Biografien

Experimente mit der Wahrheit

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 2/2020
Alle Voraussetzungen, die für ein Experiment gelten, wandte Gandhi auch auf seinen Lebensbericht an: rückhaltlose Offenheit, Transparenz und Nachvollziehbarkeit.

Gandhi, Mohandas K.: Mein Leben oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit.

Hrsg., erläutert und mit einem Nachwort versehen von Ilija Trojanow. Aus dem Englischen von Susann Urban. München: C.H. Beck 2019, 511 S. mit 1 Karte, Hardcover, ISBN 978-3-406-74173-9, € 26,00

Den Titel dieser wunderbaren Neuauflage sollte man am besten gleich zweimal hintereinander lesen. Warum? Der Nachsatz enthält einen wichtigen Hinweis, ohne den die Lektüre in vieler Hinsicht unverständlich bliebe. Es handelt sich bei dem Lebensbericht nämlich eigentlich um „Experimente mit der Wahrheit“. Dieser Original­titel, Expe­ ri­ments with truth, geht auf Gandhi selbst zurück, ja sollte zunächst sogar für sich alleine stehen, als markantes Zeichen dafür, was Gandhi unter „Mein Leben“ verstand – ein Selbstversuch mit offenem Ende. Experimente sind bekanntlich eine Methode, um Hypothesen durch Beobachtung zu überprüfen. Bekannt ist Darwins Ausspruch „Ich liebe verrückte Experimente – ich mache täglich welche“. Über diese eigenwillige Vorgehensweise war und ist man unter Fachwissenschaftlern nicht immer besonders glücklich, die Resultate können sich jedoch bei Darwin wie bei Gandhi durchaus sehen lassen: hier die Umwälzung unseres Verständnisses der lebenden Natur, dort die Schaffung einer unabhängigen indischen Nation aus den mehr als 600 Staaten des Subkontinents. Als die deutsche Journalistin Marion Gräfin Dönhoff 1954 den indischen Premierminister Nehru fragte, was denn das Land zu einer Einheit zusammengeschweißt habe, gab dieser denn auch zur Antwort: „Drei Dinge – der Hinduis­ mus, die englische Administration und die Gandhi-Bewegung.“

Worin lag das Erfolgsrezept des „halbnackten Fakirs“, wie Churchill seinen politischen Gegner einmal verspottete? Wer die vorliegende Lebensbeschreibung zur Hand nimmt, wird bald fasziniert sein von der einfachen, verständlichen Sprache, die den Leser mit einbezieht, Spannungsbögen aufbaut und in übersichtlichen Kapiteln beschreibt, wie der schüchterne Bub aus dem westindischen Küstenstaat Porbandar die alterstypischen Stadien von Lerneifer, Faulheit und Rebellion durchlebt und nach und nach seinen „Weg in die Welt“ findet. Gandhi, der sich seit 1893 fast nur in Südafrika aufgehalten hatte und Indien nur in groben Umrissen kannte, war seit der Rückkehr in sein Heimatland im Jahr 1915 kometengleich aufgestiegen. Er, der in Südafrika bereits eine schlagkräftige Bürgerrechtsbewegung mit großer

Außenwirkung aufgebaut hatte, modelte bald nach seiner Rückkehr den Honoratiorenverein des Indian National Congress zu einer schlagkräftigen Massenbewegung um. Organisationstalent, Charisma und Durchsetzungskraft zählten zu den Eigenschaften, die den Mahatma, wie er nun genannt wurde, bei all seiner Spiritualität besonders auszeichneten. Hinzu kamen Schlagfertigkeit, Fortune, eine gute Portion gesunder Menschenverstand und eine Flexibilität, die man bei einem Mann seiner Prinzipien nicht ohne weiteres vermuten würde.

Ende der 1920er Jahre begann Gandhis Stern jedoch zu sinken; die indische Khilafat (Kalifat-)-Bewegung, die die Muslime auf seine Seite gebracht hatte, war 1924 mit der Abschaffung des Kalifats durch Atatürk zusammengebrochen, und es begannen harte, steinige Jahre – Gandhis Popularität schien in Frage zu stehen. In dieser Zeit verfasste Gandhi jene Artikelserie, die die junge Leserschaft in den eigenen Zeitschriften Navajivan (Gujarati) und Young India (Englisch) Woche für Woche in Fortsetzungen begierig verschlang. Es ist spannend zu lesen, wie Gandhi im Laufe des Berichts, den sein Sekretär Mahadev Desai nach seinem Diktat aufzeichnete, seiner Leserschaft und sich selbst über die Ursprünge, Wurzeln und Windungen seines Lebens Rechenschaft ablegt. Alle Voraussetzungen, die für ein Experiment gelten, wandte Gandhi auch auf seinen Lebensbericht an: rückhaltlose Offenheit, Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Viele Details seines offenherzigen Berichts, vor allem zu seinem Sexualleben oder seiner Ernährung, wirken auch heute noch provokant; auf die Jugend der 1920er Jahre muss der Schock noch größer gewesen sein. Doch der Versuch, „wahr zu sein“, zeugte nicht nur von großer Kühnheit, sondern auch von Charakter – und die Inder haben ihren Mahatma dafür geliebt. Auch die Briten, für die Charakterbildung einen hohen Stellwert besitzt, mussten ihrem friedlichen, aber hartnäckigen Widersacher bei aller inhaltlichen Gegnerschaft ihren Respekt zollen. Dem späteren deutschen Diplomaten und Widerstandskämpfer Adam Trott zu Solz (1909–1944) verdanken wir die Schilderung, wie Gandhi im Jahr 1931 auf die versammelte akademische Jugend von Oxford wirkte, als er sich während der Londoner Round TableKonferenz einer kritischen Diskussionsrunde stellte. Wurde anfangs der merkwürdige Kauz mit Dhoti, Schal und Nickelbrille, der im Zeitalter der anscheinend unaufhaltsam aufsteigenden Diktaturen Gewaltlosigkeit predigte, noch herablassend behandelt, so zog Gandhi durch seine offene, spontane Art und seine Argumente seine Zuhörerschaft bald so in seinen Bann, dass er die Runde schließlich geradezu zu dominieren schien.

In den kommenden beiden Jahrzehnten, die in der Lebensbeschreibung naturgemäß keine Erwähnung mehr finden, setzten dann für Gandhi „die Mühen der Ebene“ ein, die ihn mehr als einmal an seine Grenzen führten. 1948, im Jahr seines Todes, schien sich die Hypothese seines Lebens jedoch bewahrheitet zu haben, nach der das „Ergreifen der Wahrheit“ (satyagraha) durch Gewaltlosigkeit (ahimsa) dauerhaftere Resultate zeitigt als rohe Gewalt. Das Experiment war zu Ende.

Mit Ilja Trojanow hat der Verlag einen zugkräftigen Herausgeber gefunden, der sich in seinem Nachwort zum Teil auch kritisch mit dem Mahatma auseinandersetzt. Die Anmerkungen der zugrunde liegenden englischen Ausgabe von 2018, die erstmals auch den Gujarati-Text berücksichtigt, wurde nicht übernommen, so dass dem deutschen Leser ein kohärenter, fertiger Text präsentiert wird – eine Leseausgabe also. Der Band ist wertig aufgemacht, ein Glossar erläutert die Begrifflichkeiten, und ein Personenregister macht mit den aufgeführten Persönlichkeiten bekannt.

Schlussbemerkung: Gandhis Lebensbericht, sein „Experiment mit der Wahrheit“, gehört auch heute noch zu denjenigen Büchern, die man unbedingt gelesen haben sollte. (tk)

Dr. Thomas Kohl (tk) war bis 2016 im Universitäts- und Fach­ buchhandel tätig und bereist Südasien seit vielen Jahren regel­ mäßig.

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