Geschichte

Hat jede Vergangenheit eine Zukunft?

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 1/2019
Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung

Masha Gessen, Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor. Aus dem amerikanischen Englisch von Anselm Bühling, Berlin: Suhrkamp Verlag 2018, 639 S., ISBN 978-3-518-42842-9, € 26,00

Masha Gessen ist eine US-amerikanische Journalistin russischer Herkunft, die eine ganze Reihe von Publikationen über Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vorgelegt hat, darunter 2012 auch ein Buch über den russischen Präsidenten Vladimir Putin, aber auch die Geschichte des Mathematikers Grigori Perelman. Das vorliegende Buch erhielt 2017 in den USA den National Book Award in der Kategorie „Nonfiction“ und wird während der diesjährigen Leipziger Buchmesse im März den „Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung“ erhalten.

Der Obertitel klingt doppeldeutig oder widersprüchlich, aber der Berufshistoriker denkt sogleich an Studien der deutschen Historiker Reinhart Koselleck über „Vergangene Zukunft“ und Reinhard Wittrams „Zukunft in der Geschichte“ oder an die geschichtsphilosophischen Betrachtungen des französischen Historikers Raymond Aron zum Thema schon Ende der 1940er Jahre. Um es ganz simpel auszudrücken: Am Nachmittag ist der Vormittag schon Geschichte. Die drei Zeitdimensionen, Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft, sind nun einmal in unauflöslicher Weise miteinander verschränkt. Dies ist weder neu noch falsch und besonders originell ist es auch nicht, weil das vermeintliche Paradoxon sich selbst aufhebt. Im amerikanischen Original und in der deutschen Übersetzung unterscheidet sich übrigens der Untertitel ganz erheblich. Während er im Original „How Totalitarianism Reclaimed Russia“ heißt, lautet er in der deutschen Fassung„Wie Russland die Freiheit gewann und verlor“. Eine wie auch immer geartete Anspielung auf die Totalitarismustheorien und die erbitterten Debatten über deren sinnvolle Anwendung wollte der sich auf der politischen Linken verortende Suhrkamp-Verlag wohl unter allen Umständen vermeiden.

Wer die Verhältnisse in Russland ein wenig kennt, stellt nach der Lektüre des Buches fest, dass er nun auch nicht klüger ist als zuvor. Zudem weiß man auch nicht, was man denn nun gelesen hat: eine Art von Roman, ein Sachbuch oder eine wissenschaftliche Studie. Möglicherweise ist das gewollt, aber es trägt zur Erkenntnis nichts bei. Eher ist es wohl so, dass die Autorin sich nicht entscheiden konnte, und so liegt ein Buch vor, das den Leser/die Leserin enttäuscht. Es enttäuscht, weil es fast durchgängig eindimensional ist und die Gesellschaft als graue Masse vorstellt, deren Feind ein wie auch immer gearteter Staat ist, der alle Übel in sich vereinigt.

Die Eindimensionalität beginnt schon bei der Schilderung der Sowjetgesellschaft, die nach Stalins Tod und seit Chruschtschows Tauwetter durchaus auch eine spezifische Mehrdimensionalität aufwies, der sich nicht im Samizdat und in der Dissidentenbewegung erschöpfte. Von 1968, als ich erstmals im Lande war, bis hin zu Gorbatschows Perestrojka und Glasnost‘ gab es zahlreiche Facetten in Kunst, Kultur, Wissenschaft und dem, was man so als Alltagsleben bezeichnet. Es gab das öffentliche Leben und das private und dies waren zwei getrennte Welten. An der Wohnungstür blieb das kollektive Sowjetleben, die Welt des kollektiven Besitzes, für den niemand zuständig und verantwortlich war, zurück und in der Privatsphäre galt das Wort „akkuratno“ als Synonym für Ordnung und Sauberkeit. Die strikt voneinander geschiedenen Bereiche waren ein Aspekt eines „Doppellebens“, von dem die Autorin uns berichtet. Doch ihr Begriff entstammt George Orwells „1984“ und heißt „Doppeldenk“. Aber die Negativität dieses Begriffes verkennt die Möglichkeiten, die sich aus dem Rückzug in die Privatheit ergaben. Dies bedeutet selbstverständlich nicht, dass die UdSSR kein totalitärer Staat war, der seine Bürger/innen jeder Zeit und auch noch in den 1970er und 1980er Jahren terrorisieren und drangsalieren konnte. Es weist nur darauf hin, dass es in der Breschnew-Ära immer stärkere Möglichkeiten des Rückzugs aus dem sowjetischen Leben gab.

Ein Grundproblem des Buches ist zudem seine Konstruktion, in der es vier junge Menschen als „Hauptpersonen“ gibt, die zwischen 1982 und 1985 geboren wurden, also in der niedergehenden UdSSR und im „neuen“ Russland aufwuchsen: Mascha, Shanna, Serjosha und Ljoscha. Schon dieser Gebrauch der in Russland so geläufigen Diminutivformen des Namens soll wohl eine gewisse Nähe und Intimität suggerieren, einerseits der Autorin zu ihren Protagonisten/innen und andererseits zur Leserschaft. Aber die stellt sich leider nicht ein. Die vier Personen sind Marionetten in der Hand der Verfasserin. Sie tauchen bei Bedarf auf und verschwinden auch ganz plötzlich wieder. Sie alle entstammen irgendwie der Oberschicht der Sowjetunion und/ oder des neuen Russland nach 1991. Shanna ist die Tochter des 2015 ermordeten Politikers Boris Nemzow. Serjosha ist der Enkel des kommunistischen Reformpolitikers Alexander Jakowlew, der eng mit Gorbatschow zusammenarbeitete. Mascha stammt aus einer Akademikerfamilie und nur Ljoscha kommt aus der Mittelschicht, seine Mutter ist Lehrerin in der Provinz. Keiner war meines Erachtens „normal“, wie Gessen behauptet, (S. 13). Die Autorin schreibt zudem, diese vier Menschen hätten ihr ein Jahr lang aus ihrem Leben berichtet. Deshalb findet sich sehr häufig die direkte Rede als Stilmittel und eine Reportage artige Schilderung von Ereignissen, die, je häufiger man sie liest, umso unglaubwürdiger werden, denn das Gedächtnis ist und bleibt das fehlbarste „Organ“ des Menschen.

Darüber hinaus spielen die Psychoanalytikerin Marina Arutjunjan, der Soziologe Lew Gudkow und der rechtsextreme Philosoph Alexander Dugin eine mehr oder minder zentrale Rolle. Worum es der Autorin geht, wird bald deutlich: Russland unter Putin ist auf dem unumkehrbaren Weg zu einem totalitären Staat oder ist schon ein solcher geworden, und die jungen Menschen konnten dies trotz aller Bemühungen nicht verhindern. Um die Problematik des Begriffs weiß Masha Gessen sehr wohl, was sie nicht hindert, ihn als analytischen Begriff im Sinn von Juri Lewada zu gebrauchen. Unabdingbar dazu gehört die „Wiedergeburt“ des Sowjetmenschen, wie ihn Lewada und seine Soziologenschule beschrieben haben, als Person mit u.a. „Doppeldenk“, dem erzwungenen gesellschaftlichen Konsens, dem Zustand chronischer Armut und einer statischen Bevölkerung. Woraus sich die Frage ergibt, was taugt ein Konzept, das nur auf ein System passt, weil man seine Analysekategorien so gewählt hat, dass sie auf genau dieses, aber kein anderes Land zutreffen. Dann gibt es eben Russland als einen totalitären Staat sowjetischen Typs und damit einen gegen Null tendierenden Erkenntnisgewinn.

Am Ende der Geschichte steht ein „brain-drain“. Viele Jüngere ver lassen das Russland der Putin-Zeit und wandern aus. Der homosexuelle Historiker Ljoscha erhält Asyl in den USA, Shanna, Boris Nemzows Tochter, lässt sich in Bonn nieder, gründet eine Stiftung, die den Namen ihres Vaters trägt, und arbeitet für die Deutsche Welle. Serjoscha jedoch, der Enkel des Altkommunisten Jakowlew, wird depressiv und ist nicht mehr erreichbar. Die Nachrichten über Mascha bleiben vage, auf Seite 576 beginnt sie „ein neues Leben“, nachdem sie zuvor für eine oppositionelle Organisation tätig gewesen war.

Unstreitig ist Russland unter Putin ein autoritärer Staat mit einer pseudodemokratischen Tünche, in dem die Kräfte der Opposition und Minderheiten, seien sie sexueller oder sonstiger Art, drangsaliert und schikaniert werden. Leider erklärt Masha Gessen uns aber nicht, warum sich so viele Bürger/innen bequem mit den Verhältnissen arrangieren anstatt sie zu bekämpfen und für die Freiheit auf die Barrikaden zu gehen. Es fehlt eine Elite, die in der Lage wäre, entsprechende Werte und Einstellungen zu vermitteln und ebenso fehlt eine Mittelschicht, die ein solches Leben für lebenswert hält. So lange das System Putin unter anderem spezifische emotionale Bedürfnisse, also etwa den Wunsch nach nationaler Größe und Ansehen, befriedigen kann, wird sich wenig ändern. Auch die Bildungsschichten sind nach Jahren, in denen Russland wenig Ansehen und Macht genossen hat, dafür mehr oder minder anfällig. Da gilt Thomas Hobbes‘ Diktum immer noch: „The reputation of power is power.“ Dem Buch fehlt es an eben dieser „power”. Es hat einen Hang zur Larmoyanz, der bisweilen die Grenzen des Erträglichen überschreitet. ˜

Prof. Dr. Dittmar Dahlmann (dd), von 1996 bis zu seiner Emeritierung 2015 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, hat folgende Forschungsschwerpunkt: Russische Geschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Wissenschafts- und Sportgeschichte.

d.dahlmann@uni-bonn.de

 

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