Betriebswirtschaft

Wertschöpfung auf dem Prüfstand

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 1/2017

Henry Fords Konzept der modernen Fahrzeugfertigung revolutionierte und prägte die industrielle Produktion ähnlich nachhaltig wie die Arbeiten von Frederick W. Taylor (Scientific Management). Auf Basis dieser Protagonisten entwickelte sich die Produktionswirtschaft stetig weiter. Und es entstanden Ideen zur Verschlankung der Fertigung (Lean Production), um in der industriellen Fertigung weitere Rationalisierungspotenziale auszuschöpfen. Mittlerweile sind mit Operations Management und Supply Chain Management benachbarte Themenfelder entstanden, die allesamt eine konsequente Optimierung von Prozessstrukturen einfordern. Dabei werden nicht länger einzelwirtschaftliche Organisationen isoliert untersucht, sondern vielmehr komplette Netzwerke kooperierender Wertschöpfungspartnerschaften. Mehrere Autoren diskutieren in zwei vorliegenden Schriften eben jene zeitgemäßen Phänomene modernen Managements.

Fresner, Johannes/Bürki, Thomas/Sittel, Henning. H, Ressourceneffizienz in der Produktion. Kosten senken durch Cleaner Production, 2. Aufl., Symposion, 2014, 303 Seiten, EUR 44,00, ISBN 978-3-86329-629-2.

 

Siepermann, Christoph/Varenkamp, Richard/Siepermann, Markus, Risikomanagement in Supply Chains. Gefahren abwehren, Chancen nutzen, Erfolg generieren, 2. Aufl., Erich Schmidt, 2015, 382 Seiten, EUR 49,95, ISBN 9783-5031-5818-8.

Das erste Buch haben Johannes Fresner, Thomas Bürki und Henning H. Sittel gemeinsam verfasst. Fresner, Jahrgang 1963, ist von Haus aus Verfahrenstechniker. Seit 1999 arbeitet er als Geschäftsführer eines österreichischen Beratungsunternehmens in Graz. Der 1951 geborene Bürki ist gelernter Maschinenbauingenieur. Er ist seit 1997 Inhaber einer gleichnamigen, schweizerischen Beratungsgesellschaft mit Sitz in Benglen. Sittel schließlich, der 1965 auf die Welt kam, studierte ebenfalls Verfahrenstechnik. Auch er ist Consultant, und zwar bei einem deutschen Dienstleister in Duisburg, der für das nordrhein-westfälische Umweltministerium tätig ist. Das aktuelle Buch ist eine Zweitauflage, bereits 2009 erschien die erste Auflage zur behandelten Thematik. Die Autoren kennzeichnen in ihrem Buch den verbesserten Einsatz betriebswirtschaftlicher Ressourcen, um jeglichen Output, der nicht Produkt oder Prozess ist, konsequent zu minimieren. Mit dieser Handlungsmaxime lassen sich etwaige Kosten für Rohstoffe oder Energie einsparen, gleichsam werden negative Umweltwirkungen und Arbeitssicherheitsrisiken drastisch reduziert. Fresner, Bürki und Sittel kommen zu dem Ergebnis, dass Unternehmen mit Cleaner Production letztendlich Umweltschutz aus Eigennutz betreiben. Unter dem Strich kostet Umweltschutz nichts. Im Gegenteil, Unternehmen sparen mit der Einleitung von Umweltschutzmaßnahmen langfristig Geld. Betriebswirte sprechen von positiven Tradeoff-Effekten, die über einen gesamten Produktlebenszyklus (Vorlaufphase, Marktphase, Nachlaufphase) entstehen. Die drei Verfasser plädieren für eine strikte Umkehrung der End-of-Pipe-Philosophie. Danach werden bereits entstandene Abfälle und Emissionen technisch möglichst umweltverträglich recycelt oder entsorgt. Beispiele dafür sind Aktivitäten zur Entschwefelung oder Schlammaufbereitung. Cleaner Production kehrt diese tradierte Sichtweise um. Es werden nicht lediglich die Symptome (negative Umweltauswirkungen) bekämpft, sondern die Probleme an ihren Wurzeln angepackt.

Antizipatives Umweltmanagement zu praktizieren bedeutet, zielführende Vermeidungsstrategien frühzeitig zu initiieren. Fresner, Bürki und Sittel plädieren in ihrer Schrift vehement für eine revolutionierte Fertigung, sprich Cleaner Production. Es versteht sich, dass sie dabei nicht um das derzeit in aller Munde befindliche Sustainability Management herum kommen. Bewusst betten sie ihre Gedanken in die drei Säulen der Nachhaltigkeit (Ökonomie, Ökologie, Soziales) ein. Die Autoren benennen dazu aktuelle Probleme, mit denen sich unsere Gesellschaft konfrontiert sieht (Klimawandel, Langzeitwirkung von Chemikalien, Armut und soziale Ausgrenzung, Überalterung, Rückgang biologischer Vielfalt). Cleaner Production möchte zur Linderung dieser Defizite seinen Beitrag leisten.

Viele Unternehmensbeispiele unterfüttern die Ausführungen des Verfassertriumvirats. Sie beschreiben in ihrem Buch auf über 50 Seiten, wie Cleaner Production in der industriellen Fertigung praktiziert werden kann. Dazu liefern sie Fälle aus Textilindustrie, Oberflächentechnik, Metallverarbeitung, Kunststoffbearbeitung und Nahrungsmittelindustrie. Der ausgeprägte Pragmatismus dieser Schrift wird auch in der Erarbeitung von Arbeitsblättern deutlich, welche die drei Autoren dem Leser an die Hand geben. Wer Cleaner Production in seinem Unternehmen umsetzen möchte, wird mit diesen Blättern vermutlich recht gut arbeiten können. Auch finden sich in dem Buch eine Reihe von Internetlinks, die es ermöglichen, bei Bedarf weitere relevante Informationen zu Cleaner Production in Erfahrung zu bringen.

Cleaner Production ist ein Buch von Praktikern (genauer gesagt, die Praxis beratenden Köpfen) für Praktiker. Wer wissenschaftliche Erörterungen zur Thematik sucht, wird diese im vorliegenden Buch nicht finden. Die drei Verfasser sind primär technisch ausgebildet. Vor allem Fresner und Sittig unternehmen zwar den Versuch, einen Brückenschlag zur Betriebswirtschaftslehre herzustellen, indem sie in die Welt der Kennzahlen und des Controllings eintauchen. Jedoch sind diese Ausführungen, verglichen mit den anderen Kapiteln, ein wenig oberflächlich. So blenden die Autoren beispielsweise die betriebswirtschaftlich relevanten und themenaffinen Hilfsmittel Sustainability Scorecard und Ökobilanz komplett aus. Cleaner Production ist stringent aufgebaut. Abbildungen und Tabellen helfen, die Ausführungen besser nachzuvollziehen. Praxisfälle und energetische Faustregeln werden übersichtlich in Blöcken wiedergegeben. Die Kerninhalte finden sich kapitelweise in einer abschließenden konzisen Zusammenfassung. Ein Stichwortverzeichnis fehlt. Das würde ein gezieltes Lesen deutlich erleichtern.

Das zweite Buch, „Risikomanagement in Supply Chains. Gefahren abwehren, Chancen nutzen, Erfolg generieren“, wurde von Christoph Siepermann, Richard Vahrenkamp und Markus Siepermann herausgegeben. Christoph Siepermann, Jahrgang 1968, ist an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen im Studiengang Betriebswirtschaftslehre Professor mit den Vertiefungen Produktionswirtschaft und Logistik sowie Kostenrechnung und Controlling. Richard Vahrenkamp, Jahrgang 1946, hat bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2012 an der Universität Kassel am Institut für Betriebswirtschaftslehre das Fachgebiet Produktionswirtschaft und Logistik geleitet. Markus Siepermann schließlich promovierte sich zum Thema Risikokostenrechnung und ist derzeit Akademischer Rat an der Universität Dortmund (Fakultät Wirtschaftsinformatik). Der Begriff Supply Chain Management lässt sich ins Deutsche vorzugsweise mit „Lieferkettenmanagement“ übersetzen. Danach bündeln wirtschaftlich häufig selbständige Organisationen ihre Material-, Geld- und Informationsflüsse mit weiteren Wertschöpfungspartnern in unternehmensübergreifenden Netzwerken, um konsequent Wettbewerbsvorteile auszuschöpfen. Supply Chains spannen sich von den Lieferanten der Lieferanten (Source of Supply), gehen über den betrachteten Hersteller hinweg und enden bei den Kunden der Kunden (Point of Consumption).

Die drei Herausgeber haben ihr Buch in sechs Abschnitte untergliedert. In den drei Hauptteilen werden Risiken diskutiert, die sich den zentralen logistischen Themenfeldern Beschaffung, Produktion und Distribution (hier „Absatz“ genannt) widmen. Zwei Beiträge setzen sich zunächst mit der Linderung von Beschaffungsrisiken auseinander. Es geht dabei um die mögliche Versorgungskettenverzweigung sowie das Lieferantenmanagement an sich. In drei kleinen Aufsätzen werden anschließend etwaige Produktionsrisiken diskutiert (Quantifizierung auftragsbezogener Unsicherheiten, Kapazitätsdimensionierung, Produktionsmengenplanung). Die Absatzrisiken, die den dritten Betrachtungsfokus abbilden, werden in vier Beiträgen näher gekennzeichnet: Allgemeinen Nachfragerisiken, unsichere Vorschauinformationen, Festlegung von Preisuntergrenzen und Risk-Pooling.

In den weiteren drei Kapiteln geht es um die allgemeinen Grundlagen des Risikomanagements (zum Beispiel den Risikomanagementprozess), das spezielle Management sonstiger Supply Chain Risiken (wie Transport, Lager oder Informationstechnologie) sowie ausgewählte Risikomanagementmethoden in modernen Supply Chains (Supply Chain Risk Map, Integration von Performance- und Risikomanagement, Einsatz von Big Data und RFID).

Insgesamt 36 Autoren (die drei Herausgeber mitgerechnet) haben in 19 Beiträgen am Buch mitgewirkt. „Risikomanagement in Supply Chains“ ist 2007 in erster Auflage erschienen. Verglichen mit der ersten Auflage, haben die meisten Autoren für die jetzt vorliegende zweite Auflage ihre Beiträge überarbeitet, nur die Minderheit betrieb lediglich ein wenig Kosmetik. Mit der Untergliederung des Buches in die beschriebenen sechs Teile ist den Herausgebern ein logischer und in sich geschlossener Aufbau gelungen. Thematische Überschneidungen konnten somit weitgehend vermieden werden. Die Optik ist für eine Herausgeberschrift angenehm: Siepermann, Vahrenkamp und Siepermann haben sich erfolgreich darum bemüht, der Schrift ein möglichst einheitliches Erscheinungsbild zu geben, welches sich beispielsweise in den Abbildungen spiegelt. Dies ist beileibe keine Selbstverständlichkeit, findet sich doch in manchen Herausgeberschriften ein wahres Sammelsurium an Darstellungen.

Die Adressaten von „Risikomanagement in Supply Chains“ sind Wissenschaftler und Studenten. Sie werden sich rasch mit den beschriebenen Inhalten anfreunden können. Etliche Beiträge sind primär quantitativer Natur, einige Autoren konzentrieren sich stark auf Mathematik und Statistik. Dies ist vom Grundsatz her nicht zu bemängeln, schließlich hat eine Produktionsmengenplanung nun einmal mit Zahlen zu tun. Doch die Gefahr ist groß, dass diese Herangehensweise den Praktiker abschreckt.

Dem Buch fehlen gezielte Hinweise für eine konkrete Umsetzung der Inhalte in den betrieblichen Alltag. „Risikomanagement in Supply Chains“ ist kein Ratgeber, und dieses Manko (wenn man es denn als solches bezeichnen will) ist auch nicht verwunderlich: An der vorliegenden Schrift haben fast ausschließlich Professoren und sonstige an Hochschulen beschäftigte Wissenschaftler mitgewirkt. Es fehlt an Praktikern, die aus „dem Nähkästchen plaudern“ und ihre Alltagsprobleme – vielleicht sogar verbunden mit der Benennung pragmatischer Lösungsvorschläge – in das Buch mit einbringen. Einer möglichen Drittauflage der Schrift bleibt daher zu wünschen, dass die Herausgeber zusätzlich einige Praktiker in ihren Autorenkreis aufnehmen. Wünschenswert ist auch ein Stichwortverzeichnis.

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