Geschichte, Politik, Zeitgeschichte

Rolf-Dieter Müller

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2018

Rolf-Dieter Müller: Reinhard Gehlen – Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik. Die Biographie. Ch. Links Verlag Berlin 2017, 2 Bände, 1373 Seiten, geb., ISBN 978-3-86153-966-7. € 98,00

In der Publikationsserie der ‚Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 19451968‘ (UHK-Schriftenreihe) hat der Ch. Links Verlag eine zweibändige Biographie von Reinhard Gehlen herausgebracht. Gehlen war Chef der Feindlagebeurteilung an der Ostfront (Fremde Heere Ost), der ‚Organisation Gehlen‘ (‚Org‘) und des Bundesnachrichtendienstes (BND). Autor der Biographie ist der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller. Müllers Doppelband ist die bis dato materialreichste Darstellung über Leben und Wirken des Geheimdienstmannes Gehlen und damit interessant für jeden, der sich für die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert interessiert. Und das gilt nicht nur für deren militärische und nachrichtendienstliche Dimension. Wenn es um Gehlen geht, ist man an Friedrich Schiller erinnert, der über Wallenstein schrieb: „Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“ Mal wird Gehlen als Geheimdienst-Ikone gesehen, mal als Opportunist oder geheimdienstlicher Hochstapler. Auch Müllers Biographie ist ‚werturteilslastig‘. Bei der Lektüre kommen gelegentlich Zweifel auf, ob Müller über die souveräne Distanz des Historikers zu seinem Forschungsgegenstand verfügt, denn (ab-)wertende Beurteilungen des Charakters und der Handlungen Gehlens sind recht häufig zu finden. Dies mündet im Schlusssatz des Werkes: „Wie sich nunmehr gezeigt hat, ist Reinhard Gehlen als positiv besetzte Traditionsfigur des BND wenig geeignet.“

Müllers Biographie greift auf sehr umfangreiches, bislang unzugängliches Datenmaterial zurück und er breitet vieles davon in seinem 1373-seitigen Werk auch aus. So kann der Leser sich ein eigenes, differenziertes Urteil bilden. Bei der Materialfülle muss in Kauf genommen werden, dass der Autor Dokumente oft eher ‚abbildhaft‘ wiedergibt statt sie zu paraphrasieren. Ausführlich stellt Müller Gehlens Werdegang vor 1945 dar. Ein großer Vorzug der Biographie. Gehlen wird 1902, in der Hochphase des Kaiserreiches, geboren. In seiner Jugend erlebt er den Ersten Weltkrieg und die deutsche Niederlage. Das Politikverständnis des jungen Gehlen ist auf den Staat fixiert, politischen Parteien und Ideologien steht er fern. Der Dienst für den Staat ist für ihn identisch mit dem Dienst am Gemeinwohl. Nach dem Abitur entscheidet er sich für den Offiziersberuf in der Reichswehr. Eine Entscheidung, die im Jahre 1920 weder eine schnelle Karriere noch hohes Einkommen bedeutet. Da seine Interessen in den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaft und Technik liegen, geht er zur Artillerie. Wegen seiner sehr guten Leistungen als Truppenoffizier wird er für die Generalstabsausbildung ausgewählt und kommt danach in den Generalstab des Heeres. Dort wird Franz Halder, Generalstabschef des Heeres 1938-1942, sein Vorbild und Mentor. Gehlen wird geformt durch die streng methodische Operationsplanung des deutschen Generalstabes, die die Auswertung aller verfügbaren Informationen über eigene und gegnerische Ressourcen und Absichten zur Basis operativer Schlussfolgerungen machte. Aber hier offenbart sich ein fundamentales Dilemma: Kann man auf der operativen Ebene ‚brillant‘ sein, wenn der strategische Rahmen negativ, ja bösartig ist? Die Operationsplanung und -führung des Generalstabes ermöglichte erstaunliche militärische Erfolge bis zum Sommer 1941, die jedoch zugleich der Opposition gegen Hitler den Boden entzogen. Brillante Operationsplanung und -führung sind nicht zielführend, wenn ihnen die politisch-strategischen Rahmendaten diametral entgegenstehen. Dies war spätestens mit Hitlers Beschluss gegeben, die Sowjetunion anzugreifen und diesen Krieg als rassenideologischen Vernichtungskrieg zu führen. Im Dezember 1941 erklärte Hitler den USA den Krieg und im Januar 1942 wurde die Vernichtung der europäischen Juden beschlossen. Gehlen wusste wohl, dass unter diesen Bedingungen der Krieg in der Niederlage Deutschlands enden musste. Offiziere wie Tresckow oder Stauffenberg zogen daraus die Schlussfolgerung, dass die Beseitigung Hitlers Deutschlands einzige verbliebene Chance war. Gehlen war kein Anhänger der Nazi-Ideologie und ihres inhärenten Antisemitismus, was auch Müller anerkennt, aber er hielt sich vom aktiven Widerstand fern.

Ab April 1942 war Gehlen Chef der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) beim Oberkommando des Heeres (OKH). FHO war für die Feindlagebeurteilung an der Ostfront zuständig und umfasste nie mehr als 50 Offiziere plus Stabspersonal. FHO betrieb keine Informationsbeschaffung, sondern war ausschließlich mit der Auswertung von Informationen befasst, die von den Nachrichtenstäben der Divisionen, Armeen und Heeresgruppen der Ostfront geliefert wurden. Deren Informationen kamen von Spähtrupps, Gefangenenaussagen, Funküberwachung und Luftaufklärung. Hinzu kam die Auswertung von sowjetischen Dokumenten, Publikationen und Radiomeldungen. Für die nachrichtendienstliche Informationsbeschaffung an der Ostfront war das Amt Ausland/Abwehr unter Admiral Canaris zuständig, das dafür die Nachrichtenorganisation ‚Walli‘ einrichtete, die von Herrman Baun geführt wurde. Walli platzierte wohl recht erfolgreich Agenten hinter den feindlichen Linien und im russischen Hinterland, aber die Abwehr unter Admiral Canaris besaß keine hochrangigen Quellen in der militärischen und politischen Führungsebene der Sowjetunion. Angeblich hochrangige sowjetische Quellen der Abwehr entpuppten sich als Erfindungen von Nachrichtenhändlern. Die Auswertungsarbeit und die daraus abgeleiteten Feindlagenbeurteilungen der FHO waren im taktisch-operativen Rahmen offensichtlich gut. Die ungebrochene Kampfkraft der Roten Armee und deren wachsende operative Handlungsfähigkeit wurden erkannt, nicht aber das Ausmaß der sowje- tischen Rüstungskapazitäten, der amerikanischen Hilfslieferungen und der russisch-patriotische Mobilisierung. Dass die russischen Offensiven um Stalingrad im November 1942 und gegenüber der Heeresgruppe Mitte im Juni 1944 von der FHO nicht prognostiziert wurden, wird von Müller stark betont, ist aber angesichts der fehlenden strategischen Tiefenaufklärung kaum verwunderlich.

Im Sommer 1944 – alliierte Landung in der Normandie, Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte und Hitler-Attentat – war Gehlen bei FHO abwesend. Er unterzog sich einer medizinischen Behandlung wegen Gallenerkrankung und war durch den mehrmonatigen Lazarettaufenthalt sozusagen auf Tauchstation. Parallel dazu wurde Canaris als Chef der Abwehr abgesetzt und verhaftet. Im Juli 1944 wurde die Abwehr in das SS-Reichssicherheitshauptamt (RSHA) eingegliedert. Zu dieser Zeit dürfte Gehlen sich über die schnell nahende Niederlage der Wehrmacht klargewesen sein. Er plante nun für die Nachkriegszeit – seine eigene Zukunft und die des vernichtend geschlagenen Deutschlands. Gehlen wusste drei Dinge:

• Er durfte den Sowjetrussen nicht in die Hände fallen.

• Zwischen den USA und der Sowjetunion würde es nach dem Krieg zu einem Machtkonflikt bezüglich der Kontrolle Deutschlands kommen.

• Gehlen und das FHO-Personal verfügte über militärisches und militärpolitisches Wissen zur Sowjetunion, das den Amerikanern fehlte.

Davon ausgehend entwickelte Gehlen seinen Plan, der dadurch faktisch erleichtert wurde, dass er im März 1945 von Hitler als Chef der FHO abgesetzt wurde: Gehlen verbrachte seine Familie von Niederschlesien nach Bayern. Auch er selbst, nebst des FHO-Akten, verlegte von Zossen bei Berlin nach Bayern. Die FHO-Unterlagen wurden in der Nähe von Bad Reichenhall versteckt. Auch Gehlen und seine engsten Mitarbeiter sowie Walli-Chef Herrman Baun versteckten sich in den bayrischen Alpen. Am 23. Mai 1945 stellte sich Gehlen den amerikanischen Streitkräften.

Ziemlich bald erkannte der amerikanische Armee-Nachrichtendienst den Wert des kriegsgefangenen Generals, seiner Mitarbeiter und der FHO-Akten. Schon im August 1945 wurden Gehlen und einige Mitarbeiter in die USA geflogen. Es gelang ihm, den Armee-Geheimdienst zu überzeugen, eine deutsche Intelligence-Organisation unter amerikanischer Kontrolle aufzubauen, deren Aufgabe die nachrichtendienstliche Erkundung des sowjetischen Militärpotentials und politisch-militärischer Planungen in Europe war. In einer Zeit, in der Deutschland als Staat gar nicht mehr existierte, sollte man vorsichtig sein, Gehlen als ‚Kollaborateur‘ zu titulieren, wie dies Müller tut. Schon damals schaffte es Gehlen mit großem Geschick, für seine ‚Org‘ die unter den gegebenen Umständen größtmögliche Autonomie gegenüber der amerikanischen Kontrolle zu sichern. Dabei hatte Gehlen das Problem, dass er und seine FHO-Mitarbeiter zwar Experten in Auswertung und Feindlagebeurteilung waren, aber nicht in der nachrichtendienstlichen Beschaffung. Dafür brauchte er den früheren Walli-Chef Herrmann Baun, der ihm aber zum Konkurrenten erwuchs. Gehlen gelang es, Bauns Beschaffungsressourcen in die ‚Org‘ zu integrieren und ihn zugleich in der ‚Org‘ aufs Abstellgleis zu schieben. 1949 übernahm die neu gegründete CIA vom Armee-Nachrichtendienst die Kontrolle und Finanzierung der ‚Org‘. Das Verhältnis Gehlens zu seinen CIA-Oberen war durchaus spannungsreich, aber Gehlen gelang es, seinen Autonomiekurs fortzuführen. Sein Ziel war es, die ‚Org‘ zum Nachrichtendienst der Bundesrepublik zu machen. An der Verwirklichung dieses Ziels arbeitete er konsequent. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass der westdeutsche Staat nur sehr bedingt souverän war. Ein wichtiger Aspekt von Gehlens Autonomiekurs war die Anknüpfung eigenständiger Verbindungen zu den Nachrichtendiensten der Schweiz, Frankreichs, Spaniens, des Vatikans, der skandinavischen Länder und der Türkei.

Aus Müllers Biographie ergibt sich, dass die Lagebeurteilungen der ‚Org‘ und des BND unter Gehlen bezüglich der Sowjetunion davon ausgingen, dass bei ausreichender militärischer Stärke der NATO, einschließlich starker westdeutscher Streitkräfte, ein sowjetischer Angriff auf Westeuropa nicht erfolgen würde. Gehlen sah die eigentliche Gefahr in einer systematischen politischen Unterwanderung Westeuropas mittels ‚aktiver Maßnahmen‘ und Einflussagenten, um Westdeutschland und Westeuropa auf einen prosowjetischen Kurs zu bringen. Interessant hierzu ist, dass Gehlen in seiner Autobiographie ‚Der Dienst‘ auf den antiken chinesischen Strategen Sun-Tzu und dessen ‚Regeln zur politisch-psychologischen Subversion‘ verweist. Zwar scheint für Gehlen die angebliche Fortexistenz der ‚Roten Kapelle‘ zu einer Obsession geworden zu sein, aber seine Warnungen vor nachrichtendienstlicher Penetration westlicher Institutionen kann, wie wir heute wissen, nicht als Paranoia abgetan werden.

Schließlich saß mit dem früheren SD-Angehörigen Heinz Felfe ein sowjetischer Agent in seiner unmittelbaren Umgebung. Für Müller war der Verratsfall Felfe der Super-GAU des BND und der Anfang vom Ende Gehlens als Geheimdienst-Ikone. Dabei sollte man bedenken, wie stark die britischen Geheimdienste MI6 und MI5 von sowjetischen Agenten infiltriert waren: Philby, Burgess, Maclean, Cairncross und Blunt. Bezüglich der Beschäftigung von Angehörigen des NS-Repressionsapparates in ‚Org‘ und BND, die von Müller wiederholt thematisiert wird, gibt es außerdem die verdienstvolle Studie von Sabrina Nowak in der UHK-Schriftenreihe des CH. Links Verlages aus dem Jahre 2016, die im fachbuchjournal 1/2017 (Sabri na Nowak, Sicherheitsrisiko NS-Belastung), rezensiert wurde.

Reinhard Gehlen hat einen funktionierenden deutschen Auslandsnachrichtendienst aufgebaut, dessen Stärke in der militärischen Lagebeurteilung lag. Mangelhaft war die Einbeziehung der geostrategischen, wirtschaftlichen und politischmentalen Dimensionen des nachrichtendienstlichen Lagebildes, die auch nach Gehlens Pensionierung 1968 fortwirkte. Müllers Biographie markiert eine wichtige Etappe in der Einschätzung von Gehlens nachrichtendienstlicher Gesamtleistung zwischen 1945 und 1968 und damit ist dieses Buch ein sinnvoller und empfehlenswerter Lesestoff. (ml)

Dr. Michael Liebig (ml) ist Politikwissenschaftler. Intelligence Studies ist einer seiner Arbeitsschwerpunkte

michael.liebig1@gmx.de

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