Psychologie

Ein überfälliges Werk, das zur richtigen Zeit erscheint

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 2/2017

Dulz, Birger / Briken, Peer / Kernberg, Otto F. / Rauchfleisch, Udo (Hrsg): Handbuch der Antisozialen Persönlichkeitsstörung. Stuttgart: Schattauer 2017. 692 Seiten, 15 Abbildungen 174 Tabellen, ISBN 978-3-7945-3063-2. € 99,99

Korruption, Gewaltverbrechen und Sexualstraftaten gab es schon immer. In Kriminalromanen oder auf der Leinwand üben sie eine gewisse Faszination auf uns aus. Der Fall gilt als gelöst, wenn der Täter hinter Gittern sitzt. Inhaftierung proklamiert Sicherheit. Zunächst einmal. Doch was passiert, wenn er seine Strafe abgesessen hat? Ist er dann vom Saulus zum Paulus geworden? Wohl nicht, denn nach einer Langzeitstudie unseres Justizministeriums wird fast die Hälfte aller Straftäter rückfällig.

Es ist noch nicht lange her, dass wir den Eindruck hatten, dass das Stück Welt, in dem wir uns tagtäglich bewegen, ein relativ sicherer Ort sei. Doch inzwischen wachsen die Unsicherheit und das Gefühl der Bedrohung. Aggression und Gewaltbereitschaft scheinen gegenwärtig wenig kalkulier- und kontrollierbar; sie erreichen zuweilen Dimensionen, die wir mit unserem „gesunden Menschenverstand“ nicht mehr fassen können. Beweggründe und Motive der Täter wirken menschenverachtend und oft erschütternd abstrus. Anti-Sozialität in unterschiedlichsten Erscheinungsformen durchdringt alle Gesellschaftsschichten, und viele der betroffenen Persönlichkeiten werden einem Richter nie vorgeführt. Vielleicht war es diese Besorgnis erregende Entwicklung, die Ärzte, Psychologen und Wissenschaftler dazu bewogen hat, sich eingehender mit den zugrundeliegenden psychischen Mechanismen derjenigen Menschen zu beschäftigen, die in uns solches Unbehagen auslösen. Denn: Wenn fast die Hälfte der Insassen unserer Gefängnisse Wiederholungstäter sind, stellt sich die Frage, auf welcher Ebene unsere Interventionen nicht wirken. Liegt es am Strafmaß, einem ineffektiven Vollzug oder gar an der Unverbesserlichkeit der Straftäter? Oder haben wir nur ihre „Strickmuster“ noch nicht verstanden, verstehen wir nicht, wie sie „ticken“? Und wenn das so ist, wie können wir dafür sorgen, dass Straftäter im Vollzug diejenigen Maßnahmen bekommen, die sie brauchen, um nach der Entlassung auf dem „rechten“, dem sozialverträglichen, Weg zu bleiben? Doch wissen wir überhaupt genug darüber, was vonnöten ist, um korrektiv und präventiv auf diejenigen einzuwirken, die, ob nun gestraft oder bis dato ungestraft, Recht und Gesetz brechen? Wissen wir, wie viel an Einsicht und Änderungsbereitschaft wir erwarten können, und von wem? All diesen Fragen gehen die Kliniker und Persönlichkeitsforscher Dulz, Briken, Kernberg und Rauchfleisch in ihrem soeben herausgegebenen Handbuch der Antisozialen Persönlichkeitsstörung auf den Grund. In einer bisher für den deutschsprachigen Raum unvergleichlichen Fülle an Beiträgen internationaler Experten der Forensik, des Strafvollzugs und verschiedener Therapieschulen behandeln sie das gesamte Spektrum der Antisozialen Persönlichkeitsstörung in unterschiedlichen Kontexten von der Führungskraft über den Politiker bis hin zum Gewalttäter. Sie tun dies mit der Absicht, auch für antisoziale Patienten das zu widerlegen, was vor gut zwanzig Jahren noch für Borderline-Patienten gegolten hat: dass sie unbehandelbar seien. Den Herausgebern zufolge stecke die Forschung zu Ätiologie, Diagnostik und vor allem zur Therapie dieser schwierigen und komplexen Patientengruppe noch in den Kinderschuhen, Wirksamkeitsnachweise der eingesetzten Therapien fehlten weitestgehend. Einig seien sich die verschiedenen Schulen darin, dass die Psychotherapie von Menschen mit Antisozialer Persönlichkeitsstörung sich schwierig gestalte, weil sie Therapeuten mit zum Teil sehr provokativem Verhalten, einem massiven Aggressionspotenzial, archaischen Abwehrformationen und einem erheblich beeinträchtigen Realitätsbezug konfrontierten.

Wenngleich empirische Effektivitätsnachweise – nicht zuletzt aufgrund der äußerst abwehrenden und widerständigen Persönlichkeitsstruktur der Patienten, die selten freiwillig eine Therapie beginnen – noch nicht vorliegen, machen die auf zurückliegende Erfahrungen mit Borderline-Patienten basierenden Therapieansätze Mut. Gelinge die Entwicklung von Empathiefähigkeit, könne eine Therapie der Antisozialen Persönlichkeitsstörung, welche in ihrem Ursprung vor allem eine Angst- und Bindungs- bzw. Beziehungsstörung ist, durchaus erfolgreich sein, so Dulz.

Neben einer ausführlichen Besprechung und Evaluation der Erfahrungen, die mit unterschiedlichen und für das Klientel entsprechend modifizierten Therapieverfahren in verschiedenen europäischen Ländern gemacht wurden – dazu gehören neben psychodynamischen und übertragungsfokussierten Verfahren der dialektisch-behaviourale und mentalisierungsbasierte Ansatz, klärungs- und beziehungsorientierte Therapien sowie die Schematherapie – beschäftigt sich das Handbuch mit den grundlegenden Wirk- und Entstehungsfaktoren der Antisozialen Persönlichkeitsstörung, wie der Genetik, emotionalen und Bindungserfahrungen, soziokulturellen und Gender-Aspekten sowie Bedingungen und Folgen des Strafvollzugs. Ein weiterer Fokus liegt auf den vielfältigen Komorbiditäten mit beispielsweise Affektregulations-, Angst-, Sucht- und Traumafolgestörungen sowie dem Verhalten auf Symptomebene (selbstverletzendes und impulsives Verhalten, Suizidalität, Dissoziation, dysfunktionale Sexualität und Beziehungsverhalten). Die zahlreichen Überlappungen stellen Diagnostiker vor große Herausforderungen, weil ein identisches manifestes Verhalten wie „Dissozialität“ oder „Manipulation in Beziehungen“ Folge ganz unterschiedlicher Persönlichkeitsstörungen sein könne: Ausdruck von emotionaler Instabilität, geringer Frustrationstoleranz und Hilflosigkeit beim Borderline-Patienten; Ausdruck von Furchtlosigkeit, Besonnenheit und Kalkulation beim malignen Narzissten oder Psychopathen. Es überrascht daher nicht, dass eine korrekte Klassifikation und (Differenzial)diagnostik der Cluster A, B und C Persönlichkeitsstörungen eine entscheidende Rolle bei der effektiven Behandlung antisozialer Patienten spielen und einen weiteren zentralen Bestandteil des Handbuches bilden.

Beleuchtet und im Achsenmodell anschaulich in Tabellenform dargestellt werden unter anderem die Ausprägung und Art der Antisozialität in Abhängigkeit unterschiedlicher Strukturdefizite.

Das Handbuch der Antisozialen Persönlichkeitsstörung zeigt eindrücklich, dass wir es im Strafvollzug nicht mit „DEM Straftäter“ oder „DER Straftäterin“ zu tun haben, sondern dass es sich hier um Menschen handelt, die sich durch ein breites Spektrum an Krankheits- und Störungsbildern voneinander unterscheiden und die differenzierter und noch nicht genügend beforschter Behandlungsansätze bedürfen. Der Praxisbezug und die Praxisrelevanz des Handbuches sind – gerade auch durch das Aufzeigen von Lücken – als sehr hoch einzuschätzen. Eines machen die Herausgeber hier sehr deutlich: Eine erfolgreiche Behandlung und Re-Sozialisierung von straffällig gewordenen Menschen mit schwerwiegenden Persönlichkeitsstörungen ist durch den Psychotherapeuten alleine nicht leistbar. Vielmehr ist der Mut und der Wille zum Therapieren der Antisozialen Persönlichkeitsstörung eine institutionsübergreifende Aufgabe. Eine Struktur gebende, offene und zugewandte therapeutische Haltung ist als die Grundvoraussetzung anzusehen für die Entwicklung von Empathieund Selbstregulationsfähigkeit im antisozialen Gegenüber. Gelingt dies, dürfen wir uns sicherlich auf eine ähnlich positive Entwicklung freuen, wie wir sie bei der Behandlung von Borderline-Patienten erlebt haben. (ap)

Dipl. Psych. Annett Pöpplein (ap). Nach einer Ausbildung zur Übersetzerin am Sprachen- und Dolmetscherinstitut München und siebenjähriger Tätigkeit in Marketing und strategischer Marktforschung bei multinationalen Konzernen studierte Annett Pöpplein Psychologie mit den Schwerpunkten klinische Psychologie und Kommunikationspsychologie. Noch während des Studiums veröffentlichte sie ein literarisches Sachbuch (Das halbe Herz, dtv-Verlag, 2012) und war als Referentin und Ratgeber-Autorin auf den Gebieten Organspende und angeborene Herzfehler tätig. Am Heidelberger Institut für Psychotherapie (HIP) absolviert sie heute ihre Ausbildung zur tiefenpsychologischen Psychotherapeutin mit Spezialisierung auf die Behandlung von Psychotraumata, Suchterkrankungen und strukturellen Störungen.

annett.poepplein@gmx.de

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