Landeskunde

Reise durch ein verborgenes Land

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2020

Clemens Sehi, Anne Steinbach: Backpacking in Pakistan. Unsere Reise durch ein verborgenes Land. 284 S., mit zahlr. Farbfotos. Düsseldorf: conbook 2020. Broschiert, ISBN 978-3-95889-327-6, € 14,95.

Nicht erst seit sich der „Wandervogel“ Oss Kröher 1951 mit einem Freund auf einem uralten NSU-Motorrad von Pirmasens aus zu einer abenteuerlichen Reise über Istanbul und das pakistanische Lahore nach Indien aufmachte – die Reise finanzierten sich die beiden mit Gesangseinlagen, Zauberkunststücken und Feuerschlucken –, schlägt der Subkontinent durch seine Exotik immer wieder Asienbegeisterte in seinen Bann.1 Anders jedoch als die Pfälzer, die zuvor nicht einmal Motorrad fahren konnten und zwei Jahre für ihre Reise brauchten, mussten die beiden jungen, aber bereits weitgereisten Verfasser des vorliegenden Bändchens für ihre vierwöchige Reise in Berlin nur einen Jet besteigen und – das war noch vor der Coronapandemie – fanden sich bereits kurz darauf in einem Land wieder, das wohl zu den verschlossensten und am schwersten zugänglichen dieser Erde zählt – Pakistan.

Es geht darum, die Welt mit neuen Augen zu entdecken, wie ein Neugeborenes, das sie zum ersten Mal öffnet.

„Es geht darum, die Welt mit neuen Augen zu entdecken, wie ein Neugeborenes, das sie zum ersten Mal öffnet“, lautet das Motto des Autorenduos – später stößt noch ein Schweizer hinzu –, das sich in seinen tagebuchartigen oder szenischen Schilderungen untereinander ablöst. Dieses Wechselspiel von Flo, Anne und Clemens freut den Leser, dem der fast 300 Seiten dicke Band zunächst einigen Respekt einflößt, vor allem, wenn er spürt wie sich Kapitel für Kapitel, Reisestation für Reisestation unaufdringlich die Kultur(en), Religion(en) und Politik(en?) dieses Landes vor dem Auge des Lesers entfalten, gesehen durch die Augen von drei Personen – ein Vorteil, der handbuchartigen Landeskunden und konventionellen Reiseführern notgedrungen abgeht. Die Kenntnisse drängen sich nicht auf, sie bieten sich an.

Wer sich auf die flüssig geschriebene und in 39 Kapiteln gut gegliederte Lektüre einlässt, stellt rasch fest, dass alle Befürchtungen, hier werde nur ein Reisebilderbuch nacherzählt, aufs Angenehmste enttäuscht werden.

Die beiden Reisenden sind gut informiert und berühren auf ihrer kurzen, aber intensiven Tour durchaus die meisten repräsentativen Städte, Monumente, Regionen und kulturellen wie religiösen Highlights dieses beeindruckenden Landes – vom winzigen Seeort Mubarak im Süden bis zur Fairy Meadows am Fuß des Nanga Parbat, wo die Backpackertouristen angesichts der Höhe, der brutalen Kälte und der allgegenwärtigen Durchfallerkrankungen doch ein wenig der Mut zu verlassen scheint.

Die eingestreuten und grafisch gut abgesetzten Reise­ tipps mit ihren praktischen Hinweisen zählen zum kleinen Einmaleins, gegen das zu verstoßen sich nicht empfiehlt. „Passkopien und Pakistan gehören zusammen wie Minarette und Moscheen“, „Einladungen aller Art niemals ausschlagen. Das gilt als unhöflich“, „Chai ist in Pakistan mehr als nur Tee, sondern vielmehr eine Friedenspfeife in allen möglichen Situationen und Diskussionen“ und wie sie alle lauten. Schön auch, dass sich die „Pakistan-Lektionen“ mit den im Buch abgedruckten QR-Codes über Smartphone abrufen lassen. Durchbrochen wird die Abfolge der Erzählung durch Retrospektiven und Einschübe, so etwa durch die biographische Rückblende auf die Kindheit als Gastwirtstochter in Berlin und den pakistanischen Rosenverkäufer vom Alexan­derplatz (Anna) oder die Episode mit dem dicklichen Buben, der im Rotlichtviertel von Lahore von Gleichaltrigen gejagt wird und als Dank für die Befreiung von seinen Peinigern – eine wunderschöne Arie singt (Clemens). Diese erzählerische Miniatur aus dem Herzen des alten Lahore sagt auf ihre Weise mehr über Pakistan aus als manche Analyse.2 Für einen Nachdruck oder eine Neuauflage wünschte man sich eine Karte des Landes mit der Reiseroute – nicht jedem Leser sind Karachi, Islamabad oder Rawalpindi auf der Stelle präsent, ganz zu schweigen von Baltistan oder Gilgit.

Das vorangestellte Motto „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben“ ist einleuchtend, stammt aber nicht von Alexander von Humboldt, der viel Kluges gesagt haben mag, dies jedoch nicht – es handelt sich um ein zwar weit verbreitetes, aber untergeschobenes, ein so genanntes „Kuckuckszitat“; hier wäre ein „fraglich“ oder „zugeschrieben“ angebracht. Sollten die Autoren die Humboldt-Quelle doch noch finden, dann Gratulation – sie wären die Ersten.

Zum Abschluss noch ein Hinweis auf einen – allerdings verständlichen – Irrtum: auf der Grand Truck Road fahren zwar viele Trucks, aber die legendäre Route, die erst bei der Howrah-Brücke in Kalkutta endet, heißt seit eh und je Grand Trunk Road.

Das Reisehandbuch ist handlich und schön aufgemacht (Kompliment an die Herstellung!), die Fotoauswahl im Innern repräsentativ und in ihrer Sicht auf die freundlichen Menschen Pakistans – gerade in diesen Zeiten – ermutigend. Sie sagt auch etwas über die Menschenzugewandtheit der Fotografen, denn nicht jedem gelingt es, Personen so aufgeschlossen zu fotografieren.

Wer daher in Coronazeiten nach einer ebenso angenehmen wie ungefährlichen Möglichkeit sucht, ein Land, das so oft für Negativschlagzeilen sorgt, ohne CO2-Ausstoß, aus der Nähe und ohne die üblichen Scheuklappen kennenzulernen – hier ist die Gelegenheit dazu. Selbst hinfahren? Momentan wohl ehr nicht, aber fragen Sie im Zweifelsfall die beiden Autoren. (tk)

Dr. Thomas Kohl (tk) war bis 2016 im Universitäts- und Fachbuchhandel tätig und bereist Südasien seit vielen Jahren regelmäßig. thkohl@t-online.de

1 Oss Kröher: Das Morgenland ist weit. Die erste Motorradreise vom Rhein zum Ganges. München: Frederking & Thaler 2002.
2 Der Rezensent fühlt sich erinnert an Mirza Ruswas Roman „Die Kurtisane von Lakhnau“, eine atmosphärische Beschreibung des muslimischen Paris‘ Nordindiens um 1850.

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