Theologie | Religion

Glaubensfragen. Eine evangelische Orientierung.

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 3/2017

Wolfgang Huber, Glaubensfragen. Eine evangelische Orientierung. München: C.H.Beck, 2017. 332 Seiten. Klappenbroschur. ISBN 978-3-406-70076-7. € 16,95 229 Seiten. Hardcover. ISBN 978-3-8436-0771-1. € 19,99

Wolfgang Huber veröffentlichte 2008 im Gütersloher Verlagshaus Der christliche Glaube. Eine evangelische Orientierung. Er, damals Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (von 2003 bis 2009), lebte als Bischof der Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (1994–2009) „in einer Umgebung, in der viele Menschen […] meinen, sie hätten mit der Gottesfrage abgeschlossen“. Ihnen und den Zweifelnden und Suchenden und auch den „allzu selbstbewusst Glaubenden“ beschrieb er, worum es in christlichem Glauben und Leben geht (2008: 13). Anfang 2017, fünfhundert Jahre nach der Veröffentlichung von Luthers 95 Thesen, dem öffentlichkeitswirksamsten Vorstoß zur Reformation der christlichen Kirche (2017: 8f), ist diese Anregung zum Zurechtkommen mit Glaubensfragen um- und weitergearbeitet bei Beck erschienen.

Zur Orientierung verweist Huber auf die im Juden- und Christentum tradierten Schriften, die den Grund des Glaubens bezeugen: die Bibel (im Abschnitt „Quellen des Glaubens“ 4256). In der Nacht sind Fixsterne Orientierungspunkte für den Weg nach festgestellten Gesetzmäßigkeiten. Am Tage erhellt die Sonne in ihrer Bewegung Veränderungen auf unserem mit der Zeit (cum tempore [Augustin], 86) geschaffenen Erdkreis. Menschen erwarten ihren Aufgang vom Osten, vom Orient her. Die ersten Christen feierten und verkündeten am frühen Sonntagmorgen die Auferstehung Jesu Christi. Ihren Gottesdiensttag erklärte Kaiser Konstantin der Große 321 zum Tag der Arbeitsruhe. An diesem wird die „Sonne der Gerechtigkeit“ (beim Propheten Maleachi 3,20 Lutherbibel, 4,2 Zürcher Bibel) gepriesen, die „Gnadensonne“, wie Christian Keimann im Dreißigjährigen Krieg dichtete: das Evangelium, Frohe Botschaft, Kundgabe des Guten Gottes. „Gott erweist sich als gnädig“ (14). Ihm glaubend, letztverbindlich vertrauend, kann der auf Gottes Wort hörende Mensch ins Ungewisse aufbrechen – wie Abraham, der „Stammvater des Glaubens“, von dem in der hebräischen Bibel (1Mose 15,6), im Neuen Testament (Römer 4,3; Galater 6,2) und auch im Islam erzählt wird (169f).

Die Selbstverständlichkeit, mit der die evangelische Orientierung als die Eine in Geltung stand, wich seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert dem kritischen „Nachdenken über Glauben und Religion“ im Plural (24). Inzwischen wird auch im einst einheitlich scheinenden Abendland der christliche Glaube zu einem „Orientierungsangebot unter mehreren“ (28). Nun muss wieder – wie in der Frühzeit des Christentums – bewusst zu verstehen versucht werden, was Glaube ist und bedeutet (36, 40f).

Wie 2008 beschreibt Huber mit dem altkirchlichen Apostolischen Bekenntnis den Glauben an Gott den Dreieinigen. Als Schöpfer ist Gott dem menschlichen Begreifen aus seinen Werken ersichtlich (Römer 1,20; Abschnitt „Den Schöpfer loben“ 68-102), aber er ist auch der Unbegreifliche, vor dem der Mensch über ihm Unbegreifliches klagt (Hiob, Römer 11,33; Abschnitt „Mit Gott klagen“ 103-127).

Die zweite Person der Trinität: Jesus Christus, der in die Welt hineingeborene Sohn (Johannes 3,16), bringt in seinem Ich den Menschen den Vater als Du (143, Johannes 10,30; Abschnitt „Der Weg Jesu“ 128-172).

Das Dritte: Der vom Vater durch den Sohn ausgehende Geist ordnet zueinander im Frieden (178, 1Korinther 14,33), so dass Unterschiedenes eins wird, wie in der Kirche der Geist die verschiedenen Glieder zum Leib Christi korporiert (189f, 1Korinther 12,12-27; Abschnitt „Der Geist der Freiheit“ 173-223). Glaube, Hoffnung und Liebe (1 Korinther 13,13) traten als die drei theologischen Tugenden – Beziehungs-Verhaltensweisen in der Kraft des Geistes – neben die althergebrachten HauptTüchtigkeiten im Gemeinwesen, die vier antiken Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Maß (224). 2008 hatte Huber die Hoffnung vor der Liebe behandelt; 2017 folgt auf die Liebe („größte“ unter den Dreien, 224-246) die hoffende Ausrichtung auf die ungewisse Zukunft (247-282): auf Tod, Jüngstes Gericht und Reich Gottes. Das sich dem Lebenszusammenhang verweigert habende Tote wird der Weltenrichter letztlich abtun und verwerfen (Matthäus 25,45f; 268), und dank vollzogenem Gericht wird „Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist“ herrschen (Römer 14,17; 276f, 266).

Der Schlussabschnitt „Glaube und Werte“ (283-302) enthält Zusammenfassungen: Glaubensmotive (286-291) und Prägekräfte für das politische Zusammenleben (295-300). Huber bezieht, durchaus ökumenisch, Gedanken anderer ein und nennt den Fundort, Fußnoten ersparend, ganz knapp im laufenden Text (Verfasser, Veröffentlichungsjahr, Seitenzahl), exakt nachvollziehbar an Hand der Literaturhinweise (307-319). Auf diese folgen das Personen-, das Sach- und das Bibelstellenregister (ab 322, ab 325, 329-332).

Hubers intensives Bedenken der Fragen stiftet an, desgleichen zu tun. Bei der Behandlung des Sozialdarwinismus (78f) erinnerte ich mich an ein Brauchtum, das mir in einer indianischen Kultur begegnete: Wer am besten zurechtkommt, hat – nicht das Recht („of the fittest“), sich gegen die Unterlegenen zu behaupten, sondern – das Privileg, sich für schlechter Zurechtkommende einzusetzen. Jesus heilte Leidende mit Kraft, die von ihm ausging (Markus 5,30; Lukas 6,19), zum Zeichen, dass ihr Leiden nicht bleiben sollte. Daraus ergibt sich die „Folgerung“, dass Jesu eigenes Leiden „unvermeidbares Leiden“ ist (Huber, 116). Die Worte vom leidenden Menschensohn (Markus 8,31 und öfter; 267) betonen, dass er leiden und getötet werden muss. Wenn andere nötig haben, was einer zu geben hat, mündet sein notwendiges Sich-Ausgeben („Selbsthingabe für andere“, 158) in letzter Konsequenz in seinem eigenen Tod. Das ist logisch leicht zu denken – aber der Intellekt weigert sich, es auf das Zusammenleben in der Welt zu beziehen. Dieser Weigerung entgegen heißt es in der Bibel (Markus 8,35; auch bei Matthäus und Lukas): „…wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren“. Weiter: „…und wer sein Leben verliert um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.“ Das Evangelium kündet von der eigentümlichen Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, die aber, wenn man für gerecht hält, dass nach Maßgabe der Leistung oder Verfehlung bezahlt oder heimgezahlt wird, geradezu als Ungerechtigkeit erscheint: Die Arbeiter, die erst eine Stunde vor Feierabend eingestellt worden sind, erhalten denselben Lohn wie ihre Kollegen, die wesentlich länger, zum Teil seit Tagesanbruch, gearbeitet haben; der Sohn, der in der Fremde sein väterliches Erbe verprasst hat, wird bei der reuigen Rückkehr nicht zur Rechenschaft gezogen, sondern mit besten Dingen verwöhnt (Matthäus 20,13; Lukas 15,30-32, von Huber ausgelegt 147-150). Es ist Gnadengerechtigkeit, die den Begnadigenden teuer zu stehen kommt. Das geht den bei uns eingefahrenen Denkgewohnheiten gegen den Strich. Dennoch ähnelt § 323c des deutschen Strafgesetzbuchs dem indianischen Alternativ-Vorschlag: „unterlassene Hilfeleistung“ wird unter Strafe gestellt mit Hinweis auf die „Pflicht, dem zu helfen, der sich nicht selbst helfen kann“ (154f, bei Hubers Auslegung des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter Lukas 10, 30-35). Das Leiden-Ertragen des Menschensohns bis in den Tod vernichtet das Tote, Neues ersteht – und macht überwältigend bewusst, was alles uns in dieser Welt geschenkt wird (Römer 2,4). Bonhoeffer wusste Leben im Glauben als „die tiefe Diesseitigkeit, die voller Zucht ist, und in der die Erkenntnis des Todes und der Auferstehung immer gegenwärtig ist“ (Brief vom 21. Juli 1944, Dietrich Bonhoeffer Werke Band 8, 541).

Auf der Umschlag-Klappe der Fassung von 2008 ist Gert Scobel zitiert: „Von diesem Buch aus kann man beliebig weiter in die Tiefe gehen – und wieder zum roten Faden des Glaubens zurückkehren. Daher: Prädikat äußerst hilfreich.“ Das kann ich für die Fassung von 2017 nur unterstreichen. Sie regt zu eigenem Denken an und kann gerade dadurch hilfreich sein, dass sie sachlich, kundig, nüchtern, mit festem Herzen (Hebräer 13,9), geschrieben ist. (it)

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 nebenamtlich Kollegiumsmitglied im Institut für interdisziplinäre Forschung / Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg.

itoedt@t-online.de

Diese Seite benutzt Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmen Sie dem zu. Datenschutzerklärung