Theologie | Religion

Religion im Plural

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2020

Monika Tworuschka / Udo Tworuschka: Die großen Religionsstifter. Buddha, Jesus und Muhammad – ein Vergleich. Mit 6 Abbildungen. Stuttgart: J.B.Metzler | Springer Nature, 2018. 230 Seiten. Hardcover. ISBN 978-3-476-04776-2. eBook inside ISBN 978-3-476-04777-9. € 19,99

Die Autoren sind ein Ehepaar, sie Arabistin, er (jetzt emeritierter) Professor an der Theologischen Fakultät der Universität Jena. Als Pioniere im Feld interreligiösen Lernens (wie Johannes Lähnemann, fbj 5 | 2018 68ff) haben sie ab 1974 Monografien verfasst.

Was lehrt ein religionswissenschaftlicher Vergleich (4-8)? Jedenfalls dies: die eigene Religion nicht für die einzige zu halten. Auch: zu entdecken, dass Religionen Gebilde mit vielen Facetten sind. Möglichst: darauf zu achten, wohin religiöse Ausdrucksweisen deuten.

Das sich christlich nennende Abendland wusste vom Buddhis­mus im fernen Morgenland nicht viel, fand das aber gut (9-16). Vom Islam im nahen Orient fühlte es sich bedroht (Türkenangst zur Lutherzeit, 18), er gehöre also bekämpft. Im Okzident wurde um die Mitte des 18. Jahrhunderts bewusst, dass es sich in beiden Fällen um ein dem Christentum vergleichbares Phänomen handele (drei Ringe in der Parabel, die Lessings „Nathan der Weise“ erzählt, 19; dort ist der dritte nicht ein buddhistischer, sondern der jüdische Ring). Was seither mit dem Begriff Religion bezeichnet wird, hatte keiner der drei Stifter zu gründen vor (1). Zwischen den Dreien, die zu Vergleichbarem angestiftet haben, stellen die folgenden Kapitel Vergleiche an. Von keinem der Drei ist Selbstgeschriebenes überliefert. Mündlich Überliefertes wurde später von Anhängern verschriftlicht, im Buddhismus nach mehr als dreihundert, im Christentum nach weniger als fünfzig, im Islam nach mehr als hundert Jahren (24).

Die Geburt aller Drei umrankt Unirdisch-Geheimnisvolles, das fast nur die Mutter betrifft. Die Königin Maya stirbt sieben Tage nach dem Gebären (83), die Prophetenmutter Amina sechs Jahre danach, nur Maria überlebt ihr Kind (78f). Prinz Siddharta Gautama wurde um das Jahr -563 geboren, Jesus irgendwann in den Jahren -4 und 7, Muhammad um 570/1. Die Drei traten also im Abstand von mehr als einem halben Jahrtausend in die Weltgeschichte ein. Siddharta starb 80jährig, Jesus wurde nach etwa dreißig Jahren gekreuzigt, Muhammad lebte bis 630. Siddharta wuchs auf in höfischem, Jesus in handwerklichem, Muhammad in städtisch-kaufmännischem Milieu (61). Das Tiefland im Süden des heutigen Nepal an der Grenze zu Indien war Siddhartas, das westjordanische Mittelgebirgsland Jesu geographische Umwelt. Muhammad war zu Hause auf der Arabischen Halbinsel in der von rauer Landschaft umgebenen Handelsmetropole Mekka. (64, 66, 70) Der Buddha kam weit in Indien herum. Jesus wanderte im Umkreis des Sees Genezaret zu nur wenige Kilometer voneinander entfernten Orten, und auch nach Jerusalem war der Weg nicht weit. Muhammad könnte auf Handelsreisen Syrien, Ägypten und Palästina besucht haben; die Stadt, nach der er mit Getreuen auszog (Hidschra) am 16. Juli 622, die dann Medina hieß, liegt 440 Kilometer nördlich von Mekka (61f, 130).

Das Leben aller Drei wendet sich an einem bestimmten Zeitpunkt entscheidend. Der Prinz, von Leidwahrnehmung erschüttert, zieht aus seinen Palästen in die Hauslosigkeit (101). Jesus lässt sich von Johannes taufen und übernimmt dessen Verkündigung vom Nahen des Reiches Gottes (108). Muhammad erschrickt vor der ihn überfallenden Berufung zum Propheten und Gesandten für den Koran (112, 149).

Den erwachten Buddha verfolgt Mara mit Verlockungen (105). Der Teufel versucht Jesus in der Wüste (108f). Muhammad wird unsicher, ob „wirklich Gott durch Gabriel“, den Engel, der den Koran bringt, „mit ihm gesprochen hat“ (114; die Abbildung einer türkischen Miniatur auf Seite 113 zeigt Muhammed in einer himmelan strebenden Lohe). Nach der Lebenswende und der Überwindung der Anfechtung beginnen die Drei, öffentlich zu wirken. Der ­Buddha setzt das „Rad der Lehre“ in Bewegung und versammelt in mehr als 45 Jahren die Einsichtsvollen (117-119). ­Jesus, der „wohl wenig länger als ein Jahr“ öffentlich wirkt (121), beruft in seine Nachfolge; der innerste Zwölferkreis der Jünger symbolisiert das ganze Israel aus 12 Stämmen (123-126). Muhammad traut sich drei Jahre nach seiner Berufung in die Öffentlichkeit Mekkas; um ihn sammeln sich „Prophetengenossen“ (126f); nach der Auswanderung 622 ins Exil erfolgt „der Aufbau einer gut organisierten Umma“, „Idealbild eines islamischen Staates“ (130f).

Leben und Lehre der Drei sind Weg-weisend für den Lebenswandel der von ihnen Angesprochenen. Sie ermutigen, das Wahre zu glauben, das ganz anders als irdisch Vorfindliches ist. Im Buddhismus heißt es Nirvana („summum positivum“, 139), im Christentum Liebe, im Islam Barmherzigkeit. Buddhas Lehre, dass Gier erlöschen und das Erleiden von Heillosigkeit enden kann, mahnt, andere nicht auszubeuten und nichts Unheilsames zu tun (140f). Das in Jesu Heilungswundern anbrechende Reich Gottes (Lukas 11,20) bewegt dazu, einander gerecht zu werden (145, 164). Muhammad ruft zum Einsatz von Vermögen und Leben für die Sache Gottes auf – „kleiner Dschihad“ – und zum „großen Dschihad“, das Böse in sich selbst zu bekämpfen (156; Milad Karimi: „Töte den Unglauben in deinem Herzen“).

Die Botschaft, dass Glaube das Beziehungsverhalten lenkt, ging in alle drei Traditionsstiftungen ein. Ihre Bücher „sind reich an Aussagen zu Versöhnung, Sozialverantwortung, Frieden“ (205). Bodhisattva, das erwachte, erleuchtete Wesen, verzichtet auf seinen Eingang ins Nirvana, um Unheil auf sich zu nehmen zum Heil anderer Wesen, so dass diese desgleichen tun (191; Ende des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter Lukas 10,37). Von allen drei Stiftern lässt sich sagen, sie seien „Sozialreformer“ (192, 196, 200). Der Tod des Stifters ist nur in Jesu Fall von Bedeutung (170), und nur von ihm wird bezeugt, dass er danach wieder unter den Lebenden erschien (173f).

Lobpreis, eine wichtige Facette von Religion („Kult“, Liturgie), kommt nur in Verbindung mit dem Koran vor: „ein gewaltiger Hymnus zu Ehren der göttlichen Schöpfung“ (Toshihiko Izutsu), das „größte Wunder“ der „Schönheit und Vollkommenheit der arabischen Sprache“ (Navid K ­ ermani; 147, 166).

Den Anmerkungen (206-220) und dem Literaturverzeichnis (221-229) ist zu entnehmen, dass Tworuschkas möglichst Aktuelles recherchiert haben, auch im Internet 2018. Hin und wieder begegnet zunächst Unverständliches, wie beim Buddhismus (26ff – Sanskrit müsste man können), bei der „Rückkehr aus Abessinien“ (127 – wird erst 129 erklärt) und im Rätselsatz: „Buddhas Mutter, Amina, stirbt bei der Geburt, als ihr Sohn sechs Jahre alt ist“ (78). Das Büchlein ist gefällig gestaltet durch Abwechslung mit rostrot Gedrucktem. Nach den Ausführungen zur Frage „What did Jesus look like“ (95-97) hätte der Mensch auf dem Buchdeckel eher nicht so anschaulich portraitiert sein sollen. Über die Finger, mit denen er ein geschmücktes „Herz Jesu“-Gebilde hält, springt das Springerverlags-Pferd.

 

Eugen Biser und Richard Heinzmann im Gespräch: Zukunft des Christentums. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (wbg Academic), 2019. 293 Seiten. Gebunden. ISBN 978-3-534-27105-4. € 20,00

Im Blick auf Religionen-Pluralität wird auch in diesem Buch nachgedacht. Seine Veröffentlichung veranlasste die 2002 gegründete Eugen-Biser-Stiftung, deren Zweck die Förderung des Dialogs zwischen den Religionen ist (287). Der Philosoph und Fundamentaltheologe Eugen Biser (1918–2014) wurde 1974 auf den der Ludwig-Maximilians-Universität München zugeordneten Lehrstuhl berufen, der den Namen Romano Guardinis (1885–1968) trägt. Als Biser 1997 der Guardini-Preis der Katholischen Akademie in Bayern verliehen wurde, hielt Richard Heinzmann (*1933), ebenfalls Professor für Philosophie und Theologie in München, die Laudatio (279). Auf Bisers Initiative hin führten die beiden Kollegen in der Guardini-Bibliothek Gespräche, die vom Fernsehsender Bayern Alpha aufgenommen und ausgestrahlt wurden (abrufbar unter www.br.de). Die Dokumentation in zwei wbg-Büchern – 2005 „Theologie der Zukunft“, und 2007 „Mensch und Spiritualität“ – war vergriffen. Nun ist der Text aller fünfundfünfzig Sendungen der Jahre 2002–2004 neu gedruckt (19). Auf dem Buchrücken zeigt ein Foto die Gesprächspartner, der eine um 85, der andere 15 Jahre jünger, beide mit imponierendem Denkerschädel.

Heinzmann pries 1997 das Lebenswerk Bisers als „eine epochale Wende in der abendländischen Theologie“ (276). Biser charakterisiert 2002 im ersten Gespräch seine Neue Theologie als eine in die Zukunft weisende „Antwort auf die Fragen der Zeit“ (23). Guardini meinte, „die große Auseinandersetzung des Christentums mit anderen Weltreligionen“ müsse mit dem Buddhismus ausgetragen werden; jetzt, nach dem 11. September 2001, steht der Islam im Vordergrund (42).

Biser will die „Mitte des Christentums“, die bislang verdeckt war, ent-decken (219) und ins Bewusstsein rufen, dass das Christentum „eigentlich keine Konkurrenz anderen Religionen gegenüber darstellt“, da es durch seinen Gottesbegriff, in dem keine „Ambivalenz von Trost und Schrecken, von Faszination und Drohungen“ herrscht, „zu allen anderen Religionen quersteht“ (243). Jesu „Urbotschaft“ bringt das Gottesbild zur Eindeutigkeit: „bedingungslose Liebe“ (184 und oft). Jesus hat in seinem Sterben und Auferstehen das Problem des Todes gelöst, ja die „Wurzel des Bösen in dieser Welt“ ausgerissen (188f). So erlöst, kann der Einzelne in seiner „Geschichte mit sich selbst“ sich gewissenhaft zur Persönlichkeit kultivieren (58). Biser zitiert den Dichter Friedrich Rückert (209f): „Vor jedem steht ein Bild des, was er werden soll. / Solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.“ Das Christentum, „die Religion der Erhebung des Menschen“, ist „immer noch unterwegs zu sich selbst“ (171, 83). Jesus gab seine Gottessohnschaft hin, auf dass wir durch seine Einwohnung – „Christus lebt in mir“ (Paulus im Galaterbrief 2,20) – zur Gotteskindschaft gelangen sollen (66, 202, 224f), eine „Zukunftsvision für die ganze Welt“, Römerbrief 8,19 (258).

Dem großen Kirchenlehrer Augustinus unterlief in seinem Spätwerk die Ansicht, man müsse die meisten Menschen in die katholische Kirche, die Hüterin des Offenbarungsgutes, zwingen – compelle intrare, nötige zum Eintreten (Lukas­evangelium 14,23) –, mit tragischen Folgen (262, 35f). Erst das Zweite Vatikanum 1962–1965 hat der Tradition der Gewalt ein Ende gemacht und den gewaltfreien Dialog unter Religionen in Geltung gesetzt (50 und öfter). Gott lässt mit sich reden, „weil er sich mitteilt“ (241). Also: reden wir miteinander! Guardini benutzte den Begriff „Unterscheidung des Christlichen“. Bisers These hierzu: „Das Christentum ist im Unterschied zum Buddhismus keine asketische, sondern eine therapeutische Religion. Und es ist im Unterschied zum Judentum keine moralische, sondern eine mystische Religion.“ (217, ähnlich öfter) Vom Islam unterscheidet es sich dadurch, dass Offenbarung nicht als aufzuschreibendes Buch in die Welt kommt (39), sondern als die trinitarische Person – Vater, Sohn, Geist – der innerlichen Liebesbeziehung (30, 259). Das Christentum als „die Religion, die dem Menschen zur Sinnfindung in Gott verhilft“ (268), wollen die Fernsehgespräche mit Bisers Neuer Theologie zukunftsweisend vorstellen. Für den, wie die beiden Gesprächspartner hoffen, logisch stringenten Gedankengang (258), nach dem „jeder denkende Menschen dem Christentum wenigstens Gehör schenken“ müsste (243), haben sie das Denken von Geistesgrößen seit dem Altertum aufgeboten. Im Personenregister (280-286) stehen Lebensdaten und Stichworte zur jeweiligen Person.

Kann der Mensch die Wahrheit, oder wie Biser analog zum Johannesevangelium 8,32 sagt, die Liebe, die frei machen wird (261), erdenken – oder kommt sie zu, dass wir innewerden, wer der Welt nur gut ist?

Biser räumt ein, dass Unausdenkbares bleibt. Wieso hat der Schöpfer das zur Sünde tendierende Endliche geschaffen? (116) Was geschieht dem an die Auferstehung glaubenden Menschen mit seinem leibhaftigen Tod? Der alte Herr sagt: „Ich lasse mich von Gott überraschen.“ (193) (it)

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 ­nebenamtlich Kolle­giums­mitglied der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg. itoedt@t-online.de

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