teile der Plantagenwirtschaft erhalten. Ausführlich schildert Brad den Übergang von Sukarno zu Suharto: 1965 brachte das Militär Präsident Sukarno zu Fall. Es folgten blutige Auseinandersetzungen mit geschätzt einer halben Million Opfern. Die politische Linke, unter Sukarnos Gelenkter Demokratie noch einflussreich, wurde verfolgt und letztlich ausgeschaltet. Das Militär unterstützte den General und späteren Präsidenten Suharto und seine autoritäre Neue Ordnung. Diese Herrschaft dauerte von 1965 bis 1997. Ihr zufolge bildete der Staat eine harmonische Einheit mit der Gesellschaft – soziale Interessengegensätze schienen durch die nationale Ideologie der Pancasila aufgehoben. Diese staatliche Doktrin hatte schon 1945 die Verfassungs-Präambel niedergelegt. Ihre fünf Säulen umfassen im Kern den Glauben an Gott, Menschlichkeit, Indonesiens Einheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Die Neue Ordnung beruhte auf einer zentralistischen Führung. Brad sieht in dieser „Zentralisierung die Voraussetzung für die Durchsetzung eines am Weltmarkt orientierten extraktivistischen Entwicklungsmodells“ (S. 17). Im Zuge der Asienkrise, die sich in Indonesien wirtschaftlich verheerend auswirkte, begann 1997 die Reformasi-Periode: Suharto musste zurücktreten, Indonesien demokratisierte und dezentralisierte sein System – nicht zuletzt auf Druck internationaler Kapitalgeber wie der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds. Der politische und wirtschaftliche Umbruch veränderte auch die weitere Entwicklung der Palmölindustrie maßgeblich. Kapitel 4 beleuchtet, wie sich speziell diese Palmölindustrie historisch entwickelte, was ihre Triebkräfte und wer genau ihre staatlichen und privaten Akteure sind. Es reicht von der ersten Ölpalme, die 1848 als Zierpflanze aus Nigeria kam, über den Plantagenausbau mit Weltbankgeldern in den 1970er Jahren, weitere staatliche Fördermaßnahmen der 1980er Jahre bis zur Liberalisierung und Privatisierung ab den 1990er Jahren. Klar wird, dass der eigentliche Boom angebotsseitig erst nach Zerfall des Suharto-Regimes begann und von einer stark wachsenden Weltnachfrage zusätzlich befeuert wurde. Die Autorin problematisiert zahlreiche Nebenwirkungen dieses Aufschwungs, etwa das staatliche Umsiedlungsprogramm Transmigrasi. Kapitel 5 behandelt die jüngere ökologische, regulatorische und strategische Entwicklung der Palmölindustrie: Wer kontrolliert heute die Landwirtschaft? Was folgt ökologisch und sozial daraus? Daneben beurteilt es detailliert die staatliche Agrartreibstoffstrategie und Zertifizierungssysteme für nachhaltiges Palmöl. Beides kommt schlecht weg.

Kapitel 6 fasst erstens zusammen: Das „ressourcenextraktivistische Entwicklungsmodell“ der indonesischen Palmölindustrie sei die „Kehrseite der ‚imperialen Lebensweise‘ im Globalen Norden und in Teilen der Schwellenländer“. Möglich geworden sei dieses System durch die „postkoloniale Kontinuität des unter niederländischer Kolonialherrschaft eingeführten Staatslandprinzips“ (S. 167). Es sei trotz Demokratisierung, damit einhergehender Entmachtung des Militärs und Dezentralisierung nicht überwunden, vielmehr noch intensiviert worden. Zweitens zeigt dieses Schlusskapitel die Grenzen verschiedener Reformoptionen auf, etwa einer verlässlichen Zertifizierung nachhaltigen Palmöls: Das Hauptproblem läge in der Gesamtexpansion der Plantageflächen, die durch vermeintlich grüne Entwicklungsstrategien wie dem Trend zu Agrartreibstoffen noch gefördert werde. Lösungen könnten nur darin liegen, indonesisches Palmöl durch andere pflanzliche Öle aus regionaler Produktion zu ersetzen. Dies sei „die Voraussetzung für neue, solidarische Formen der internationalen Arbeitsteilung jenseits der imperialen Produktions- und Lebensweise.“ (S. 176)

Das Buch eignet sich nicht nur für Palmöl-Spezialisten. Auch Leser, die sich eher am Rande für diese Industrie interessieren, erhalten wertvolle landeskundliche Einsichten: Zum Beispiel über Sukarnos Gelenkte Demokratie und die anschließende Neue Ordnung seines Nachfolgers Suharto, die einzelnen Phasen der polit-ökonomischen Entwicklung oder der Pancasila. Dieses nationale Dogma überdauerte sogar den Übergang von Sukarno zu Suharto. Wer Brads Werk nur in Auszügen lesen will, findet zu Beginn der meisten Kapitel einen Themenüberblick. Hilfreich ist auch das Abkürzungsverzeichnis am Ende. Allerdings hätten einfache Formulierungen die interessanten Inhalte besser vermittelt als Sätze wie dieser: „Gegenstand des vorangegangenen Kapitels waren die sozialen und symbolischdiskursiven Produktionsprozesse von Natur als physisch-materielle Bedingung von Gesellschaft und die Konzeptualisierung des Staates als soziales Verhältnis sowie als zentrale Vermittlungsinstanz im Verhältnis zwischen Natur und Gesellschaft“ (S. 48). Auch viele Wiederholungen könnte man einsparen; etwa den fünffachen Hinweis allein in Kapitel 4, dass sich Palmöl in Kosmetikprodukten befindet. (bk)

Prof. Dr. Britta Kuhn lehrt seit 2002 VWL mit Schwerpunkt International Economics an der Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain.

britta.kuhn@hs-rm.de

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