Literatur

Suche nach Wahrheit

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 2/2022

Ré Soupault, Geistige Brücken. Radio-Essays. Hrsg. von Manfred Metzner. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2022. 280 S., geb., ISBN 978-3-88423-642-0. € 24,00.

Ré Soupault (1901–1996) war Bauhaus-Schülerin, Avantgarde-Filmerin, Modemacherin, Fotografin, Übersetzerin, Schriftstellerin. 1948 kehrte sie aus den USA nach Europa zurück und lebte bis 1958 in Basel. Dort begann sie neben ihrer Arbeit als Übersetzerin mit dem Schreiben von Radio-Essays, die in schweizerischen und deutschen Rundfunkanstalten bis in die 1980er-Jahre gesendet wurden. Sie beschäftigte sich mit historischen und aktuellen Themen: westliche und östliche Philosophien, die Emanzipation der Frau, Freiheitsideen, Portraits von Schriftstellern aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die Folgen des Ersten Weltkriegs. Der vorliegende Band stellt zum ersten Mal eine Auswahl ihrer Essays vor. Sie zeichnen sich durch fundierte Recherchen und einen klaren Stil aus, der sie zu einem Leseerlebnis werden lässt. Besonders beeindruckend sind ihre Erinnerungen an Karl Jaspers. Wir danken dem Herausgeber und Verleger Manfred Metzner für die Genehmigung, dieses am 23. Februar 1958 im Südwestfunk gesendete Essay im fachbuchjournal zu veröffentlichen. (ab)

Ré Soupault: Erinnerungen an Karl Jaspers

Für das Wintersemester 1951 hatte Karl Jaspers angekündigt: Weltgeschichte der Philosophie. Ich lebte damals in Basel als Übersetzerin. Jaspers kannte ich nur vom Hörensagen, aber mein Interesse für diesen Philosophen war, nach allem, was ich von ihm hörte, ständig gewachsen, so dass ich die Gelegenheit benutzte, um ihn endlich einmal zu hören. Auch erhoffte ich von einem solchen Thema – Weltgeschichte der Philosophie – Aufschlüsse über die geistige Entwicklung der Menschheit, von der ich kaum etwas wusste.

Was ich dann schon bei der ersten Vorlesung hörte, warf alle meine Erwartungen über den Haufen: Es war wie eine Erleuchtung. Der Ernst dieses Philosophen, die Würde seiner Erscheinung, die Einfachheit der Sprache, die faszinierende Aussage von Gedanken, deren Evidenz mich in Erstaunen versetzte: Wie kommt es, sagte ich mir, dass ich nie daran gedacht habe, in welche Sackgasse die allgemein gültige Lehr- und Denkweise führt; alles wird festgenagelt, aufgespiesst wie Schmetterlinge, obwohl sie durch das Aufgespiesstwerden ihr Leben einbüssen. Also totes Wissen. Und jetzt, während ich Jaspers zuhörte, wurde mir der Unterschied klar zwischen den traditionellen Lehrmethoden, die Kenntnisse vermitteln, als wären sie die absolute Wahrheit und diesem »Suchen nach Wahrheit«, das eine Art von Entdeckungsreise ist. Er sprach von der »Unfertigkeit der Geschichte«, von dem »Feld unserer Orientierung« und dass wir vor allem fragen müssen, was Menschen ernsthaft gedacht und gelebt haben. Die Weltgeschichte der Philosophie nach Zeitaltern, also chronologisch zu ordnen, ist nur eine Methode. Sie hat die »Tendenz, zu nivellieren«. Unser Blick muss sich richten auf die »einzelnen grossen Philosophen«. Der Gedanke kehrt immer wieder bei Jaspers, dass sich in einzelnen grossen Menschen die geistige Situation einer Zeit, eines Volkes kristallisiert. Jaspers klärte gleich in einer der ersten Vorlesungen zu seinem Thema den grundsätzlichen Unterschied zwischen der Geschichte der Philosophie und der Geschichte der Wissenschaften. Plato spricht gewisse Gedanken über Wissenschaft aus, die heute überholt sind, aber in geistiger Beziehung sind wir nicht weiter als Plato oder als Laotse oder als Kant. »Es gibt keine Philosophie ohne Wissenschaften«, sagte Jaspers, aber »die Philosophie löst sich von den Wissenschaften … und umgekehrt.« Seit Jaspers diesen Gedanken formulierte, sind 28 Jahre vergangen (wahrscheinlich hatte er ihn schon viel früher ausgesprochen), und die Wissenschaft ist ins Gigantische gewachsen. Menschen waren seitdem auf dem Mond und die Atombombe ist im Vergleich zur Neutronenbombe beinahe harmlos. Aber wo ist der Philosoph, der heute fähig wäre, die geistige Situation unserer Zeit zu definieren oder es wenigstens zu versuchen? »Die Mittel der Philosophie sind Sprache, Mythus, Religion, Dichtung, Kunst« … aber wie ist es heute mit diesen Mitteln bestellt? Ich hörte von einem berühmten deutschen Philosophen – er lebt zwar nicht mehr, aber ich möchte seinen Namen nicht nennen –, der in einem bekannten französischen Kulturzentrum zu einigen Vorträgen eingeladen war. Sein Dolmetscher – ein früherer Schüler dieses Philosophen –, fragte nach den Texten, um sich vorzubereiten und erhielt die Antwort: »Überflüssig, sie einzusehen. Sagen Sie ganz gleich was, die Leute verstehen es sowieso nicht.« Dies wurde mir von dem Dolmetscher persönlich berichtet. Es war also kein Klatsch. Umso grösser war mein Erschrecken. Jaspers dagegen sagte: »Was den Menschen angeht, muss auch allgemein verständlich gemacht werden können.« Im Laufe dieses Wintersemesters 1951–52 wurde mir klar, dass Jaspers einer der Grossen seiner Zeit sei, dass sein Denken in Bewegung setzte, dass der geistige Horizont sich ins Endlose erweiterte, dass der Umgang mit den Gedanken dieses Philosophen verwandelnd wirkte, dass er zu schöpferischen Tun anregte. Und ich vertiefte mich in die Grundgedanken seiner Existenzphilosophie, versuchte zu verstehen, was er »Existenzerhellung« nennt, die »Grenzsituationen«, das »Scheitern«, die »Kommunikation«, dieser »Prozess des sich Offenbarwerdens, jener einzigartige Kampf, der als solcher zugleich Liebe ist; liebender Kampf, der sich nicht in harmonischen Weltanschauungen, welches Kommunikation überhaupt unmöglich macht, beruhigt, sondern in Frage stellt und schwer macht, und bei unvergleichlicher Solidarität der so sich Berührenden, von forschendem Anspruch ist …« Aber »Kommunikation kann sich auch im Schweigen erfüllen …« Solange ich mich in Basel aufhielt – bis 1957 – nahm ich an Jaspers Vorlesungen und auch an einigen seiner Seminare teil, darunter »Nietzsches Zarathustra« und »Philosophie und Politik«. Zu diesem letzteren Seminar schlug ich Jaspers ein Referat über Gandhi vor, den er wenig kannte und dem er mit einem gewissen Misstrauen begegnete. Eines Tages brachte ich Jaspers meine Übersetzung des Tagebuchs der Kriegsjahre von Romain Rolland, zwei Bücher von je 1.000 Seiten, die unter dem Titel Zwischen den Völkern in der Schweiz und in Deutschland erschienen waren. Manch ein Gedanke Romain Rollands interessierte Karl Jaspers sowie seine Frau Gertrud , die in ihrer mütterlichen Menschlichkeit unvergesslich für mich ist. Mir scheint, dass die Begegnung mit Karl Jaspers mich aus einer Sackgasse geführt hat. Im Umgang mit dem Denken des Philosophen wurde ich weniger von Zweifeln gequält, spürte einen festeren Boden unter den Füssen, konnte schwierigen Situationen mit grösserer Hellsicht entgegentreten. Auch versuchte ich, Jaspers Gedanken über »Transzendenz« zu begreifen, alles, was 1) die Grenzen der Erfahrung überschreitet,
2) was ausserhalb der Grenzen der natürlichen, uns mittels der Sinne erkennbaren Welt liegt, 3) was über den Bereich des menschlichen Bewusstseins hinausgeht.

Dies war etwa die Formulierung, die ich bei einer seiner Vorlesungen notierte. Im philosophischen Wörterbuch finde ich es so ausgedrückt:

1) das Transzendieren vom Denkbaren zum Undenkbaren. 2) die dadurch herbeigeführte Erhellung der existenzialen Bezüge zur Transzendenz.
3) das Lesen der Chiffreschrift der Transzendenz, das den höchsten Grad der Existenzerhellung ermöglicht.

Das von Jaspers hinterlassene Werk ist unermesslich, jedoch genügt schon die Lektüre eines seiner kleineren Werke, zum Beispiel seiner Einführung in die Philosophie oder Der philosophische Glaube, um mit dem Denken des Philosophen in nahe Berührung zu kommen und die ungeheure Weite dieses grossen Geistes zu spüren.

1 Anm. d. Herausgebers: Ré Soupault hat alle Vorlesungen, die sie bei Karl Jaspers von 1951–1957 besuchte, mitgeschrieben. Ihre Aufzeichnungen sind im Nachlass erhalten.
2 Rechtschreibung wie im Original.

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