Landeskunde

Türkei

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2018

Douglas A. Howard: Das Osmanische Reich 1300–1924. wbg Theiss 2018. Hardcover, 480 S. 45 sw Ill. € 34,00

Solide aufgemacht, mit einer schönen Ausstattung, gutem Papier, einer modernen, aber keineswegs aktualistischen Schrift – was wünscht man sich mehr? So der erste Eindruck von dieser Neuerscheinung zur osmanischen Geschichte aus der Feder eines jungen amerikanischen Historikers. Wer wird schon die mehrbändigen Standardwerke des österreichischen Freiherrn von Hammer-Purgstall, des deutschen Lehrers Johann Wilhelm Zinkeisen oder des rumänischen Wissenschaftlers Nicolae Jorga – alle auf Deutsch und alle bis heute in Nachdrucken greifbar – zur Hand nehmen, wenn ein einbändiges Werk, dazu noch aktuell und handlich, für den interessierten Laien endlich die Lücke zu füllen scheint, die sich zwischen Suraiya Faroqhis kleinem Bändchen zur „Geschichte“ (2018) und ihrer umfangreicheren Studie „Kultur und Geschichte des Osmanischen Reichs“ (1995) auftut? Sind Matuz‘ „Grundlinien“ von 2006 nun überholt? Kreisers „Geschichte des Osmanischen Staates“ (2008) richtet sich ohnehin eher an den Geschichtsstudenten.

Das Weltreich des Hauses Osman mit den Türken als ihrem Staatsvolk – aber auch nur als einem Untertanenverband neben vielen anderen –, spielte seit dem 14. Jahrhundert bis zu seinem endgültigen Ende im Jahr 1924 ein halbes Jahrtausend lang nicht nur in Europa, sondern auch in Asien und Nordafrika eine entscheidende kulturelle, politische und religiöse Rolle, und bis heute beziehen sich Politiker, aber auch Bewegungen der Volkskultur auf Tradition und Name dieser ebenso gefürchteten wie in seiner Spätphase bedauerten, ja bemitleideten Dynastie. Vergleichbar mit den Habsburgern oder den indischen Moguln, vereinigten die Osmanen unter ihrer Fahne sehr heterogene Nationen, religiöse Bekenntnisse und Lebensformen, zunächst äußerst erfolgreich, dann zunehmend mehr und mehr glücklos, am Ende nur noch als Getriebene.

Interessiert und frohgemut beginnt man also zu lesen, doch ach! nach wenigen Seiten erlahmt der Schwung, man beginnt von neuem, liest weiter… und quält sich dann mehr oder weniger durch den Rest des Buches. Woran liegt‘s? Den Brauch, im Vorwort Danksagungen an every Tom, Dick and Harry unterzubringen, schluckt der geduldige Leser. Dass aber bald Kapitelüberschriften folgen wie „Sultane und Heilige“, „Echos des Gewöhnlichen“, „Der Menge predigen“, „Prosperität und Pathos“, „Globales und Lokales“, „Harmonie und Missklang“, „Krieg und Frieden“, unter denen sich der Leser allerhand vorstellen kann, die jedoch Zeit und Raum, also den eigentlichen historischen Ablauf, den konkreten geographischen Rahmen und die Verwurzelung in den handelnden Personen in den Hintergrund treten lassen, befördert das Verständnis nicht. Der Autor ist zweifellos belesen, fleißig und ein Kenner der Materie, wie die Anmerkungen und die 25 Seiten umfassende Literaturliste zeigen, doch – pardon! – das interessiert den Leser erst an zweiter Stelle. Gerade bei einem populären Sachbuch dürfen Lesbarkeit und Systematik einen besonderen Stellenwert beanspruchen. Auch für ein paar leitende Gedanken zu Ursprung, Ausdehnung und Niedergang des Hauses Osman wäre der Leser durchaus dankbar, will er nicht ratlos oder staunend die Überreste einer längst versunkenen Epoche bestaunen. Dass dies bei der Weite des Themas keine einfache Aufgabe ist, sei gerne zugestanden. Die gleichen Überlegungen wie für ein populäres Sachbuch gelten auch für ein Lehrbuch, ein Reference Book; doch dazu passt weder der essayistische Ansatz noch die eingeschränkte Auswahl der verarbeiteten Literatur, die – leider nur in alphabetischer Ordnung der Autoren, also zeitlich und thematisch ungegliedert – im Wesentlichen nur aus englisch- und türkischsprachigen Titeln besteht, während Standardwerke und Aufsätze in anderen Sprachen, z.B. auf Französisch, Italienisch oder Deutsch, nur in kleiner Zahl aufgeführt und wohl auch nicht zur Kenntnis genommen zu sein scheinen. Das spricht nicht für einen Überblick über die Forschungsliteratur; die Beschränkung auf das sprachlich Nächstliegende war leider auch schon in einem englischsprachigen Übersichtsartikel zum Thema aus dem Jahr 2014 zu beobachten1. Dass hier ein Trend zum Provinzialismus eingeschlagen wird, braucht den deutschen Leser nicht weiter zu stören, nur sollte dann in einem Nachwort auf die fehlende bzw. weiterführende Literatur verwiesen werden.

Dass der Autor in lockerer, bisweilen fast flapsiger Sprache schreibt, kann, muss aber nicht unbedingt ein Nachteil sein. Dem Rezensenten kam es freilich so vor, als ob der Ton manchmal dem Ernst, der mit Händen zu greifenden Realität, der historischen Tragik und, ja, man möchte fast sagen: der Würde dieses großen Gegenstandes nicht ganz entspräche. Man muss auch nicht einem unangebrachten Strukturalismus das Wort reden, wenn man eine zusammenhängende Darstellung von Arbeitsweise, Aufbau und Entwicklung der Reichsverwaltung vermisst, ohne die das Funktionieren dieses Imperiums weitgehend ein Buch mit sieben Siegeln bleibt. Schön an dem Band sind die gut gemachten Karten und Tabellen, beeindruckend die Tiefe, mit der der Autor in die Welt der religiösen Bruderschaften und Orden eindringt, und die Vielfalt der eingestreuten und sorgfältig übersetzten Zitate; auch die wirtschaftlichen Entwicklungen sind erhellend dargestellt. Hierin liegen die Stärken dieser Neuerscheinung, die man mehrmals – und vielleicht mit anderen Augen – lesen muss, möchte man sich aus der Fülle des Stoffs die Perlen des Wissens hervortauchen, denn „was für den einfachen Menschen ein Stein ist, ist für den Wissenden eine Perle“ (Dschalal ad-Din ar-Rumi, 1207–1273). (tk)

Dr. Thomas Kohl (tk) war bis 2016 im Universitäts- und Fachbuchhandel tätig und bereist Südasien seit vielen Jahren regelmäßig.

thkohl@t-online.de

1 Virginia H. Aksan: What‘s up in Ottoman Studies? Journal of the Ottoman and Turkish Studies Association 1:1-2 (2014) :3-21 academia.edu/9387244/_Whats_Up_in_Ottoman_Studies_Journal_of_the_Ottoman_and_Turkish_Studies_Association_1_1-2_2014_3-21

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