Evolution, Kulturgeschichte

Angela Schwarz

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2018

Angela Schwarz (2017, Hrsg.): Streitfall Evolution. Eine Kulturgeschichte. Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien, 788 Seiten, 360 farbige und 40 s/w-Abb., geb., ISBN 978-3-412-50714-5. € 50,00

Evolution − welch schillernder Begriff! Die meisten verbinden ihn mit Charles R. Darwins (1808-1882) Werk „On the Origin of Species…“. Dabei kommt er darin kein einziges Mal vor. Der vokalreiche Begriff Evolution (etymologisch abgeleitet vom Verb evolvere = herausrollen, entfalten, entwickeln) setzte sich erst in Darwins Spätwerk durch, brauchte aber lange, um sich in der wissenschaftlichen und öffentlichen Debatte zu etablieren. „«Darwin» und «Evolution» wurden zu synonymen Zauberworten, die […] Debatten […] wie ein bengalisches Feuer illuminierten“, schreiben die Wissenschaftshistoriker Paul Sarasin u. Marianne Sommer in ihrem interdisziplinären Handbuch ‚Evolution‘ (Vorwort, S. VII; s. a. Rezension in FBJ 2/2012, S. 74-75, wh).

‚Darwins Idee‘, die wohl wichtigste Theorie der Moderne, erwies sich als unerschöpflich, verursachte aber auch ständig kulturelle und gesellschaftliche Kontroversen; für die einen ist «Evolution» der Leuchtturm der Aufklärung, für andere das Symbol von Gottlosigkeit und Häresie. Gerhard Vollmer, Physiker und Philosoph, unterstrich mit seiner umfassenden Analyse die zentrale Bedeutung des Evolutionsgedankens in den Natur- und Geisteswissenschaften sowie der Philosophie (vgl. Rezension FBJ 3/2017, S. 93.94, wh), und die Siegener Historikerin Angela Schwarz fragt mit Recht: „Welches Thema könnte […] größere Relevanz für den Menschen der Gegenwart besitzen als die Evolutionstheorie?“ (S. 21). Ihr vorliegender Sammelband schildert die weitgefächerte Kulturgeschichte des Phänomens ‚Evolution‘, an der 44 Autoren/ innen aus 11 Ländern mitgearbeitet haben. Die Entstehungsgeschichte des etwas klobigen, 800-seitigen und knapp 3 kg schweren Opus beleuchtet der Call for Articles von 2013 auf der Webseite https://www.hsozkult.de/event/id/termine-21357 (Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften). Darin warb die Wissenschaftshistorikerin für Beiträge aus den Disziplinen Geschichte, Wissenschaftsgeschichte, Theologie, Soziologie, Politikwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte, Literatur- und Medienwissenschaft sowie Rechtsgeschichte.

Ziel der Einwerbungen war es, jene Artikel zu ergänzen, die ausgewiesene Experten/innen auf dem Feld des Darwinismus und der Evolutionstheorie bereits zugesagt hatten, darunter so renommierte Autoren/innen wie Peter Becker (Historiker, Wien), Peter Bowler (Historiker, Belfast), Janet Browne (Historikerin, Harvard), Nicholas W. Gilham (Biologe, Durham), Mike Hawkins (Historiker, Kingston), Uwe Hoßfeld (Biologe, Jena), Thomas Junker (Wissenschaftsgeschichtler, Tübingen), Nils Roll-Hansen (Wissenschaftshistoriker u. -philosoph, Oslo), Marianne Sommer (Wissenschaftsgeschichtlerin, Luzern ) und Hubert Zankl (Humanbiologie u. -genetiker, Kaiserslautern). Der Aufruf war erfolgreich; zu den gesetzten Artikeln kamen viele Aufsätze nach einem peer review hinzu, unter ihnen so lesenswerte wie der des Heidelberger Wissenschaftshistorikers und -publizisten Ernst Peter Fischer, des Berliner Evolutionsbiologen Matthias Glaubrecht oder des Pittsburgher Anthropologen Jeffrey H. Schwartz, um nur einige zu erwähnen. Nach einem ausführlichen Vorwort folgen 43 Artikel in sieben Kapiteln mit jeweils sehr aufschlussreichen thematischen Einleitungen. Da der Evolutionsbegriff schon lange vor Darwin diskutiert wurde, startet das 1. Kapitel über „Die Anfänge einer öffentlichen Debatte und ihre Ausstrahlung“ mit einer Studie der Wiener Wissenschaftshistorikerin Marianne Klemun über den vordarwinischen Perspektivwechsel hinsichtlich „Verzeitlichung, Temporalisierung und Historisierung“ (S. 43). Matthias Glaubrecht schildert „Darwins ‚Reise zur Erkenntnis‘ und den Ursprung der Debatte“ und fasst die Aspekte seines biographischen Darwin-Porträts kenntnisreich zusammen (vgl. http://www.fachbuchjournal.de/journal/sites/default/files/FBJ_2_09.pdf, wh). Die kritische Rezeption der Evolutionstheorie und die durch sie erzeugten Missverständnisse und Kontroversen erläutert neben dem Routinier Peter J. Bowler auch der Mainzer Philosoph Dirk Solies in seinem Aufsatz „Darwinismus als Kampf aller gegen alle?“. Das 2. Kapitel fasst das gespannte Verhältnis von „Evolution und Religion. Eine Debatte ohne Ende?“ zusammen. Thomas Junker gibt einen allgemeinverständlichen Abriss der Kontroversen des diachronen Prozesses, während weitere Aufsätze auf Auseinandersetzungen in Großbritannien, Russland und den USA fokussieren. Der Hongkonger Philosoph Chong-Fug Lau beschließt diesen Teil mit einem spannenden Blick auf Kreationismus und Intelligent Design in Ost und West. Die Beiträge des 3. Kapitels nehmen die „Rolle von (Natur-) Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Öffentlichkeit“ in den Fokus. Janet Brownes exzellentes DarwinPorträt beleuchtet die „Erschaffung des prototypischen Wissenschaftlers“, und Ernst Peter Fischer exemplifiziert höchst unterhaltsam den Aufstieg von Albert Einstein zum Superstar und zur Pop-Ikone. Der Siegener Wissenschaftsgeschichtler Noyan Dinçkal illustriert die Gegensätze zwischen zerstreuten Gelehrten vs. heldenhaften Forschern im 19. Jh., um Stereotype von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in den Medien geht es im Beitrag der Berliner Geschlechterforscherin Martina Erlemann, während die Literaturwissenschaftlerin Rosalynn Hayes (New South Wales) uns „Doc“ Emmet Brown, Dr. Jekyll und Mr. Hyde, Metropolis und Jurassic Park in Erinnerung ruft und die Rolle des verrückten Wissenschaftlers im Film kritisch hinterfragt. Schließlich thematisiert die Wiener Soziologin Eva Flicker die mediale Rolle von Wissenschaftlerinnen „Zwischen Geschlechterstereotypien und Wissenschaftsklischees“.

Das 4. Kapitel behandelt den Sozialdarwinismus als fatalen Irrweg der Darwinschen Evolutionstheorie, angefangen bei „Herbert Spencer und dessen Rezeption als Sozialdarwinist“ (von Michael Beetz, Soziologe, Jena). Der Brite hatte schon vor Darwin soziale Hierarchisierungen entworfen, die im späten 19. Jh. und frühen 20. Jh. in Europa und den USA durch gesellschaftspolitische Einflüsse zur angeblich naturgesetzlichen Legitimierung sozialdarwinistischer Ideen wurden. Auch im Weiteren geht es um die „Kategorisierung des Menschen“ (von Leesa Rittelmann, Kunstgeschichtlerin, Fredonia NY), und anschließend analysiert der Historiker Thomas Adam (Arlington, Texas) „Sozialdarwinismus als politisches Handlungsinstrument im 20. Jahrhundert“).

Über die „Definitionen des idealen Menschen zwischen Fiktion und Realität“, über „Eugenik in Europa und Nordamerika“ geht es im 5. Kapitel. Nicholas B. Gillham, BiologieEmeritus der Univ. Durham, liefert ein Porträt von Charles Galton (1822-1911), der die Eugenik begründete. Der ländervergleichende Blick, u.a. auf Europa und speziell auf die USA und das Einwanderungsland Kanada sowie auch gesondert auf Skandinavien, sollte nicht von der katastrophalen Rolle des ‚Dritten Reichs‘ ablenken, verdeutlich aber die Breitenwirkung fehlverstandener wissenschaftlicher Menschenbilder und die sich schon lange vor der Machtergreifung des NS-Regimes entwickelten rassenhygienischen Programme. Explizit von „‘Herrenmenschen‘: Plan und Wirklichkeit im Dritten Reich“ handelt der Beitrag des Historikers Amy Carney (Erie, Pennsylvania). Über „Menschenzüchtungen und -versuche im Dritten Reich“ geht es im Beitrag von Richard Weikart, Historiker der UCLA, und wie steht es mit den Nachkriegsdiskursen im 20. und im 21. Jahrhundert? Sind sie die „Fortsetzung einer Eugenikdiskussion mit anderen Mitteln?“, fragt der Wiener Zeitgeschichtlicher Alexander Pinklwinkler. Er beklagt in seinem Fazit eine „Mischung aus Angst und Aggressivität“, eine „spezifisch statische Wahrnehmungsweise von sozialer und ethnischer Differenz“ (S. 539), die die Debatte dominieren. Die gegenwärtig heftig geführte Rassismus-Debatte bestätigt dieses Urteil und offenbart gravierende Versäumnisse der Verantwortlichen in Wissenschaft, Medien und Politik. Im 5. Kapitel über „Biotechnologie, Gentechnik und der Mensch in der Schöpferrolle“ vermögen nur der Beitrag des Kaiserslauterner Emeritus Hans Zankl über „Chancen und Grenzen von Biotechnologie und Gentechnik“ sowie Marianne Sommers Aufsatz über „Biotechnologie als kulturelle Technik und vermarktetes Produkt“ inhaltlich zu überzeugen, während die Aufsätze über Evolution in der jüngeren Literatur, im Film und in Computerspielen hier etwas deplatziert wirken, wenn auch sie Interesse finden dürften. Gleiches gilt für die Reflexionen von Sibylle Marti (Fernuniv. Hagen) über Richard Dawkins‘ Meme und weitere Beiträge über Darwin in der Presse, exemplifiziert am Darwinjahr 2009 und der Vermarktung auf Webseiten. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit der meisten Medien ist hinlänglich bekannt, ebenso die Volatilität ihrer Prinzipien, kann aber nicht häufig genug entlarvt und angeprangert werden.

Der diachrone Überblick zum ‚Streitfall Evolution‘ endet mit einem Artikel der Herausgeberin über „[C.R. Darwin] und seine Theorie in Warenwelt und Populärkultur des 21. Jahrhunderts“. Darwin mag zwar als mediale Ikone ubiquitär sein, aber die Evolutionstheorie und die Konsequenz für unser Menschen- und Weltbild werden längst nicht verstanden! Nicht nur Biologiedidaktiker wie Dietmar Graf (Gießen) wissen um dieses eher zunehmende Defizit. Offensichtlich gelingt es unseren Schulen nicht, ‚Evolution‘ angemessen zu vermitteln, denn große Bevölkerungskreise – auch sog. bildungsorientierte − haben eine distanzierte Haltung zu wissenschaftlichen Erklärungsmustern.

Die detaillierte Kulturgeschichte der Kontroversen zwischen Evolution und Religion sowie der tragisch verlaufenen Irrwege der Evolutionstheorie aufgrund wissenschaftlicher Fehlinterpretationen und politischer Instrumentalisierungen (Sozialdarwinismus, Rassenhygiene und Eugenik) ist höchst empfehlenswert. Hinsichtlich der Illustrationen zu den Themen Rassenhygiene, Rassismus und Eugenik mögen vielleicht Bedenken bestehen, dass die anti-rassistische Intension sich ins Gegenteil verkehrt. Aber sollten wir unsere tiefbraune Vergangenheit verdrängen? Mögen diese Passagen besonders kritisch gelesen werden, da Rassismus auch in unserer Gesellschaft existent, stets virulent und keineswegs bewältigt ist! Und was die Diskussion über zukünftige Chancen und Grenzen der Bio-Technologie und Gentechnik betrifft, sie geht uns alle an und sollte im Medien-Rummel um den ‚Superstar‘ Darwin nicht untergehen. Fachleute werden in dem exzellent editierten Band nicht grundsätzlich Neues erwarten dürfen und trotz des Umfangs manche Aspekte vermissen, aber für die Zielgruppe, eine allgemein interessierte Leserschaft, bietet der reich bebilderte Band zu einem unglaublich attraktiven Preis einen hervorragenden, breit gefächerten Einstieg in ein Thema, das uns – als Kinder der Evolution − alle angeht. (wh)

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