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Unser Fragebogen – Manfred Metzner

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 1/2019
Antworten von Manfred Metzner, Verlag das Wunderhorn, Heidelberg

Was ist Ihre Erinnerung an Ihr erstes Buch? Um welches Buch handelt es sich?

Ich muss vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Es war der Struwwel peter.

Ihre drei Lieblingsbücher sind …

Wer sich auf Lieblingsbuch- oder Kanonlisten einlässt, verstellt sich den freien Blick, verliert Neugier und Entdeckerfreude.

Würden Sie Ihre Lieblingsbücher auch als eBook lesen?

Nein.

Entspannen Sie beim Lesen oder was sind Ihre Mittel gegen Stress?

Ja, aber auch bei Radtouren im Hinterland, beim Flanieren, in der Sauna und als Hans-Guck-in-die-Luft von festem Boden aus.

Traumjob Verleger? Beruf oder Berufung?

Die Mitgründung des Verlags war 1978 ein politischer, aufklärerischer Akt, um Öffentlichkeit zu schaffen für Poesie, Literaturen und vergessenen und verfolgten AutorInnen (wie z.B Emil Julius Gumbel, Kurt Hiller oder Ernst Toller) zu ihrem Recht zu verhelfen. Die Gründungs-Motti waren „Die Poesie liegt auf der Straße“ und „Die Erneuerung der Literatur kommt aus den Peripherien und nicht aus den Metropolen“. Daraus wurde aus dem Dasein als Rechtsanwalt und Teilzeit-Verleger ein Traumjob, der aber durch die digitale Revolution und die damit verbundenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen schwer unter Druck geraten ist.

Wie kam es zu dieser Entscheidung?

In meiner Familie wurde immer gelesen. Meine Eltern waren schon in den 1950er Jahren Mitglied in der Büchergilde Gutenberg. Von Verwandtschaft aus der DDR bekamen wir die wunderbarsten Klassikerausgaben zu Weihnachten oder Geburtstagen geschickt. Während meiner Schulzeit in Friedrichshafen am Bodensee versorgte mich zusätzlich die See-Verlagsbuchhandlung. Ende der 1960er Jahre begann ich mit meinem Studium in Heidelberg und war mitten im großen Aufbruch angekommen. Für mich sind die 1970er Jahre bis heute die kreativsten und spannendsten Jahre, die dieses Land hatte. Diese Aufbruchsstimmung im kulturellen und emanzipatorischen Bereich, die risikovolle, vorbehaltlose Neugier auf Neues, die keine Grenzen kannte, hat das Land durch viele neue Projekte verändert, beflügelte mich im wahrsten Sinne des Wortes. Alles war möglich. Niemand dachte an morgen. Und es gab noch Solidarität, vorbehaltlose Hilfsbereitschaft, Zivilcourage, Debattenkultur. Eine neue Gründergeneration machte sich an die Arbeit. Es gab natürlich auch glanzvolles Scheitern.

Und der wunderbare Buchhändler Jörg Burkhard versorgte uns in Heidelberg mit Texten der Beat Generation, mit Allen Ginsberg, Charles Bukowski, Herbert Marcuse, Rolf Dieter Brinkmann, Alexander Kluge, Jürgen Theobaldy, Herbert Achternbusch, Jim Morrison usw.

Gibt es für Sie ein Vorbild aus der Welt der VerlegerInnen?

Kurt Wolff, André Schiffrin, Jean-Jacques Pauvert und KD Wolff, der mir in den Anfangs-Jahren mit Rat und Tat zur Seite stand. Unvergesslich die Buchmessen-Zeit, die wir in den 1980er Jahren im Verlagshaus Roter Stern immer als große Wohngemeinschaft verbrachten.

Wie beginnt ein guter Tag als Verleger?

Mit gut gelaunten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Was war das spannendste Ereignis in Ihrem Berufsleben?

Die prägendsten Momente waren die Freundschaften mit Jean Carrière, Ré und Philippe Soupault, Edouard Glissant, Abdelwahab Meddeb und auch meine Zeit in den 1970er Jahren in Frankreich, in der ich begriffen habe, welchen Stellenwert Kultur und Literatur in einer Gesellschaft haben können und wie Kultur eine Gesellschaft verändern kann. Und aus jüngerer Zeit der Beginn der AfrikAWunderhorn-Reihe vor zehn Jahren. Es ist die einzige Buchreihe in der deutschen Verlagslandschaft, in der seither jedes Jahr zwei bis drei jüngere afrikanische Autorinnen und Autoren in erster deutscher Übersetzung vorgestellt werden.

In einem FAZ-Interview stellte Felicitas von Lovenberg Verlegern diese Frage: Wenn Sie eine einzige Veränderung am Buchmarkt bestimmen könnten – welche wäre es?

Den Buchmarkt auf den Kopf stellen: Inhalt vor Algorithmus.

Wie viel Prozent seines Umsatzes wird Ihr Verlag im Jahr 2025 durch elektronische Informationen erwirtschaften?

Nicht vorhersehbar.

Und die große Frage am Schluss: Wie wird sich die Verlagslandschaft in den nächsten zehn Jahren verändern?

Es wird eine ähnliche Entwicklung stattfinden, wie sie im Lebensmittelbereich schon lange zu verfolgen ist: von der Massenproduktion und dem Einheits-Brei wieder hin zum Handwerk, zum Wissen um die Herkunft etc., also ein Umdenken bei den Konsumenten. Auf die Verlagslandschaft übertragen heißt das: Leserinnen und Leser werden sich immer bewusster darüber werden, was Mega-Fusionen von Buchketten, Marktmacht, Monopole, Anonymisierung und Algorithmen auch im Literaturmarkt für Folgen haben und werden Qualität und Vielfalt, handwerkliches Können, profundes Wissen, Weltoffenheit, Neugier, also all das, wofür die unabhängigen Verlage und Buchhandlungen stehen, wieder zu schätzen wissen. Dazu bedarf es aber auch eines gesamtgesellschaftlichen Dialogs zum Stellenwert des Kulturguts Buch und einer damit verbundenen neuen Bildungspolitik.

 

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