Zeitgeschichte

Eidgenossen contra Genossen

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 4/2017

Andreas Förster (2016): Eidgenossen contra Genossen – Wie der Schweizer Nachrichtendienst DDR-Händler und Stasi-Agenten überwachte. Berlin: Ch. Links Verlag 2016, Hardcover mit Schutzumschlag, 224 S., 24 s/w Abb., ISBN: 978-3-86153-873-8. € 22,00

Das Buch des investigativen Journalisten Andreas Förster über das Gegenspiel der Geheimdienste der Schweiz und der DDR ist flott geraten, vielleicht etwas zu flott. Dabei beruht es auf umfangreicher Recherche beim Berner Bundearchiv, wo bemerkenswerterweise Schweizer Staatsschutzakten aus der Zeit des Kalten Krieges – vorwiegend sogenannte „Fiches“ (Karteikarten über Personen und Organisationen), aber auch andere nachrichtendienstliche Unterlagen – der Forschung und offensichtlich auch Journalisten wie Förster zugänglich sind. Förster hat auch Akten des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen verwertet. Leider werden substanzielle Rechercheergebnisse über den geheimdienstlich eingebetteten Schwarzhandel der DDR mit klischeehaften journalistischen Zuspitzungen vermengt, vor allem wenn es um die Schweizer Nachrichtendienste geht.

Diese Zwiespältigkeit offenbart sich schon im Klapptext von Försters Buch. Da heißt es einerseits: „Die nach außen hin stets betonte Neutralität und Distanz zu den politischen und militärischen Blöcken in Ost und West wurde von den eidgenössischen Staatschutzbehörden konterkariert. Geprägt von einem tiefsitzenden, geradezu manischen Antikommunismus und Antiliberalismus verstanden sich die Schweizer Bundesanwaltschaft, Nachrichtendienst und politische Polizei als integraler Teil des westlichen Sicherheitsbündnisses. Eifrig und weitgehend willig – wenn auch selten effizient – erfüllten sie die von den westlichen Kollegen an sie herangetragenen Aufträge zur Ausspähung östlicher Diplomaten und Geschäftsleute.“

Anderseits wird festgestellt: „Im Auftrag der SED organisierten Stasi-Agenten und Kaufleute zusammen mit westlichen Partnern in der Schweiz Technologieschmuggel, Embargohandel, Schwarzmarktgeschäfte und Finanzdeals.“ (Förster scheint hier die durchaus umfangreiche politische und militärische Spionage der DDR in der Schweiz vergessen zu haben.) Um es gleich vorweg zu nehmen, der Leser von Försters Buch muss den Eindruck gewinnen, dass die Stasi und die mit ihr verflochtenen DDR-Außenhandelsakteure ziemlich durchtrieben, clever und erfolgreich waren. Und er muss den Eindruck gewinnen, dass die „Schweizer Schlapphüte“ (S. 178) mit ihrer „unkontrollierten Schnüffelwut“ (S. 196) doch ziemlich paranoid und zugleich inkompetent waren.

Der Erkenntnisgewinn von Försters Buch liegt ganz bestimmt nicht in dem, was er über die Schweizer Nachrichtendienste erzählt, sondern in dem Abgleich von Stasi-Unterlagen und Schweizer Staatsschutzakten. Was er über den Stasi-KoKoKomplex und dessen Aktivitäten in der Schweiz darlegt, ist sicherlich hochinteressant für den Leser. Über Alexander Schalck-Golodkowski oder den DDR-Außenhandelsminister Gerhard Beil ist manches allgemein bekannt. Aber Nicht-Cognoscenti erfahren von Förster noch viel Interessantes über andere, kaum bekannte Spitzenakteure des geheimdienstlich eingebetteten Schwarzhandels der DDR wie Michael Wischniewski alias Hersz Libermann, Günter Forgber, Richard Müller oder Günter Asbeck. Sie betrieben ein wahrlich beeindruckendes internationales Geflecht von Handelsfirmen, Briefkastenfirmen, Finanzinstituten und Anwaltskanzleien. Und in diesem Firmengeflecht im Dienste der DDR (und der Sowjetunion) spielte die Schweiz eine zentrale Rolle. Vorwiegend ging es um den Zugang zu technologischen Spitzenprodukten undverfahren (insbesondere im IT-Bereich), die im Ostblock nicht verfügbar waren. Und das galt insbesondere für Produkte mit militärischer und nachrichtendienstlicher Relevanz, die auf den Embargolisten der NATO-Staaten standen. Aber es ging auch um auf (Devisen-)Gewinn ausgerichtete Finanztransaktionen und Handelsgeschäfte mit Edelmetallen, Antiquitäten sowie ganz normalen Gütern „Made in GDR“. Förster schreibt, dass die Schweizer Behörden den Osthandel der letzteren Kategorie, selbst wenn er in den „grauen“, dubiosen Bereich hineinreichte, keineswegs behinderten, sondern beförderten – und das galt natürlich auch für den Finanzsektor.

Aber, wie gesagt, die Schweizer Nachrichtendienste kommen bei Förster ganz schlecht weg. Dabei bleibt seine Darlegung der Strukturen der Schweizer Nachrichtendienste für den Leser ziemlich undurchsichtig. Einige wenige Organigramme hätten Klarheit geschafft. Auch unterlässt es Förster, auf die sehr bescheidene personelle Ausstattung der Schweizer Dienste hinzuweisen. Gleichermaßen fehlt der Hinweis, dass die Schweiz vor, im und auch nach dem Kalten Krieg stets ein hochaktiver Schauplatz für die Nachrichtendienste praktisch aller Staaten dieser Welt gewesen ist, was sich schon aus dem Neutralitätsstatus, der Niederlassung internationaler Organisationen (UNO, IKRK, etc.) und der Rolle als Finanzzentrum ergibt. Egal ob sich diese nachrichtendienstlichen Aktivitäten direkt gegen die Schweiz oder gegen Dritte richteten, sie mussten nach Möglichkeit unterbunden werden, wofür die nachrichtendienstliche Überwachung, die Förster so nachdrücklich geißelt, die Voraussetzung bildet. Dass in der Schweiz folglich der Spionageabwehr und Gegenspionage ein besonderes Gewicht zukam, sollte eigentlich niemanden verwundern. Förster wirft den Schweizer Nachrichtendiensten konsistent vor, sich in Verletzung der Schweizer Neutralität bei westlichen Nachrichtendiensten, insbesondere beim BND und dem BfV, angebiedert und zum Erfüllungsgehilfen gemacht zu haben. Dabei scheint er zu übersehen, dass ein kleines Land mit einem quantitativ kleinen Nachrichtendienst keine andere Wahl hat, als auf Nachrichten-Austausch mit anderen Saaten und deren Nachrichtendiensten zu setzen. Und das taten und tun die Schweizer Nachrichtendienste. Dabei geht es aber um Tausch und nicht um einseitige Lieferung. Wenn die Schweizer Nachrichtendienste BND, BfV, die amerikanischen, französischen, britischen, israelischen und andere Dienste mit Informationen belieferten, was Förster so vehement verurteilt, dann bekamen sie aber auch zurück, was sie brauchten, aber mit eigenen Mitteln nicht beschaffen konnten. Man kann wohl davon ausgehen, dass im Kalten Krieg die Schweizer Dienste auch mit den Diensten des Ostblocks „nachrichtendienstliche Handelsgeschäfte“ betrieben haben.

Försters Buch enthält viele interessante Informationen und ist deshalb lesenswert. Aber das Buch leidet an dem, was man im Englischen „fallacy of composition“ nennt. Der Blick ist verengt und der Kontext für das Gegenspiel von Stasi und Stasigelenkten kommerziellen Strukturen ist sehr unterbeleuchtet. Jedoch wäre der Verweis darauf, dass Förster einst im Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ (eine militärische Einheit des MfS) diente, keine zureichende Erklärung der konzeptionellen Unausgewogenheit seines Buches. Wenn man Substanzielleres über die Schweizer Nachrichtendienste erfahren und damit auch besser verstehen will, was im Kalten Krieg nachrichtendienstlich in der Schweiz ablief, muss man Försters Buch mit der Lektüre anderer Texte zum Thema ergänzen. (Beispielsweise: Neville Wylie: Switzerland, Neutrality and the Problems of Intelligence Collection and Liaison. In: Len Scott/Gerald Hughes (eds): Intelligence, Crises and Security. Routledge, 2007). (ml)

Dr. Michael Liebig ist Politikwissenschaftler. Intelligence Studies ist eines seiner Forschungsschwerpunkte.

michael.liebig1@gmx.de

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