Kinder- und Jugendbuch

„Sperre Augen, Mund und Nase auf! Kremple die Ärmel hoch!“

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 2/2021

Sprießen die ersten Krokusse und Schneeglöckchen, hält der Frühling Einzug und mancher grüne Daumen beginnt sich zu regen, ob auf dem Balkon, auf der Fensterbank oder im Garten. Und selbst die Kleinsten verfolgen gespannt, was da alles so krabbelt und raschelt. Da können wunderbar gestaltete Bilder- und Sachbücher diese Neugierde auf die Geheimnisse und Schätze der Natur unterstützen: mit viel Wissen, praktischen Ideen und Projektvorschlägen.

Die Wette zwischen Lilo und ihrem alten Freund Hein gilt: „Jeder kümmert sich vier Wochen um ein Pflänzchen. […] Wer gewinnt, bekommt vom andern einen Preis.“ Denn ­Lilo meint im Gegensatz zu Hein, dass Pflanzen nicht nur „genug Sonne und Wasser“ brauchen. „Sie brauchen Liebe und man muss sie gut behandeln, damit sie wachsen.“ Deshalb spielt Lilo ­ ihrem Pflänzchen auf der Flöte vor, erzählt ihm jeden Abend eine Gutenachtgeschichte und zeigt ihm, „wie groß es einmal werden kann“. Wer wohl die Wette gewinnt? Antje Damm hat mit ihrer Technik, Szenenbilder und Personen aus Karton zu bauen, ein farbenfrohes Bilderbuch geschaffen, welches zum Pflanzen, Basteln und Bauen mit Karton einlädt. ¡ „Da sind keine Tomaten, nur schlappe Blättchen!“, entrüstet sich die kleine Tinka. Ihr Großvater hat ihr Tomatensetzlinge mitgebracht und zeigt ihr, wie sie die Pflänzchen einpflanzen und auf dem Balkon versorgen muss. „Du musst dich gut um sie kümmern. Dann wachsen sie, bis sie größer sind als du.“ Mit kräftigen, großen, realistischen Aquarellzeichnungen beschreibt Sanne Dufft in Tinkas Tomaten, welche kleinen Wunder Tinka an ihren Tomatenpflanzen auf dem Balkon entdeckt. Da sind morgens die Tauperlen an den Spitzen der Blätter, für Tinka „Zauberglitzerperlen“ oder die „gelben Sterne“, die sich in „grüne Kügelchen“ verwandeln. Besorgt um ihre Pflänzchen organisiert sie für die Sommerferien Kümmerer zum Gießen. Sie erntet natürlich mehr als sie essen kann und so bekommen alle „Tomatenhelfer“ eine Kiste; die schönste bereitet sie für den Großvater.

■ Oma Apo lebt in der chinesischen Millionenstadt Chengdu im obersten Stock. Sie ist „etwas eigenartig“, denn sie geht mit ihrem Einkaufswagen nicht auf den Markt um ­einzukaufen. Sie sammelt dort weggeworfenes Gemüse ein, steigt mit ihrem Wagen zur Wohnung hoch und klettert noch weiter auf das Dach. Dort füttert sie mit den Gemüseblättern ihre Enten und Hühner und verteilt die Reste an ihre Pflanzen, denn „die Tomaten haben Hunger, der Senfkohl hat Durst“ und der Chinakohl Angst vor den fetten Raupen. Mit „gebeugtem Rücken“ umhegt und pflegt sie ihre Pflänzchen und wird mit reicher Ernte belohnt, so dass sie ihre Nachbarn und ihre gesamte Familie versorgen kann. Im Garten von Oma Apo lädt die chinesische Künstlerin Tang Wei mit prägnantem Text und ausdrucksstarken, bunten Farbstiftzeichnungen auf diesen Gemüsedachboden und zum Erntefestessen mit süßsauren Auberginen, gedünstetem Lattich und Suppe mit Tomaten und Pilzen ein. Tang Wei hat mit diesem wundervollen Bilderbuch auch ein Bild ihrer eigenen 80-jährigen Großmutter gezeichnet: „Mit lachenden Augen pflanzt sie mitten in der Stadt Gemüse auf dem Dach. Na, so seltsam ist diese Oma eigentlich gar nicht …“

■ Ob Garten, Balkon, Fensterbank, Wald oder Feld, in KinderGarten – Pflanzenporträts, Rezepte, Bastelprojekte und Experimente von ­Gesa Sander und Julia Hoersch heißt es: „Sperre Augen, Mund und Nase auf! Kremple die Ärmel hoch!“ Und schon kann es losgehen durch das Gartenjahr mit Anzuchttöpfen aus Papier oder Eierschalen, gebastelten Selbstbewässerungssystemen, der Produktion von „Gartengold“, Brennesseljauche und Rankhilfen. Ein Pflanz-, Blüh- und Erntekalender zeigt, wann gesät, gepflanzt und geerntet werden kann. Steckbriefe beschreiben ausgewählte Gemüse- und Obstsorten, Kräuter und deren Heilwirkung. Leckere Rezepte wie Erbsensuppe, Rhabarbergrütze, Rote-Beete-Gnocchi, Kräuterquark oder Beerenaufstrich führen zur Weiterverarbeitung der eingebrachten Ernte. Und Färbeexperimente mit Tulpen, Saatbonbons zum Verschenken oder das Herstellen von Vogelplätzchen laden zum Mitmachen ein. Mit tollen Fotos, Illustrationen und kreativen Ideen vermittelt KinderGarten viel Wissenswertes, z.B. dass eine Biene für einen Teelöffel Honig für das Frühstücksbrot über 100.000 Blüten angeflogen und bestäubt haben muss oder dass eine „Ohrwurmglocke“ Läuse vertreiben kann. Und welche Pflanzen ziehen Schmetterlinge besonders an und wie baut man einen Schmetterlingsgarten oder ein Insektenhotel? Bastelprojekte mit Fundstücken aus Wald und Feld sowie Bauernregeln und ein Register komplettieren dieses Gartenbuch. ¡ Mein Insektenhotel – Biene, Schmet­­terling und Käfer von Clover Robin lädt kleine Gartenfreunde zum Aufspüren, Beobachten und Bauen ein. Im originellen Format eines Hauses und mit vielen Klappen zum Öffnen zeigt sie mit bunten, lustigen Aquarellzeichnungen und kurzen, einfachen Texten, wer in die einzelnen Stockwerke eingezogen ist. Ein Bilderbuch zum Anfassen, Klappen, Öffnen und Vorlesen, das Entdeckerfreude und Neugierde weckt herauszufinden, was denn da draußen alles so krabbelt und raschelt, und welche Materialien für das eigene Insektenhotel gebraucht werden, damit Bienen, Schmetterlinge, Käfer, „Mini-Monster wie Spinnen, Asseln und Tausendfüßer“ ihr perfektes Zuhause bekommen.

■ „Spür das Gras, beobachte den Wind und lass deine Gedanken fliegen […] Wir müssen einfach nur mit allen Sinnen dabei sein. Dann begreifen wir, was uns die Pflanzen, ­Tiere, Sterne, Felsen und all die anderen Dinge in unserer Umwelt verraten“, so die Aufforderung in Die Natur – Entdecke die Wildnis vor deiner Haustür, einem großartigen, 380 Seiten starken Naturführer. Gefüllt mit Wissen, verpackt in lockere, witzige Texte, zu Bäumen und Blumen, Insekten, Amphibien, Vögeln, Reptilien und Säugetieren, Gesteinen, Gewässern, Wolken und Sternen: z.B. über den Ameisenstaat, die Blätter-Zuckerfabrik, die besondere Nase des Regenwurms, den Rockstar im Gezeitentümpel, die Kork-Reise ins Weltall oder die notwendige Ausrüstung für Vogeldetektive und Streifzüge in die Umgebung. Außergewöhnlich und verspielt sind die Zeichnungen des portugiesischen Illustrators Bernardo P. ­Carvalhou in den starken Kontrastfarben Orange und Blau in Aquarell-, Skizzen- und Strichtechnik; stimmungsvoll locken sie zu Erkundungstouren in die Natur. In jedem Fall werden die Autorinnen Maria Ana ­Peixe Dias und Ines Teixeira do Rosário ihrem Anspruch und ihrer Überzeugung in diesem tollen Naturbuch, nominiert für den Jugendliteraturpreis, gerecht: „dass wir die Schönheit und die Reichtümer der Natur besser würdigen und bewahren können, wenn wir mehr darüber wissen.“

Antje Damm: Die Wette. 36 S., Moritz, Frankfurt/M. 2021, ab 5

 

Sanne Dufft: Tinkas Tomaten. 32 S., Urachhaus, Stuttgart 2020, ab 4

 

Tang Wei: Im Garten von Oma Apo. Ü. a. d. Chinesischen Brigitte ­Koller Abdi, 32 S., Baobab Books, Basel 2020, ab 5

 

Gesa Sander, Julia Hoersch: Kinder ­ Garten.­ Pflanzenporträts, Rezepte, Bastelobjekte und Experi­mente. 184 S., AT, Aarau/ München 2019, ab 10

 

Clover Robin: Mein Insektenhotel – Biene, Schmetterling und Käfer. Ü. a. d. Englischen Elsbeth Ranke, 16 S., cbj Kinder- und Jugendbuch, München 2020, ab 3

 

M. A. Peixe Dias, I. Teixeira do Rosário, B. P. Carvalho (Ill.): Die Natur – Entdecke die Wildnis vor deiner Haustür. Ü. a. d. Portugiesischen Claudia Stein, 368 S., Beltz & Gelberg, Weinheim 2019, ab 8

Renate Müller De Paoli ist freie Journalistin.

RMDEP@t-online.de

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