Philosophie, Theologie | Religion

Die Religion von Philosophen

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 5/2023

Iso Kern, Die Religion von Philosophen. Konfuzius, Sokrates, Epiktet, Montaigne, Pascal. Basel: Schwabe Verlag, 2021. 360 S., Hardcover. ISBN 978-3-7965-4230-5. € 64,00.

„Die vorliegende Studie ist die Ausarbeitung einer Vorlesung, die ich im Frühlingssemester 2001 an der Universität Bern hielt.“ So beginnt das Vorwort (1f), laut Seite 2 geschrieben in „Krattingen, 31. Juli 2000“. (Nanu? Hier und an anderen Stellen revidierte ich zu „2020“.) „Am Ende der letzten Vorlesung im Juni 2001, in der ich den Teil IV über Montaigne abschloss, kam ein mir unbekannter Student zu mir, sagte: ‚Das war die beste Vorlesung, die ich in meinem Leben gehört habe‘, und verschwand.“ Dadurch angestiftet arbeitete der Philosophiedozent Kern seine Bleistiftmanuskripte aus – mutmaßlich nach seiner „sogenannten ‚Emeritierung‘ “ – und konzipierte mit großer Mühe den damals nicht gehaltenen Teil über das „genie effrayante“ Pascal.

Kern promovierte in Louvain, habilitierte sich in Heidelberg und lehrte dort und in der Schweiz. Mehr über ihn persönlich gibt der rückwärtige Buchdeckel nicht preis. In der knapp drei Seiten kurzen Einleitung zu seinem Vorhaben (23-25) bestimmt Kern, was Religion heißen soll. (25:) „Religion ist in meinen Augen keine dogmatische Lehre, die man zu glauben hat, sondern eine besondere Art des Handelns“, nämlich „die auf eigenen Erfahrungen beruhenden religiösen Überzeugungen, wie sie sich im eigenen Handeln kundtun“. Wie mir scheint, nannte dies Kant – unter Weglassung von ‚religiös‘– Maxime. Den Katholiken Pascal ordnet Kern in diesem Vorblick bei denen ein, die – wie Augustin und Anselm von Canterbury – „an eine kirchliche, traditionelle Lehre mit ihren Dogmen“ glaubten, wie ihm schien. Darauf ist er nicht aus.

Teil I (29-51): Konfuzius, Kong Sohn von Dsou, lebte ungefähr von –551 bis –479, die meiste Zeit im Staate Lu, der heutigen Provinz Shandong zwischen dem Fluss Hwangho und dem Gelben Meer, gegenüber von Südkorea. Er wirkte als mittlerer Staatsbeamter, war gebildet und lehrte. Weder er noch seine direkten Schüler schrieben seine Lehre auf; erst später wurden Worte von ihm schriftlich festgehalten. Im Nachdenken über die Lehre fragten die Schüler unter sich, wie der Meister Kong den Weg, dao, verstehe, auf dem der Mensch dem Menschen gut ist. Der Meister, gefragt, ob es ein Wort gibt, nach dem man das ganze Leben hindurch handeln kann, antwortete: Es ist shu = was du dir selbst nicht wünschest, das tue auch nicht anderen an, darin sei treu, zhong. (38)

Diese Maxime, die mancherorts auf der Erde gefunden wurde, hat man „Goldene Regel“ genannt; sie steht auch in der Bergpredigt, Matthäusevangelium 7,12.

Konfuzius merkte des Himmels – tian – Auftrag und äußerte kurz vor seinem Tod: „…mit 50 wusste ich um den Auftrag des Himmels, mit 60 gehorchte ich ihm, mit 70 konnte ich den Wünschen meines Herzens folgen, ohne die Grenzen des richtigen Masses zu übertreten.“ (32) Ihm war bewusst, dass der Himmel ihn kennt (46). Kern (51): „Ja, man darf sagen, dass er den Himmel in sich wirken liess – im Sinne von Meister Eckharts ‚Lass Gott in dir wirken!‘ Das scheint mir die höchste Stufe der Religion zu sein.“

Teil II (53-110): Sokrates wurde –470/69 in Athen geboren und starb dort –399 im Alter von 70 Jahren, wegen Religionsfrevel zum Tode verurteilt durch Trinken des Schierlingsbechers. Platon (*–428/7 †–348/7), als junger Mann bei der Gerichtsverhandlung zugegen, hat Sokrates’ Rechenschaftsablegung vor dem Richtergremium nacherzählt. Wodurch wurde ich manchem meiner Mitbürger verhasst? Mein Jugendfreund Chairephon erkühnte sich, das Orakel in Delphi zu befragen, ob wohl jemand weiser wäre als Sokrates. Die Antwort war: Nein. Worauf deutete der Gott da hin? Ich begab mich ans Befragen eines auch von mir für weise gehaltenen Staatsmannes und fand, dass er sich selber sehr weise vorkam, es aber nicht war, was ich ihm dann zu zeigen versuchte, und das verargte er mir. Ich ging fort, überlegend, dass wohl eben keiner von uns beiden Schönes und Gutes weiß; allein er meint zu wissen, ich aber meine nicht zu wissen, was ich nicht weiß, und scheine wohl doch um dieses Wenige weiser zu sein. Des Gottes Sache zu bewähren dünkt mich notwendig, und so befrage ich unablässig den, mit dem ich ins Zwiegespräch komme, und helfe dem Gott, uns bewusst zu machen, dass wir Menschen, was Weisheit in den wichtigsten Dingen betrifft, in Wahrheit nichts wert sind. (Platon, Apología 21a-23c) So wollen manche mich los sein, und ich werde beschuldigt, andere Götter zu erdichten, weil stadtbekannt ist, dass von Kindheit an eine daimónion-Stimme mir abrät von unrechtem Verhalten (31a). Kern (81): Aber Sokrates scheint doch viel zu wissen über „Ethisches“, also wie er praktisch handeln muss. Wer sich selbst kennt, dem sagt sein eigenes Gespür, was er zu lassen hat. Die Sicherheit darin sucht Sokrates „durch eigene Vernunft, völlig rational“ (97).

Dies lesend her kommt mir, wohl von Augustin her, in den Sinn: Unde est memoria? Woher spüre ich mich erinnert? Kern (110): Gegenüber traditionellen Vorstellungen von Göttern ist Konfuzius und Sokrates „wichtiger geworden: ihr persönliches Verhältnis zu dem, was Konfuzius tian (Himmel) und Sokrates meistens ‚den Gott‘ (ho theós) nennt“, so dass ihr Philosophieren „in einer ganz persönlichen religiösen Überzeugung gründet. Und diese Überzeugung ist nicht bloß rational“.

Teil III (111-160): Epiktet, als Sohn eines Sklaven als Sklave in Kleinasien um 50 geboren, wurde nach Rom an einen freigelassenen Sklaven verkauft, der im Dienst Neros (Kaiser 54-68) stand. Dort lernte er bei dem bedeutendsten Lehrer der Stoa. Nach seiner Freilassung lehrte er selbst im koiné-Griechisch der hellenistischen Zeit. Von Kaiser Domitian (ab 81) aus Rom verbannt, zog er an die westgriechische Küste gegenüber von Kalabrien und leitete dort eine Philosophenschule etwa 30 Jahre lang bis zu seinem Tod im Alter von etwa 70 Jahren um 120. Ein römischer Konsul und Historiker, Flavius Arrianus, stenographierte Gespräche (Diatriben) mit Epiktet und stellte 53 Aussagen in einem Handbüchlein, Encheiridion, zusammen, das in christliche Traditionen einging. Gesprächsweise äußerte Epiktet, Zeus, der oberste Gott, habe ihm erklärt: Wir haben dir die Fähigkeit gegeben, mit den Vorstellungen (phantasíais) umzugehen. Wenn du da dich einsetzt, „dann wirst du niemals gehindert, niemals gehemmt, wirst nicht stöhnen, noch jemanden schelten oder jemandem schmeicheln“ (Diatriben I, 1). Im Encheiridion (5) ist formuliert: „Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen über die Dinge.“ Ist zum Beispiel der Tod etwas Furchtbares? Dann hätte er auch dem Sokrates so erscheinen müssen. Aber nur „die Meinung, der Tod sei etwas Furchtbares, das ist das Furchtbare“. „Wenn du dich also beim Gebrauch der Vorstellungen gemäss der Natur verhältst, dann sei stolz!“ (Kern 125) Dafür lobt Epiktet Gott. (Diatriben I, 16; Kern 138f): „Denn was kann ich lahmer Greis anderes tun als Hymnen zum Gott singen? … Das ist meine Aufgabe. Ich erfülle sie und werde diesen Posten nicht verlassen, solange es mir gegeben ist.“ So verhielt sich auch Sokrates (Apología 28d-29a, von Epiktet zitiert; Kern 151). Kern vermisst, „wie bei den meisten der stoischen Philosophen“, bei Epiktet „eine Philosophie der Liebe in all ihren verschiedenen Formen zu den Mitmenschen“ (157-159). Darum sieht er keine Nähe zur „ethischen Lehre von Jesus von Nazareth“. Aus Matthäus 25,31-40 (Spruch des Menschensohns zu den „Gesegneten meines Vaters“: Als ihr für einen von meinen ärmsten Brüdern gesorgt, ihm geholfen habt, „habt ihr es mir getan“): „…wenn sie ihre Mitmenschen wie sich selbst geliebt haben, dann haben sie auch Gott geliebt“. Menschenliebe ist Gottesliebe. Diese Auffassung der jesuanischen Ethik begründe er, sagt Kern, im Buch Der Gute Weg des Handelns. Versuch einer Ethik für die heutige Zeit (2020), auf das er wiederholt hinweist.

Teil IV (161-202): Michel de Montaigne (Eyquem), geboren 1533 im Südwesten Frankreichs, wirkte als Jurist in öffentlichen Angelegenheiten, zog sich ab seinem 39. Lebensjahr gern in das Schlösschen Montaigne zurück, das seit 1477 im Familienbesitz war; dort starb er 1592. In seinem Refugium verfasste er seine ‚Versuche zu leben‘, Essais (169). Als seinen Auftrag scheint er das „erkenne dich selbst“ betrachtet zu haben. „Montaignes Ideal ist Sokrates.“ (175) Er war und blieb gut katholisch, trat aber auch zugunsten der Hugenotten ein (168). Was er vom Glauben sagt, hört sich an (wie bei Konfuzius, Kern 51) nach Meister Eckharts „Lass Gott in dir wirken“. Ob „jene göttliche Religion eine Realität“ sei, darüber enthält er sich des Urteils (200f), wahrt epoché (179). – Hier endete im Juni 2001die Vorlesung.

Teil V (203-339): Blaise Pascal *19.6.1523 †19.8.1662. Als er im Alter von 39 Jahren im Haus seiner älteren Schwester, Gilberte Périer, in Paris gestorben war, bemerkte ein Diener zufällig ein ins zuletzt getragene Obergewand eingenähtes gefaltetes beschriebenes Pergamentblatt. Die Schwester und nahe Freunde kamen überein, dass dies ein Mémorial sei, ein Erinnern an ein Geschehnis, das laut Datierung am Montag, dem 23. November 1654, von ungefähr zehneinhalb Uhr abends bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht währte. Das Mémorial „enthält drei mal sieben Gedanken“, ist also „formal-mathematisch‘ genau durchkonstruiert“ von dem seit früher Jugend für die Mathematik begeisterten (206f) Pascal. Es beginnt mit „feu“. Wie laut Exodus 3,2-5 Mose aus dem brennenden und doch nicht verbrennenden Dornbusch angesprochen wird, so berührt das Feuer Pascal mit „certitude, certitude, sentiment, joie, paix“ und weckt die Frage: „Wer bist Du?“ (213-220) Was da fragend nachdenkt, ist „une ignorance savante qui se connaît“, weises Nicht-Wissen. „Le cœur a des raisons, que la raison ne connaît pas“ (Pensée 423). Das Herz ist es, das fühlt („qui sent“), nicht die Vernunft („raison“); „voilà ce que c’est la foi“ (Pensée 424). Das Herz glaubt dem, der es berührt hat. (265f)

Kann Kern bei der in der Einleitung formulierten Überzeugung bleiben, Pascals Glaube beziehe sich auf Dogmen (25)? Im Vorwort (18) hat er bekannt, Pascal verschrecke und fasziniere ihn, so wie Rudolf Otto 1917 das Numinose definierte: „mysterium tremendum et fascinans“.

In diesem längsten Teil seines Buches setzt Kern sich mit den Pensées, den nach Pascals Tod veröffentlichten Vorbereitungsnotizen zu einer geplanten „Apologie de la religion chrétienne“ (227), und früheren Schriften Pascals informativ auseinander und von ihm ab. „Göttliche, übernatürliche Inspirationen (Offenbarungen) zu erleben“, erklärt er schließlich (331), „muss sicher etwas Hohes sein, aber ich kann nicht sagen, dass ich schon welche hatte, und ich sehe auch nicht ein, dass ich sie durch Unterwerfung meiner Vernunft herbeiführen könnte. Wenn Gott sie mir geben will, dann gibt er sie mir, ob ich meine Vernunft unterwerfe oder nicht. Wenn er sie mir gibt und ich mit meiner kritischen Vernunft einsehe, dass er sie mir gegeben hat und dass sie meine Vernunft übersteigt, werde ich anerkennen, dass mir von ihm eine Inspiration gegeben wurde, der ich meine Vernunft unterwerfen muss. Das schiene mir das allein Vernünftige zu sein.“

Wahrheitsfreunde – Philosophierende, zu denen Kern gehören will (297) – wissen sich berufen zum Wohltun ohne Rückhalt in der eigenen Vernunft und ohne Rücksicht auf sich selbst. (it) ˜

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 ­nebenamtlich Kolle­giums­mitglied der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg.

itoedt@t-online.de

 

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