Landeskunde

Indonesien

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 3/2017

Heinrich Seemann: Tagebuch einer Revolution. Indonesiens Weg zur Demokratie (1998–2000). Bonn: Dietz 2016. 280 Seiten. Broschur. ISBN 978-3-8012-0485-3. € 26,00

Wer im Alter von 65 Jahren seinen VW-Bus mit Ehefrau und fünf Kindern in sechs Tagen mehr als zweitausend Kilometer quer durch die indonesische Insel Sumatra steuert, ist sicherlich kein „Weichei“. Die 1930er – Seemann ist Jahrgang 1935 – waren einiges gewohnt; da ist sich der Verfasser, der deutsche Botschafter in Indonesien in den Jahren des Umsturzes 1998–2000, sicher, haben sie nach dem verlorenen Krieg die Karre doch schon einmal mit aus dem Dreck ziehen müssen.

Auch der zweiten Hauptfigur des Dramas kann man Mangel an Entschlossenheit, Durchsetzungsvermögen und Gottvertrauen nicht vorwerfen. Der damalige Minister, Vizepräsident und schließlich Präsident Indonesiens während der turbulenten Übergangszeit vom Diktator Suharto zur Republik, B.J. Habibie, war zwar Ingenieur und Technokrat, hatte aber als Buginese aus guter Familie eine ordentliche Portion Wagemut und Abenteuerlust im Blut. Beide – der deutsche Botschafter und der ins kalte Wasser geworfene Übergangspräsident – waren sich einig, dass der Übergang von der Diktatur zur Demokratie geregelt vor sich gehen müsse. Habibie, der in Deutschland studiert und dort eine führende Rolle in der Luftfahrtindustrie gespielt hatte (Airbus), erließ dazu innerhalb kurzer Zeit auf der Grundlage der bestehenden indonesischen Verfassung von 1945 eine Fülle von einschneidenden Dekreten, die die Grundlagen für die Zukunft des Landes legten. Seemanns Bericht über die teilweise chaotische Übergangszeit nach der Abdankung des diktatorial herrschenden indonesischen Präsidenten Suharto im Jahr 1998 entpuppt sich beim Lesen als spannendes, exemplarisches Lehrstück, als veritable study in transition: wie kann der Übergang einer muslimischen Gesellschaft in brodelnder Erregung zu einer rechtlich, sozial und politisch stabilen Demokratie erfolgreich vor sich gehen? Welche Rolle spielen Personen, Parteien, Gruppierungen und Medien, wie soll sich das Ausland (vor allem Deutschland und die EU) in dieser Situation verhalten? Nach der misslungenen Arabellion und dem Zusammenbruch jeglicher Ordnung im Nahen und Mittleren Osten lesen sich die tagebuchartig angeordneten Aufzeichnungen des Berufsdiplomaten Seemann wie Erinnerungen an eine vergangene, bessere Welt. Wie kommt es, dass Indonesien – mit seinen 220 Mio. Einwohnern immerhin das viertgrößte Land der Erde – in den Zeiten größter Erschütterung stabil blieb und heute nach Indien und den USA die drittgrößte Demokratie der Welt darstellt? Dies nachzulesen und den vom Autor hier und da eingestreuten Hinweisen auf die vielen deutschen Verbindungen zu dem ehemaligen Niederländisch-Indien und heutigen Indonesien nachzugehen, ist eine wahre Freude. Seemann ist zwar kein begnadeter Erzähler wie sein niederländischer Diplomatenkollege van Gulik, der die damals noch reichliche Muße in der Botschaft dazu nutzte, zum Missvergnügen seiner Vorgesetzten in der Altstadt von Jakarta „seine Kenntnisse zu erweitern“ (was auch immer das heißen mochte), die dann in seine RichterDi-Romane einflossen. Auch mit den anekdotengespickten, aber durchaus ernsthaften Memoiren eines Daniele Varé („Der lachende Diplomat“) lassen sich die sachlichen, doch stets unterhaltsam zu lesenden Aufzeichnungen Seemanns nicht vergleichen. Widersprechen möchte man dagegen dem Verdikt eines Standardwerks über Diplomatie (Zechlin, Diplomatie und Diplomaten): „am schlimmsten sind memoirenschreibende Diplomaten a.D.“ – diese Aufzeichnungen kommen genau zum richtigen Zeitpunkt, sie sind nötig und heilsam. Ihre Lehre lautet: Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaat, soziale Marktwirtschaft oder Verfassungstreue fallen nicht vom Himmel – wenn Personen, Organisationen oder religiöse und soziale Gruppen in solchen Situationen versagen, drohen Anarchie, Putsch, Balkanisierung oder Destabilisierung einer ganzen Region.

Um den Übergangspräsidenten Habibie, der zu seiner Regierungszeit nie wirklich populär war, ist in Indonesien in den letzten Jahren ein gewisser Hype entstanden. Filme wie „Habibie & Ainun“ oder „Fredy Habibie“ greifen das Leben des tatkräftigen jungen Mannes und späteren Präsidenten auf, vielleicht in Kenntnis der Tatsache, dass der heute 82jährige, der nach dem Tod seiner Frau die meiste Zeit in seiner Wahlheimat Deutschland verbringt, nicht ewig weiterlebt und für die jüngere Geschichte des Landes eine gar nicht zu überschätzende Bedeutung hat. Da mischt sich ein wenig Wehmut in die Lektüre …

Buginesen waren schon immer fond of adventures, emigration, and capable of undertaking the most dangerous enterprises, wie es der englische Seemann Thomas Forrester 1792 formulierte. „Jetzt wird gekocht … jetzt ist die Zeit zu handeln“, so lautete sowohl das Motto des Botschafters Seemann wie des Präsidenten Habibie. Beide waren sich darin einig, dass „die Welt solche Kindsköpfe brauche, sonst gehe es nicht voran … wir beide … [sind] ein gutes Team.“ In dem ansonsten gut aufgemachten Band vermisst man leider Fotos, Abbildungen und Karten. Auch ein Glossar, Index oder Register wären hilfreich: wie sonst soll man die Fülle an Angaben, die im Tagebuch chronologisch dargeboten werden, verarbeiten oder nachschlagen? In englischsprachigen Publikationen dieser Art gehören solche Hilfsmittel zum Standard. Also, Dietz-Verlag, für die Neuauflage aufgepasst! (tk) ¢

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