Landeskunde

Indien

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2018

Bharat Karnad: Staggering Forward — Narendra Modi and India‘s Global Ambition. New Delhi, Penguin Random House, 2018, Hardback, 512 Pages, ISBN 13 9780670089697.

Im Frühjahr 2019 finden in Indien Parlamentswahlen statt, bei denen es um die Frage geht, ob der seit 2014 amtierende Premierminister Narendra Modi im Amt bestätigt wird. Rund sechs Monate vor dem Wahltermin hat Bharat Karnad ein Buch vorgelegt, das man als seine ‚Abrechnung‘ mit Modi bezeichnen kann.

Karnad ist ein in Indien nicht unumstrittener, aber angesehener strategischer Analyst, der ‚harten Realismus‘ in der Sicherheits- und Außenpolitik vertritt. Er ist der Überzeugung, dass Indien in der Weltpolitik des 21. Jahrhunderts eine Großmacht sein kann und sein soll.

Als Modi im Frühjahr 2014 Premier wurde, hatte Karnad, wie er selbst schreibt, große Hoffnungen, dass dies einen Neuanfang in der indischen Sicherheits- und Außenpolitik bedeuten würde. Aber seine Erwartungen seien bitter enttäuscht worden: der Abstand zu China sei nur größer geworden, die Abhängigkeit von den USA habe zugenommen, der Handlungsspielraum Indiens sei geschrumpft, außenpolitische Chancen seien vertan worden und auf großspurige Ankündigungen keine Taten gefolgt.

 

Karnad sieht in Modi ein ‚Alpha-Tier‘, der sich aus einfachen Verhältnissen kommend in der hindu-nationalistischen Kaderorganisation RSS, die hinter der seit 2014 in Delhi regierenden BJP-Partei steht, politisch hochgearbeitet habe. So sei er erfolgreicher Chief Minister des wirtschaftlich prosperierenden Bundesstaates Gujarat und schließlich indischer Ministerpräsident geworden. Modis politischer Ehrgeiz sei aber in seinem Narzissmus begründet, der ihn resistent gegen neue Ideen und kompetente Beratung mache. Der Autor diagnostiziert bei Modi eine verdeckte Unsicherheit, die er mit hektischem Aktionismus überspiele, wobei er aber wenig Entschluss- und Gestaltungskraft in der Außenpolitik zeige. Bei seinen unzähligen Auslandsreisen vertraue auf seine persönliche Wirkung auf ausländische Führungspersonen – berühmt-berüchtigt sind seine Umarmungen – ohne klares Verständnis eigener und fremder Interessenlagen. Zudem habe Modi eine subtile Unterwürfigkeitstendenz gegenüber scheinbar oder tatsächlich mächtigeren Akteuren, was vor allem in seinem Verhältnis zu den USA, aber auch gegenüber China deutlich werde. Umgekehrt sei seine Haltung gegenüber schwächeren Akteuren eher herablassend. Dies alles untergrabe das seit Nehru geltende Grundprinzip der indischen Außenpolitik: Strategische Autonomie.

Innenpolitisch lautet Karnads Vorwurf an Modi, dass seine hindu-nationalistische Grundprägung und anti-islamische Grundeinstellung die indische Traditionslinie der Pluralität und Toleranz in Hinblick auf Religion, Ethnie und Kultur – Einheit in Vielfalt – untergrabe.

Für Karnad ist China ganz klar der Hauptkonkurrent und die zentrale Bedrohung Indiens. Hier zeigt sich, dass man in Indien bis heute nicht den chinesischen Überraschungsangriff im Himalaya im Oktober 1962 – zeitgleich mit der Kuba-Krise – vergessen hat, bei dem die indische Armee eine demütigende Niederlage erlitt. China strebe die strategische Dominanz in Asien an und sei entschlossen, den Aufstieg Indiens zu einer Großmacht zu hintertreiben. Anstatt die eigenen Kräfte zu mobilisieren – militärisch, technologisch und diplomatisch – versuche Modi, durch eine de-facto Allianz mit den USA dem chinesischen Hegemoniestreben Paroli zu bieten. Da aber das Verhältnis China-USA durch gegenseitige wirtschaftliche und finanzielle Abhängigkeit und auch eine militär-strategische Pattsituation gekennzeichnet sei, könne Washington kein verlässlicher sicherheitspolitischer Partner für Indien sein. Die USA wollten Indien als Gegengewicht zu China benutzen, ohne dabei eigene Risiken gegenüber China einzugehen, aber zugleich Indien in ein Abhängigkeitsverhältnis von den USA treiben. Für Karnad wäre der außenpolitische Befreiungsschlag für Indien die Normalisierung des Verhältnisses zu Pakistan, das anders als China keine wirkliche Bedrohung für Indien darstelle. Indien sei um Größenordnungen mächtiger als Pakistan und könne deshalb großzügige politische und wirtschaftliche Angebote an Pakistan machen, die die dortige Führung kaum ausschlagen werde. Der Zugang zum riesigen indischen Markt sei für die angeschlagene pakistanische Wirtschaft eine einzigartige Chance. Indien müsse seine militärische Disposition gegenüber Pakistan so ändern, dass sie nicht mehr als die Hauptbedrohung der Sicherheit Pakistans wahrgenommen werde. Auch im Kaschmir-Konflikt sei eine für beide Seiten akzeptable Lösung machbar. Damit entziehe man China den zentralen strategischen Hebel gegen Indien. Umgekehrt befürwortet der Autor eine engere sicherheitspolitische Kooperation Indiens mit Japan, Australien, Vietnam, Indonesien und den anderen ASEAN-Staaten, die alle eine zunehmende Hegemonialstellung Chinas in Asian fürchten. Auch den Beziehungen Indiens zu Russland gibt er einen hohen Stellenwert, denn er sieht im russisch-chinesischen Verhältnis unterschwellige Spannungen, die eine gemeinsame Interessenlage begründen.

Neben der illusionären Erwartungshaltung gegenüber den USA sieht er die Hauptbedrohung der strategischen Autonomie Indiens in seiner Abhängigkeit von Rüstungsimporten. Indien besitze die Fähigkeit, alle notwendigen Waffensysteme selbst zu produzieren oder sie in Joint Ventures mit Technologietransfer zu entwickeln. Auf diesem Feld müsse Indien so vorgehen wie dies China in den vergangenen Jahrzehnten getan habe. Sehr ausführlich und geradezu leidenschaftlich argumentiert er gegen den Einkauf kompletter Waffensysteme aus den USA oder Europa ohne Technologietransfer. Demgegenüber sei Russland stets zum militärischen Technologietransfer bereit gewesen. In diesem Zusammenhang verweist er auf die jüngsten amerikanischen Sanktionsdrohungen gegen Indien, weil Delhi sich für das russische Flugabwehrsystem S-400 entschieden habe.

Karnads ebenso nüchtern-realistische wie originelle Argumentation wird leider dadurch sehr erschwert, dass er eine Überfülle militärischer und militärtechnischer Einzelfakten ausbreitet, die den Leser, selbst wenn er über gewisse Vorkenntnisse verfügt, schlicht überfordern. Hinzu kommt, dass er diesbezügliche Beispiele und Detailerläuterungen – oftmals mehrfach – wiederholt. Hier hätte ein qualifiziertes Lektorat dem Buch sehr gutgetan, um die exzellenten strategischen Analysen und die originellen politischen Handlungsvorschläge klarer hervorzuheben und besser verständlich zu machen. Ebenfalls irritierend für den Leser ist der inflationäre Gebrauch von Akronymen aus dem strategischen und militärischen Bereich. Auf Seite 294 beispielsweise finden wir die Akronyme NLCA, NLCA-Mk2, LCA, RFP und IAF und Ähnliches finden wir auf vielen anderen Seiten des Buches. Aber noch ärgerlicher ist, dass ein Glossarium für die unzähligen Akronyme fehlt. Dennoch ist hervorzuheben, dass Karnad gründlich recherchiert und seine Analysen durch Quellenverweise gewissenhaft unterlegt hat.

Bharat Karnad ist ein kontroverser strategischer Denker, aber er wird respektiert, weil er intellektuell integer und (partei-) politisch unabhängig ist. Ein Indiz hierfür ist die anerkennende Rezension seines Buches durch den ehemaligen indischen Nationalen Sicherheitsberater Shivshankar Menon – dies obgleich Karnad in seinem Buch Menon mehrfach und scharf attackiert. Gäbe es Karnad nicht, müsste man ihn erfinden, schreibt Menon.

Wer verstehen will, wie sich der Aufstieg Indiens zu einer Großmacht in der Weltpolitik des 21. Jahrhunderts vollzieht, ist mit diesem Buch gut bedient, aber Durchhaltekraft bei der Lektüre ist erforderlich. Eine – deutlich gestraffte – deutsche Übersetzung des Buches wäre zu wünschen. (ml)

Dr. Michael Liebig (ml) ist Politikwissenschaftler und Lehrbeauftragter am Südasien-Institut der Universität Heidelberg.

m.liebig@uni-heidelberg.de

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