Biografien

Vorreiterinnen im Kampf um Frauenrechte

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 2/2017

Emma Adler: Die berühmten Frauen der Französischen Revolution. / Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Eva Geber. Wien: mandelbaum, 2014. 214 S. ISBN 978-3-85476-638-4. € 19.90

„Das Buch gilt den Frauen der großen französischen Revolution … all denen, die der große Augenblick, die gesteigerte Spannkraft allen Lebens zu Heldinnen machte, deren Taten unbeachtet blieben, weil sie für selbstverständlich galten.“ (S. 8)

Auch Frauen kämpfen für die Losung der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Ihr Mut, ihre Kraft und ihre Ideen finden leider kaum Eingang in die Historiographie. Im Kanon der revolutionären Verklärung haben sie nichts zu suchen, die Männer sind die Helden der Revolution. „Die Gleichheit auf dem Schafott war die einzige, die die Revolution für die Frauen wirklich festgestellt hat.“ (S. 174) Dieses nüchterne Resümee zieht die österreichische Journalistin, Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Emma Adler (1858–1935) in ihrem 1906 erschienenen Buch Die berühmten Frauen der Französischen Revolution, eine Pionierarbeit der Frauengeschichtsschreibung.

Diesem unverdienten Verschweigen wirkt Emma Adler entgegen. Sie widmet sich zehn Frauen, die bereit sind, ihr Leben für die Ideale der Französischen Revolution einzusetzen. Dazu gehören die feministischen Revolutionärinnen Olympe de Gouges mit ihrem Manifest über die Rechte der Frau und der Bürgerin aus dem Jahr 1791, Théroigne de Méricourt und ihr Kampf für die Bewaffnung der Frauen, Rose Lacombe, die den Zug der Poissarden nach Versailles im Oktober 1789 anführt sowie Sophie de Condorcet mit ihrem Kampf für die Zulassung der Frauen zum Bürgerrecht.

Diese immer noch aktuelle außergewöhnliche Schrift liegt nun in einer neuen Edition vor, herausgegeben und großartig kommentiert von Eva Geber, 35 Jahre lang Redakteurin der österreichischen Zeitschrift „AUF – Eine Frauenzeitschrift“.

 

 

Cordelia Scharpf: Luise Büchner. Eine evolutionäre Frauen rechtlerin des 19. Jahrhunderts. Bern: Peter Lang, 2013. XXIII, 623 S. (Women in German literature. Vol. 13) ISBN 978-3-0343-0704-8. € 86.90

2003 wird Cordelia Scharpf an der University of Wisconson-Madison mit einer Dissertation über Luise Büchner (1821–1877) promoviert, 2008 erscheint die englischsprachige Buchausgabe unter dem Titel Luise Büchner. A Nineteenth-Century Evolutionary Feminist. Es ist die erste umfassende Monografie über Luise Büchner. Wesentlich erweitert und ergänzt erscheint sie 2013 deutschsprachig unter dem Titel Luise Büchner. Eine evolutionäre Frauenrechtlerin des 19. Jahrhunderts. Luise Büchner gehört neben Louise Otto-Peters (1819–1895) und Fanny Lewald (1811–1889) zur ersten deutschen Frauenbewegung. Aufgewachsen in einem Darmstädter Ärztehaushalt gehört sie seit 1866 zu den engsten Mitarbeiterinnen der Erbgroßherzogin, späteren Großherzogin Alice von Hessen und bei Rhein (1843–1878), in deren Folge mehrere Frauenvereine, ein Krankenhaus und Schulen entstehen. Luise Büchner vertritt diese auf regionalen und überregionalen Konferenzen und berichtet regelmäßig in der Presse. 1855 erscheint ihr meistzitiertes Werk „Die Frauen und ihr Beruf“, das in mehreren überarbeiteten Auflagen erscheint. Sie veröffentlicht Romane, Reisebeschreibungen und Gedichte, postum erscheint das Novellenfragment „Ein Dichter“ über ihren Bruder Georg Büchner (1813–1837).

Luise Büchner hat „die Vision einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt zusammen leben und arbeiten“ und sie tritt „für einen evolutionären Weg ein, um den Wandel anzuregen“ (S. 507), sie kämpft in ihren Reden und Schriften gegen die ungerechte Behandlung von Mädchen in der Erziehung und für die Reformierung der Mädchenschulen und eine bessere Berufsausbildung für Frauen. Ihre Publikationen sind weit verbreitet, doch nach ihrem Tod erinnert sich fast einhundert Jahre nach ihrem Tod kaum noch jemand an sie (sie ist bestenfalls „Georg Büchners Schwester“ S. 4), bis in den 1970er Jahre mit der Erforschung der Anfänge der deutschen Frauenbewegung erste Arbeiten über Luise Büchner erscheinen.

Nicht zuletzt hat Cordelia Scharpf einen großen Anteil an dieser Wiederentdeckung. Die vorliegende Veröffentlichung umfasst in 11 Kapiteln Leben, Werk und Nachwirkung von Luise Büchner, eine Chronologie ihres Lebens und ihrer Schriften und auf 65 Seiten kleingedruckt eine ausführliche Bibliographie (u.a. Schriften von und über Luise Büchner, Schriften von und über andere Mitglieder der Familie Büchner, zeitgenössische Schriften von 1800 bis 1930, Biographien, Nachrufe und Textsammlungen).

Aus der einseitigen Zuordnung zum liberal-konservativen Flügel der Frauenbewegung oder als konservativ revolutionäre Denkerin (vgl. S. 7) heraus wird Luise Büchner zurecht eine bedeutende Vertreterin der Frauenbewegung der 19. Jahrhunderts. Eine vorzügliche, detailreiche Monographie: die Biographie über Luise Büchner.

 

 

Brigitte Hamann: Bertha von Suttner. Kämpferin für den Frieden. Wien: Christian Brandstätter Verlag, 2013. 319 S. ISBN 978-3-85033-773-1. € 25.00

Dies ist eine Hommage an die deutsch-österreichische Historikerin Brigitte Hamann, 76jährig verstorben am 4.10.2016, die mit akribisch recherchierten und gekonnt geschriebenen zeithistorischen Publikationen u.a. über Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators und Winifried Wagner oder Hitlers Bayreuth ein großes Publikum erreicht. Dazu gehört in besonderer Weise ihre seit 1986 in vielen Auflagen, Lizenz-, Sonder- und Taschenbuchausgaben (auch in englischer und französischer Sprache) und Neubearbeitungen vorgelegte Biographie über Bertha von Suttner (1843–1914), anfangs mit dem Untertitel „Ein Leben für den Frieden“, später als „Kämpferin für den Frieden“. 2013 erscheint die zu Lebzeiten letzte Auflage als „vollständig überarbeitete und neu bebilderte Ausgabe“, Taschenbuchausgabe 2015. Auf dieses vielfach in den letzten 40 Jahren empfohlene Buch soll hier nur en bloc im Rahmen unserer Frauenbiographien hingewiesen werden. Das Motto der Autorin: „Gerade das breite Spektrum des Sujets Politik, Pazifismus, Literatur, Journalismus, Frauenbewegung, Liberalismus, österreichische Aristokratie und internationales Mäzenatentum bildete für mich den Anreiz, Bertha von Suttners Leben in ihrer Zeit auszuleuchten.“ (S. 9) All diese Facetten im Leben von Suttners werden in 14 Kapiteln niedergeschrieben und gewertet und mit einem Anhang versehen, der u.a. von Suttners Schriften verzeichnet, ein Personenregister fehlt leider. Brigitte Hamann stützt sich in erster Linie auf die von Suttnerschen Tagebücher, Memoiren, literarischen und friedenspolitischen Schriften, die umfangreiche Korrespondenz u.a. mit Bartholomäus von Carneri (1821–1909) und Alfred Hermann Fried (1864–1921) und die Dokumente zur freundschaftlichen Beziehung mit Alfred Nobel (1833–1896). Aus einer böhmischen Adelsfamilie stammend, wächst Bertha im Umfeld der österreichisch-ungarischen k.u.k. Monarchie auf. Sie tritt die Stelle als Gouvernante bei dem Industriellen Freiherr Karl von Suttner in Wien an, verliebt sich in den jüngsten Sohn Arthur Gundaccar von Suttner (1850–1902), heiratet ihn heimlich und geht mit ihm für acht Jahre nach Georgien. Sie leben dort unter schwierigen finanziellen Umständen, beginnen 1877 mit einer journalistischen Tätigkeit und kehren 1885 nach Wien zurück. Bertha von Suttner bleibt journalistisch aktiv und setzt sich in ihren Schriften immer deutlicher für eine friedliche Gesellschaft ein. Ihr Roman „Die Waffen nieder!“ aus dem Jahr 1889 rechnet mit Kriegsverherrlichungen und Kriegsromantik ab und wird weltweit ein außerordentliche Erfolg, er erscheint in 37 Auflagen, wird in 12 Sprachen übersetzt. Ihr Engagement für die nationale und internationale Friedensbewegung mündet in Mitgliedschaften in Gesellschaften, Teilnahmen an Friedenskongressen und Frauenkonferenzen und zahlreichen Vortragsreisen. 1905 erhält sie als erste Frau den von ihr angeregten Friedensnobelpreis. Sie verstirbt acht Tage vor dem Attentat von Sarajewo im Alter von 71 Jahren.

Bei der Lektüre der Biographie über Bertha von Suttner erfährt der Leser auch viel über den heute vergessenen ersten deutschen Friedensnobelpreisträger Alfred Hermann Fried. Ihm sind die nachfolgenden Veröffentlichungen gewidmet.

 

 

„Organisiert die Welt!“ Der Friedensnobelpreisträger Alfred Hermann Fried (1864-1921) – Leben, Werk und bleibende Impulse / Hrsg. Guido Grünewald. Bremen: Donat Verl., 2016. 272 S. (Schriftenreihe Geschichte & Frieden. Bd 36) ISBN 978-3-943425-50-5. € 16.80

 

 

Alfred Hermann Fried: Mein Kriegstagebuch 7. August 1914 bis 30. Juni 1919 / herausgegeben, eingeleitet und ausgewählt von Gisela und Dieter Riesenberger. Bremen: Donat Verl., 2005. 384 S. (Schriftenreihe Geschichte & Frieden. Bd 13) ISBN 978-3-934836-87-7. € 18.80

Fried entstammt einer jüdischen Familie, ab 1883 arbeitet er als Buchhändler und Verleger und schließt sich der Friedensbewegung an. Seit 1892 gibt er mit Bertha von Suttner die Zeitschrift Die Waffen nieder! heraus. In ihr und der ab 1899 erscheinenden Zeitschrift Friedens-Warte publiziert er seine pazifistischen Ideen. Er wird Mitbegründer der Deutschen Friedensgesellschaft, propagiert eine internationale, auf dem Völkerrecht beruhende Organisation und gilt heute als Vordenker des Völkerbundes und der Vereinten Nationen. In Anerkennung seiner Bemühungen erhält er 1911 den Friedensnobelpreis. Vergessen und verarmt stirbt er 1921 in Wien und wird erst nach 1989 umfassender gewürdigt. Anlässlich des 100. Jahrestages der Verleihung des Nobelpreises und seines 150. Geburtstags findet in Potsdam ein internationales Symposium statt, dessen Ergebnisse leider erst jetzt vorliegen. Sie enthalten unter dem Titel „Organisiert die Welt!“ 12 Beiträge, die das breite Panorama des Wirkens von Fried zeigen: sein unermüdliches Eintreten für den Weltfrieden, die Bedeutung seiner Friedenstheorie für die Gegenwart, sein überzogener optimistischer Fortschrittsglaube, die Impulse, die er der transnationalen Frauenfriedensbewegung gibt, seine Rolle bei der Herausbildung des Friedensjournalismus, seine Bemühungen um die Förderung der Kunstsprache Esperanto als Mittel zur Erleichterung der internationalen Verständigung, seine Vorliebe für die Freimaurer. Viele seiner Ideen sind beängstigend aktuell!

Der Sammelband enthält wichtige Anstöße zur weiteren Beschäftigung mit Leben und Werk Frieds. Das trifft auch zu auf den mit viel verlegerischer Leidenschaft gestalteten Augenzeugenbericht Mein Kriegstagebuch, in dem Fried schonungslos mit den Bellizisten abrechnet und die barbarische Kriegsführung und das Massensterben anprangert. Ein großartiges Zeitdokument!

 

 

Antje Schrupp: Vote for Victoria! Das wilde Leben von Amerikas erster Präsidentschaftskandidatin Victoria Woodhull (1838-1927). Sulzbach/ Taunus: Ulrike Helmer Verl., 2016. 139 S. ISBN 978-3-89741-393-1. € 12.95

Was für ein Wahlprogramm: Gleichberechtigung, Lohngleichheit, Bildungssysteme, Krankenversicherung, freie Liebe ohne Ehegesetze, Verhütung, Familienplanung und Aufklärung, gegen Rassismus, Todesstrafe, sexuelle Gewalt und Kriminalisierung von Prostitution und Abtreibung. Es stammt nicht von Hillary Clinton, auf die in dem Buch von Antje Schrupp: Vote for Victoria! mehrfach Bezug genommen wird („ihre historische Rolle als erste Frau, die reale Chancen auf die amerikanische Präsidentschaft hat“, S. 137), sondern wird 1872 per Zeitungsannonce kundgetan von Victoria Claflin Woodhull in ihrer Bewerbung um das Amt des Präsidenten der USA. Diese Verwobenheit von geschlechtsspezifischen mit anderen Diskriminierungsformen wird heute als Intersektionalität bezeichnet, weshalb Antje Schrupp Victoria Woodhull als „intersektionale Feministin avant la lettre“ (S. 138) bezeichnet. Die Forderungen sind 145 Jahre alt und werden von einer Frau artikuliert, die noch nicht einmal selbst wählen darf und die, sofern gewählt, bei Antritt ihres Amtes am Tag der Vereidigung 34 Jahre alt ist, die Verfassung aber ein Mindestalter von 35 Jahren vorschreibt.

Victoria Claflin wächst als eines von zehn Kindern in großer Armut auf. Der Vater ist ein Kleinkrimineller und die Kinder lernen schnell das Überleben mit eigenen Kräften. Mit 15 heiratet Victoria den Arzt und Alkoholiker Canning H. Woodhull.

Um die Familie zu ernähren, arbeitet sie als Geistheilerin. 1864 wird die Ehe geschieden. Der neue Mann an ihrer Seite ist Oberst James Harvey Blood, „ein angesehener, wohlhabender Bürger“ (S. 29). Die Bekanntschaft mit Cornelius Vanderbilt, einem der erfolgreichsten und reichsten Unternehmer seiner Zeit führt zur Eröffnung eines Büro an der New Yorker Börse, und so sind die Schwestern Woodhull/Claflin die ersten weiblichen Broker der Wall Street. Sie geben die Wochenzeitung „Woodhull & Claflin’s Weekly“ heraus, in der sie für Frauenrechte eintreten und eine englische Übersetzung des Kommunistischen Manifests von Marx und Engels abdrucken. 1870 gründet Victoria die Equal Rights Party und kündigt an, zwei Jahre später als Präsidentschaftskandidatin anzutreten. Drei Tage vor der Wahl wandert sie wegen illegaler Verbreitung pornographischer Ideen ins Gefängnis. Das ist das Ende ihrer Präsidentschaftsbewerbung. 1876 emigriert sie nach Großbritannien, lässt sich scheiden, heiratet den britischen Bankier John Martin und schreibt in den folgenden 50 (!) Jahren Bücher und hält Vorträge. Hochbetagt stirbt sie 1927. Diese Veröffentlichung ist die großartige, spannend geschriebene Biographie über eine Wahrsagerin, Heilerin, Tänzerin, Aktienhändlerin, Verlegerin, Frauenrechtlerin und Präsidentschaftskandidatin aus dem 19. Jahrhundert: „Eine solch souveräne Haltung ist auch in emanzipierten Zeiten noch längst keine Selbstverständlichkeit. Wir können immer noch viel von Victoria Woodhull lernen.“ (S. 139) Für alle Leser, die mehr über Woodhull wissen wollen, fehlen Hinweise auf die längeren Fassungen dieser Biographie aus dem Jahr 2002 (245 S.) und 2015 (320 S.)

 

 

Elsemarie Maletzke: Maud Gonne. Ein Leben für Irland. Berlin Insel Verl., 2016. 318 S. ISBN 978-3-458-17674-9. € 24.95

Maud Gonne (1866–1953), Offizierstochter, Eins Achtzig groß, blond, gekleidet wie Pallas Athene mit federgeschmücktem Hut, aus der Nähe von Farnham, Survey, in England, kämpft später gegen das Empire und wird eine bedeutende irische Revolutionärin, in der Literatur auch die irische Heilige Johanna oder die „heilige Kuh der Revolution“ (S. 11) genannt. Tochter aus der Hautevolee Englands wird Freiheitskämpferin für das irische Volk. Wie konnte es dazu kommen?

Es ist ein Leben voller Gegensätzlichkeiten. Ihr Vater Thomas Gonne schickt sie zur Ausbildung nach Frankreich, sie kehrt zu ihrem nach Irland versetzten Vater zurück, die Mutter verstirbt früh. Sie spielt die Dame des Hauses. Bei einem erneuten Aufenthalt in Frankreich verliebt sie sich in den Journalisten und Politiker Lucien Millevoye (1850–1918), zeugt mit ihm ein Kind, gemeinsam gehen sie in den irischen Freiheitskampf. Maud kämpft unermüdlich für die Freilassung irischer politischer Gefangener, für vertriebene Pächter, für das Frauenwahlrecht. Ihr Kampf wird immer vehementer. Sie wirbt in England, Schottland und den Vereinigten Staaten für den irischen Nationalismus, organisiert mit William Butler Yeats Proteste gegen das Jubiläum von Königin Victoria 1897, gründet eine Gesellschaft revolutionär gesinnter Frauen, spielt 1902 die Hauptrolle in Yeats Revolutionsdrama „Cathleen ni Houlihan“, heiratet 1903 den irischen Republikaner John MacBride (1868–1919), zeugt mit ihm ein Kind. Im Osteraufstand 1916 wird ihr Mann mit weiteren 20 Anführern hingerichtet. Sie ist häufig in Paris, während des irischen Unabhängigkeitskrieges von 1919 bis1921 arbeitet sie beim Weißen Kreuz, den 1921 geschlossenen Friedensvertrag lehnt sie ab. Danach wird es um Maud ruhiger, sie zieht nach Dublin, veröffentlicht 1953 ihre Autobiographie mit dem satirischen Titel „A Servant of the Queen“.

Die Autorin erzählt all dies brillant, auch mit ironischer Distanz, ergänzt um eine umfangreiche Bibliographie und ein umfassendes Register. Sie fügt ihren großartigen Biographien über die Brontö-Schwestern, Jane Austen und Elizabeth Bowen eine weitere gelungene hinzu, die erste umfassende Biographie über Maud Gonne, hundert Jahre nach den Aufständen im April 1916.

Der Leser erfährt auch viel von Verwandten und Weggefährten: da ist der wahnsinnig in Maud verliebte William Butler Yeats (1865–1939), einer der bedeutendsten englischsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhundert und 1923 erster irischer Literaturnobelpreisträger, seine unerfüllte Liebe zu Maud ist ein häufiges Motiv in seinen Werken – der irische Dramatiker John Millington Synge (1865–1939) mit seinem Stück „The Playboy of the Western World“, das bei der Premiere 1907 einen Theaterskandal auslöst und u.a. 1956 im Berliner Ensemble mit Heinz Schubert in der Titelrolle und mit der Bühnenmusik von Hanns Eisler gebührend gefeiert wird – ihre Tochter aus der Beziehung mit Millevoye, Iseult Gonne (1894–1954), liiert mit dem Schriftsteller Francis Stuart, umworben von Ezra Pound und Liam O´Flaherty – ihr Sohn Sean MacBride (1904–1988), der 1974 für seinen langjährigen Einsatz für Menschenrechte und die Mitbegründung von Amnesty International den Friedensnobelpreis erhält.

 

 

Dieter G. Maier, Jürgen Nürnberger: Jeanette Schwerin. Durch Bildung zu Sozialreform und Emanzipation. Berlin: Hentrich & Hentrich Verl., 2016. 94 S. (Jüdische Miniaturen Bd 190) ISBN 978-3-95565-171-8. € 9.90

Dies ist die erste umfangreichere Untersuchung über die aus einer sephardischen Gelehrtenfamilie stammende Jeanette Abarbanell (1852–1899), verheiratet mit dem Arzt Dr. Ernst Schwerin (1847–1920). In der Schule unterfordert, mit ausgeprägtem sozialen Sinn versehen, wird sie Frauenrechtlerin und Wegbereiterin der sozialen Arbeit in Deutschland. Sie ist Mitglied, oft auch Mitbegründerin und Vorsitzende zahlreicher Vereine und Institutionen wie der Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur, dem Berliner Hauspflegeverein, dem Verein Frauenwohl und dem Bund Deutscher Frauenvereine, der Auskunftsstelle über Wohlfahrtseinrichtungen in Berlin, der Auskunftsstelle für Frauenberufe und der ersten öffentlichen Lesehalle in Berlin. Sie wirkt durch Vorträge und Veröffentlichungen für Sozialreform und Frauenemanzipation, sie kämpft u.a. für die gleichberechtigte Mitarbeit der Frauen in der öffentlichen Armenpflege, für einen verbesserten Arbeitsschutz für Frauen und Kinder und für die gleichberechtigte Beteiligung der Frauen an den Gewerbeinspektionen.

Ein erfülltes Leben, das durch den Tod mit 47 Jahren viel zu früh beendet wird.

Aus dem Netzwerk von Jeannette Schwerin sollen in besonderer Weise hervorgehoben werden die Pädagogin und Journalistin Minna Cauer (s.a. Barbara Beuys: Die neuen Frauen. Revolution im Kaiserreich 1900–1914. 2014. Rezension im fachbuchjournal 7 (2015) 2, S. 30-31) – Bona Peiser, die erste hauptamtliche Bibliothekarin Deutschlands (sie leitet von 1895 bis zu ihrem Tod die Bibliothek des Vereins der Kaufmännischen Angestellten und die erste öffentliche Berliner Lesehalle der Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur. S.a. Frauke Mahrt-Thomsen: Bona Peiser. Die erste deutsche Bibliothekarin. Wegbereiterin der Bücher- und LesehallenBewegung und der Frauenarbeit in Bibliotheken. 2013. Rezension im fachbuchjournal 6 (2014) 2, S. 68-69) und die Sozialreformerin Alice Salomon, die das Werk von Jeannette Schwerin fortführt, „insbesondere mit der im Jahr 1908 errichteten ‚Sozialen Frauenschule‘“ (S. 78).

Eine Würdigung einer fast vergessenen Frau, einer beeindrukkenden Persönlichkeit!

 

 

Helene Stöcker: Lebenserinnerungen. Die unvollendete Autobiographie einer frauenbewegten Pazifistin / Hrsg. Reinhold Lütgemeier-Davin und Kerstin Wolff. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verl., 2015. 389 S. (L´HOMME Archiv. Band 5) ISBN 978-3-412-22466-0. € 39.90

1889 verlässt Helene Stöcker (1869–1943) das Elternhaus in Elberfeld und geht nach Berlin. Nach einer Lehrerinnenausbildung studiert sie Literaturgeschichte, Philosophie und Nationalökonomie. Da ein Studienabschluss für Frauen in Berlin nicht möglich ist, setzt sie ihr Studium in Glasgow fort und promoviert an der Universität Bern. Sie kehrt nach Berlin zurück und arbeitet als Schriftstellerin und als Dozentin, u.a. an der Lessing-Hochschule. Sie setzt sich für gesellschaftliche Reformen ein, schließt sich der Frauenbewegung an und kämpft wie kaum eine andere für das Frauenstudium, den Mutterschutz und Sexualreformen und plädiert für die Straffreiheit der Abtreibung und der Homosexualität. Sie gründet und führt mehrere Zeitschriften wie die „Frauen-Rundschau“. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird sie zur radikalen Pazifistin, engagiert sich in zahlreichen Organisationen und kämpft bis zu ihrer Flucht aus Deutschland 1933 in der Friedensbewegung. Nach Stationen in der Schweiz, in Schweden und in der Sowjetunion geht sie 1941 in die USA, wo sie zwei Jahre später stirbt.

Den nachfolgenden Generationen bleiben ihre zahlreichen Veröffentlichungen und mit dem vorliegenden Band die Lebenserinnerungen mit dem schlüssigen Untertitel Die unvollendete Autobiographie einer frauenbewegten Pazifistin. Es ist ein Glücksfall für die Gender- und Friedensforschung, dass diese bislang unveröffentlichten und (leider) unvollendet gebliebenen Erinnerungen nach den vielen Stationen ihrer Flucht erhalten geblieben sind. Sie erweitern nicht nur die Kenntnisse über ihre Biographie, sondern zeigen erstmals zusammenhängend ihr „Netzwerk“.

Der autobiographische Text erweitert die Kenntnisse über Leben und Werk von Helene Stöcker, vertieft durch Vorwort und Einleitung und ein großartiges 60seitiges Nachwort „Helene Stöcker – Frauenbewegung und Pazifismus im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Eine Einordnung“. Die Edition beeindruckt durch hervorragende Kommentare, zahlreiche Anmerkungen und die Hinzufügung ergänzender Dokumente wie Briefe und Publikationen von Helene Stöcker. Die Texte werden durch je ein Personen- und Ortsregister erschlossen.

 

 

Anna Siemsen. Aspekte eingreifenden Denkens / Hrsg. Alexander J. Schwitanski. Essen: Klartext Verl., 2016. 166 S. (Archiv der Arbeiterjugendbewegung. Bd. 22) ISBN 978-3-8375-1693-7. € 17.95

Anna Siemsen (1882–1951) wächst in einer protestantischen Pfarrersfamilie auf, legt das Lehrerinnenexamen ab, studiert Germanistik, Philosophie und Latein, arbeitet an verschiedenen Schulen, wird 1923 Honorarprofessorin an der Jenaer Universität, diese Lehrerlaubnis wir ihr 1928 entzogen, weil sie sich für einen relegierten Hochschullehrer einsetzt. 1933 emigriert sie in die Schweiz, geht eine Scheinehe mit dem Sekretär der Schweizer Arbeiterjugend Walter Vollenweiser ein, kehrt 1946 nach Deutschland zurück und lehrt an der Hamburger Universität. Von 1919 an ist sie politisch tätig, u.a. in der USPD (1919–1922), in der SPD (1923–1931, 1946–1951), für die sie von 1928–1930 im Reichstag sitzt, in der SAPD (1931–1933), in der SPS (1933–1946). Sie publiziert über Schule und Erziehung, Literatur und verschiedene Bereiche der Politik, heute werden ihr über 800 Schriften zugeordnet. 2012 ist ein wichtiges Jahr in Erinnerung an Anna Siemsen, obwohl es kein klassisches Gedenkjahr ist: zwei erfolgreich abgeschlossene Dissertationen mit Das Leben der Sozialistin Anna Siemsen und ihr pädagogisch-politisches Wirken von Alexandra Bauer (ISBN 978-3-631-63179-9) und Anna Siemsen. Eine demokratisch-sozialistische Reformpädagogin von Manuela Jungbluth (ISBN 978-3-631-62551-4), eine Veröffentlichung über Lotte Schwarz, in der Anna Siemsen eine große Wertschätzung zukommt «Jetzt kommen andere Zeiten» Lotte Schwarz (1910–1971). Dienstmädchen, Emigrantin, Schriftstellerin von Christiane Uhlig (ISBN 978-30340-1144-0. Vgl. fachbuchjournal 6 (2014) 2, S. 69) sowie ein Symposium, das im Archiv der Arbeiterjugendbewegung in Oer-Erkenschick stattfindet. Ein Teil der Ergebnisse dieses Symposiums liegen unter dem Titel Anna Siemsen. Aspekte eingreifenden Denkens vor. Leider wird auf die eingangs genannten Zusammenhänge nicht eingegangen, obwohl das Buch vier Jahre nach der Veranstaltung des Symposiums erscheint.

Die Ergebnisse des Symposiums werden nur dann aufgenommen, wenn sie sich auf Anna Siemsen als Intellektuelle beziehen, „eine Rolle oder soziale Figur, die bislang nicht Gegenstand der Beschäftigung mit Siemsen war.“ (S. 14. Vgl. auch die Rezension zu „Eingreifende Denkerinnen. Weibliche Intellektuelle im 20. und 21. Jahrhundert“ in: fachbuchjournal 8 (2016) 3, S. 45-46) Eingebettet in eine Einleitung „Das Faszinosum der Intellektuellen“ und eine Bestandsübersicht über die Sammlung Anna Siemsen im Archiv der Arbeiterjugendbewegung sind dies fünf Beiträge. Die Themen sind Bildung und Literatur um Werk von Anna Siemsen, ihre Bedeutung von Anna Siemsen in der Erziehungswissenschaft, ihre Europakonzepte in der Weimarer Republik und im Kontext der föderalistischen europäischen Bewegung nach 1945 sowie das Remigrationsverhalten von Wissenschaftlern am Beispiel der Universität Hamburg.

Diese großartigen Beiträge sind wichtige Mosaiksteine zur Geschichte von Leben und Werk von Anna Siemsen und der Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert. Zum Schluss noch einen Hinweis auf die eingangs erwähnte Veröffentlichung über Lotte Benett verh. Schwarz. Diese arbeitet nach ihrer Emigration ab 1938 als Bibliothekarin im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich, dessen Bestände Besucher aus 26 Nationen intensiv nutzen. Zu ihrem großen Freundeskreis aus Künstlern, Architekten, Frauenrechtlerinnen, Sozialisten und Schriftstellern gehört auch Anna Siemsen, der ein eigenes umfangreiches Kapitel gewidmet ist – ein weiterer Ansatzpunkt für Forschungen zum eingreifenden Denken.

 

 

Johanna Dohnal. Ein politisches Lesebuch / Hrsg. Maria Mesner und Heidi Niederkofler. Wien: mandelbaum verlag, 2013. 294 S. ISBN 978-3-85476-407-6. € 19.90

Der Band versammelt Reden der österreichischen Feministin und Politikerin Johanna Dohnal (1939–2010) aus dem Zeitraum von 1981 bis 1993 zu frauenpolitischen Themen wie Gewaltverhältnisse und Geschlecht, Geschlechterdemokratie und Quotendiskussion, Wohlfahrtsstaat und Sozialpolitik, Visionen und Perspektiven zur Frauenpolitik. Das Buch dient in ausgezeichneter Weise „zur Standortbestimmung, zum Weiterdenken, zur Illustration der Frauenpolitik der frauenpolitischen Linien, Strategien, Erfolge und Erfolge im zeitgenössischen allgemein-politischen Kontext.“ (S. 9) Einen interessanten Einstieg in die Thematik bietet neben der Einleitung der Beitrag von Eva Kreisky „Vom goldenen Zeitalter der Frauenpolitik“ am Ende des Buches.

Die ausgewählten Reden markieren jeweils einen bestimmten Punkt in der Frauenpolitik Österreichs. An die Reden schließen sich Beiträge an, die die jeweilige Rede in den zeithistorischen Kontext stellen und größere Zusammenhänge aufzeigen. Die Karriere von Johanna Dohnal ist beispielslos. Sie wächst als uneheliches Kind bei ihrer Großmutter in Wien auf. Sie lernt Industriekauffrau, heiratet den Chauffeur Franz Dohnal und bekommt zwei Kinder, nach der Geburt des zweiten Kindes wird ihr gekündigt, erst spät findet sie eine Anstellung als Sekretärin in einer Schlosserei, sie lässt sich scheiden und lebt in Lebensgemeinschaft mit der SPÖ-Gemeinderätin Annemarie Aufreiter. Sie tritt in die SPÖ ein, wird Stadträtin, Landtagsabgeordnete, Gemeinderätin, 16 Jahre lang ist sie Regierungsmitglied – in sechs Legislaturperioden und unter drei Ministerpräsidenten: als Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen und von 1990 bis 1995 Bundesministerin für Frauenangelegenheiten und damit erste österreichische Frauenministerin. Von 1987 bis 1995 ist sie stellvertretende Bundesvorsitzende der SPÖ.

Ihre politischen Erfolge sind u.a. das erste Frauenhaus in Wien, die Beseitigung der Amtsvormundschaft bei ledigen Müttern, das Recht zur Betretungsverweigerung bei Gewalt in der Ehe, das (gesetzliche) Verbot der sexuellen Belästigung und die Gleichbehandlung im öffentlichen Dienst. Mitte der 1990er Jahre wird die österreichische Politik konservativer, die Politik der Frauenministerin immer wieder in Frage gestellt. Schließlich wird Johanna Dohnal 1995 entlassen. Den begeisterten feministischen Versuchen unter Johanna Dohnal folgen nach Kreisky „Phasen der ermatteten Bewegung“ (S. 268), überdies formieren sich antifeministische Bestrebungen. Johanna Dohnal stirbt 2010 und wird in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt, ihr Nachlass befindet sich in der Stiftung Bruno Kreisky Archiv, jährlich wird ein Johanna-DohnalFörderpreis ausgelobt.

Das Buch enthält wichtige Details zur österreichischen Frauenpolitik in der zweiten Phase der Frauenbewegung und ist m.E. eine sehr gute Ergänzung und Erweiterung ihrer Veröffentlichung „Innenansichten österreichischer Frauenpolitiken. Innsbrucker Vorlesungen“ (Innsbruck, 2008. 225 S.).

 

 

Sibylle Plogstedt: Mit vereinten Kräften. Die Gleichstellungsarbeit der DGB-Frauen in Ost und West (1990-2010). Gießen: Psychosozial-Verlag, 2015. 364 S. (Sachbuch Psychosozial) ISBN 978-3-8379-2319-3. € 19.90

Das ist der zweite Band eines Projektes über die Arbeit der Frauen im Deutschen Gewerkschaftsbund. Der erste Band behandelt die Zeit von 1945 bis 1990 (Sibylle Plogstedt: »Wir haben Geschichte geschrieben« Zur Arbeit der DGB-Frauen (1945-1990) – Rezension im Fachbuchjournal 7 (2015 2, S. 34), eine Pionierarbeit zur Sozialgeschichte der Frauen in der Bundesrepublik und ihrer Kämpfe für die Gleichberechtigung. Im Vordergrund des zweiten Bandes stehen „die deutsche Einheit und die Gewerkschaften, die Krise und der Zusammenschluss der Gewerkschaften, die Behauptung der Frauen mithilfe der Quote“. (S. 12) Die Autorin lehnt sich methodisch an den ersten Band an, es ist erneut „eine Montage von Interviews und Quellenmaterial aus der DGB-Frauenarbeit. Die qualitativen Einzelinterviews wurden anhand eines Leitfadens geführt. Es ging um eine Rekonstruktion der Konstruktion“. (S. 14) Die Untersuchung erweist sich als eine Geschichte der Bundesrepublik von 1990 bis 2010 aus der Sicht der Frauen. Die Basis sind zwölf Einzelinterviews mit Frauen, die auf der Vorstandsebene tätig sind, vier thematische Gruppeninterviews mit Funktionärinnen aus einzelnen Gewerkschaften und Quellen aus der Gewerkschaftsarbeit (z.B. Protokolle von Bundeskongressen des DGB und von DGB Frauenkonferenzen). Die Untersuchung beginnt 1990 mit der Wiedervereinigung und zeigt gleich zu Beginn, wie sich die Frauen aus unterschiedlichen Gesellschaftsstrukturen begegnen, wie kompliziert anfangs die Kontakte sind, welche Vor- und Nachteile die Frauen in der DDR und der BRD haben. Es geht also zuförderst um die strukturellen Folgen der Einheit. Erst später stehen die Themen Gleichstellung, Frauenquote, Frauen in Aufsichtsräten, Kinderbetreuung und Mindestlohn oder die Fusionierung von Einzelgewerkschaften im Mittelpunkt der Diskussion und des Kampfes der DGB-Frauen. Der Untertitel Gleichstellungsarbeit der DGB-Frauen in Ost und West sagt alles aus. Entstanden ist eine sehr aufwendige und aussagekräftige Studie zur Stellung der Frau in der Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung.

 

 

Barbara Degen: Annette Kuhn. Historikerin, Friedensund Frauengeschichtsforscherin. Berlin: Hentrich & Hentrich Verl., 2016. 95 S. (Jüdische Miniaturen Bd 191) ISBN 978-3-95565-172-5. € 9.90

Sie wird nach Studium, Staatsexamen, Promotion und Habilitation 1966 die jüngste Professorin der Bundesrepublik, lehrt „Mittelalterliche und Neuere Geschichte und ihre Didaktik“ an der Pädagogischen Hochschule Bonn, 1986 erhält sie die erste Professur für historische Frauenforschung an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität und begründet eine kritischfeministische Erkenntnistheorie. Ihre Handlungen werden von konservativen Historikern mit Argwohn gesehen, deshalb wird sie von 1992 bis 1996 vom Lehrerprüfungsamt in Bonn ausgeschlossen.

Das ist der 1934 geborenen Annette Kuhn nicht in die Wiege gelegt, denn ihre Familie, die Mutter ist jüdischer Herkunft, ihr Vater ist der Philosoph Helmut Kuhn, emigriert nach England und später in die USA und kehrt erst 1948 nach Deutschland zurück.

Annette Kuhn nimmt sich in ihren Veröffentlichungen der Friedens- und Konfliktforschung und der Frauengeschichte an und bringt viele Projekte auf den Weg, um die Leistungen der Frauen in der Geschichte adäquat offen zu legen wie die Quellen-Reihe „Frauen in der Geschichte“ und die „Chronik der Frauen“. Nach ihrer Emeritierung 1999 bliebt sie weiterhin aktiv. Sie ist Vorsitzende des 2000 gegründeten „Vereins zur Förderung des geschlechterdemokratischen historischen Bewusstseins“, 2003 erscheint ihre Autobiographie „Ich trage einen goldenen Stern. Ein Frauenleben in Deutschland“ (das erste Buch über Annette Kuhn verfasst Christiane Goldenstedt ebenfalls 2003 unter dem Titel „Du hast mich heimgesucht bei Nacht. Die Familie Kuhn im Exil“), 2009 gründet sie die „Annette-Kuhn-Stiftung“ zur Förderung frauenhistorischer Forschung und Bildung, die seit 2012 ein „Haus der FrauenGeschichte“ in Bonn realisiert.

Das vorliegende Büchlein in der verdienstvollen Reihe „Jüdische Miniaturen“ stammt aus der Feder von Annette Kuhns Freundin und Kollegin Barbara Degen, die sich insbesondere mit der NS-Geschichte aus Frauensicht beschäftigt, wie in „Bethel in der NS-Zeit. Die verschwiegene Geschichte“ (2014).

Prof. em. Dieter Schmidmaier (ds), geb. 1938 in Leipzig, studierte Bibliothekswissenschaft und Physik an der Humboldt-Universität Berlin, war von 1967 bis 1988 Biblio theksdirektor an der Bergaka demie Freiberg und von 1989 bis 1990 General direktor der Deutschen Staatsbibliothek Berlin.

dieter.schmidmaier@schmidma.com

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