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Unser Fragebogen – Jürgen Christian Kill

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 5/2020
Antworten von Jürgen Christian Kill, Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München

Was ist Ihre Erinnerung an Ihr erstes Buch? Um welches Buch handelt es sich?

„Ilias und Odyssee“, nacherzählt von Walter Jens. Es war sicher nicht mein erstes Buch, aber das erste Buch, das mich so gepackt hat, dass ich es wieder und immer wieder gelesen habe. Deshalb ist die Erinnerung daran auch noch so präsent.

Ihre drei Lieblingsbücher sind …

Das ist eine gemeine Frage, aber ich will nicht kneifen: Jorge Lui ­ s Borges, „Fiktionen“ / Vladimir Nabokov, „Ada oder Das Verlangen“ / Georges Perec,“„Das Leben. Gebrauchsanweisung“. Von großer Literatur geht ja immer etwas Faszinierendes und zugleich Befremdliches aus. Diese drei Bücher liegen mir (wie viele andere) am Herzen, weil sie Geschichten erzählen, in denen die großen Fragen des Lebens verhandelt werden, die die Welt aber auch in einem Licht zeigen, wie man sie vorher nicht wahrgenommen hat.

Würden Sie Ihre Lieblingsbücher auch als eBook lesen?

Nein. Lieblingsbücher müssen sich genauso gut anfühlen, wie sie geschrieben sind. Nur so kommt es zu einem nachhaltigen Leseerlebnis. Wobei ich natürlich nichts gegen eBooks habe, schließlich verbringe ich viel Zeit mit meinem Reader, den ich zum Prüfen von Manuskripten verwende. Aber das ist Arbeit, Lieblingsbücher sind Vergnügen.

Entspannen Sie beim Lesen oder was sind Ihre Mittel gegen Stress?

Nein, Lesen ist für mich Arbeit, das hat nichts mit Entspannung zu tun. Wenn ich entspannen will, schaue ich in den Himmel.

Traumjob VerlegerIn? Beruf oder Berufung?

Beruf. „Berufung“ hört sich furchtbar pathetisch an und hat immer auch etwas mit besonderen Fähigkeiten zu tun – die ich mir selbst nie zuschreiben würde. Natürlich braucht man als Verleger eine gehörige Portion Idealismus, gerade wenn es um Literatur geht. Und dieser Idealismus wächst ja mit den Jahren, denn früher oder später gehen einem auf dem so schwierigen, umkämpften Buchmarkt alle hehren Illusionen verloren. Einigen wir uns auf „idealer Beruf“.

Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich große Freude habe, Geschichten über die Geschichten anderer Leute zu erzählen und diese Geschichten dann so zu verpacken, dass wieder andere Leute diese Geschichten lesen möchten.

Gibt es für Sie ein Vorbild aus der Welt der VerlegerInnen?

Jérôme Lindon. Sein Verlag, Les Éditions de Minuit, hatte niemals tausend Augen, aber ein Gesicht. Er war stilprägend für die literarische Avantgarde der Nachkriegszeit, hatte eine klare verlegerische Handschrift und ein stringentes Corporate Design «avant la lettre». Jérôme Lindon war ein Verleger, der mit großem Mut und Geschick (und einem unbeugsamen Willen) über fünfzig Jahre die Geschicke seines Hauses führte. Das muss man erst mal schaffen. Chapeau!

Wie beginnt ein guter Tag als VerlegerIn?

Beim Prüfen eines Manuskripts über die ersten vierzig Seiten hinauszukommen, weil die Geschichte einen packt, weil es einen stilistisch überzeugt und weil der Autor eine eigene Stimme hat.

Und wie sieht ein schlechter Tag aus?

Wenn man eben nicht über diese ersten vierzig Seiten hinauskommt. Wenn man sich danach die Verkaufszahlen vom Vortag anschaut und sieht, dass man eigentlich mehr Liebeskind-Bücher hätte verkaufen müssen. Und dann ein schlechtes Gewissen hat, nicht auch Seite einundvierzig gelesen zu haben. Vielleicht hat man ja gerade Weltliteratur verpasst!

Was war das spannendste Ereignis in Ihrem Berufsleben?

Spannende Moment gab und gibt es viele. Bei Auktionen, bei Preisverleihungen, bei Buchpremieren … Ich muss gestehen, dass es in meiner Erinnerung kein Ereignis gibt, das wirklich heraussticht. Allerdings erinnere ich mich noch gut an den Tag, als wir unsere Buchhandlung eröffnet haben. Das war am 28. November 2000, den ersten Kassenzettel habe ich noch als Erinnerungsstück. Wir heißen ja offiziell noch immer „Verlagsbuchhandlung Liebeskind“, obwohl wir seit unserem Umzug vor zehn Jahren kein Ladenbüro mehr haben und es somit auch keine Buchhandlung mehr gibt. Aber der 28. November 2000 war wirklich spannend.

In einem FAZ-Interview stellte Felicitas von Lovenberg Verlegern diese Frage: Wenn Sie eine einzige Veränderung am Buchmarkt bestimmen könnten – welche wäre es?

Die Nachfrage nach Büchern sinkt, der Buchmarkt schrumpft, der Kampf um Marktanteile wird härter. Verlage können Wachstum nur noch auf Kosten anderer Verlage generieren: bessere Handelskonditionen bieten, aufwendigere Marketingkampagnen fahren, erfolgreiche Autoren abwerben … Vielleicht könnte man wie im amerikanischen Profisport ein System einführen, das Nachwuchsautoren über eine bestimmte Anzahl von Jahren an ihren „Ausbildungsklub“ bindet. Das wird natürlich nicht passieren. Aber wenn Frau von Lovenberg danach fragt …

Wie viel Prozent seines Umsatzes wird Ihr Verlag im Jahr 2025 durch elektronische Informationen erwirtschaften?

20 Prozent

Und die große Frage am Schluss: Wie wird sich die Verlagslandschaft in den nächsten zehn Jahren verändern?

Noch fragmentierter. Die großen Verlagskonzerne werden weiter Markanteile gewinnen, die Independent-Verlage werden weiter in die Nische gedrückt, was dazu führt, dass immer mehr Mainstream-Literatur erscheinen wird. Dabei brauchen wir verlegerische Vielfalt, um der Komplexität unserer Gegenwart beizukommen. Wenn man den Leuten nur die Bücher anbietet, die sie sowieso lesen wollen, wird über kurz oder lang die Diskursfähigkeit unserer Gesellschaft in Mitleidenschaft gezogen. Ich fürchte jedoch, dass die Pluralität auf dem Buchmarkt weiter abnehmen wird.

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