Theologie | Religion

Lernen in der Begegnung

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 5/2018

Johannes Lähnemann: Lernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosität. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2017. 304 Seiten. Hardcover. ISBN: 978-3-525-70242-0. € 25,00

Der Verlag, der 1986 „Weltreligionen im Unterricht“ (Untertitel „Eine theologische Didaktik für Schule, Hochschule und Gemeinde“ Teil I „Fernöstliche Religionen“, 2. Auflage 1994, Teil II „Islam“, 2. Auflage 1996) und 1998 „Evangelische Religionspädagogik in interreligiöser Perspektive“ von Johannes Lähnemann herausbrachte, regte den Verfasser an, autobiographisch von dem Weg zu berichten, auf dem er einer der wichtigsten Vertreter des interreligiösen Dialogs in Deutschland wurde, ausgezeichnet 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz und 2013 und 2014 mit Wissenschaftspreisen. Johannes Lähnemanns Vater Karl-Heinz, durch seinen Konfirmator in Bochum, den jüdischstämmigen Professor Hans Ehrenberg, zum Theologiestudium bewogen, wurde im April 1940 in der Bekennenden Kirche ordiniert. Fünf Monate später heiratete er Magdalene, Pastorentochter aus Schellerten, die im Burckhardthaus in Berlin zur Gemeindehelferin ausgebildet worden war. Während der Vater Kriegsdienst leistete, wurde Johannes in Schellerten am 15. Juni 1941 geboren. Tief beeindruckte ihn das Herabrieseln von Asche vom Himmel, als der Bombenangriff am 22. März 1943 die nahe Hildesheimer Altstadt zerstörte. Die in Bochum ausgebombten Großeltern kamen in Schellerten unter.

Karl-Heinz Lähnemann, dem Militär entronnen, wurde Ende 1945 Pfarrer nahe Dortmund im Zechenort Brambauer. Seine Familie zog dorthin. Die Kohlenstaub-Luft bereitete dem Kind Johannes angstvolle Atemnot. „Ein Gegenpol war die frühe Freude an Musik“ (18). Er begann mit vier Jahren das Klavierspielen, im August 1949 das Blasen auf dem Horn. „Seither haben die Hörner mich durch mein ganzes Leben begleitet. Auch in der interreligiösen Begegnung bin ich vielen Menschen aus verschiedenen Religionen und Kontinenten sicher ebenso ein Begriff mit meinem kleinen Reise-Horn, mit dem sich gut Versammlungen eröffnen und Gebete der Religionen begleiten lassen, wie mit meiner theologisch-religionspädagogischen Arbeit“ (20).

Den Zehnjährigen, in dessen Elternhaus evangelisches Brauchtum „identitätsbildend“ war, machten Begegnungen mit dem nahen aber unvertrauten katholischen Milieu im Ruhrgebiet und Sauerland zum Heulen „unglücklich“ (8, 21). Der Wunsch, dass Kindern solche Befremdungsangst erspart werde, mag Johannes Lähnemann den Weg in die interreligiöse Religionspädagogik gewiesen haben.

Der Vater wurde 1954 Leiter der Betheler Zweiganstalt Freistatt. In diesem Dorf beim Wietingsmoor im Landkreis Diepholz kam 1957 das jüngste Kind, Christiane, zu den vier Geschwistern hinzu. Johannes, der Älteste, begann nach dem Abitur in Diepholz sein Studium im Sommersemester 1960 an der Theologischen Hochschule Bethel bei Bielefeld. Im Sommer 1961 wechselte er für vier Semester nach Heidelberg. Der Systematiker Edmund Schlink berichtete als offizieller Konzilsbeobachter vom Zweiten Vatikanum in Rom, in dem sich die katholische Kirche zu anderen Religionsgemeinschaften öffnete. „Ein ganz besonderes Seminar“, gehalten, zusammen mit einem Zen-Professor, von dem Schweizer Werner Kohler, der aus einem langen Japan-Aufenthalt viel Interreligiöses in seiner Person mitbrachte, wurde Lähnemanns „erste Begegnung mit der Welt der Religionen“ (31f).

Nach einem Semester an der evangelisch-theologischen Fakultät in Wien sollte ein „Übergangssemester“ in Münster in Westfalen folgen. Aber (34): „Ich fand in diesem Semester meine Frau und meinen Doktorvater, und so sind zehn Jahre in Münster daraus geworden.“ In einer Vorlesung des Neutestamentlers Willi Marxsen erschien eine 21jährige Gymnastiklehrerin, Susanne Dörner, Tochter eines in Münster lehrenden Archäologen. Neugierig geworden besuchte Lähnemann die Vorlesung ihres Vaters über seine Ausgrabungen in der Türkei. 1964 tanzten Susanne und Johannes zusammen. Verlobung wurde am 6. Oktober 1965 im Dörnerschen Grabungslager in Ostanatolien gefeiert. Dort hatte um die Zeit des Auftretens Jesu das Königreich Kommagene Götterfiguren errichtet, die griechisch-römischen mit persischem Kult verbanden (43). Über den neutestamentlichen Brief an die Kolosser, in dem vor kleinasiatischen religionsvermischenden Heilslehren gewarnt wird, schrieb Lähnemann bei Marxsen seine Doktorarbeit. Als sie 1967 fertig war, wurde das Paar zu Pfingsten kirchlich getraut. Dann folgten die Ordination zum Pfarrer und Tätigkeiten an der Universität, und in der Familie stellte sich Nachwuchs ein.

Nach zehn Jahren in Münster begann 1973 mit der Berufung an die Pädagogische Hochschule in Lüneburg (58) der eigentliche Lern-Weg in die Interreligiosität als Lehr-Beruf. Die Begegnung von Religionen, die auf dem heute eng bevölkerten Globus nahe Nachbarn geworden sind – wie es in Lähnemanns Kindheit im dicht besiedelten Ruhrgebiet Katholizismus und Protestantismus waren – wurde zum religionspädagogischen Thema. 1977 erschien Lähnemanns Habilitationsschrift:

„Nichtchristliche Religionen im Unterricht. Beiträge zu einer theologischen Didaktik der Weltreligionen. Schwerpunkt: Islam“ (65, und in der „Auswahlbibliographie“ der Schriften Lähnemanns 292-296). Später wuchsen die anfangs erwähnten Bände heran. Darin kennzeichnet Lähnemann Theologie als „Denken des Glaubens“ und Religion „als Namen für eine Gemeinschaft, in der Menschen aus Erfahrungen mit einer über menschliche Grenzen hinausweisenden Macht/Größe leben“, woher „Sinngebung“ sowie „Anleitungen zum Verhalten“ zukommen (86 und 87, ähnlich 103, 200). Diese Definition bescheidet sich mit der Brauchbarkeit für interreligiöses Lehren. Wie um die Bescheidenheit des Anspruchs zu illustrieren, gibt Lähnemann wieder, was ein katholischer Inder ihn – als Teilnehmer einer Gruppe deutscher Erkundungsreisender 1980 in Benares – fragte: „Haben Sie vor, mit einem Becher einen Ozean auszutrinken?“ Lähnemanns Reaktion, sich der „Unendlichkeit der östlichen Religiosität“ bewusst: Manchmal denke er, „dass auch der Becher wenigstens einen Geschmack vom Ozean geben kann“ (67f).

Seit dem beglückenden Fest in der islamischen Lebenswelt, das an der Kommagene-Grabungsstätte den Verlobten 1965 bereitet worden war, hatte Lähnemann sich für Reisen in fremdreligiöse Welten vorgenommen: „Stell an den Anfang das Staunen“ über das dir begegnende, von dir wahrgenommene Andere. „Stell das Kategorisieren, das Urteilen, zurück!“ (43 und 68) Während des Indienaufenthalts 1980 erreichte Lähnemann per Fax die Nachricht, dass er auf den Lehrstuhl für Religionspädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg berufen worden war (69). Nürnberg wurde bis zur Emeritierung 2007 und darüber hinaus sein Haupt-Wirkungsort. Mit Lähnemann erlebt der Leser interreligiöse Bewegungen, allen voran „Religions for Peace“, gegründet in Kyoto 1970. Der Buchdeckel zeigt Lähnemann bei einem Kongress dieser weltweiten Zusammenarbeitsgemeinschaft in Wien im November 2013 als Vortragenden. Neben dem vom Ökumenischen Rat der Kirchen 1983 angestoßenen konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung mit ihrem Initiator Carl Friedrich von Weizsäcker spielt Hans Küng und sein „Projekt Weltethos“ vor und seit der Veröffentlichung des Buches 1990 eine gewichtige Rolle. 1998 konstituierte sich der Runde Tisch der Religionen in Deutschland. Ab 2006 konsultierte Wolfgang Schäuble Experten für die zu gründende Islamkonferenz.

Seit dem Herbst 1982 werden alle drei Jahre Nürnberger Foren durchgeführt, auf denen Vertreter verschiedener Religionen zum Dialog zusammenkommen. Zur Begegnung „von Kopf bis Fuß“ (78, 101) laden seit 1988 Religionsgemeinschaften in Nürnberg und anderen Städten – wie Berlin und Hannover – einander ein (104): hingehen, andere und sich neu entdecken, verstehen und achten lernen, für- und miteinander eintreten, um Beiträge zu erbringen „für ein lebendiges Gemeinwesen“ (262).

An Lähnemanns Lehrstuhl wurde ab 1999 die Darstellung von Fremdreligionen in Schulbüchern erforscht. Ein enger Kontakt hatte sich ergeben zu den Schneller-Schulen in Amman / Jordanien und in Khirbet Kanafar im Libanon, in denen „christliche und muslimische junge Menschen lernen, friedlich zusammenzuleben“ (127). Während eines Seminars in der Schule in Amman hatte Lähnemann erlebt, wie ein Rabbi „sein dreisprachig in Hebräisch, Arabisch und Englisch verfasstes Buch ShalomSalaamPeace“ präsentierte, aber auch feststellte, „dass im jordanischen Geografiebuch, das die Schule benutzte, anstelle von Israel ein weißer Fleck auf der Landkarte war“ (142).

Der Nürnberger Lehrstuhl organisierte im Schuljahr 2002/03 praktische Lehrerausbildung für deutschsprachigen Islamunterricht in einer bayerischen Schule (175f). Dieser Modellversuch schlug Wellen. 2010 waren 250 Schulen einbezogen, und an mehreren universitären Standorten in Deutschland wurde Islamische Religion gelehrt (180f).

Beim Rekapitulieren der von Lähnemann geschilderten Unternehmungen vermisste ich ein Sachregister sehr. Die 599 Namen im Personenregister (297-304) helfen sporadisch. Zwischendrin erfährt der Leser vom Erleben in der Familie, vom Sohn, der nur 13 Monate alt wurde, von den drei Töchtern und vom Sterben Susanne Lähnemanns an Krebs kurz nach ihrem 60. Geburtstag. Über Susannes Patin begegnete Johannes Lähnemann einer Grundschullehrerin namens Sabine, die ebenfalls Sabine Landois zur Patin hatte. Sabine und Johannes heirateten 2009 in Goslar.

In der Ruhestandswohnung, einer Etage in einem Jugendstilhaus am Rande der Goslarer Altstadt, bekam ich am 1. Dezember 2017 das Klavier und viele Arten von Hörnern, sogar das dreieinhalb Meter lange Alphorn zu sehen und zu hören. Musizieren war Kraftquelle Johannes Lähnemanns zum Herauskommen aus der Atemnot und ist ihm Lebenshilfe für angstfreies Ansprechen Anderer im interreligiösen Dialog. (it)

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 nebenamtlich Kolle giums mitglied der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg. itoedt@t-online.de

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