Landeskunde

Russland | Putin

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2022

Siegert, Jens, Im Prinzip Russland. Eine Begegnung in 22 Begriffen, Edition Körber, 2021, 193 S., ISBN 978-3-89684-288-6, € 19,00.

Der Journalist und Politikwissenschaftler Jens Siegert lebt seit 1993 in Moskau und ist mit einer Russin verheiratet. Zunächst als Hörfunk-Korrespondent tätig, leitete er von 1999 bis 2015 das Russland-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung. Von 2016 bis 2020 betreute er ein EU-RusslandProjekt am Moskauer Goethe-Institut. Sein Buch erstreckt sich von Politik, Geschichte und Wirtschaft über das tägliche Leben, die Kultur und Sozialpsychologie eines Volkes, das völlig andere Prägungen erfuhr als die Nachkriegsgenerationen Mittel- und Westeuropas.

Das beginnt mit Russlands Demokratieerfahrungen (Kapitel 1). Sie beschränken sich auf die 1990er Jahre unter Boris Jelzin. Alle vorherigen Versuche, sich von absolutistischer Herrschaft zu befreien, seien letztlich gescheitert. Jelzins Regierung wurde jedoch als Zeit chaotischen Zerfalls wahrgenommen – nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich. Denn neben individuelle Freiheitsrechte trat eine zügellose Marktwirtschaft, in der einige Wenige sehr reich wurden, während die große Mehrheit der Menschen verarmte. Der schlichte Überlebenskampf weiter Bevölkerungsteile gipfelte 1998 in der Russlandkrise: Die Kombination aus Misswirtschaft, schwachem Staat, Korruption und Abhängigkeit von ausländischen Krediten brach zusammen. Demokratie und Kapitalismus sind seither vielen Russen Synonyme für Chaos und Schutz der Starken vor den Schwachen. Dass der Westen Jelzin bis zuletzt stützte, trug nicht gerade zu einer Annäherung an dessen wirtschaftspolitisches System bei, argumentiert der Verfasser. 1999 übernahm Wladimir Putin – zunächst als Premierminister unter Präsident Jelzin, danach als dessen kommissarischer Nachfolger, schließlich als gewählter Präsident. Putin war in allem Jelzins Gegenteil: Jung, gesund, tatkräftig und Repräsentant eines starken Staates. Er galt vielen als Retter. Putins Erfolgsfaktoren laut Siegert? Schlichtes Glück hatte er dadurch, dass die russische Wirtschaft nach der Russlandkrise wieder wuchs – unter anderem wegen einer massiven Rubel-Abwertung und steigender Ölpreise. Die von Putin betriebene politische Stabilisierung Russlands förderten aber auch ausländische Investitionen im flächenmäßig größten Staat der Welt. Daneben setzte er zunächst Wirtschaftsreformen durch, so dass in den 2000er Jahren die Renten und Löhne der allermeisten Menschen stiegen. Sie nahmen dafür in Kauf, dass ihre neuen Freiheitsrechte schrittweise wieder eingeschränkt wurden. Hauptsache:

Stabilität und Wirtschaftswachstum. Der Autor begründet auch diese Besonderheit historisch (Kapitel 12): So dürfe die Staatsmacht in Russland traditionell über die Menschen entscheiden, müsse aber auch für sie sorgen. Insofern beruhe Putins Präsidentschaft auf drei Machtsäulen, nämlich Gewalt, materiellem Wohlstand und Legitimität. Zu Legitimität verhelfen neben Kirche, Partei und einer gesteuerten öffentlichen Meinungsbildung offenbar auch freie Wahlen. Denn nach der Parlamentswahl 2011 fanden erste Massendemonstrationen gegen Wahlfälschungen statt. Sie hatten die Kremlpartei „Einiges Russland“ begünstigt. Aber schon 2014 erfand sich der russische Präsident laut Siegert mit der Krim-Annexion neu: Statt Wohlstand und Sicherheit strebe er seither die Wiederbelebung des russischen Großmacht-Anspruchs an. Auch diesem Kurswechsel habe eine überwältigende Bevölkerungsmehrheit zugestimmt: 2014 hatte US-Präsident Obama Russland als Regionalmacht bezeichnet. Dies sei landläufig als tiefe, narzisstische Kränkung wahrgenommen worden.

Überhaupt erklärt „Im Prinzip Russland“ Putins Verhalten und Erfolg umfassend sozialpsychologisch, vor allem in den Kapiteln 13, 14 und 18 zu „Gopniki“, „Silowiki“ und „Obida“. „Gopniki“ seien ursprünglich kriminelle Jugendliche aus schwachen sozialen Schichten. Getrieben von niederen Instinkten, wollten sie nicht nur Beute, sondern es den angegriffenen „Weichlingen“ (S. 116) mal so richtig zeigen. Putin stütze sich inzwischen stark auf entsprechende Ressentiments weiter Bevölkerungsteile. Diese beruhten vor allem auf Minderwertigkeitsgefühlen und setzten Aggressionen frei. Sein Appell an niedere Instinkte ließe sich am besten im Verhalten gegenüber der Ukraine verfolgen – wohlbemerkt: Siegert schloss sein Manuskript ein Jahr vor dem russischen Überfall ab. Am besten reagiert man seines Erachtens auf „Gopniki“ selbstbewusst, ohne sie weiter herauszufordern. Wer sich dagegen einschüchtern lasse, mache alles noch schlimmer. Das Gegenüber werde zunächst mit heftigen Aussagen getestet. Reagiere es mit Angst oder Zurückhaltung, lege der „Gopnik“ nach. Bliebe es standhaft, schalte der Angreifer einen Gang zurück. Beruht also die gesamte russische Außenpolitik auf der „Gopnik“-Strategie? In diesem Fall sei ein klares „Halt, so nicht“ zielführender als die in Deutschland oft übliche Kompromiss-Suche ohne vorherigen Kampf. Denn die Russen machten sich insbesondere lustig über die „verweichlichten Deutschen, denen die Amerikaner das Kämpfen ausgetrieben haben“ (S. 117).

„Silowiki“ übersetzt der Autor mit „Machtmenschen“. Der Ex-Geheimdienstmitarbeiter Putin verkörpere diesen Typ aufs Beste. Je schlimmer unter Jelzin die politische und wirtschaftliche Lage wurde, je tiefer Russlands internationales Ansehen damals sank, desto wichtiger fand die Bevölkerung Geheimdienst und Armee. Beide erhielten unter Putin neue Machtfülle. Allerdings achtete er in seinen Anfangsjahren noch auf ein Gleichgewicht zwischen Wirtschaftsfachleuten, die das Geld verdienten, und Politikern, die es zum Machterhalt ausgaben. Seit der Finanzkrise 2008/2009 und endgültig seit der Krim-Annexion 2014 hätten die Wirtschaftsexperten jedoch nichts mehr zu sagen.

 

Unter „Obida“ versteht der Autor die große Kränkung, die der Westen aus Sicht vieler Russen verübe. Der Westen wolle Russland nämlich kleinhalten. Den Zerfall der Sowjetunion habe er als „Mutter aller Kränkungen“ (S. 152) herbeigeführt und auch Putin sehe darin „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts.“ (ibid) Der Verfasser zitiert Befragungen, nach denen fast zwei Drittel der Bevölkerung Russland für ein demokratisches Land halten und nur etwa jeder Sechste im Jahr 2015 fand, dass Russland dem Westen gleichen solle. Dahinter verberge sich ein kompliziertes russisches Europa-Verständnis, das vor allem Kapitel 5 erläutert. Das Verhältnis zum alten Kontinent beruhe auf einer „Dialektik von Bewunderung und Verachtung“ (S. 44). Bis heute kaufe Russland beispielsweise westliche Technologie gegen Rohstoffe. Nicht nur bei Autos sei oft von „Euroqualität“ die Rede. Gleichzeitig flache ­diese Zuneigung seit Mitte der 2000er-Jahre ab, beispielsweise wegen der „Erzählung vom moralischen und materiellen Verfall Europas“ (S. 48) und Russlands wachsender Bindung an die aufsteigenden asiatischen Volkswirtschaften. Stichwort Asien: Warum versteht sich Russland weiterhin als Weltmacht und Nachfolger der Sowjetunion, obwohl es vor allem im Vergleich zu China wirtschaftlich massiv an Bedeutung verloren hat? Dies erhellt Kapitel 7. Der Grundstein des russischen Imperiums läge in Sibirien. Dessen Eroberung ab dem 16. Jahrhundert sei ein typisch europäischer Kolonialisierungsakt und für Russlands politischen und wirtschaftlichen Aufstieg maßgeblich gewesen. So habe Russland mit Hilfe der Transsibirischen Eisenbahn, die zwischen 1891 und 1916 mit ausländischen Krediten erbaut worden war, die gigantischen sibirischen Rohstoffvorkommen industriell erschlossen. Siegert fasst zusammen: „Bis heute lebt Russland vom Naturreichtum Sibiriens“ (S. 64), obwohl diese riesige Region mit rund 33 von 145 Millionen Einwohnern immer noch sehr dünn besiedelt sei. Interessantes Detail: Mitte des 19. Jahrhunderts eroberte Russland große Gebiete nördlich und östlich des Amur vom damals schwachen China. Das Kaiserreich musste die verschobene Grenze 1860 im Vertrag von Peking anerkennen. Dieser Vertrag gelte vielen in China als Akt kolonialer Erniedrigung, der zu revidieren sei.

Putins „Krim-Konsens“ von 2014 mit Zustimmungswerten über 80 Prozent trug laut Siegert allerdings nur bis 2018. Danach nahmen wirtschaftliche Not, ­Korruption, Defizite im Gesundheits- und Bildungssystem wieder Überhand. Den Rest besorgte die Corona-Pandemie. Wollte Putin also mit seiner „militärischen Spezialoperation“ die Stimmung verbessern? Und warum begehren Russlands Oligarchen nicht gegen ihn auf, obwohl sie unter den Sanktionen leiden? Jenseits aktueller westlicher Medienberichte über deren gehäufte Unfälle und sonstige plötzliche Todesfälle erklärt der Autor: Privilegien band schon die Sowjetunion weniger an Eigentum und mehr an die Stellung im System, die man jederzeit verlieren konnte. Privilegierte Funktionäre zum Beispiel bekamen nur zehn Prozent ihrer Gehälter in Geld. Auch so genannte Helden (Kapitel 10) erhielten Privilegien. Dem – übrigens rein männlichen – Heldentum hauchte Putin neues Leben ein. Es sei eng mit einem traditionellen Familienbild verbunden. Obwohl die gesellschaftliche Realität ganz anders aussehe, stimme die Bevölkerung diesem Bild mehrheitlich zu. Und die russische Intelligenzija? Auch sie sei mit Privilegien bei Laune gehalten und kontrolliert worden. Zumal bekanntlich alle, die nicht spurten, nach Sibirien kamen. Wie Gefangene und Verbannte dort zuweilen mit bloßen Händen Rohstoffe aus den Böden kratzten, schildert Kapitel 8. Demnach waren die Gulags der Bolschewiken auch keine grundsätzlich neue Erfindung. Im Vergleich mit den Lagern des Zarenreiches fielen sie zwar größer, industrieller und brutaler aus. Vom Grundsatz her stelle staatliche Grausamkeit gegen das eigene Volk aber eine der großen Konstanten der letzten 400 Jahre russischer Geschichte dar. Eine Aufarbeitung dieser und anderer staatlicher Verbrechen unterdrücke der russische Staat bis heute – maßgeblich durch seine Geheimdienste. So wachse beispielsweise das Ansehens Stalins in der russischen Bevölkerung seit den 2000er Jahren! Auch die Massen­medien trügen dazu bei. Deren Rolle nimmt Siegert in Kapitel 19 unter die Lupe. Im zweiten Tschetschenienkrieg habe die Presse beispielsweise noch frei über versagendes russisches Militär berichtet. Später habe Putin vor allem im reichweitenstarken Fernsehen eine positive Berichterstattung erzwungen und unabhängige Journalisten unter Druck gesetzt – vom Kabelsender TV-Doschd bis zur erschossenen Anna Politkowskaja. Ab 2011 Jahren habe sich jedoch das Internet zur Achillesferse seiner Medienkontrolle entwickelt, siehe Alexej Nawalnyjs Aufstieg. Deshalb habe Putin bis Ende 2020 die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen, sein Land vom weltweiten Internet zu trennen.

„Im Prinzip Russland“ schildert auch zahllose praktische Besonderheiten des russischen Alltags, etwa die Kunst des Schlangestehens (Kapitel 3), die historisch begründete Angst der Bevölkerung vor Enteignungen (Kapitel 6), oder die „Zwangs-WG“, in der sich mehrere ­Familien Küche und Bad teilen (Kapitel 9). Das Buch erklärt, was das alles mit den Menschen macht, wie es zum Beispiel um die oft zitierte russische Gastfreundschaft steht (Kapitel 15) oder wie sich die Rolle der Datscha geändert hat (Kapitel 17). Klar wird daneben, warum Gorbatschow nicht nur als Zerstörer der Weltmacht Sowjetunion verachtet wird, sondern auch wegen seiner erfolglosen Anti-Alkoholkampagne oder seines Verzichts auf öffentliches Fluchen, wodurch er auf viele Menschen hochnäsig, volksfern und schwach wirkte. Auch geschichtliche Zusammenhänge beleuchtet Siegert umfassend – beispielsweise die Rolle der russisch-orthodoxen Kirche (Kapitel 4), deren aktuelles Oberhaupt Kirill I Putins Angriffskrieg nachhaltig stützt. Dies sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass sich sowohl ukrainische als auch russische Nationalisten als Nachfolger der Kiewer Rus sähen, dem Zusammenschluss der meisten ostslawischen Völker unter Wladimir dem Heiligen vor rund 1.000 Jahren. Kiew sei nach dieser Logik die Mutter aller russischen Städte. Schon Peter der Große hatte die russisch-orthodoxe Kirche endgültig zur Staatskirche gemacht. Deren Abspaltung ging im Übrigen nicht mit einer gesellschaftlichen Modernisierung wie bei der westlichen Reformation einher, sondern verstärkte umgekehrt die Beharrungskräfte. Beispielsweise stellt sie das Konzept orthodoxer Menschenrechte, bei denen das Kollektiv Vorrang genießt, den universellen Menschenrechten entgegen. Bemerkenswert erscheint bei alledem, dass Putin jungen Fachkräften immer noch die Ausreise erlaubt. Siegert bespricht das Thema „Grenzkontrollen“ in Kapitel 22. So erhielt die russische Bevölkerung erst 1993 das allgemeine Recht, ins Ausland zu reisen. Dennoch hätten die allermeisten Russen ihr Land noch nie verlassen. Politisch verunsichere der Grenzverlauf in der riesigen osteuropäischen Tiefebene. Daneben sähen viele Russen seit dem Ende der Sowjetunion ihr Land überall dort, wo Russen lebten. Der Überfall auf die Ukraine passt in dieses imperialistische Weltbild, nach dem Russlands Landesgrenzen zu eng gezogen seien.

Siegert vermittelt auf wenigen Seiten zahllose Erkenntnisse. Wer im pluralistischen Westen sozialisiert wurde, versteht nach der Lektüre viel besser, warum Marktwirtschaft, Staatsmacht, Freiheitsrechte und Demokratie in Russland überwiegend ganz anders eingeschätzt werden als hierzulande. Literaturhinweise finden sich am Buchende. Es lassen sich auch einzelne Kapitel isoliert lesen und verstehen. Dies führt allerdings zu Wiederholungen, etwa wenn es um Russlands narzisstische Kränkung durch den Westen oder Stalins Terrorherrschaft und die damit verbundenen Todesopfer geht. Als Kernbotschaft bleibt hängen: Putin beendete in den Augen einer russischen Bevölkerungsmehrheit den Niedergang ihres Landes und das Chaos der 1990er Jahre. Er macht aus Russland wieder eine Großmacht.

 

Belton, Catherine, Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste, HarperCollins Deutschland GmbH, 2022, 704 S., ISBN 978-3-74990-328-3, € 26,00.

Catherine Belton ist Journalistin. Von 2007 bis 2013 berichtete sie für die Financial Times aus Moskau, anschließend arbeitete sie für Reuters. Derzeit ist sie für die Washington Times tätig. Ihre Investigativrecherche beruht auf zahlreichen Tiefeninterviews mit ehemaligen Weggefährten Putins. Männer, deren Macht Putin zu groß wurde und die deshalb in Ungnade fielen – beispielsweise Wladimir Jakunin, ein ehemals hochrangiger Mitarbeiter des KGB. Die englische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel “Putin‘s People. How the KGB Took Back Russia and Then Took on the West”.

Das Buch erklärt, wie Putin aufsteigen konnte und sich bereits so lange an der Spitze Russlands halten kann. Nämlich, indem er einen Gegenpol zu Jelzin und ein Geflecht ehemaliger KGB-Weggefährten um sich bildete, das offenbar bis heute perfekt funktioniert. Daneben zeigt die Autorin, wie zutiefst korrupt die Strukturen der Jelzin-Ära waren, welche konkreten Oligarchen sich wie bereicherten, wen von ihnen Putin warum durch andere Machtmänner ersetzte und was diesen Herrscher seit seiner Kindheit antreibt. Dazu gehört insbesondere Putins KGB-Zeit in Dresden, während der er den Zerfall der Sowjetunion hautnah erlebte bzw. erlitt.

„Putins Netz“ beginnt mit einer Übersicht der wichtigsten Protagonisten. Zum engsten Kreis, den oben bereits erläuterten „Silowiki“ zählt Belton: Igor Setschin, Putins rechte Hand und ehemaliger KGB-Agent, der Vorstandsvorsitzender des staatlichen Ölriesen Rosneft wurde, nachdem der Kreml Michail Chordorkowskis Ölkonzern Jukos übernommen hatte; Nikolai Patruschew, Chef des damaligen Inlandgeheimdienstes FSB, der Nachfolgeorganisation des KGB; weitere ehemalige KGB- bzw. FSB-Kollegen Putins wie Wiktor Tscherkessow, Sergej Iwanow oder Putins Platzhalter Dmitri Medwedew. In die nächste Kategorie gruppiert Belton KGB-nahe Geschäftsleute: Gennadi Timtschenko etwa gründete das Ölhandelsunternehmen Gunvor, wurde schnell sehr wohlhabend und in Putins dritter Amtszeit noch mächtiger und reicher; Juri Kowaltschuk übernahm unter anderem die wichtige Bank Rossija gemeinsam mit Wladimir Jakunin; Arkadi Rotenberg stieg als Putins ehemaliger Judopartner zum Milliardär auf. Anschließend erklärt die Autorin, welche Verwandten, Funktionäre und Geschäftsleute unter Russlands erstem Präsidenten Boris Jelzin eine maßgebliche Rolle spielten. Unter den Verwandten findet sich zum Beispiel die weit und breit einzige einflussreiche Frau, nämlich Jelzins Tochter Tatjana Djatschenko. Ihr (künftiger) Ehemann Walentin Jumaschew leitete Jelzins Präsidialverwaltung. Als Beispiele für Oligarchen, die sich maßlos bereichern konnten, seien Boris Beresowski und Michail Chordorkowski genannt. Insbesondere Chordorkowski verscherzte es sich nachhaltig mit Putin – seine Verurteilung erhielt auch hierzulande große mediale Aufmerksamkeit. Wichtige Funktionäre der Jelzin-Ära waren beispielsweise Jewgeni Primakow, seines Zeichens ebenfalls Ex-Spion; Pawel Borodin, der Chef der Kreml-Liegenschaftsverwaltung; Sergej Pugatschow, der in den 1990er Jahren der Bankier des Kremls war und wiederum eng mit Borodin kooperierte. Unter „Mafiosi“ listet Belton weitere Wegbereiter aus Sankt Petersburg und Moskau. Sie pflegten nicht nur enge Kontakte zu KGB-nahen Geschäftsleuten, sondern auch zum New Yorker Immobilienmogul Donald Trump. Die Verfasserin weist dem ehemaligen US-Präsidenten zahllose weitere Verstrickungen mit Putins Netzwerk aus seiner Zeit als Geschäftsmann nach. Nach der Personen-Übersicht geht es in die Details. Akribisch recherchiert beschreibt Belton, wie aus dem ehrgeizigen Kind Wladimir ein Präsident Putin wurde, der Russland seit über 20 Jahren mit immer härterer Hand regiert. Diese Mischung aus Fakten und detailreicher Erzählung hat Vor- und Nachteile: Wer spannungsreiche Agenten-Thriller liebt, wird Beltons Werk nicht aus der Hand geben. Wer dagegen knappe Sachinformationen sucht, dürfte überfordert bis enttäuscht sein: zu viele Nebensächlichkeiten werden hier ausgebreitet. Alle Leser, auch wenn sie das Buch nur querlesen, werden sich allerdings beide Augen reiben: Das hier ist keine Fiktion, es ist blutige Realität, die auch erklärt, mit welcher (aus westlicher Sicht) Skrupellosigkeit Putin und seine Helfer in der Ukraine vorgehen. Rund ein Fünftel des Buches bestehen aus umfangreichen Quellenangaben. Darunter befinden sich neben den zahllosen Interviews der Autorin weitere Medienberichte. Daneben gibt es über 50 Fotos, so dass sich die Leser von „Putins Netz“ im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild machen können. Dort sieht man auch den jungen Wladimir Putin, zum Beispiel als Verbindungsoffizier zwischen KGB und Stasi in Dresden. Schließlich stellt Belton hier wichtige Terrorakte heraus, die Russland erschütterten, nämlich die blutig beendeten Geiselnahmen in einer Schule in Beslan und im Moskauer Dubrowka-Theater. Beide gehen mutmaßlich auf das Konto tschetschenischer Terroristen – aber hundertprozentige Sicherheit, wer da was initiiert und wie beendet hat, gibt es nach Beltons Lektüre nicht mehr. (bk) 🔴

Prof. Dr. Britta Kuhn (bk) lehrt seit 2002 VWL mit Schwerpunkt International Economics an der Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain.

britta.kuhn@hs-rm.de

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