Editorial

Stein gewordener Gesang

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 3/2018

Diese Ausgabe des fachbuchjournals liegt auch in der Tagungsmappe des Deutschen Anwaltstags, der dieses Jahr vom 6. bis 8. Juni in Mannheim – unter dem interessanten Motto „Fehlerkultur in der Rechtspflege“ – stattfindet. Der Deutsche Anwaltstag führt jährlich Anwaltschaft, Justiz, Politik, Wissenschaft und Presse zu einem rechts- und berufspolitischen Austausch zusammen und ist darüber hinaus eine der größten anwaltlichen Fortbildungsveranstaltungen. Deshalb präsentieren wir in dieser Ausgabe einen juristischen Schwerpunkt und stellen eine Vielfalt an Neuerscheinungen aus unterschiedlichen Rechtsgebieten, besonders aus dem Arbeitsrecht, vor.

Im Fokus dieser Ausgabe aber steht ein Bericht über die Restaurierungsarbeiten auf der Athener Akropolis. Ich habe dieses Thema auch deshalb an den Anfang gestellt, weil ich in den letzten Jahren in der deutschen Öffentlichkeit eine Berichterstattung über bedeutende Leistungen in Griechenland – nicht ausschließlich bezogen auf die Akropolis, aber eben auch von dort – vermisst habe.

Die Akropolis ist im 5. Jahrhundert v. Chr. errichtet worden, zur Zeit einer Hochblüte der griechischen Kultur und der Entstehung der griechischen Demokratie. In ihrer zweieinhalbtausendjährigen Geschichte erlitten die Bauten immer wieder Zerstörungen. Und heute kommt noch die Bedrohung durch die Luftverschmutzung hinzu. Dennoch wurde und wird immer wieder versucht, das gesamte Ensemble wiederherzustellen. „Nach dem Abschütteln der Militärdiktatur in Griechenland, die von 1967 bis 1974 bestanden hatte, setzte ein neuer und bis heute anhaltender Schwung ein, die Akropolis endlich fachgerecht und dauerhaft zu restaurieren“, berichtet unser Autor Professor Dr. Wolfgang Schuller, der sich intensiv mit der Literatur beschäftigt hat und seit vielen Jahren mit den Verantwortlichen vor Ort eng verbunden ist.

In der Gegenwart werden die Arbeiten – auch wegen der negativen Erfahrungen mit früheren Restaurierungen – von einer umfangreichen Publikationstätigkeit begleitet. So wurden früher u.a. Steine anderer Herkunft und Zement verwendet oder die Steine wurden durch später dann rostende Eisenklammern zusammengefügt und trugen damit zusätzlich zur Beschädigung und Zerstörung des Erhaltenen bei. Ein Großteil der minutiösen Rechenschaftsberichte über Einzelfragen des Bauens sind heute zwar in griechischer Sprache abgefasst, „der Hauptgrund dafür dürfte der sein, dass die Restaurierung fast ganz in griechischer Hand liegt und von höchster Fachqualität ist, zudem mag auch ein verständliches Nationalgefühl mitspielen“. Unser Autor ist aber überzeugt, dass dies kein wirkliches Hindernis ist, sich mit dem spannenden Thema zu beschäftigen, denn „es sind nicht nur die englischen Zusammenfassungen, sondern es ist die überaus große Fülle von Fotos, Tabellen, Zeichnungen und Diagrammen, die für sich sprechen und die alle Gedankengänge und Stadien des Argumentierens auch für Leser deutlich machen, die kein Griechisch können“. Und er zieht diesen schönen Schluss aus seinen kundigen Betrachtungen: „Wenn man heute die Arbeiten betrachtet, durch die Griechenland mit Unterstützung Europas und der Welt die Zerstörungen mit Augenmaß, Respekt vor der Geschichte und ausgefeiltem technischen Können wieder zu heilen im Begriffe ist, dann wird man das mit Horaz als einen Stein gewordenen Gesang nennen dürfen, mit dem diese Stadt durch die Griechen selbst wieder so eindrucksvoll gefeiert wird, wie es schon lange nicht mehr hatte geschehen können.“

Wenig erfreulich ist das Szenario, das dagegen Dr. Nora Pester, die Verlegerin des Berliner Hentrich & Hentrich Verlags, in unserem Fragebogen auf unserer Letzten Seite entwirft. Auf die Frage, wie sich die Verlagslandschaft in den nächsten zehn Jahren verändern werde, sagt sie: „Egal ob Konzern oder Independent, ob gedrucktes oder elektronisches Buch – wenn die Kulturkompetenz des Lesens und Verstehens längerer zusammenhängender Texte und die Zeit des Einzelnen dafür weiter schwinden, dann werden auch die Verlage verschwinden.“

Auch deshalb gebe ich Ihnen hier noch ungefragt diesen Rat: Nehmen Sie sich doch einfach gegen alle objektiven oder vermeintlichen Widerstände die Zeit und die Ruhe zum Lesen. Warum denn eigentlich nicht?

Angelika Beyreuther

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