Evolution

300.000 Jahre Geschichte des Menschen

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2020

Silvana Condemi & François Savatier: Der Neandertaler, unser Bruder. 300.000 Jahre Geschichte des Menschen. C.H. Beck, München, 240 S., mit 26 S/W-Abb. und Karten sowie 8 Farbabb. in einem Tafelteil. Illustrationen von Benoît Clarys. Aus dem Französischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube. Hardcover, ISBN 978-3-406-75076-2, € 18,00.

Mit dem vorliegenden Band reiht sich die Paläoanthropologin Silvana Condemi gemeinsam mit dem Wissenschaftsjournalisten François Savatier in die lange Liste der Autoren sog. «Jeweilsbilder» ein, die den Status quo der Neandertalerforschung für eine breite Leserschaft wissenschaftlich verständlich und unterhaltsam darstellten. Die CNRS-Forschungsdirektorin und Leiterin des Labors für Paläoanthropologie und Bioarchäologie am Department für Anthropologie der Universität Aix-Marseille zählt seit ihrer vielbeachteten Dissertation Les Hommes Fossiles de Saccopastore et leur Relations Phylogénétiques sowie aufgrund exzellenter Studien an Homininen-Fossilien Europas und des Nahen Ostens, mit denen sie sich 1998 habilitierte, zu den führenden Experten/innen der menschlichen Evolution. Ihr Co-Autor, François Savatier, wuchs in der höhlenreichen Provence auf und interessiert sich seit Kindheitstagen für die Prähistorie, die er als Journalist von Pour la Science zur Profession machte.

„Bevor wir dieses Buch schrieben, haben wir es uns erzählt“ (S. 11), schreibt Savatier, der sich erstmals 2010 im Pariser Café Madame zu einem Gespräch mit meiner in der Scientific Community der Paläoanthropologie eng vernetzten und hochgeschätzten Kollegin traf. Anlass dieses und vieler weiterer Treffen war die kurz zuvor erschienene Veröffentlichung des Leipziger MPI-Direktors Svante Pääbo und seines Teams über die teilweise Entschlüsselung nukleotider Neandertaler-DNA. Die sensationelle paläogenetische Analyse zeigte, dass der Homo sapiens Neandertalergene in sich trägt, was die nie erloschene Faszination über den Neandertaler als Projektionsfläche unseres menschlichen Selbstverständnisses neu befeuerte. Die Fundgeschichte des Neandertalers von Erkrath/Mettmann zählt zum schulischen Allgemeinwissen. Als italienische Steinbrucharbeiter 1856 in dem Talabschnitt der Düssel, der den gräzisierten Namen des Kirchenlieddichters Joachim Neumann (1650–1680) trägt, beim Ausräumen von «Lehm» in der Kleinen Feldhofer Grotte Gebeine fanden, hielten sie diese für Überreste eines Höhlenbären. Dann die Sensation, als der aus dem nahen Elberfeld zur Begutachtung herbeigerufene Schulmeister Johann Carl Fuhlrott (1803–1877), ein begeisterter Naturforscher, feststellte, dass die Skelettreste von einem Menschen «aus vorhistorischer Zeit» stammen.

Der Bruch des bis dahin selten infrage gestellten Diktums «L’homme fossile n’existe pas!» erfolgte drei Jahre vor dem Erscheinen von Charles R. Darwins (1809–1882) Werk über die Entstehung der Arten, das bekanntlich mit dem Hinweis endete: «Licht wird fallen auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte».

Das zeitliche Zusammentreffen der Veröffentlichung von Darwins paradigmatischer Evolutionstheorie und Fuhlrotts Beitrag zur Frage über die Existenz fossiler Menschen von 1859 katapultierte den Neandertaler schlagartig in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Diskussion und des gesellschaftlichen Streits um ein neues Menschenbild. Noch bis weit in das 20. Jhdt. wurde angenommen, der Homo neanderthalensis, wie der britische Geologe William King (1809–1886) die neue Menschenart 1864 benannte, sei ein mit gebeugten Knien gehender, des aufrechten Ganges nicht fähiger, kulturloser und keulen-schwingender Höhlenmensch gewesen. Obwohl das Stereotyp des «Wilden Mannes» längst widerlegt wurde, lebt es bis heute in populistischen Romanen, Filmen und Cartoons fort. Aber wie geht die ‚wahre‘ Evolutionsgeschichte der Neandertaler? Und warum wird sie immer wieder aufs Neue erzählt? Die paläoanthropologisch-archäologische Forschung ist – wie jede andere auch − ein informationsgewinnender Prozess, weil Ideen durch Begriffe, Thesen und Theorien von Wissenschaftlern/innen mit individuellen Zielen strukturiert und anhand einer wachsenden Anzahl von Fossilien und Hinterlassenschaften sowie unter Anwendung aktueller Methoden analysiert und geprüft werden. Da die Spurensuche der Menschwerdung vom jeweiligen Zeitgeist beeinflusst wurde, verlief sie seit Anbeginn unter breiter öffentlicher Wahrnehmung hoch emotional und dynamisch.

Aus der erfolgversprechenden Zusammenarbeit der erfahrenen Forscherin mit dem schreibgewandten Wissenschaftsjournalisten entstand ein „Porträt unseres Bruders, des Neandertalers“ (S. 11), das den aktuellen Stand der Wissenschaft inhaltsreich widerspiegelt. Jedes der zehn Kapitel beginnt mit einer kursiv gesetzten, ansatzweisen Erzählung über Mitglieder des ‚Bärenclans‘, die u.a. als schöne ‚Rotbraut‘, starker Bärenjäger ‚Nordmann‘, Pferdejäger ‚Onkel Stark‘ sowie ‚Medizinfrau‘ vorgestellt werden. Durch die Personifizierung und die szenischen Schilderungen erfolgt ein kurzer lebendiger Einstieg in das Leben der Neandertaler, deren Jagd-, Sozial- und Kulturverhalten, ihr Denken über andere eiszeitliche Clans und die erste Begegnung mit den „Leute[n] mit der hohen Stirn“ (S. 163), den „Störenfried“ Homo sapiens. Die narrativen Elemente sensibilisieren für die fachlichen Ausführungen zu den klimatischen Herausforderungen, denen der „Neandertaler, Kind Europas und der Kälte“ (S. 13) ausgesetzt war und in denen seine typischen Merkmale und seine Lebensweise geformt wurden.

Nach einem kursorischen Abriss über frühe Wanderungswellen von Vertretern der Gattung Homo aus Afrika nach Europa, geht es um den Homo heidelbergensis, eine Spezies, die sich in Afrika aus dem Homo erectus (ausgehend vom Homo ergaster) entwickelte und vor ca. 600.000 Jahren während eines Interglazials in Europa und Asien verbreitete. Die weithin geteilte Auffassung, dass der H. heidelbergensis der «Vater» des H. sapiens und des Neandertalers ist, erklärt, warum die Neandertaler unsere «Brüder» sind (vgl. S. 36). Dass sie »eigenartig« waren ist offensichtlich, aber waren sie auch eine eigene Spezies? Das Autorenteam erläutert die Neandertalisierung, den durch die europäischen Umweltbedingungen ausgeübten Selektionsdruck, der zu dem an die Kälte angepassten Körper, der Robustheit und Stämmigkeit führte. Ferner werden ohne akademischen Fachjargon die Grundzüge der Kladistik zur Rekonstruktion phylogenetischer Stammbäume sowie die Neandertalermorphologie im Vergleich zu «neu erworbenen abgeleiteten Merkmalen» des H. sapiens erklärt.

Weitere Kapitel befassen sich mit dem riskanten Jagdverhalten der Neandertaler und den vergleichend-ethnoarchäologisch nachgewiesenen Beutestrategien sowie den effizienten Waffen (z.B. Schöninger Speere). RadioisotopAnalysen ergaben, dass die Neandertaler aufgrund ihres hohen Basismetabolismus „extreme Fleischfresser“ (S. 105) waren. Ich würde lieber Fleischesser sagen, wenn ich den smarten Jüngling in Rodin’scher Pose auf dem Cover betrachte. In Zeiten der Hungersnot dürften sie sicherlich ‚diversifizierte Subsistenzwirtschaft‘ (S. 109) betrieben haben, d.h. wie die meisten Jäger und Sammler wohl „auch kleinere Land- und Wassertiere wie Schildkröten, Fische, Schnecken und Muscheln“ (S. 109) in gemäßigten Klimaperioden verspeist haben. Die beiden Franzosen fügen augenzwinkernd dem potentiellen Speiseplan „Salat aus Löwenzahn mit Pinienkernen oder aus Bärlauch mit Blaubeeren“ (S. 110) hinzu. Ein Gourmet-Gen wird wohl nie nachweisbar sein, aber Phytolithe an den Zähnen könnten etwas Aufschluss geben.

Das Kapitel Kampf ums Überleben beschreibt die seit Lewis Binford (1931–2011) durchgeführten ethnoarchäologischen Studien an kleinen Populationen. Es geht um Inzesttabus und Exogamie als populationsgenetische Strategien gegen geringe Anpassungsfähigkeit und Erbdefekte aufgrund erhöhter Inzucht. Paläogenetische Studien, u.a. an Fossilien von El Sídron (Nordspanien), wiesen Patrilokalität nach. Weitere aDNA-Analysen lassen an der Denisoverin (Russland), einer sibirischen Menschenform, auf „enge Blutsverwandtschaft“ (S. 131) schließen. Die Autoren sehen in „einer Strategie der logistischen Mobilität“, also saisonalen Treffen, die man sich als „Feste des kulturellen und genetischen Austausches“ (S. 137) vorstellen kann, sowie aufgrund der konservativen, hoch spezialisierten Kultur der Neandertaler die Sicherung ihres Überlebens.

Ein weiteres Thema ist die Sprachfähigkeit der Neandertaler, die nach FOXP2-Befunden nicht ausgeschlossen, aber auch nicht bewiesen werden kann. Die komplexe Kultur spricht für differenzierte kognitive und kommunikative Fähigkeiten, und Magie, Kunst und Symbolik werfen die ungelöste Frage auf, inwieweit „der Neandertaler nun ein Imitator oder ein Erfinder“ (S. 151) war. Seltsamerweise wird der diesbezügliche Band Denken wie ein Neandertaler von Thomas G. Wynn & Frederick L. Coolidge (2013) nicht erwähnt [s. https://www.spektrum.de/rezension/denken-wie-ein-neandertaler/1206042]. Schließlich wird gefragt, wodurch die territoriale Expansion des H. sapiens ausgelöst wurde und wann und wie die Begegnung mit den nahöstlichen, europäischen und asiatischen Neandertalern – sowie den sibirischen DenisovaMenschen − verlief, die schließlich zu deren Verschwinden führte. Es geht um Akkulturationsprozesse, um mögliche physische und psychische Vor- und Nachteile, um Innovation vs. Tradition und um Gedankenspiele über Anpassungsvorteile der Zuwanderer aufgrund arbeitsteiliger Geschlechterrollen und effizienterer Nahrungsstrategien. Offen blieb lange die Antwort auf die Frage, ob die demographisch fragileren Spezies wirklich ganz verschwunden sind. Lange Zeit wurde die Diskussion geprägt durch konkurrierende Modelle wie Multiregionale Evolution, Assimilation, Verdrängung (Replacement) ohne und mit Hybridisierung, bis sich ab 1997 aufgrund paläogenetischer mtDNA-Befunde die Hypothese von der Ablösung des Neandertalers durch den Sapiens durchzusetzen schien. Die Vertreter der totalen Verdrängungshypothese triumphierten, bis dann 2010 anhand der Kern-DNA-Analysen gezeigt wurde, dass in uns allen noch etwas vom Neandertaler steckt, „dass die Eurasier tatsächlich insgesamt 20% ihres Genoms mit dem Neandertaler teilen, auch wenn jeder einzelne weniger als 3 Prozent davon in seinen Genen hat“ (S. 193). Es konnte ferner gezeigt werden, dass die Vereinigung zwischen einem Neandertal-Mann und einer Sapiens-Frau vermutlich steril war und dass der moderne Mensch offenbar von Neandertaler-Genen profitierte, die an die Kälte angepasst waren. Es ist sicher, dass die paläogenetischen Untersuchungen mit Verve weiter betrieben werden [s. Rezension zu Svante Pääbo, Der Neandertaler und Wir, https://www.spektrum.de/rezension/rezension-zu-die-neandertaler-und-wir/1281494], weshalb die Autoren im Epilog Das Testament des Neandertalers u.a. auf die ethischen Grenzen der Forschung hinweisen. Als zukünftig interessante Forschungsfelder benennen sie die Mikrobiom-Analysen, und ferner sprechen sie die Hoffnung aus, dass es bald gelingen möge, archäologische Grabungen in geopolitisch brisanten Gebieten durchzuführen, um weiße Flecken unserer Herkunftsgeschichte zu tilgen.

Der sorgfältig recherchierte und von dem hochtalentierten Illustrator Benoît Clarys bebilderte Band vermittelt Studienanfängern und Lehrern anthropologischer Disziplinen einen kompetenten populärwissenschaftlichen Überblick, der durch die zahlreichen Literaturquellen zu vertieften Studien anregt. Und für alle an der Thematik interessierten Laien ist es eine unterhaltsame und höchst empfehlenswerte Geschichte unseres »Bruders«, − so wie das Autorenduo sie gegenwärtig sieht. (wh)

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitglied der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

henkew@uni-mainz.de

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