Theologie | Religion

Spiritualität

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 1/2020

Anselm Grün / Ahmad Milad Karimi: Im Herzen der Spiritualität. Wie sich Muslime und Christen begegnen können. Freiburg im Breisgau: Herder, 2019. 288 Seiten. Gebunden, Leinen. ISBN 978-3-451-03131-1. € 20,00

Für das fachbuchjournal 2016 | 2 fragte Angelika Beyreuther den Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Mouhanad Khorchide (Seite 16): „Wie kann der Islam die europäischen Gesellschaften bereichern?“ Antwort: „Durch seine Spiritualität.“ Was genau und welche islamische Besonderheit mag gemeint sein? Ich legte mir provisorisch zurecht: Spiritualität bezeichne wohl etwas in Menschen Vorzufindendes, das mit religiöser Lebensweise zu tun hat und wertvoll ist. Seit dem Zweiten Vatikanum 1962–1965, in dem die Römisch-Katholische Kirche sich gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften in der Welt öffnete, sorgt der Verlag Herder für „Weltgespräche“ zwischen Religionen. In dieser Tradition regte Cheflektor Rudolf Walter Anselm Grün und Ahmad Milad Karimi zu einem intensiven Austausch an (12). Das Foto auf der Rückseite des Schutzumschlags – der weißhaarige weißbärtige Mönch im Habit und der 40jährige Islam-Gelehrte im Straßenanzug wandeln unter hohen Bäumen in einen Park hinein – gibt es auch als Poster. Auf der Umschlag-Vorderseite lächeln die beiden Herren einander zu.

Das Buch will helfen, mit Muslimen im gemeinsamen deutschen Alltag zurecht zu kommen. Dass es dazu beitragen kann, meinen Vertreter aus Politik (Wolfgang Schäuble), Wissenschaft und Glaubensgemeinschaften, deren Stellungnahmen der Herausgeber Rudolf Walter vorab einholte und mit abdruckte (5-7 sowie Umschlag-Klappentext).

Die Gestaltung lädt zum Blättern und zu auswählendem Einhaken je nach Interesse ein: Leitsätze und seitlich beigegebene Stichworte sind durch anderen Druck hervorgehoben. Ich folgte den Äußerungen der beiden unterschiedlich Glaubenden kontinuierlich.

In der „Hinführung: Motive und Ziele“ stellen Grün und Karimi sich vor.

Grün, 1945 geboren, ganz katholisch aufgewachsen, ist seit 1964 in der Benediktinerabtei Münsterschwarzach. 1974 wurde er zum Dr. theol. promoviert; danach studierte er Betriebswirtschaftslehre. Er befasste sich mit fernöstlicher Meditation und Sufi-Texten. Aber in tieferen Kontakt zum Islam kam er erst spät in seinem Leben. Spiritualität, erklärt Grün, „ist etwas ganz Gewöhnliches: Tun, was dran ist“. „ ‚Dran‘ ist jetzt zuallererst, sich gegenseitig wahrzunehmen“. Wenn verschiedene religiöse Lebensweisen eng aneinanderrücken, sollten Menschen in der einen Tradition die andere jedenfalls nicht vorurteilend missverstehen. (13-17) Karimi, Dr. phil., ab 2012 an der Universität Münster und seit 2016 Khorchides Kollege als Kalam-Professor, kannte ich schon ein wenig durch sein „Lesebuch“ von 2015 „Die Blumen des Koran oder: Gottes Poesie“ (vorgestellt im fachbuchjournal 2016 | 2, 19-21). 1979 in Kabul geboren, im Islam in Afghanistan und zeitweise auch in Deutschland aufgewachsen, erfuhr er im Studium in Freiburg im Breisgau „zunächst schmerzlich“ die Großartigkeit von Logik und Theologie auch im Christentum. Wichtig in diesem Dialog „als junger Philosoph mit einem in der Weisheit erfahrenen spirituellen Meister der christlichen Tradition“ ist ihm die „Haltung des Schülers“, der in Demut lernen will; sie wird in der islamisch-mystischen Tradition gepflegt. Zum Einhalten religiöser Verhaltensregeln, etwa des rituellen Gebetes, „kann man heute – zugespitzt gesagt – einen Roboter programmieren“. Entscheidend ist die Sehnsuchtshaltung vor Gott. (18-22)

Beide Gelehrte wissen aus der Geschichte (15, 33): Der Islam ist in Europa kein Fremdling. Bereits im Jahrhundert nach seinem Entstehen, ab 700, war er in Spanien präsent. Wissenschaft und Philosophie der griechischen Antike wurden ins Arabische übersetzt, dann bis ins 13. Jahrhundert aus dem Arabischen durch Christen ins Lateinische und mit islamischen philosophischen Erkenntnissen angereichert, ein Vermitteln hin und her zwischen beiden Geisteswelten.

Nach der „Hinführung“ werden „Stolpersteine“ geortet, an denen einer sich auf dem Weg des anderen stößt (24-52). Steine, aus denen Menschen ein „geistliches Haus“, ihr religiöses Leben, erbaut haben, können Anstoß erregen wie der im Christentum zum „Eckstein“ gewordene lebendige Stein (1. Petrusbrief 2,4-8), das „Wort vom Kreuz“, das den Menschen eine „Torheit“ ist (1. Korintherbrief 1,18). Im Hauptteil „Horizonte und Felder der Spiritualität“ (55259) wird das Gelände von 23 Punkten aus vermessen. Die Dialogpartner vergegenwärtigen einander, mal der eine, mal der andere zuerst, Glauben und Rituale der eigenen Religion. An ein paar Punkten halte ich inne. Karimi zum Koran: „Rede“, Kalam, aus Gott ging ins Geschaffene ein in Suren, die Muhammad, über dreiundzwanzig Jahre verteilt, „existenziell ergriffen“ empfing. Gottes Anrede wurde zunächst im menschlichen Gedächtnis bewahrt; auf „Palmstengeln, Papyrus und Knochen“ Festgehaltenes stützte die Erinnerung. (Wir, die an Textfixierung außerhalb gewöhnt sind, können uns das Aufbewahren im Gedächtnis kaum mehr vorstellen.) Das konkrete Buch, als das es den Koran heute gibt, wird in Tücher gehüllt und „erst nach der rituellen Waschung berührt und rezitiert“. Für die Koran-Offenbarung wählte Gott „eine poetische, beinahe spielerische“ Form arabischer Sprache, „Reimprosa mit Rhythmus und Klang“; diese Darbietung legt nicht fest auf nur ein Verständnis, sondern eröffnet „Verständniswelten, die nie enden“. Koran 31,27 in der Übersetzung von Friedrich Rückert: „Und wären alle Bäum’ auf Erden Schreiberohre, / Das Meer dazu die Tint’, und dazu sieben Meere, / Es würden nie erschöpft die Worte Gottes, / Denn Gott ist machtvoll weise.“ Propheten wie Abraham, Mose und Jesus riefen die Botschaft Gottes aus; „Siegel der Prophetie“ ist Muhammad. Nach ihm wird Gott keinen anderen Menschen zum Propheten erwählen. Prophetische Äußerungen kann es weiterhin geben, so sie im Einklang mit koranischer Offenbarung sind. Der Mensch, der den Inhalt der Prophetie verinnerlicht, wird von ihr geadelt. Muhammad trat auf „als der ‚lebende Koran‘ “. (28-30, 76-81, 86-91)

Zu Gottes Menschwerdung Grün (38-42): Das von den Kirchenvätern der ersten Jahrhunderte festgeschriebene Dogma „beschreibt in Paradoxien das geheimnisvolle Miteinander und Ineinander von Gott und Mensch in Jesus Christus“. „Gott zeigt sein Angesicht für uns im menschlichen Antlitz Jesu“ – eine Selbstmitteilung, die unbegreiflich bleibt. Karimi (94-96): Islamische Mystiker sind von Jesus begeistert. Die dunklen Koran-Stellen 4,157+158 besagen, „dass es eine Kreuzigung gegeben hat“, aber bestritten wird, „dass es tatsächlich Jesus war, der gekreuzigt wurde“. „Wie unmöglich es mir als Muslim auch erscheint, Gott im Antlitz eines Menschen zu erblicken, der selbst das Kleid der Endlichkeit getragen hat, so sehr bin ich gerührt von dem Gedanken, dass Gott mein Leid, meinen Schmerz und meine Klage auf sich genommen hat, um mich zu tragen, zu trösten und zu heilen, dass nicht ein anderer, sondern Er selbst Mensch unter Menschen geworden ist, dass Er im Menschen Jesus den Weg ans Kreuz gegangen ist. Das kann ich nicht glauben, aber es ist auch kein Unglaube, der sich in mir einstellt. Es ist vielmehr ein gläubiges Staunen, das mich als Muslim bewegt und zugleich in Hochachtung zurücklässt.“

Zu Gebäuden Grün (129): Kirche, ecclesia, bedeutet „Gemeinschaft aller Gläubigen“ und „Gotteshaus“. Im Kirchenbau wurde die Ausrichtung gen Sonnenaufgang aus vorchristlichem Brauch aufgenommen. Karimi (132-135): Als „Gotteshaus“ gilt die Kaaba in Mekka, ein über dreizehn Meter hohes „kubisches Gebilde, dessen vier Ecken in die vier Himmelsrichtungen zeigen“ (141). Auf die Kaaba ist jede Moschee, „Niederwerfungsstätte“, ausgerichtet. Über einer halbrunden Nische an der Wand gen Mekka, dem „Ort des Vorbeters“ in der Liturgie, hängt oft eine Lampe in Anspielung auf den „Lichtvers“ Koran 24,35 (Rückert-Übersetzung): „Gott ist das Licht des Himmels und der Erde, / Das Gleichnis seines Lichtes ist / Wie eine Nisch’ in welcher eine Leuchte / die Leuchte ist in einem Glas, / Das Glas ist wie ein funkelnder Stern / … Das Oel fast selber leuchtet, wenns / Auch nicht berührt die Flamme; / Licht über Licht – Gott leitet / Zu seinem Lichte wen er will: / Gott aber prägt die Gleichnisse den Menschen, / Und Gott ist jedes Dings bewußt.“ Zum Pilgern Grün (140): „Das Zweite Vatikanische Konzil hat für die Kirche das Bild des pilgernden Gottesvolkes gebraucht“ – wir sind „immer auf dem Weg“ zum Ziel. Karimi (142f): Muhammad vollzog das Ritual der Großen Pilgerreise, Hadsch, im 12. Monat des Mondkalenders 632 und starb kurz danach. Pilgernde treten in den rituellen Weihezustand ein mit der Waschung und dem Anlegen des Gewandes aus zwei weißen Baumwolltüchern. Es herrscht Frieden auch mit den kleinsten Insekten. Siebenmal wird die Kaaba umrundet, gleichwie „der Nachtfalter die Kerze umkreist“.

Zu Barmherzigkeit Karimi (154-157): Der Eine Erhabene „hat viele Namen, viele Eigenschaften“. Er identifiziert sich in seiner Schöpfung für die Menschen mit dem Namen, mit der Eigenschaft Barmherzigkeit. Sure 1, die Eröffnerin des Koran, und fast jede weitere Sure beginnt: „Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers.“ Die arabische Wortwurzel r-h-m weist auf den bergenden Mutterschoß. „Islamische Spiritualität bedeutet im Kern: Die göttliche Barmherzigkeit erfüllt das Herz der Gläubigen“ und wirkt sich auf unsere Beziehungen untereinander aus. Im Üben der Haltung der Barmherzigkeit „verwirklichen“ Muslime „eine Eigenschaft Gottes in ihrem Leben“. Grün (157-161): „Die Welt braucht Barmherzigkeit“ – das rückte Papst Franziskus ins Zentrum. Im Hebräischen bedeutet raham wie im Arabischen Mutterschoß. Das lateinische Wort ist misericordia; von daher meint die Eigenschaft im Deutschen: ein Herz für Elend haben.

Zu Liebe Grün (162): Laut Jesu Antwort auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot (Matthäusevangelium 22,3739) gehört zu Gottes- und Nächstenliebe „auch die Selbstliebe“, nämlich gut zu behandeln und zu achten, was Gott mir als Geschöpf geschenkt hat. Karimi (165-169): „Zu lieben ist eine Tat Gottes.“ Der muslimische Mystiker Rumi dichtete: „Mich hat Gott erschaffen aus dem Wein der Liebe / Ich bin Rausch…“. „Der Prophet Muhammad war gotttrunken.“ „Spiritualität entsteht gleichsam im Akt der Liebe“, in dem die Grenze der gewöhnlichen Erkenntnis überschritten wird. „Spirituell ist allein der Liebende, denn er allein trachtet nach Frieden mit Gott, mit sich selbst und mit der Schöpfung.“ Der Islam begreift Gott „als die höchst lebendige schöpferische Aktivität, die seine Schönheit erleben lässt, indem er liebt und zur Liebe bewegt“, „Liebe als Grund, Inhalt und Praxis der Welt“. Spiritualität? Karimi (215-218): Das Wort Spiritualität stammt aus dem Lateinischen; für seine Übersetzung ins Arabische wird geläufig der Stamm ruh = Geist benutzt. Koran 17,85 nach Rückert: „Sie fragen auch dich um den Geist; / So sprich: Der Geist / Kommt auf Befehl von meinem Herrn; / Euch aber ward vom Wissen nur ein Wenig.“ „Da der Geist dem Urteil Gottes unterworfen ist, sind die Begriffe Geist und Geistigkeit in der islamischen Tradition stets sehr behutsam verwendet worden.“ Das Übersetzungswort, das sich im Persischen durchgesetzt hat, ist abgeleitet von „Bedeutung“: „Erkenntnis der inneren Bedeutung der Dinge“. Im Akt der Liebe sieht „das Auge des Liebenden überall den Geliebten“ (169), sieht es „das Antlitz Gottes im Antlitz der Welt“, Koran 2,115 (Karimis „persönlicher Lieblingsvers“, 67). „Im Gewöhnlichen das Ungewöhnliche erblicken“, „die Welt und die Dinge in ihr“ erleben, als erschienen sie zum ersten Mal „in ihrer Einzigkeit und ihrem Geheimnis“ – diese verwandelte Wahrnehmungsweise mag „spirituelle Lebenskunst“ heißen. Koran 45,3: „Wahrlich, in den Himmeln und auf der Erde sind Zeichen für die Gläubigen.“ Grün (218-223): „Was Christen und Muslime miteinander verbindet, das ist die mystische Spiritualität.“ Die Mystiker im Christentum wurden lange kaum beachtet. In den letzten dreißig Jahren erwachte ein neues Interesse an ihnen. „Aber nicht für alle Menschen ist der mystische Weg gangbar.“ Auch der „Weg über feste Rituale“ ist „legitim“. Der Benediktinermönch Anselm Grün lebt und berät nach der Ordensregel des ora et labora: „Der hl. Benedikt meint, gerade in der Art und Weise, wie wir arbeiten und wie wir im Geschäftsleben miteinander umgehen, soll sich unsere Spiritualität zeigen.“ In Karimis höflicher Mahnung, von dem im Fremdwort „Spiritualität“ beanspruchten „Geist“ „stets sehr behutsam“ zu reden (215), begegnet, scheint mir, Weisheit. Karimi bringt aus der religiösen Sozialisierung als Muslim, aus islamisch-mystischer Tradition, den beherzigenswerten Rat mit, beim Reden von Geist sparsam zu sein. Wissen wir denn, ob dem gemeinten Spiritus der Name Sanctus, Heilig, gebührt? Wissen Mystiker – in die Flamme hingerissene Nachtfalter –, dass wir das nicht wissen? Bereichert „der Islam die europäischen Gesellschaften“ durch „seine Spiritualität“ (Khorchide), indem er die Rede von Spiritualität in Frage zieht?

Statt „Im Herzen der Spiritualität“ hätte der Buchtitel lauten können „Im Herzen die Spiritualität“, Herz als Bild für das Innenleben des Menschen. Wenn Spiritualität im Menschenherzen ein Herz namens Mystik haben soll, dann ist sie laut Grün „nicht für alle Menschen … gangbar“ (222). So läuft das Buch im Nachwort (268-271) hinaus auf: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ (Martin Buber). Es zeigt weniger, wo und wie „sich Muslime und Christen begegnen können“, vielmehr dass ein Christ und ein Muslim sich begegneten und gemeinsam überzeugt sind: „Tun, was dran ist“ in der Welt von heute, etwa auf Feldern der Gesellschafts- und der internationalen Friedens- und der Weltwirtschaftsordnung, darin sollten Religionen überein zu kommen suchen. Die meisten der Anmerkungen (272-276) sind von Karimi, oft Drucknachweise für Hadithe (auf den Propheten zurückgeführte Eingebungen von Gott, 78). Grün, der selber vielfach zu Spiritualität publiziert hat, merkt zwei Titel zu christlicher Spiritualität an, L. Thunberg und Mary T. Clark (Anmerkungen 17 und 27), ohne weitere Angaben, die Seite 273 erscheint aber im Sachregister (281-288) unter Spiritualität. Unerläutert bleibt „SM I, 40“ zu Kardinal Walter Kasper (Anmerkungen 64-67 zum Text auf Seite 170). Auch Anmerkung 29 „PL 38,637“ ist nicht erklärt; da auf der Seite 75 es sich um Augustinus handelt, ahnt man einen Fundort für lateinische Kirchenväter-Schriften. Im Verzeichnis zitierter Stellen (277-280) folgen auf die Bibeltexte die Koran-Verse. Der auf Seite 89 angegebene Vers 21,207, den es nicht gibt – irrtümlich statt 21,107 – ist aufgeführt; auf Seite 95 und im Stellenverzeichnis steht 2,158 statt des gemeinten Verses 4,158.

Ich bitte um Vergebung für die Strenge meiner Begleitgedanken zu dieser gedankenreichen Publikation. Friedrich Rückerts Koran-Übersetzung, aus der ich zitiert habe, erschien in fünfter Auflage 2018. (it) ˜

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 ­nebenamtlich Kolle­giums­mitglied der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg.

itoedt@t-online.de

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