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Vater im Glauben?

Dr. Hubert Frankemölle, geboren 1939, bis 2004 Neutestamentler an der Universität Paderborn, publizierte seit 1969 zu ökumenischer Theologie, initiierte ab Anfang der 1980er Jahre interreligiöse Arbeitsgruppen, engagierte sich in jüdischchristlichen Gesprächskreisen, auch beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, und nahm Teil am Trialog unter Einbeziehung von Muslimen. Vorarbeiten zu Abraham in den drei Religionen Judentum, Christentum und Islam aus seinen eigenen Veröffentlichungen, aus anderer Literatur und aus gedruckten und Internet-Lexika fügt Frankemölle zusammen.

Hubert Frankemölle: Vater im Glauben? Abraham/Ibrahim in Tora, Neuem Testament und Koran. Freiburg im Breisgau: Herder, 2016. 520 Seiten. Gebunden. ISBN 978-3-451-34911-9. € 34,99

Dr. Hubert Frankemölle, geboren 1939, bis 2004 Neutestamentler an der Universität Paderborn, publizierte seit 1969 zu ökumenischer Theologie, initiierte ab Anfang der 1980er Jahre interreligiöse Arbeitsgruppen, engagierte sich in jüdischchristlichen Gesprächskreisen, auch beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, und nahm Teil am Trialog unter Einbeziehung von Muslimen. Vorarbeiten zu Abraham in den drei Religionen Judentum, Christentum und Islam aus seinen eigenen Veröffentlichungen, aus anderer Literatur und aus gedruckten und Internet-Lexika fügt Frankemölle zusammen. Er will für „breitere Kreise“ wissenschaftliche Fachkenntnisse elementarisieren (Seite 39); denn ein Gespräch, ohne in Vorurteilen und Missverständnissen stecken zu bleiben, gebe es „nur unter theologisch Gebildeten“. Ein solches Aufeinandertreffen fand vom 8. bis 15. Jahrhundert im muslimisch beherrschten Südspanien statt (20). [In fbj 4 | 2013 Seite 18-19 wurde Daniel Potthasts Buch „Christen und Muslime im Andalus“ im zehnten bis zwölften Jahrhundert besprochen. Damals waren in der bekannten Welt muslimische Gelehrte führend. Eines ihrer Argumente: Paulus (1. Korintherbrief 1,18ff) möge Torheit rühmen, aber Gott bewahre uns Muslime davor, den Verstand zu verlassen.] Frankemölle versteht das vorliegende Buch als „Kompendium“, als kurz gefasstes Lehrbuch (39f). Auf den Betrachter wirkt der Buch-Text sehr ruhig – keinerlei Anmerkungen. Den Leser allerdings beunruhigt die Suche nach dem Schluss der Sätze, in die Bibel-, Koran-, Literaturangaben und Querverweise in runden Klammern eingeschoben sind. Das Auge erfreut sich an Ausstattungsideen: Die „Bleiwüste“ (10) der Druckbuchstaben lockern bunte Abbildungen auf, zum Beispiel (336) eine Miniatur aus dem 16. Jahrhundert, auf der eine Flammenzungen-Pyramide um den Kopf Mohammeds lodert, während der Erzengel Gabriel ihm auf Arabisch Textpassagen des Urkorans im Himmel eingibt. In Grün sind Titel und Kopfzeilen gedruckt, abschattiert nach dunkleren Ober- und helleren Unter-Überschriften, grün sind die Literaturlisten in fortlaufendem Blocksatz an Abschnitt-Enden hinterlegt – gemahnend daran, dass im islamischen Garten Eden die oberhalb der Wasserbäche auf Polstern Ruhenden in grünen Seidenbrokat gewandet sind (im Koran Sure 76 Vers 21 und 18 Vers 31).

Im Vorwort (9-12), datiert „im September 2015 nach Christus, am Beginn des jüdischen Jahres [ab der Rückrechnung zum Schöpfungswerk] 5776, am Beginn des muslimischen Jahres [seit Mohammeds Hidschra 622 von Mekka nach Medina] 1437“, wird bereits mit dem Besuch der drei Männer bei Abraham, Genesis 18,1-15, die im Christentum gelehrte Trinität erwähnt, die mitsamt der in ihr enthaltenen Christologie Juden und Muslime stört; im Register (518-520), das mit Stichwörtern und Seitenangaben kargt, stehen für „Dreifaltigkeit des einen Gottes / ,Beigesellung‘ “ sieben Fundorte. Ebenfalls schon hier wird Abrahams „Bindung (akedáh) Isaaks“, Genesis 22,1-19, genannt und deren Benennung „Opferung“ in christlichen Bibeln als „textwidrig“ zurückgewiesen; dazu im Register vierzehn Fundorte.

Von Teil II an führt Frankemölle durch die Abraham-Tradition bis hin zum Koran (83-295). Aus der hebräisch-jüdischen Bibel ist in der Einheitsübersetzung von 1980 der Text Genesis 11,10 bis 25,11 abgedruckt (90-108): die Geschlechterfolge der Vorfahren, beginnend mit Noahs Sohn Sem, bis Terach, dem Abram (erst ab 17,5 heißt er Abraham) in Ur in Chaldäa geboren wird; Abram nimmt Sarai zur Frau; Gott spricht zu Abram „Zieh weg … aus deinem Vaterhause in das Land, das ich dir zeigen werde“ (12,1), und Abram tut, was er gehört hat; in Kanaan trennt Abram sich von seinem Neffen Lot, weil das Land zu klein ist für den Herdenbesitz beider; Abram, kinderlos, empfängt in einer Vision die Verheißung von Nachkommen, so unzählbar zahlreich wie er Sterne am Nachthimmel sieht, und „Abram glaubte dem Herrn und der Herr rechnete es ihm als Gerechtigkeit an“ (15,6); zur Bekräftigung der Landverheißung erfolgt ein Bundesschluss, für den Abram Opfertiere, darunter ein Rind, halbiert, und in der Nacht fahren „ein rauchender Ofen und eine lodernde Fackel“ zwischen den Hälften hindurch (15,17); Sarai lässt ihre ägyptische Magd von Abram schwängern, behandelt sie hart, Hagar flieht in die Wüste, erhält vom Engel des Herrn die Verheißung zahlloser Nachkommen durch ihren Sohn Ismael; Gott gebietet dem 99-Jährigen, den er in Abraham umbenennt, sich und alle männlichen Hausgenossen, wozu der 13jährige Ismael gehört, zu beschneiden als Zeichen des Bundes menschlicherseits, und kündigt Isaak an, den die 90jährige Sarai, fortan Sara genannt, nach Jahresfrist gebären wird; Abraham, der in der Mittagshitze vor seinem Zelt sitzt, erblickt drei Männer und nötigt sie, seine Gäste zu sein; beim Mahle spricht der Herr, in einem Jahr komme er wieder und Sara werde einen Sohn haben; Sara lacht; die Männer brechen auf; der Herr weiht Abraham in sein Vorhaben ein, Sodom und Gomorra zu strafen, Abraham verhandelt mit ihm, ob er von der Vernichtung absehen würde, wenn sich in den Städten fünfzig oder fünf oder zehn weniger oder schließlich auch nur zehn Gerechte fänden; die beiden Engel erreichen am Abend Sodom, wo Lot wohnt, sind seine Gäste, schützen ihn vor den lüsternen Städtern und führen ihn, seine Frau und die beiden Töchter in der Morgenröte ins Freie; nach Sonnenaufgang regnet es Schwefel und Feuer auf Sodom und Gomorra, Lots Frau blickt zurück und erstarrt zur Salzsäule; Saras Sohn Isaak wird, acht Tage alt, beschnitten; Hagar und ihr Sohn Ismael werden auf Saras Wunsch verstoßen, irren in der Wüste umher und erfahren Hilfe vom Engel Gottes; um Abraham auf die Probe zu stellen, gebietet Gott ihm, Isaak auf einem bestimmten Berg im Land Morija als Brandopfer darzubringen; allein mit dem Vater auf dem Wege dorthin fragt Isaak, wo denn das zu schlachtende Opferlamm sei, und Abraham entgegnet „Gott wird sich das Opferlamm aussuchen“ (22,8);

Abraham fesselt Isaak, legt ihn auf den Holzstapel und ergreift das Schlachtmesser, da wehrt ihm der Engel des Herrn, und ein im Gestrüpp verfangener Widder wird von Abraham geopfert; Sara stirbt im Alter von 127 Jahren; Abraham kauft für vierhundert Silberstücke von den Hetitern, unter denen er wohnt und die ihn als Gottesfürsten ehren, bei Hebron in Kanaan ein Grundstück mit einer Höhle als Grabstätte, in der Sara bestattet wird; er nimmt sich noch eine Frau; seine von ihr und von Nebenfrauen geborenen Söhne findet er ab und schickt sie weit nach Osten, seine gesamte Habe vermacht er Isaak; er stirbt im Alter von 175 Jahren lebenssatt, Isaak und Ismael bestatten ihn in der erworbenen Höhle.

Auf Teile dieses Erzählungsgeflechts beziehen sich später geschriebene Texte. Dem Mose, der im Dornbusch eine Feuerflamme sieht, die den Busch nicht verbrennt, stellt Gott sich vor (Exodus 3,6.14) als „der Gott deines Vaters, der Gott Abra hams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“ mit Namen JHWH, „Der-ich-bin-da“. „Aus dem Familien-Gott wird der National-Gott“ (129). Psalm 47 endet mit der Vision (Vers 10): „Die Fürsten der Völker sind versammelt als Volk des Gottes Abrahams“ – Abraham wird Segensmittler für den ganzen Erdkreis sein (132).

Im Neuen Testament betrachtet Frankemölle die AbrahamBezüge in der Reihenfolge der Entstehung der Texte (146). „Im Namen Abrahams (nicht erst aufgrund der Christologie)“ hebt Paulus im Römerbrief die Trenn-Wirkung des Zeichens der Beschneidung auf (4,11): Abraham wurde die Verheißung zuteil, da er als Unbeschnittener glaubte, „also ist er der Vater aller, die als Unbeschnittene glauben“ (186). Wer als Zweig vom wilden Ölbaum unter die Zweige des edlen Ölbaums eingepfropft wurde, soll wissen (Römer 11,18): „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ Bei „Wurzel“ ist laut Frankemölle „an Abraham zu denken“ (198). Das LukasEvangelium (16,19-31) enthält die Parabel vom Ergehen des reichen Mannes und des armen Lazarus nach dem Tode. Der Reiche leidet Qualen im Unterwelt-Feuer. Er sieht von weitem Abraham und in dessen Schoß Lazarus und ruft nach Linderung. Aber Vater Abraham kann ihm durch Lazarus keine Kühlung und seinen fünf Brüdern keine Warnung zukommen lassen, der Abgrund „zwischen uns und euch“ ist unüberwindlich. (Seite 224 und der grüne Schutzumschlag des Buches zeigen ein Foto der Darstellung Abrahams an der Westfassade der Kathedrale von Bourges aus dem 13. Jahrhundert: Abraham hält in einem Tuch auf seinem Schoß vier Kinder.) Im Johannes-Evangelium sagt Jesus (8,31-59): „Ich bin nicht von mir aus gekommen“, sondern von Gott, „er hat mich gesandt“. „Noch ehe Abraham ward, bin ich.“ Das hören die jüdischen Gesprächspartner als Gotteslästerung und wollen sie durch Steinigung bestrafen.

Im nachbiblischen Jubiläenbuch wird der Nichtjude Abraham zum „Erzjuden“, der schon vor dem Bundesschluss am Sinai alle Satzungen der Tora einschließlich der Zeremonialgesetze erfüllt hat. Die „Apokalypse des Abraham“ nennt als Grund, weswegen Abraham sich von seinem Vater trennt, dessen Vielgötterei. (285-288)

Die Entstehungsgeschichte der hebräischen Bibel dauerte circa 1500 Jahre, die des griechischen Neuen Testaments circa 100 Jahre. In den Jahren zwischen 610 und 632 erhielt Mohammed als „Gesandter Gottes“ Offenbarungen wie aus einem Buch und den Auftrag (Sure 96 Vers 1): „Lies!“ Zu diesem Imperativ gehört im Arabischen das Verbalsubstativ qur’an, das Lesen. An der Endgestalt des Koran aus 114 Suren entlang gehend betrachtet Frankemölle in seinem Teil VII (297-433) die Abraham-/Ibrahim-Stellen, wiedergegeben in der Übersetzung von Rudi Paret 1962.

Im Koran wird nicht aus früheren Schriften zitiert, sondern an mündliche Überlieferung anknüpfend neu erzählt. Der Koran tritt an die Stelle der Bibel. (299, 308, 320) Ibrahim-Berichte bilden kein Erzähl-Geflecht, sondern in Einzel-Strängen wird an ihn erinnert. In der Bibel schien etwas zu fehlen: Weshalb zog Abraham weg aus des Vaters Haus und Land? Die Füllung dieser vermeintlichen Lücke nimmt im Koran „ein Ausmaß an, das erstaunt“ (300).

Mich, die Referentin, machte Bonhoeffers Buch „Nachfolge“ von 1937 aufmerksam: Grund zur Befolgung des Rufs in die Nachfolge im Neuen Testament, dem Ruf „Abraham, zieh weg!“ im Alten Testament ähnlich – glaube dem Wort Gottes und tue Entsprechendes – ist nichts anderes als der Ruf. Der Koran sucht den Grund offenbar innerhalb der Reichweite des menschlichen Verstandes.

In 25 Suren wird Abrahams gedacht (ich lege die Stränge zusammen). Als die Nacht kam, sah Abraham einen Stern. Ist das mein Herr? Er verschwand; also: Nein. Der Mond ging auf – und unter. Die Sonne – selbst sie blieb nicht. Nunmehr wandte Abraham sich dem Einen zu, der Himmel und Erde geschaffen hat, und gesellte ihm nichts bei. Abrahams Vater Azar und dessen Leute verfertigten und verehrten Götter-Bildwerke wie ihre Vorväter. Abraham fragte die Leute: Hören sie euch, wenn ihr betet? Und die gemeißelten Bilder fragte er: Wollt ihr nicht essen? Ich werde euch überlisten. Als er allein war, zerschlug er alle Götzen bis auf einen, den größten. Die Leute: Wer hat das getan? Warst du es, Bursche? Abraham: Nein! Dieser da, der Größte, war es. Fragt sie! Die Leute: Du weißt doch, sie können nicht sprechen. Abraham: Und so etwas verehrt ihr? Habt ihr denn keinen Verstand? Ihr seid offensichtlich im Irrtum. Da setzten ihn die Leute dem Feuer aus. Wir, der Gott, sagten: Feuer! Sei für Abraham kühl und unschädlich. Azar warnte seinen Sohn Abraham: Wenn du nicht aufhörst, meine Götter zu schmähen, werde ich dich steinigen; lasse dich eine Weile nicht mehr vor mir blicken. Abraham: Ich werde meinen Herrn für dich um Verzeihung bitten. Er tat es, aber als ihm klar wurde, dass sein Vater gegen den Gott widerspenstig blieb, sagte er sich von ihm los. Der Gott wusste: Hätten wir sie geheißen, ihre Wohnungen zu verlassen – nur wenige wären gefolgt. Abraham folgte. Mekka wurde der Platz Abrahams. Gäste kamen. Als sie von dem fetten Kalb, mit dem Abraham sie ehren wollte, nicht aßen, schöpfte er Verdacht. Hab keine Angst, sagten sie und verkündeten ihm einen klugen milden Jungen. Abrahams Frau schrie: Ich bin doch unfruchtbar und alt! Die Gäste waren auf dem Wege, Backsteine über sündigendes Volk zu schicken in der Stadt, wo Abrahams Neffe Lot wohnte. Abraham begann, mit ihnen zu streiten, er wollte die Strafe abwenden, aber sie war beschlossen. Vorher sollten sie die Gläubigen aus der Stadt holen. Einzig in der Familie Lot fanden sie Gott-Ergebene und retteten sie mit Ausnahme der Frau Lots. Als Abrahams Junge mit dem Vater laufen konnte, sagte Abraham zu ihm: Ich sah im Traum, dass ich dich schlachten werde; was meinst du dazu? Der Sohn sagte: Vater! Tu, was dir befohlen wird! Als beide sich ergeben und vorbereitet hatten, griffen wir ein, lösten den Sohn mit einem gewaltigen Schlachtopfer aus und vergalten mit: Heil sei über Abraham! Dann wurde Abrahams alter Frau der Isaak verkündet – sie lachte – und nach Isaak der Jakob. Ein König stritt mit Abraham und behauptete: Ich mache lebendig und lasse sterben. Abraham entgegnete: Gott bringt die Sonne vom Osten her. Bringe du sie vom Westen! Da war jener Ungläubige verdutzt. Einer kam an einer verwüsteten Stadt vorbei und zweifelte: Wie sollte Gott sie wieder zum Leben erwecken? Gott ließ ihn hundert Jahre sterben, erweckte ihn und fragte: Wie lange hast du verweilt? Er: Einen Tag oder einen Teil davon. Gott: Sieh, dein Essen und Getränk von vor hundert Jahren ist nicht alt geworden; sieh auf deinen Esel! Sieh nun auf die Gebeine, wie wir sie sich erheben lassen und hierauf sie mit Fleisch bekleiden. Jener sagte: Nun ist mir klar, dass Gott zu allem die Macht hat. Abraham bat Gott: Lass mich sehen, wie du die Toten lebendig machst. Gott: Nimm vier Vögel und tu auf jeden Berg ein Stück von ihnen. Dann ruf sie, und sie werden zu dir gelaufen kommen. Sure 2, mit 286 Versen die allerlängste, heißt nach ihrem Vers 67 – Gott gebietet ein Kuh-Opfer – „Die Kuh“. Frankemölle erkennt in dieser Sure „Leserlenkung“ (304) „für alle Suren“ (301; zu Sure 2: 321-348). Diese Sure wird der Zeit in Medina ab 622 zugeordnet, als Mohammeds Bruch mit den sich abwendenden „Leuten der Schrift“ erfolgte und die Juden 625 aus Medina vertrieben wurden. So wie die biblischen Erzväter, eben auch Abraham, in christlicher Sicht „rechte Christen gewesen“ sein sollen (Frankemölle 152 zitiert aus „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ von Martin Luther 1523), so wird aus Abraham in muslimischer Sicht Ibrahim der Gott ergebene Hanif – der erste reine Monotheist. Gott verpflichtet Ibrahim und Ismael, aus dem Platz Abrahams (Mekka) eine Gebetsstätte zu machen. Sie bitten Gott: Lass aus unserer Nachkommenschaft einen Gesandten auftreten, der ihnen deine Zeichen vorliest! (Die vielen im Koran genannten Gesandten und Propheten lassen sich von Isaak herleiten, einzig Mohammed stammt aus der Ismael-Linie.) Und: Zeige uns unsere Riten! Gott gebietet: Reinigt mein Haus für diejenigen, die (um die Kaaba) die Umgangsprozession machen, und die sich verneigen und niederwerfen. Beim Beten soll das Gesicht in Richtung der heiligen Kultstätte gewendet sein. Vom Geld, ist es einem noch so lieb, muss die Armensteuer entrichtet werden. „Religion Abrahams“ – das Glauben und Praktizieren nach seinem Vorbild –, nur ein Törichter könnte sie verschmähen.

„Ökumenisch“ sind Bemühungen, Religionsrichtungen, die auseinander laufen, durch Erinnerung an einen gemeinsamen Bezugspunkt wieder zum „Beieinanderwohnen“ auf dem Erdkreis zu bringen. Kann der Bezug auf den gemeinsamen „Vater im Glauben“ Abraham zu „Abrahamischer Ökumene“ verbinden? „Einheit im Glauben“ ist nicht einmal zwischen Juden und Christen möglich, hat Frankemölle in seiner „Einführung“ formuliert, „sie ist auch nicht erforderlich“ (23). Wieso nicht?

Weil in jeder der drei Religionen Judentum, Christentum und Mohammeds Islam an den Ein-Gott-Glauben unterschiedliche Riten gekoppelt sind? Nicht nur möglich, sondern auch erforderlich für ökumenisches Miteinander-Sprechen ist laut Frankemölle „die Wahrnehmung des gleichwertigen Glaubens des Anderen und dessen Praktizierung“ (378). Altes und Neues Testament haben „dasselbe Offenbarungsverständnis“ (305). Hat der Koran ein anderes? Wird Mohammed das „Gotteswort“ im arabischen „Menschenwort“ eingegeben ohne „Theophanie“? – ohne dass Gott zur Welt kommt (wie zu Mose am brennenden Dornbusch, wie bei Jesu Taufe im Jordan)? (309f, 352)

Einem Querverweis auf Seite 418 „(siehe oben in der ‘Einführung’ …)“ zu „Rosinenpickerei“ folgend suchte ich mehrfach auf den Seiten 13-42, ohne fündig zu werden. Aber Frankemölles Teil VIII „Bibel und Koran lesen“ (435-484) führte mir das Gesuchte vor Augen: den Beginn der Kurzfassung des Offenen Briefes der 120 Gelehrten an Abu Bakr al-Baghdadi und ISIS (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) vom 17. September 2014. „Es ist im Islam verboten, ohne die dafür jeweils notwendige Bildung und Kenntnis zu haben, fatwa (Rechtsurteile) zu sprechen. … Bei der Sprechung einer Fatwa, unter Verwendung des Korans, können nicht ‘die Rosinen unter den Versen herausgepickt’ werden, ohne die Berücksichtigung des ganzen Korans und der Hadithe (Prophetenüberlieferungen). … Es ist im Islam verboten, bei der Rechtsprechung die Wirklichkeit der Gegenwart zu missachten.“ (446) In Frankemölles „Ausblick“ (485-502) weiter (496f): „Es ist nicht gestattet, einen bestimmten Vers des Korans für eine 1400 Jahre später geschehene Begebenheit nach ihrer Offenbarung anzuführen.“ Sollte Teil VIII (auch wohl Teil I „Gedächtnisorte“, 45-82) eigentlich zur „Einführung: Der gegenwärtige Kontext des Themas“ gehören? Der „Ausblick: ‘Abrahamische Ökumene’?!“ erschien mir eher wie eine Rekapitulation, lediglich etwas zuversichtlicher als die „Einführung“.

Die katholische Kirche vollzog im Zweiten Vatikanischen Konzil 1962–1965 die „Kehrtwende“ (18) von der Ablehnung einer Verständigung „auf Augenhöhe“ zwischen (Konfessionen und) Religionen hin zur Bemühung um sie. In der „Einführung“ zitiert Frankemölle aus der Erklärung vom 28. Oktober 1965 „Nostra aetate“ und fügt an, leider sei mit ihr, wie man 50 Jahre später feststellen müsse, „das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“ nicht auf die Dauer geklärt gewesen (31). Der „Ausblick“ endet, unter Hinweis wiederum auf „Nostra aetate“, zur „abrahamischen Ökumene“ sei man „aufs Ganze gesehen seit ca. 50 Jahren auf einem guten Weg“ (502). Kurz fand ich Frankemölles „Kompendium“ nicht. Weniger Wiederholungen wären mir lieber gewesen. Die Masse an Informationen macht das Buch zu einer anstrengenden anregenden Weiterarbeits-Grundlage. (it)

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 nebenamtlich Kollegiumsmitglied im Institut für interdisziplinäre Forschung / Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg.

itoedt@t-online.de

 

Gunnar Decker: Franz von Assisi. Der Traum vom einfachen Leben. München: Siedler Verlag, 2016. 431 Seiten. Gebunden. ISBN 978-3-8275-0061-8. € 26,99

Der Autor Gunnar Decker, geboren 1965 in Kühlungsborn, studierte an der Berliner Humboldt-Universität Religionsphilosophie. Er schrieb unter anderem eine Biographie zu Hermann Hesse (München 2012). Vor dem Pietismus seines Elternhauses davongelaufen, zwecks Disziplinierung in eine Irrenanstalt gesteckt, verwahrte sich der Sohn Hesse als Fünfzehnjähriger gegen seinen Vater: „Wenn ich Pietist und nicht Mensch wäre.“ Zwölf Jahre später, 1904, veröffentlichte der Dichter Hesse ein Büchlein Franz von Assisi. Franz, Mitte zwanzig, entledigte sich 1206 des Geldes seines Vaters, des reichen Tuchhändlers in Assisi, samt der von ihm empfangenen Kleidung, die er am Leibe trug. „Von nun an will ich sagen: ‚Vater unser, der du bist im Himmel‘, nicht mehr Vater Pietro Bernadone.“ (Im vorliegenden Buch Deckers Seite 51 und 94. Ich las sonst ‚Bernardone‘.)

Jorge Mario Bergoglio, in Argentinien am 17. Dezember 1936 geboren, seit dem 21. Lebensjahr Jesuit, nahm bei seiner überraschenden Wahl zum Papst am 13. März 2013 den Namen Franziskus an. Daraufhin überschwemmten Publikationen zum neuen Papst und zu dem Heiligen aus dem 13. Jahrhundert den Büchermarkt. (Einige sind besprochen in fbj 4 | 2014 Seite 30-36 und fbj 2 | 2015 Seite 14-18.) Das Meer der Literatur zu Franz von Assisi ist in achthundert Jahren schier uferlos geworden.

„Warum dann noch ein weiteres Buch?“ Antwort Deckers auf seine Frage: Den Menschen Franz sieht man als lebendiger Mensch immer neu und durch verschiedene Brillen. Lese-, Fernsicht- oder gar Sonnenbrille? Um ihn möglichst plastisch aus vielen Blickwinkeln zu sehen, „müssen wir die Brillen immer wieder wechseln“ (49, 69). Decker konnte achtzehnhundert Seiten Franziskus-Quellen benutzen, die Dieter Berg und Leonhard Lehmann 2009 herausgegeben haben (66; Quellenund Literaturverzeichnis 417-420).

Im Teil I „Vom Anfangen“ berichtet Decker anfangs (27-71), was ihm an Einschlägigem für Franz und die Franziskaner in allerlei Büchern und Filmen, bei Nietzsche, Rilke, Chesterton, in Umberto Ecos „Name der Rose“, bei Rosselini und vielem mehr sowie in der umbrischen Landschaft begegnete (Namen und Orte sind im Register 423-430 verzeichnet). Der folgende Abschnitt (73-105) behandelt Franz’ Kindheit und Jugend. 1228, zwei Jahre nach Franz’ Tod am 3. Oktober 1226, legt Thomas von Celano die erste Lebensbeschreibung vor. Sie ist als Bekehrungsgeschichte stilisiert. 1246 glorifiziert Celano in seiner zweiten Lebensbeschreibung Franz als Wundertäter. Die Dreigefährtenlegende aus demselben Jahr nennt schlicht Fakten. Franz, in einer verfallenden Kapelle angesprochen von einem Bildnis des gekreuzigten Jesus Christus, kehrt ab vom Geldmacht-gesicherten stadtbürgerlichen Unternehmertum hin zum Geschöpfsein unter besitzlosen Mitgeschöpfen. Das neue Leben führt er auf als Spielmann, Gaukler, Träumer, wie es seiner menschlichen Eigenart entspricht, zugewandt andere Lebewesen ansprechend. Zutrauen erwächst, wo nichts sich über ein anderes erhebt. Dann lauschen selbst die Vögel dem Menschen. Franz’ Lebensform schließen sich „Minderbrüder“ an. Im dritten Abschnitt von Teil I (107-135) geht Decker auf Ketzerbewegungen des 13. Jahrhunderts ein, in denen Volksfrömmigkeit sich der Amtskirche nicht fügt. Die Katharer, die wie Franz das Geld schmähen, rottet ein Kreuzzug aus. Die Waldenser, bei denen Laien predigen, werden verfolgt, um das Predigtprivileg der Kleriker zu behaupten. Auch der arme Wanderprediger Franz könnte unter die Ketzer gerechnet werden. Aber die Kurie in Rom begreift: Als Heiliger würde Franz der katholischen Kirche mehr nützen. Teil II (139-286) referiert die dem Franz in der Papstkirche bereitete Laufbahn – nicht immer der Reihe nach; dazu schweifen Deckers Blicke zu sehr. (Die Zeittafel 421f reiht Begebenheiten hintereinander.) Das Nacherzählte gerät immer mehr zur Kriminalgeschichte, und dem Ordensorganisator Elias von Cortona fällt die Rolle des Bösewichts zu. Er sagt 1224 verdächtig präzise voraus, dass Franz in zwei Jahren stirbt. Der 44jährige sieche Franz wird, als der Tod naht, in Assisi stark bewacht. „Diesen teuren Sohn der Stadt, den Heiligen, mit dem man die kommenden Jahrhunderte noch viel Geld verdienen wird, lässt man sich nicht stehlen!“ (259) Sterbend singt Franz mit den zwei vertrautesten Gefährten den Sonnengesang, seinen Lobpreis des Schöpfers der GeschwisterGeschöpfe Sonne, Mond und Sterne, Luft, Wasser, Feuer, Erde, Tod. Bruder Elias sorgt für eine provisorische Grablege. Danach tut er der Minderbrüdergemeinschaft ein noch nie gehörtes Wunder kund: Franz habe die fünf Wundmale des Gekreuzigten an seinem Leibe getragen.

Im Teil III (289-387) greift Decker aus der Ordensgeschichte besonders Aufregendes heraus. Schon ehe die eilige Heiligsprechung am 16. Juli 1228 vollzogen ist, wird die prächtige Grabeskirche in Assisi geplant. Bereits 1230 ist sie soweit errichtet, dass am 25. Mai Franz’ feierliche Umbettung hätte stattfinden können. Aber drei Tage vorher lässt Bruder Elias die Überreste des schmächtigen krankheitsgeplagten Menschen im Keller verschwinden. Sie tauchen erst sechshundert Jahre später, am 12. Dezember 1818, bei Umbauarbeiten wieder auf. 1231/32 dekretiert Gregor IX. die päpstliche Inquisition und betraut die beiden Orden, die im 13. Jahrhundert um Franz und um Dominikus (gestorben 1221) entstanden sind, mit der Ketzersuche. Besonders die Dominikaner – Domini canes, Hunde des Herrn – spüren eifrig Abweichler von der päpstlichen Lehre auf und überantworten sie den weltlichen Behörden zu lebenslanger Kerkerhaft, falls sie bereuen, und wenn nicht, zum Verbrennen auf dem Scheiterhaufen. Franziskaner-Inquisitoren sind nicht milder. Einer der grausamsten wird 1690 offiziell zum Heiligen erklärt.

Im Blick auf neuere Publikationen zu den Dominikanern konstatiert Decker (254): Diesem Orden fehlen historisch-kritische Forscher wie der deutsche Kunsthistoriker Henry Thode und der französische protestantische Pfarrer Paul Sabatier, die 1885 beziehungsweise 1893 die Legendenübermalung durchdrangen und damit das menschlich Bleibende freilegten, das Franz zu unserem Zeitgenossen macht.

Bonaventura, geboren 1221, 1257 Doktor der Theologie und Ordensgeneral der Franziskaner, schreibt 1263 das Leben des Franz von Assisi zum Nutzen der katholischen Kirche um.

Diese Legenda Maior soll die früheren Lebensbeschreibungen autoritativ verdrängen.

Hier schiebt Decker kurz etwas Autobiographisches ein (333338). Als er seine 1989/90 verfasste Diplomarbeit „Die Stellung Bonaventuras im Ordo fratrum minorum“ fünfundzwanzig Jahre später erneut las, reagierte er zunächst verärgert: „Warum pries ich den Machtmenschen im spirituellen Gewand?“ Aber dann tastete er sich wieder hinein in die Mystik des Bonaventura, der die vom Heiligen Geist gewirkte seraphische Engelsordnung schaut. Das Gespür für die Anziehungskraft dieser Utopie sollen die Franziskaner wachhalten. Darin sei manchmal ein Laie vollkommener als ein Ordensmann. Hochschätzung von Besitzlosigkeit ist ein Unruheelement, das – materielle, geistige, auch geistliche – Besitzhäufung in Frage stellt. Bergoglio hat mit der Namenswahl Franziskus dieses Element aufgenommen.

„In seiner 2015 erschienenen Umweltenzyklika Laudato si‘ beruft sich Papst Franziskus nicht nur ausdrücklich auf Franz von Assisi, er zitiert auch seinen Sonnengesang.“ (13) Decker zitiert aus der Enzyklika: „Damit es eine wirtschaftliche Freiheit gibt, von der alle effektiv profitieren, kann es manchmal notwendig sein, denen Grenzen zu setzen, die größere Ressourcen und finanzielle Macht besitzen.“ „Die Armut und die Einfachheit des heiligen Franziskus waren keine bloß äußerliche Askese, sondern etwas viel Radikaleres: ein Verzicht darauf, die Wirklichkeit in einen bloßen Gebrauchsgegenstand und ein Objekt der Herrschaft zu verwandeln.“ (398, 407) (it)

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