Anthropologie

Die lange Geschichte der menschlichen Vielfalt

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2021

Telmo Pievani / Valéry Zeitoun: HOMO SAPIENS. Der große Atlas der Menschheit. Aus dem Französischen von Renate Heckendorf, 208 S., über 200 farb. Abb. und Kt., 26,8 x 36,8 cm, geb. mit SU, wbg Theiss, Darmstadt, 2020, ISBN 978-3-8062-4231-7, € 70.00.

«Licht wird fallen auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte», lautete Charles Darwins (1809–1882) Prophezeiung in The Origin of Species (1859), die eine bis heute anhaltende Spurensuche nach unseren stammesgeschichtlichen Vorfahren auslöste. Da die ersten Fossilien des «Urmenschen» im Neandertal und in Gibraltar gefunden worden waren, kam aufgrund eurozentrischer Vorurteile nur Europa als «Wiege der Menschheit» infrage, selbst dann noch, als seit1891 «Pithecanthropinen» (heute: Homo erectus) in SO-Asien entdeckt wurden. Mit dem 1924 in Taung (Südafrika) entdeckten und als Australopithecus africanus klassifizierten kindlichen Vormenschen-Schädel geriet Afrika in den Fokus. Als nach weiteren Australopithecinen-Fossilien 1964 in der Olduvai-Schlucht (Tansania, OAfrika) die ältesten Skelettreste der Gattung Homo in Assoziation mit Steinwerkzeugen ans Licht kamen, taufte man die Art Homo habilis (= geschickt, befähigt), und Afrika wurde zum Mekka der Fossilienjäger.

Es war der Wendepunkt der Paläoanthropologie, deren Image bis dahin das einer «weichen» Wissenschaft war. Ab den 1970ern legte sie sukzessive das Bild einer «narrativen Fossilkunde» ab und wandelte sich zu einer theoriegeleiteten, hypothetiko-deduktiv forschenden, hochgradig disziplinär vernetzten Forschungsdisziplin, die stets öffent-lichkeitsorientiert blieb. In zahllosen Sachbüchern wurde das «Puzzle Menschwerdung» beschrieben. Die aktuellen Funde und Befunde der Paläoanthropologie und Archäologie sind Dauerthemen in Nature und Science sowie in Hochglanzmagazinen und prächtigen Bildbänden – einen deutschsprachigen Atlas der Menschheit gab es bislang noch nicht.

Das vorliegende Kartenwerk ist die Übersetzung des seit 2012 mehrfach bei Geo4Map (Novara) publizierten und 2019 in der Edition Glénat (Grenoble) auf Französisch erschienenen Le Grand Atlas Homo Sapiens. Konzeptionell geht das „monumentale Werk“, wie der Nestor der französischen Paläoanthropologie, Yves Coppens, Emeritus am Collège de France (Paris), den Atlas nennt, auf die internationale Ausstellung Homo sapiens – Die lange Geschichte der menschlichen Vielfalt zurück. Die Exposition fand 2011-13 im Rom unter der Leitung des berühmten italienischen Populationsgenetikers Luigi Luca Cavalli-Sforza (1922-2018; Stanford-Univ., CA) statt. Kurator war der Evolutionsbiologe und Wissenschaftsphilosoph Telmo Pievani (Univ. Padua), der zusammen mit dem Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique (Paris), Valéry Zeitoun (♂, nicht ♀, wie die Bezeichnung als Spezialistin auf S. 7 behauptet), dieses bildgewaltige Werk schuf.

Der Atlas ist ein Fest für die Augen und weit mehr als ein unverbindlicher, schöner Zeitvertreib; sein Studium braucht – wie bei einem Museumsbesuch – Muße und Konzentration und das, was man heute mit dem sperrigen Begriff Bildungsaffinität bezeichnet und damit Bildungshunger und Wissensdrang meint. Suchen Sie sich für die Lektüre des gewichtigen, aufgeklappt 57 cm x 37 cm messenden Atlas einen bequemen Platz und begeben Sie sich auf eine faszinierende Bildungsreise, vertiefen Sie sich in die Geschichte der Menschheit und genießen Sie die thematischen Karten, die kartografischen Modelle, die ästhetischen Illustrationen und reflektieren Sie über die verständlich verfassten Texte und Legenden.

Die erste «Expeditionsroute» beginnt im Ostafrikanischen Grabenbruch, wo vor ca. 6 Mill. Jahren (MJ) die geoökologischen und klimatischen Bedingungen einen Lebensraum schufen, der bei einigen Populationen der Hominini, einer Tribus der Familie der Menschenaffen (Hominidae), eine dauerhafte Aufrichtung und Bipedie begünstigte, die weitreichende bio- und tradigenetische Folgen hatte (u.a. omnivore Ernährung, Gehirnentfaltung, Kognition, Kulturfähigkeit). Letzteres zeigt sich in Lomekwi (Turkana-See, Kenia), dem mit 3,3 MJ ältesten Fundort eines Steingerätes.

Die Wanderroute der Frühmenschen führt weiter nach Laetoli (Tansania, 3,75 MJ) zu den Fährten von Australopithecus afarensis und nach Südafrika, wo 2008 in Malapa Skelettreste von Australopithecus sediba gefunden wurden, einem Zeitgenossen von H. habilis (s.o.) und dem auf 1,9 MJ datierten Homo ergaster aus Nariokotome (Kenia), der bereits „hoch aufgeschossen, von leichtem Körperbau, vollständig biped, mit weiterentwickeltem Gehirnvolumen (600-800 cm³)“ (S. 28) recht menschlich war. Übersichtskarten zu Fundorten, Ökosystemen, Paläoklimata und Migrationsrouten sowie meisterhafte Fotos von Fossilien, Artefakten, Tierrekonstruktionen, Dermoplastiken und rezenten Menschen zahlreicher Ethnien machen zusammen mit Erläuterungen der geographischen und -klimatischen Umweltfaktoren begreifbar, was die Hominisation und die mehrfachen Auswanderungswellen aus Afrika nach Asien und Europa sowie letztlich nach Nord- und Südamerika verursachten.

Das zweite Kapitel behandelt die „Vielzahl menschlicher Arten in der Alten Welt“ (S. 55 f.), ausgehend von den ältesten Spuren des Homo sapiens in Afrika. In einer leicht zu übersehenden Notiz zum Impressum wird u.a. auf die noch nicht berücksichtigten Fossilien von Jebel Irhoud (Marokko) und Mugharet el-Zuttiyeh (Israel) hingewiesen, die mit 300.000 resp. 280.000 J. den Entstehungsprozess unserer Art und die erste Auswanderung heute deutlich weiter vorverlegen. Das wertet das Werk nicht ab, sondern belegt nur, dass wir nur modellieren: Paläoanthropologie ist, wie Wissenschaft allgemein, Work in Progress!».

Bei der Begegnung des Neandertalers als unserem „evolutionäre[n] Alter Ego“ (S. 64) befinden wir uns an der „Schwelle zum symbolischen Denken“ (S. 66) und sehen die „ersten Anzeichen für die künstlerische Feinfühligkeit des Menschen“ (S. 70). Die Gleichzeitigkeit der „drei Arten“ – Neandertaler-Mensch, anatomisch-moderner Mensch und Denisova-Mensch – wird durch paläogenetische Befunde und populationsgenetische Prozesse illustriert, z.B. Gründereffekte, Katastrophen und Flaschenhälse, während Karten zu Vulkanismus und Seismizität die erdgeschichtliche Dynamik veranschaulichen. Das dritte Kapitel führt zu den Fundstellen frühesten symbolischen Denkens in der Alten Welt. Es geht – wohl für viele überraschend – von ersten symbolischen Ritzungen in der Blombos-Höhle (Südafrika, 75.000 J.) zu den vor 36.000 J. entstandenen Höhlenmalereien in Chauvet und weiteren Glanzlichtern wie Lascaux, Cap Blanc, El Castillo und Altamira, die einen immer wieder in sprachloses Erstaunen versetzen. Die Kunstfertigkeit und das Aufblühen des Geistes zeigen sich ferner in der mobilen bildhauerischen Kunst und den rituellen Bestattungen, die Empathie, Jenseitsglauben und Transitivität belegen. Ferner geht es um die Migrationen von H. sapiens über das Sundaland in die Sahul-Region, die Australien, Neuguinea und Tasmanien umfasst, und die jahrtausendealte Menschheitsgeschichte der Australian Aborigines, die durch die Vielfalt ihrer eigentümlichen komplexen Kultur immer wieder aufs Neue verblüffen. Auf der Nordhalbkugel führt die Einwanderung in seriellen Schüben über die Bering-Brücke, die in Eiszeiten die Besiedelung Amerikas erlaubte und einen tiefgreifenden Ökosystemwandel und die Dezimierung der Megafauna auf dem Doppelkontinent verursachte.

Im vierten Kapitel befinden wir uns in der Neolithischen Revolution und bewegen uns in einer sich rapide verändernden Welt. Früheste Landwirtschaft entwickelte sich weltweit zeitversetzt in mehreren Zentren, wie z.B. dem Getreideanbau im Fruchtbaren Halbmond vor 10.500 J. sowie dem Kartoffelanbau in den Anden vor 5500 J. Die Domestikation von Rindern begann vor 6.000 J. im Ural. Eine Karte der Prozentverteilungen der Laktoseintoleranz in rezenten Bevölkerungen verdeutlicht die genetische Relevanz des weltweiten Milchkonsums. Mit der Sesshaftigkeit entstanden menschliche Gesellschaften mit sozialen Hierarchien. Es entwickelte sich Schrift über den Umweg der Geometrie, während Jäger- und Sammler-Gesellschaften marginalisiert wurden.

In aufwändigen Kartenwerken wird die Ausbreitung der Menschheit in fast alle Ecken der Erde gezeigt, bis neuzeitliche Forschungsreisende auch die letzten unberührten Regionen erschlossen.

Eine thematische Karte erklärt „[d]as Rätsel der menschlichen Hautfarbe“ und räumt mit der Fiktion auf, dass es «menschliche Rassen» gäbe (S. 168).

Das fünfte Kapitel setzt Luigi L. Cavalli-Sforzas fundamentale Forschung zum Thema Gene, Völker, Sprachen in genetische und sprachliche Stammbäume um, beleuchtet die Frage nach einer Welt-Ursprache und der Vielfalt von Genen und Phonemen, skizziert das Mosaik der Sprachfamilien und die Verbreitung indoeuropäischer Sprachen und geht am Beispiel Italien auf die ursprüngliche Sprachenvielfalt ein. Weitere Karten zeigen die am stärksten gefährdeten Ökoregionen und ethnolinguistischen Gruppen sowie den Zusammenhang zwischen der weltweiten Tier- und Pflanzen-Diversität und der Sprachenvielfalt und thematisieren die gemeinsame Bedrohung des Aussterbens. Fazit: Telmo Pievani und Valéry Zeitoun legen einen opulenten Atlas zur Evolutionsgeschichte der Hominini und ihrer zahlreichen Arten vor, speziell der heute alleinigen Spezies Homo sapiens, der mir als Paläoanthropologe höchsten Respekt abverlangt. Es wäre beckmesserisch, als Kollege auf vorhandene Aktualitätsdefizite dieses grandiosen Plädoyers für die evolutive Einheit der Menschheit hinzuweisen, zumal die Autoren sich dessen bewusst sind (s.o.). Schließlich gehört es zum Wesen jeder Wissenschaft, dass sie neue Wege eröffnet und sich selbst korrigieren kann. – Die Lektüre des detailreichen Atlas zum Ursprung und zur Entfaltung der Menschheit sollte sich keiner – weder Experte noch Laie, weder jung noch alt – entgehen lassen!

 

Yuval Noah Harari mit Daniel Casanave und David Vandermeulen: Sapiens – Der Aufstieg. 248 S., dur ­ chgehend farbig illustriert, Hardcover, C.H. Beck, München, 2. Aufl., 2021, ISBN 978-3-406-75893-5, € 25,00.

Vielen Wissenschaftlern gilt Erzählen in den Wissenschaften als suspekt und nicht wenige lehnen es sogar strikt ab, was aus evolutionsbiologischer Perspektive nicht zu begründen ist, denn die Fähigkeit zur Entwicklung von Symbolsprachen als Kommunikationsform gehört zur Conditio humana (vgl. besonders informationsreiche, kodierte https://www.balzengler.ch/erzaehlen-in-den-wissenschaften.html). Insbesondere Klatsch und Tratsch, das Storytelling, das dem Grooming (= Kraulen) nicht-menschlicher Primaten entspricht, ist sozialer Beziehungskitt, der uns Menschen zu höchstsozialen Wesen macht. Dazu sind wir als Primaten auch noch «Seh-Tiere», d.h. Bilder jeder Art eignen sich besonders zur Vermittlung von Inhalten. Daher überrascht es nicht, dass der Historiker Yuval Noah Harari (Hebrew-Univ., Jerusalem) seinen Megabestseller Eine kurze Geschichte der Menschheit auch als Graphic Novel rausbringt, um mit diesem Genre weitere Leser zu erreichen. Die Idee dazu geht auf die Comicautoren Daniel Casanave und David Vandermeulen zurück, die ein stattliches Œuvre aufweisen. Den Start einer vierteiligen Romanreihe macht Der Aufstieg, der vom Urknall bis zur Sesshaftwerdung handelt. Darin gibt Harari als schlaksiger Asket die intellektuelle Erzählfigur und die Sidekicks liefert seine vorwitzige Nichte Zoé.

Die Entwicklung der Welt, der Erde und des Lebens werden ratzfatz abgehandelt, da, wie der gefragte «Welterklärer» Harari weiß, Historiker normalerweise nicht über Naturwissenschaften „reden“, sondern über menschliche Kulturen. Da die Hominisation aber die direkte Fortsetzung von Physik, Chemie und Biologie ist, erscheinen Einstein, Marie Curie und Darwin als Püppchen-Galerie, womit der «grafische Tusch» auf die Leuchttürme der Naturwissenschaft seltsam schief in die Kindheit verrutscht.

Die Frage aller Fragen ist, wie „unwichtige Tiere, die ihre Umwelt nicht stärker beeinflussten als Paviane, Leuchtkäfer oder Quallen […], die ganze Welt erobern und verändern“ konnten, − weshalb Onkel Yuval erklärt, warum wir und nicht Nilpferde heute die Welt beherrschen. Los geht’s mit ‘nem Kartenspiel mit sechs Homo-Arten, die vor 70.000 J. alle noch lebten, von denen aber nur Homo sapiens (= der Weise) überlebte.

Über den Artbegriff informiert ein Seminar bei der übergewichtigen, leicht verpeilten Biologie-Professorin Arya Saraswati. Ihr Taxonomie-Kurs zur Klassifikation höherer Säugetiere verdeutlicht, was Familien, Gattungen und Arten sind und warum alle heutigen Menschen trotz großer körperlicher, ethnischer und sprachlicher Unterschiede nur einer einzigen Spezies angehören.

Flugs geht‘s zur Besten Show der Welt, in der Australopithecus- und Homo-Vertreter eine Challenge austragen. Gewinner ist, wer sich bei der Eroberung der Erde am besten an neue Lebensräume, deren Klima und Nahrungsressourcen anpasst. «Achtung! Spoiler-Alarm!» warnt Yuval, aber sie ahnen es sowieso. Warum Sapiens der Sieger ist, erklärt Professor Saraswati, deren Name im Hinduismus für die Göttin der Weisheit steht – aber googelt das jemand? Erfolgstrigger waren Aufrichtung und Bipedie, Gehirnentfaltung und Sozialkompetenz bei der Jungenaufzucht. Warum der auffällige Sexualdimorphismus bei H. sapiens und die soziobiologischen Hypothesen zur Vaterrolle unerwähnt bleiben, darüber kann nur spekuliert werden.

In einer Binnenepisode geht Prehistork Bill (alias FredFeuerstein) mit einem Kumpanen auf Nahrungssuche in die Savanne. Ihr Jagderfolg ist mühsam, da Löwen, Hyänen und Aasgeier die Beute streitig machen, währenddessen der Nachwuchs mit seiner Mutter, der üppigen Blondine Cindy, sein vegetarisches Essen längst gesammelt hat. Die evolutive Rolle von Karnivorie, ohne die der frühe Mensch aus energetischen Gründen die gemäßigten Zonen mit Jahreszeitenwechsel nicht hätte besiedeln können, wird marginalisiert. Spielt hier etwa Hararis Einstellung zum veganen Suppenglück eine Rolle?

Der Exkurs Dauerflamme zeigt, dass Feuer nicht nur unerwünschte Höhlenbesucher fernhielt und die Savanne zum Grillfest machte, sondern auch den Speiseplan und Stoffwechsel revolutionierte und damit das exzessive Gehirnwachstum erst ermöglichte.

Die Vermischungstheorie zwischen Neandertalern und H. sapiens wird spaßig illustriert. Ein auf einem Stein chillendes älteres Sapiens-Paar beobachtet, wie ihre Bekannte Diana, eine junge Sapiens-Frau, in Begleitung eines Mannes verliebt im Sonnenuntergang verschwindet, und lästert, „das ist voll der Neandertaler, aber sowas von!“. Daneben befindet sich die überholte Verdrängungstheorie mit dem Konterfei einer Quäkerin, die sich durch den Körpergeruch eines mit einer Mistgabel neben ihr stehenden Neandertalers sichtlich angeekelt fühlt (Gary Larsons Cartoons lassen grüßen).

Im Kapitel Meister der Fiktion erklärt der Brite Robin Dunbar, realiter Professor für evolutionäre Psychologie, die non-verbale und verbale Kommunikation bei Tieren und beim Menschen und erläutert seine „Dunbar-Zahl“, wonach max. 150 Bekannte sinnvoll miteinander kommunizieren können, während Superman Doctor Fiction zeigt, wie Mythen, „die nur in der kollektiven Fantasie der Menschen existieren“, die Massen erreichen.

Im Dialog mit dem Unternehmer Armand Peugeot (1849– 1915) wird an dessen Autokonzern die „spezielle Form von Rechtsfiktion“ exemplifiziert. Wenn die Marke Peugeot und die Katholische Kirche verglichen werden, die – „Hokuspokus“ – durch Rituale zu fiktiven Institutionen werden, dann frage ich mich, ob auch alle Young Adults und Älteren die Ausführungen über unsere einzigartigen Fähigkeiten kognitiver Kommunikation, unser Leben in einer „Doppelten Identität“ und einer „erfundenen Wirklichkeit“, wirklich begreifen oder vielleicht doch überfordert werden.

Weiter geht es um Sex, Lügen und Höhlenmalereien und das breite Spektrum von Sozialsystemen bei Menschenaffen und Menschen. Als multiple-seriell Monogame grüßt Liz Taylor aus dem Rollstuhl und der zölibatäre Papst Franziskus schaut auch ganz selbstzufrieden drein, während aufgeregte Zeitgenossen über die Natürlichkeit von Paarbeziehungen streiten. Die Forderung ist klar: Toleranz.

Ständig wechselt der Plot zwischen Steinzeit-Wildbeutern, rezenten Ethnien und unserer Wohlstandsgesellschaft. Es wird reflektiert, ob sich soziale Unterschiede durch Fossilien und Artefakte erschließen lassen, und gezeigt, wie Kulturfähigkeiten, also Werkzeuggebrauch, Sprache, Empathie, Religiosität, Kunst und früher Handel, entstanden. Harari ist voller Lob für die Kompetenz des Alltagswissens der Steinzeitmenschen, mahnt aber gleichzeitig, die paläolithische Lebensweise nicht zu verklären.

Schließlich wird der größte interkontinentale Serienmörder gejagt. Dieser heißt – wer würde es nicht ahnen? – Sapiens und hat bereits lange vor der Neolithischen Revolution die Ökologie unseres Planten durcheinanderwirbelt. Protagonist der Verfolgungsjagd ist eine androgyne Polizeidetektivin der UNPD, die ihren schwierigsten Fall zu lösen hat. Zwar ist das Steinzeitpaar Bill & Cindy bald festgesetzt, aber jetzt beginnt erst mal die Suche nach Schuldbeweisen. Vom Uluru/Ayers Rock, wo Fossilien von Riesenkängurus und -koalas vom Artensterben zeugen, geht es mit der Piper weiter auf erfolgreiche Indiziensuche in Regionen der Alten und Neuen Welt. Schließlich kommt es in NY zum Prozess. Zoé sorgt sich wegen der erdrückenden Beweislage um das Sapiens-Paar, aber Onkel Yuval tröstet: „…, die haben einen guten Anwalt“. In der Tat haut ein windiger Advokat die Angeklagten gewieft raus, so dass die Richterin Gaia (na klickt’s?) das Urteil fällt: Wir alle, die ganze Sapiens-Bande, sind schuld! Nun ja, Kollektivschuld! Da soll sich jeder an die eigene Nase fassen.

Fazit: Zugestanden, ich hatte Vorurteile bei dieser Rezension, da Tarzan, Sigurd und Prinz Eisenherz die Heros meiner Volksschulzeit waren. Nun könnte ich zwar behaupten, dass mein Interesse mit der Lektüre von C.W. Cerams Götter, Gräber und Gelehrte und H. Wendts Ich suchte Adam ab der Sexta schlagartig verschwand und erst mit AsterixRomanen meiner Kinder und Obelix‘ „Sono pazzi ­questi romani“ wieder aufflammte, aber das müssen Sie mir nicht glauben.

Dass Graphic Novels gegenüber den erwähnten Comics ein anspruchsvolleres Genre repräsentieren, zeigen z.B. die ästhetisch ausgefeilten Graphic-Biografien über Darwin (Fabien Grolleau/Jérémie Royer) und Alexander v. Humboldt (Andrea Wulf/Lillian Melcher), an die Der Aufstieg mit seinen poppigen Strichzeichnungen jedoch nicht anknüpft, dafür aber mit unerwartet lehrreichen, witzig-flapsig illustrierten Plots zur Menschheitsgeschichte punktet. Das Feuerwerk pfiffiger Ideen macht den Band zu einer kurzweiligen, substanzvollen Lektüre, in der augenzwinkernd zuhauf bekannte Gesichter auftauchen, wie u.a. Chaplin, Freud, Mead, Obama, die Queen. Bekommt die Zielgruppe die zahlreichen Gags auch alle mit? Man muss schon auf Details achten, um z.B. auf einem Werbeständer im Airport Rio die Ankündigung eines New Best Of-Konzerts von Vinicius De Moraes zu entdecken. Haben Sie eine Assoziation? Papst Franziskus hätte eine, wie seine Enzyklika Fratelli tutti zeigt.

Harari und seine kreativen Grafikexperten treffen vielleicht mit einigen linksliberalistischen und atheistischen Anspielungen nicht jedermanns Geschmack und der running gag der Produktplatzierung des eigenen Werkes erschöpft sich auch irgendwann, aber selbst wenn auch manche Pointe nicht ankommen oder schlicht untergehen dürfte, so steht doch die Wissensvermittlung im Vordergrund. Dafür liegt zwar hinreichend paläoanthropologische und archäologische Sachliteratur vor, wie z.B. der großartige Band meiner britischen Kollegen Clive Gamble, John Gowlett und Robin Dunbar (2016) Evolution, Denken, Kultur (Rezension FBJ 2016, S. 62f, wh) zeigt, aber wer sich durch solche populärwissenschaftliche Lektüre nicht angesprochen oder gar überfordert fühlt, der erlangt durch Hararis sehens- und lesenswerte Graphic Novel auf humorvolle Weise paläoanthropologisches (Schulbuch-)Wissen, um unsere öko­ ethische Verantwortung als vernunftbegabte Sapienten zu begreifen. (wh)

 

Liane Giemsch / Miriam N. Haidle (Hrsg.): Menschsein – Die Anfänge unserer Kultur. Begleitband zur Sonderausstellung 5. Mai 2021 – 30. Januar 2022. Archäologisches Museum Frankfurt; Oppenheim a. Rh.: Nünnerich-Asmus Verlag & Media 2021, 148 S. mit 136 Abb. u. 16 Icons, ISBN 978-3-96176-142-5, € 18,00.

Das primäre Aufgabenspektrum des Archäologischen Museums Frankfurt [AMF] ist es, die Archäologie und Geschichte der Stadt Frankfurt und des Umlandes von der Steinzeit bis ins Frühmittelalter zu bewahren, zu erforschen und zu präsentieren. Aber manchmal dürfen Sonderausstellungen thematisch auch etwas weiter gefasst sein, wie die über »Menschsein – Die Anfänge unserer Kultur«, die wegen der Corona-Pandemie verspätet eröffnet werden wird. Der bereits vorliegende Begleitband weckt Erwartungen an einen bildenden Museumsbesuch, denn die beiden Herausgeberinnen sind namhafte Archäologinnen.

Liane Giemsch ist seit 2015 Kustodin und Leiterin der Prähistorischen Archäologie am AMF, nachdem sie zuvor am LRV-Landesmuseum Bonn vielbeachtete Forschungsprojekte koordiniert und Ausstellungen kuratiert sowie parallel dazu ihr Tübinger Dissertationsprojekt, eine Geländearbeit über ostafrikanische Acheuléen-Fundstellen am Lake Manyara (Tansania), erfolgreich abgeschlossen hatte. Als der Ltd. Direktor des AMF, Dr. Wolfgang David, anregte, „als nächstes Projekt ein Thema aus ihrem persönlichen Forschungsbereich, der älteren Altsteinzeit, an(zu) gehen“ (Vorwort, S. 6), war für Liane Giemsch der Weg frei zur Konzipierung einer Ausstellung über die Ursprünge unser Kultur.

Mit Miriam Noël Haidle, wissenschaftliche Koordinatorin der Forschungsstelle The Role of Culture in Early Expansions of Humans [ROCEEH] am Forschungsinstitut Senckenberg/ Frankfurt a. M. und an der Univ. Tübingen, stand ihr eine hervorragende Expertin zur Gestaltung des Projekts zur Seite, die sich 2006 mit vergleichenden Untersuchungen zu menschlichem und tierlichem Werkzeugverhalten und Hypothesen zu den jeweiligen Strukturen des Denkens habilitiert hat.

Mit der Ausstellung »Menschsein« beginnt „eine Reihe von Synthesen, die geplant sind, um die letzten drei Millionen Jahre der Menschheitsgeschichte einem breiten Publikum zu präsentieren“ (S. 8), schreibt der Tübinger Archäologe und Quartärökologe Nicholas J. Conard, Sprecher des Projekts ROCEEH.

Der Einstiegsartikel des Herausgeberinnen-Duos erläutert die Zielsetzung der ersten Synthese. In 13 Einzelbeiträgen geht es darum, das Universum früher menschlicher Kultur zu erschließen und deutlich zu machen, dass „Kultur […] weit vor Kunst, Musik, Religion und Philosophie an[fängt]“ (S. 14). In einem wissenschaftshistorischen Exkurs beschreibt Thomas Junker (Biologiehistoriker, Tübingen), wie „die neueren biologischen Theorien einen Brückenschlag zwischen natur- und geistesgeschichtlichen Herangehensweisen ermöglichen“ (S. 22) und dass wir als Natur- und Kulturwesen gleichermaßen doppelten Ursprungs sind (S. 23).

Im Weiteren nimmt Friedemann Schrenk (Paläobiologe; Frankfurt/M) die Leser mit auf einen Parforce-Ritt durch die Etappen der biokulturellen Evolution früher Menschen, angefangen bei frühen, aufrecht gehenden Homininen bis zu sukzessiven Out of Africa-Expansionen. Um das Oldowan, die früheste Entwicklungsstufe menschlicher Steinzeittechnologie in Afrika und außerhalb, geht es im Beitrag des Tübinger Archäologen Michael Bolus, während Liane Giemsch das Acheuléen, den jüngsten Abschnitt des afrikanischen Early Stone Age und die Ausbreitung der vielleicht langlebigsten technologischen Tradition in der Geschichte der Menschheit vor ca. 1,7 bis 0,3 MJ beschreibt. Auch der Beitrag über die frühe Feuernutzung durch den Menschen, u.a. als Licht- und Wärmequelle, fürs Kochen von Nahrung, als Schutz vor Raubtieren und Moskitos sowie als Werkzeug für die Jagd oder zur Herstellung von Geräten sowie die Karten ältester Fundstellen von Feuernutzung stammen von der Frankfurter Kuratorin. Leider wird die »Expensive Tissue Hypothesis« von Leslie C. Aiello u. Peter Wheeler nur indirekt erwähnt und noch dazu unbegründet relativiert zum Verzehr von Knochenmark als Trigger für die Entwicklung des Gehirns und des Verdauungsapparats (S. 71). Wäre da nicht – selbst für Laien – ein exemplarischer humanphysiologischer Exkurs angebracht, der die Bedeutung komplexer Modellbildung in der Paläoanthropologie unterstreicht? Das gilt insbesondere im Hinblick auf den Beitrag von Angela A. Bruch (ROCEEH, Senckenberg Frankfurt/M) und ihrer Kollegin Karen Hahn (Paläobiologie u. Umwelt, Univ. Frankfurt/M), in dem erläutert wird, wie sich der Speisezettel durch die Feuernutzung veränderte, was attraktive Bilder essbarer südafrikanischer Pflanzenteile illustrieren.

Zu den ausgereiftesten Kapiteln gehören zwei Beiträge, in denen Miriam Haidle allgemeinverständlich erklärt, wie unser Denken in die Umwelt eingebettet ist. Faktoren wie individuelles Verhalten, materielle Umgebung, körperliche Fähigkeiten und sozialer Umgang in wechselndem ökologischem Umfeld ermöglichten es, dass sich Kultur auch weit vom afrikanischen Ursprung durch grundlegende Erweiterungen im Umweg-Denken stetig entwickeln konnte. Damit gelang es menschlichen Populationen, sich aus Afrika bis in die entlegensten Gebiete der Erde auszubreiten, was an Verbreitungskarten illustriert und erläutert wird.

Zwischengeschaltet sind zwei Kapitel zur Verhaltenspsychologie resp. -biologie. Zunächst zeigt die Psychologin Christine Michel (Univ. Leipzig), wie soziales Lernen als Schlüssel zum Menschsein funktioniert und wie die Verhaltensforschung mittels entwicklungspsychologischer Studien an Kindern den Rätseln des Menschseins näher kommt. Anschließend erklärt der Wissenschaftsphilosoph Oliver Schlaudt (Univ. Heidelberg) in seinem eher für Fortgeschrittene zugeschnittenen Beitrag Habitus: Die kulturelle Grundierung die Theorie des kulturellen Kapitals, die der frz. Soziologe Pierre Bourdieu (1930–2002) zum Verstehen kultureller Tradierung entwickelte. Ferner verfolgt der Primatologe Roman Wittig (MPI EVA, Leipzig) die kulturellen Spuren bei vier Schimpansen-Unterarten. Er zeigt, „dass die Grundlagen menschlicher Kultur bei ihnen bereits vorhanden zu sein scheinen, auch wenn sie keine Städte bauen, Opern singen oder zum Mond fliegen“ (S. 130). Wittigs Literaturliste beschränkt sich leider auf englischsprachige Quellen, was – ebenso wie in den meisten anderen Kapiteln – an den Interessen von Laien vorbeigehen dürfte.

Das Schlusskapitel der Tübinger Paläontologin Madelaine Böhme gibt einen blassen additiven und didaktisch unvernetzten Überblick über wissenschaftliche Methoden bei der Spurensuche der Menschwerdung, der dort, wo man einen zusammenfassenden Ausblick erwartet, deplatziert wirkt.

Die Einzelbeiträge sind jeweils durch Spezies-Steckbriefe mit Büsten der vom Atelier Wildlife Art angefertigten Homininen-Dermoplastiken voneinander getrennt.

Dass der Neandertaler dabei als Unterart von Homo sapiens geführt wird, während er in anderen Beiträgen als Homo neanderthalensis beschrieben wird, wirft taxonomische Fragen auf, die seit William Kings Beschreibung 1864 (nicht 1856!, s. S. 121) diskutiert werden, hier aber offen bleiben.

Wer unser Bildungssystem durchlaufen hat, sollte eigentlich die wesentlichen evolutionsbiologischen Grundlagen der Menschwerdung verstanden haben und daher wissen, dass unsere manipulativen, sozialen, emotionalen, kommunikativen, kognitiv-intellektuellen, ästhetischen und moralischen Fähigkeiten, die Wurzeln der menschlichen Kultur und die Voraussetzungen unserer Kulturfähigkeit, als Merkmalsmosaik der in der Vergangenheit erworbenen evolutiven Anpassungen zu verstehen sind. Doch durch biologiedidaktische Studien wissen wir, dass es um das essentielle Allgemeinwissen für ein modernes Weltbild ausgesprochen schlecht bestellt ist, denn viele Zeitgenossen glauben immer noch, dass der „Geist vom Himmel fiel“. Fazit: Der gelungene, erfreulich günstige Museumsband vermittelt – gezielt für Schüler, interessierte Laien sowie als Unterrichtsquelle für Multiplikatoren – einen vielfältigen populärwissenschaftlichen Einblick in die archäologisch und paläoanthropologisch fassbaren Anfänge der menschlichen Kultur. Interessierte sollten sich die Sonderausstellung nicht entgehen lassen, aber auch allein weist der reich illustrierte Band viel Wissenswertes und Unterhaltsames auf, was aufgrund weiterführender Literatur (auch deutschsprachiger, s. Rezensionen im Fachbuchjournal) vertieft werden kann und hoffentlich in den geplanten weiteren Synthesen des ROCEEH-Teams bald eine Fortsetzung finden wird. (wh) ˜

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitglied der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

henkew@uni-mainz.de

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