Psychologie

Interaktives Skillstraining für Jugendliche mit Problemen der Gefühlsregulation

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 1/2018

Anne Kristin von Auer, Martin Bohus (Hg.): Interaktives Skillstraining für Jugendliche mit Problemen der Gefühlsregulation (DBT-A). Das Therapeutenmanual. Stuttgart: Schattauer 2017. 424 S., 13 Abb., Softcover, 160 Info- und Arbeitsblätter inklusive Keycard zur Programmfreischaltung. ISBN 978-3-7945-3116-5. € 59,99

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie für Adoleszente (DBT-A) wurde zur Behandlung von Störungen der Emotionsregulation entwickelt, die ihren Anfang in der Jugend nehmen. Von Auer und Bohus legen ein umfassendes und anwenderfreundliches Manual für die therapeutische Arbeit vor, in das die langjährigen Erfahrungen verschiedener Arbeitsgruppen bei der Arbeit mit betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen einfließen. Vermittelt werden eine Vielfalt an Skills (= Fertigkeiten, Bewältigungsstrategien), die den Betroffenen helfen können, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und zu akzeptieren. So sollen sie fähig werden, impulsives und selbstschädigendes Verhalten zu kontrollieren und sich auch beim Erleben negativer Gefühle flexibler zu verhalten. In meiner eigenen Arbeit als Psychotherapeutin stelle ich immer wieder fest, dass junge Erwachsene mit schwerwiegenden Problemen der Gefühlsregulation – insbesondere natürlich jene, welche aversive Gefühle an sich selbst oder an anderen in schädlicher Weise ausagieren oder sie mit Drogen und Alkohol zu bändigen versuchen – gemessen an ihren intellektuellen und kreativen Fähigkeiten oft weit unter ihren beruflichen und psychosozialen Möglichkeiten bleiben. Nach Lektüre des DBT-A Manuals würde ich mir wünschen, dass die von den Autoren zusammengetragenen Lern- und Trainingsinhalte nicht erst dann vermittelt würden, wenn Jugendliche und junge Erwachsene bereits klinisch und sozial auffällig oder gar straffällig geworden sind, sondern bereits viel früher und unabhängig von kassenärztlichen Leistungen zum Tragen kämen. Der nachgewiesene Erfolg des vorgestellten Therapieansatzes hat viel mit der persönlichen Haltung der therapeutisch Mitwirkenden zu tun und gleicht mehr einem Selbstmanagement-Coaching als einer „klassischen“ Psychotherapie: Inhalte, die für jeden einzelnen und für das soziale Zusammenleben nützlich und gut erlernbar sind und darüber hinaus großes Selbsterfahrungspotenzial auch für die Trainer haben!

Eine Metapher Marsha Linehans, der Begründerin der Dialektisch Behavioralen Therapie bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen, an deren Struktur, Ablauf und Regeln sich auch die DBT-A ausrichtet (u.a. parallele Durchführung von Einzeltherapie und Skillstraining in der Gruppe; Möglichkeit des Telefonkontakts im Notfall; regelmäßige Intervision aller an der Behandlung Mitwirkenden; Zertifizierung der DBT-TherapeutInnen) macht die Problematik der betroffenen PatientInnen gut nachvollziehbar: Man stelle sich vor, sein Leben auf einem arabischen Vollblut-Hengst reitend verbringen zu müssen. Das Tier ist misstrauisch, schreckhaft, dünnhäutig, hochsensibel – dabei schnell, impulsiv, energiegeladen, kaum kontrollierbar. Sein Reiter, einzig und allein damit beschäftigt, irgendwie im Sattel zu bleiben, kann kaum mehr unterscheiden: was bin ich und was ist Pferd, oder bin ich das Pferd? Diese Unterscheidung (habe ich die Emotion oder bin ich die Emotion?) nicht mehr machen zu können erzeugt Ohnmacht und Angst. Durch das Skillstraining der DBT soll der Reiter lernen, die Zügel in die Hand zu nehmen und sein Vollblut zu führen, statt unkontrolliert „mit ihm durchzugehen“ und dabei verbrannte Erde, immer auch in Form von zerstörten Beziehungen, zu hinterlassen.

Im therapeutischen Teil des DBT-A Manuals sind (und das ist auch schon mein einziger Optimierungsvorschlag) bei den Ausführungen zur Genese der Störung strukturbezogene Erklärungsansätze wie die Bindungs- und Objektbeziehungstheorien etwas zu kurz gekommen. Diese verorten Störungen der Emotionsregulation bereits frühkindlich und machen so den Begriff der Nach-Beelterung, einem wichtigen TherapieBestandteil, besser verstehbar: Nicht nur die Behandlung der Störung, sondern auch das Leben mit ihr ist für alle Beteiligten extrem leidvoll und anstrengend; benötigt werden Klarheit, feste Strukturen und eine gute Portion Humor und Gelassenheit – Eigenschaften, wie sie normalerweise „guten Eltern“ zugeschrieben werden, und auf denen auch die DBT-A fußt. Neben den Aspekten Selbststeuerung und Eigenverantwortung liegt ein wichtiger Therapiefokus auf dem Aufbau stabiler Beziehungen. DBT-A Trainer und Therapeuten stehen den Jugendlichen dabei mit einer validierend-anerkennenden und authentisch-selbstoffenbarenden Grundhaltung als Modelle aktiv zur Verfügung; sie coachen dialektisch, d.h. im schnellen Wechsel zwischen Akzeptanz- und Veränderungsstrategien. Dass diese Haltung von den Autoren des Manuals gelebt und praktiziert wird, ist auf jeder einzelnen Seite zu spüren, so dass es nicht nur ein Vergnügen ist, es zu lesen, sondern auch, damit zu arbeiten. Bereits beim Lesen entsteht der Eindruck eines respektvollen, interaktiven Miteinanderund Voneinander-Lernens aller an der Therapie Beteiligten, was einfach „Lust auf Ausprobieren“ macht und die Betroffenen zu der wichtigen „Entscheidung für einen neuen Weg“ motivieren kann.

Dabei trägt das Buch in einfachen, klaren, zielgruppengerechten und ansprechend illustrierten Worten zusammen, was funktioniert und sich in der Vergangenheit bereits bewährt hat. Dies tut es in Form eines flexiblen Modul-Systems, das sich sowohl dazu eignet, das komplette, mit 45 Sitzungen veranschlagte Skillstraining innerhalb einer störungsspezifischen DBT-Gruppe zu erarbeiten, als auch einzelne Module oder Teile davon herauszugreifen und im Einzel- oder Gruppensetting, im ambulanten oder stationären Rahmen, auch mit weniger komplex betroffenen PatientInnen zu verwenden. Kernstück des Manuals sind die sieben Module des Skillstrainings mit sämtlichen Arbeitsmaterialien für die Gruppenteilnehmer (zusammenfassende Infoblätter und Arbeitsblätter mit klaren, unmissverständlichen Arbeitsanweisungen und Zielsetzungen) und ausführlichen Hinweisen zu Zielsetzung und didaktischem Vorgehen für die Gruppentrainer: 1. Einführung in das Skillstraining/Rahmenbedingungen; 2. Achtsamkeit/Selbstwahrnehmung; 3. Stresstoleranz; 4. Umgang mit Gefühlen; 5. Zwischenmenschliche Skills/soziale Kompetenzen; 6. den dialektischen Mittelweg finden (Modul mit Einbeziehung der Eltern bzw. Bezugspersonen); 7. Selbstwert und dessen Stabilisierung; zusätzlich, wenn relevant: 8. Umgang mit Rauschmitteln.

Den Praxis-Modulen vorangestellt ist ein theoretisch-therapeutischer Teil mit Einführung in die Dialektisch Behaviorale Therapie für Adoleszente, Vorstellung des psychischen Störungsbildes, sowie Grundlagen, Rahmenbedingungen und strukturelle Aspekte des Skillsgruppentrainings. Neben der ansprechenden Gestaltung imponiert das Manual mit einer wirklich hervorragenden Gliederung mit nützlichen Querverweisen, Schaubildern, tabellarischen Übersichten und Beispielen. Im Anhang befinden sich zahlreiche Vorschläge für praktische Achtsamkeits-Übungen und eine übersichtliche Navigations-Tabelle (welches Thema wird in welcher Sitzung behandelt; welcher Skill kommt dabei zum Einsatz, welche Arbeits- und Infoblätter werden benötigt, auf welchen Seiten im Buch befinden sich die didaktischen Hinweise). Erweitert wird das Buch durch ein Online-Skillstraining für Jugendliche, das mit der beigefügten Keycard auf zwei Rechnern freigeschaltet werden kann. Hier stehen sämtliche Info- und Arbeitsblätter sowie weitere Zusatzmaterialien zum Ausdrucken zur Verfügung, Achtsamkeits- und Entspannungsübungen können per Audio-Funktion abgespielt werden. Das pfiffig und motivierend gestaltete Online Training entspricht in Struktur und Inhalt dem Trainingsmanual. Es soll Betroffene zum eigenverantwortlichen Arbeiten außerhalb der Therapiesitzungen anregen und fördert so den Transfer der Lerninhalte und die nachhaltige Anwendung der Skills im Alltag. (ap)

Annett Pöpplein (ap) studierte nach einer Ausbildung zur Übersetzerin am Sprachen- und Dolmetscherinstitut München und siebenjähriger Tätigkeit in Marketing und strategischer Marktforschung bei multinationalen Konzernen Psychologie mit den Schwerpunkten klinische Psychologie und Kommunikationspsychologie. Noch während des Studiums veröffentlichte sie ein literarisches Sachbuch (Das halbe Herz, dtv-Verlag, 2012) und war als Referentin und Ratgeber-Autorin auf den Gebieten Organspende und angeborene Herzfehler tätig. Am Heidelberger Institut für Psychotherapie (HIP) absolviert sie heute ihre Ausbildung zur tiefenpsychologischen Psychotherapeutin mit Spezialisierung auf die Behandlung von Psychotraumata, Suchterkrankungen und strukturellen Störungen.

annett.poepplein@gmx.de

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