Kinder- und Jugendbuch

… und teilten sich eine Mahlzeit aus Datteln und Tee

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 2/2019

Catharina Valckx, Edler Ritter Federico. Über setzung aus dem Fr ­ anzösischen von Julia Süßbrich. 40 S., Moritz Verlag, Frankfurt 2018, ab 4

 

 

Sebastian Meschenmoser Die verflixten sieben Geißlein. 32 S., ThienemannEsslinger Verlag, Stuttgart 2017, ab 4

 

Sulchan-Saba Orbelani, Zura Mchedlischwili (Illustration), Die Weisheit der Lüge. Übersetzung aus dem Georgischen von Heinz Fähnrich. 272 S., Edition Orient, Berlin 2018, ab 12

 

Caroline Widmer, Penelope Tunstall, Museum Rietberg, Zürich (Hg.), Aus dem Milchmeer entstand die Welt – Acht Göttergeschichten aus Indien. 40 S., ­Baobab Books, Basel 2018, ab 10

 

 

Fawzia Gilani-Williams, Chiara Fedele (Illustration), Jaffa und Fatima – Schalom, Sal ­am. Über setzung aus dem Englischen von Myriam Halberstam. 32 S., Ariella Verlag, Berlin 2018, ab 4

 

„Kinder brauchen Märchen“ – Mit diesem leidenschaftlichen Plädoyer brach Bruno Bettelheim, der bekannte Psychoanalytiker und Kinderpsychologe, Anfang der 1980er Jahre eine Lanze gegen die in Deutsch- land um sich greifende Tabuisierung von Märchen ob ihrer vermeintlichen Grausamkeit. Inzwischen hat sich eine reiche Erzählkultur entwickelt und Untersuchungen zeigen, dass sich selbst in Brennpunktschulen, in denen regelmäßig Geschichten-ErzählerInnen auftreten, Wortschatz und Sozialverhalten der Kinder spielerisch verbessern. Geschichten fesseln Kinder, so Bettelheim, weil sie sich in ihren Hoffnungen und Wünschen, ihren Gefühlen, Ängsten und Problemen ernst genommen und verstanden fühlen. So ist es erfreulich, dass im Bilder-, Kinder- und Jugendbuch-Bereich Märchen, Fabeln und Göttergeschichten wieder stark vertreten sind.

Rabe Federico hat endlich auf dem Dachboden gefunden, wovon er schon lange träumte: ein Ritterkostüm. Nun fehlt ihm nur noch ein Pferd, um in die Fußstapfen von Don Quichotte zu treten. Da jedoch kein Pferd in Sicht ist, muss Hundefreund Taps einspringen: „Wir tun einfach so, als wärst du ein Pferd.“ „Ach so“, sagt Taps. „Dann mach ich mit.“ Und schon gibt Ritter Federico den Marschbefehl: „Wir tun das, was Ritter immer tun: Wir greifen unseren Feind an!“ Taps weigert sich jedoch den „großen, bösen Wolf, der die Kinder frisst“ anzugreifen. Auch Kuniberta, die Kuh, und Josefinchen Hops, die kleine nette Maus, lehnt Taps vehement als Feindbilder ab. Erst als ein dreister Blecheimer ihnen den Weg versperrt, heißt es endlich „Attacke!“ Doch oh Schreck, ausgerechnet er gehört dem bösen Wolf. Mehr sei hier nicht verraten über das Bilderbuch „Edler Ritter Federico“ von Catharina Valckx. Mit humorvollem Tiefsinn über Mut und Freundschaft, ihren naturgetreuen Illustrationen nimmt die Autorin und Illustratorin sogar am Ende die Angst vor dem „großen bösen Wolf“. Ein toller Lese- und Vorlesespaß.

Wer kennt es nicht: das Grimm’sche Märchen vom „Wolf und den sieben Geißlein“. Der böse Wolf tarnt sich als Geißenmutter und will ihre sieben kleinen Geißlein fressen. So auch der Plan des Wolfs im Bilderbuch „Die verflixten sieben Geißlein“ von Autor und Illustrator Sebastian Meschenmoser. Mit Pink-Kleid, knalligen roten Stöckelschuhen und Lippenstift stürmt er in das Geißen-Haus. Doch wo stecken die Geißlein. Weit und breit ist keines zu sehen, nur überall Chaos und Unordnung in den Zimmern. „Er müsste nur ein bisschen reinemachen, ein wenig aufräumen und schon gäbe es keine Verstecke mehr! Und dann würde er sie alle schnappen und auffressen!“ Und so saugt, putzt, wischt, wäscht und ordnet der Wolf erst einmal in Regale und Schränke, bis er sie alle gefunden hat. Dann hält er ihnen auch noch eine gehörige Standpauke: „Ob sie sich nicht schämten, wenn jemand vorbeikommt, um sie zu fressen und so einen Saustall vorfinden muss?“ Da steht plötzlich die Ziegenmutter in der Tür, staunt über Ordnung und Sauberkeit und entwickelt ihren eigenen Plan für die weitere Zukunft des aufräumwütigen Wolfs. Bunte, lustige, fantasievolle, textlose Doppelseiten in hellen Aquarellfarben laden hier zum Suchen, Benennen, Erzählen und zum Rollenspiel ein – natürlich droht Ansteckungsgefahr. Eine großartige, peppige Verfremdung des bekannten Märchens.

● Einen ganz besonderen Schatz finden Geschichten- und Märchenliebhaber in Sulchan-Saba Orbelianis Werk „Die Weisheit der Lüge – Fabeln, Märchen und Gleichnisse aus Georgien“, verfasst ca. 1700 n. Chr. 152 Geschichten unterschiedlicher Länge hat Orbeliani, Sprössling einer georgischen Fürstenfamilie, ca. 400 Jahre vor den Gebrüdern Grimm aus der Volksdichtung und -erzählung zusammengetragen. Fabeln, Märchen und Gleichnisse, die an 1001-Nacht, Nasreddin Hodscha oder den Baron von Münchhausen erinnern. Und Weisheiten, die uns von Griechen, Persern und Indern vertraut sind. Denn entsprechend seiner Herkunft genoss Orbeliani eine Ausbildung, die ihm u. a. Kenntnisse im Türkischen, Lateinischen, Griechischen, Persischen, Arabischen, Armenischen und Italienischen vermittelte. Eingebettet sind die Geschichten in eine Rahmenhandlung, einen Dialog zwischen dem König Pines, seinem Wesir Sedrak, dem Eunuchen Ruka, dem als Erzieher verpflichteten Leon und dem Königssohn Dshumber. Sie streiten um die hochaktuelle Frage: „Wie erzieht man einen Prinzen zu einem gerechten und weisen Herrscher?“ Stärken und Schwächen des Menschen, Dummheit und Weisheit, Leid und Freude werden hier mal lustig, verrückt-skurril, mal blutrünstig und grausam vorgeführt. Unterstützt durch 150 Illustrationen des georgischen Künstlers Zura ­Mchedlischwili, konsequent nur in rot-schwarz ge­ halten. Sein feiner Zeichenstrich entwickelt mit sehr viel Fantasie und Details eine frappierende, herausfordernde Eigensprache. Ein edler in rotes Leinen gebundener Schatz Georgiens, der viele Fragen aufwirft und Antworten sucht.

● Anders, und doch ebenso hinreißend, vieldeutig und herausfordernd, erscheint die Welt der indischen Götter in dem Buch „Aus dem Milchmeer entstand die Welt“. Über viele hundert Jahre wurden die Geschichten über diese Götterwelt des Hinduismus zunächst mündlich überliefert, bevor man begann sie aufzuschreiben. Caroline Widmer und Penelope Tunstall haben in einfacher, kindgerechter Sprache, ohne den Inhalt zu sehr zu verflachen, acht Geschichten über die Göttinnen und Götter mit ihren vielen Gesichtern, Namen und ach so menschlichen Eigenschaften nacherzählt. Da entbrennt z. B. ein heftiger Streit zwischen Brahma, dem vierköpfigen Schöpfergott und Vishnu, dem blauhäutigen Schützergott, wer wohl der Mächtigste sei. Und Parvati, die „Tochter der Berge“ kann nach Jahren zähen Ringens endlich den dreiäugigen Gott Shiva von ihrer Liebe zu ihm überzeugen. Als Durga, „die Muttergöttin“, „gekommen, um das Böse zu zerstören“, zeigt sie ihre große Kraft und „brüllte so unbändig, dass Himmel und Hölle vor Angst erbebten, die Ozeane ins Strudeln gerieten und die Vulkane Lava spukten“. Begleitet werden die Göttergeschichten von wunderschönen Miniaturzeichnungen, Kunstwerke, die im 17. und 18. Jahrhundert an den Fürstenhöfen Indiens entstanden. Sie gehören zur Sammlung des Museums Rietberg in Zürich. In diesen kleinen Kostbarkeiten sind Landschaften, Blumen, Steine, Menschen und Tiere kleinteilig und detailreich in kräftigen Pastellfarben gemalt und schicken den Betrachter auf immer neue spannende Entdeckungsreisen.

● „In einem wunderschönen Land, dem Land, wo Milch und Honig fließen, lebten zwei Nachbarinnen. Die eine hieß Jaffa, die andere Fatima.“ So beginnt in dem Bilderbuch „Jaffa und Fatima – Schalom, Sal¯am“ die Autorin Fawzi Gilani-Williams die Nacherzählung eines Volksmärchens, das sowohl jüdische als auch arabische Wurzeln hat. (Eine Seite mit Anmerkungen wäre hierbei hilfreich gewesen.) Bei- de, die Jüdin Jaffa und die Muslima Fatima, besitzen eine Dattelplantage, haben durch harte Arbeit, den Verkauf ihrer Datteln auf dem Markt, ihr Auskommen und sind sich in enger Freundschaft verbunden. Doch dann trifft sie eine längere Dürreperiode, sodass sie kaum Datteln zum Essen oder Verkauf ernten. Und schon beginnen sich beide um einander ernsthaft darüber zu sorgen, ob die Andere nicht Hunger leide, und so füllen sie heimlich des Nachts die eigenen Datteln in den Korb der Anderen. Das Bilderbuch erzählt mit wenigen, sehr einfachen Sätzen eine wunderschöne, tiefgehende Geschichte über eine Freundschaft, die sich vor allem in Not und Krisenzeit von ihrer schönsten Seite zeigt und bewährt. Die italienische Illustratorin Chiara Fedele hat kräftige grün und rotbraune Farben gewählt und lässt durch ihren klaren, kindgerechten Strich auch schon den kleinsten Betrachter in Leben und Gefühlswelt der beiden Frauen blicken. Eine Geschichte, die aktueller nicht sein könnte und mit den Sätzen endet: „Danke, dass du auch an mich gedacht hast. (…) und teilten sich eine Mahlzeit aus Datteln und Tee.“

Renate Müller De Paoli ist freie Journalistin, Autorin und Geschichtenerzählerin. Sie lebt im Weserbergland, der Heimat des Rattenfänger von Hameln und des Baron von Münchhausen.  RMDEP@t-online.de

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