Evolution

NATURA OBSCURA

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 6/2017

Kurt M. Füglister/Martin Hicklin/ Pascal Mäser (Hrsg.), natura obscura: 200 Naturforschende – 200 Natur phänomene – 200 Jahre Naturforschende Gesellschaft in Basel, Schwabe Verlag Basel 2017, geb. 244 S., Abb., ISBN 978-3-7965-3686-1. € 40,00

Im Jahr 1815 bricht der indonesische Vulkan Tambora aus. Die ausgeworfene Asche verdunkelt die nördliche Hemisphäre und die Temperaturen sinken markant. 1816 wird in der Schweiz zum „Jahr ohne Sommer“; die Folge: Missernten und Viehsterben führen 1817 in einigen Kantonen zur schlimmsten Hungersnot des 19. Jahrhunderts. „Menschen grasten nun mit dem Vieh“, schrieb der Zeitzeuge Pfarrer Rupert Zollikofer (s. Daniel Krämer, Die letzte grosse Hungerkrise der Schweiz 1816/17. Basel: Schwabe 2015).

Ob das Naturphänomen auf der Insel Sumbawa, das in 12.000 Kilometer Entfernung eine humanitäre Katastrophe auslöste, den bernischen Pfarrer Samuel Wyttenbach maßgeblich dazu inspirierte, seinem Kollegen, dem Basler Mathematikprofessor und Bibliothekar Daniel Huber, vorzuschlagen, „die Freunde der Naturwissenschaft in Basel zu einer Cantonal-Gesellschaft zu vereinen“, ist nicht belegt. In der Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der Naturforschenden Gesellschaft in Basel (Basel: Buchdruckerei C. Schultze, 1867) findet sich darauf zwar kein Hinweis, aber es scheint mir durchaus plausibel, denn in der vorläufigen Satzung vom 8. Januar 1817, die neun ehrenwerte Vertreter der Basler Wissenschaft unter dem Vorsitz von Daniel Huber auf der konstituierenden Sitzung der NGiB unterzeichneten, heißt es: „1. Die Gesellschaft setzt sich zum Zwecke: Erstlich, die Erweiterung und Ausbreitung menschlicher Kenntnisse in sämmtlichen Zweigen der Naturwissenschaften, mit besonderer Hinsicht auf die Naturgeschichte des Vaterlandes und der Umgegend; sodann die Anwendung dieser Kenntnisse auf das praktische Leben überhaupt sowohl, als auch ganz besonders auf den Nutzen des Vaterlandes.“ (ebd., S. 10) – Punkt 2 formuliert das Ziel: „…auf dem sichern Weg der Erfahrung durch sorgfältige und richtige Beobachtungen und Versuche die Kenntnis der Natur zu befördern sich bestreben.“ (ebd.) Zweihundert Jahre nach ihrer Gründung schaut die NGiB auf ein höchst erfolgreiches Vereinsleben zurück. Ihre Zielsetzung, „die Naturwissenschaften zu fördern, sowie den Sinn für Naturkunde unter den Mitbürgern zu verbreiten“ (s. http://www.ngib.ch/ueber-uns/), wurde auf beispielhafte Weise erfüllt, insbesondere dank der Aktivität ihrer Mitglieder, darunter herausragende Persönlichkeiten aus dem Umfeld der renommierten Baseler Universität, des Universitätsspitals, außeruniversitärer Forschungszentren, Museen und Großunternehmen sowie vieler naturkundlich interessierter Amateurforscher und ehrenamtlich im Naturschutz engagierter Laien aus der Regio Basiliensis.

Wie feiert eine Gesellschaft, die „seit 1817 im Dienste von Natur & Wissenschaft“ steht, ihr 200-jähriges Jubiläum? Ihr Mitglied Kurt M. Füglister, ehem. Gymnasiallehrer für Biologie und emeritierter Professor der PH der Nordwestschweiz, hatte da eine Idee: 200 Naturforschende mit Bezug zur ältesten Schweizer Universitätsstadt sollten jeweils auf einer Buchseite allgemeinverständlich über ein Natur-Phänomen schreiben, das nach ihrem Eigenverständnis beispielhaft zeigt, was Natur ist.

Der Vorschlag zündete. Füglister hat das reichhaltig illustrierte Aufsatz-Konvolut gemeinsam mit dem Wissenschaftsjournalisten Martin Hicklin und Pascal Mäser, Professor für Parasitologie und Protozoologie, gesichtet, redaktionell überarbeitet, pragmatisch nach Autorennamen geordnet und um die Kurzbiografien der Beiträger/innen ergänzt. Das Autorenspektrum reicht vom begeisterten Amateurmykologen, der beruflich Trams durch Basel führt, bis zum berühmten Immunologen, dessen Forschung mit dem MedizinNobelpreis ausgezeichnet wurde. Die eingereichten Beiträge sind ebenso vielfältig wie die diversen naturwissenschaftlichen Disziplinen und die naturkundlichen Hobbys der Beiträger/innen.

Das Kaleidoskop der Themen scheint schier unerschöpflich; es reicht von der uns alle angehenden Frage „Leben wir länger durch saubere Luft?“ bis zum akademischen Problem: „Warum sitzen Radnetzspinnen kopfunten im Netz?“.

Die Themenbogen spannt sich von A-Z, von der Anatomie („Muskeln: mehr als nur ‚schön anzusehen‘“) und der Astronomie („Warum wird es nachts dunkel?“; „Warum leuchten die Sterne?“) und Astrophysik („Alles Quark im Neutronenstern?“) über die Botanik („Die erstaunlichen Moose“; „Leben auf Granit?“) und Entwicklungsbiologie („Regeneration – Die Kunst der Selbstheilung“), Geologe („50 Jahre Theorie der Plattentektonik“), Immunologie („Mykobakterienunsere heimlichen und unheimlichen Begleiter“), Infektionsbiologie („Drohen neue Gefahren für die Tierwelt?“), Landschaftsbiologie („natura abhorret vacuum“), Molekularbiologie („Die Faszination ‚Ramsch-DNA‘“), Molekulare Medizin („Leben Bakterien in einer schönen neuen Welt?“), Nachhaltigkeitsforschung („Ist die Natur nachhaltig?“), Ornithologie („Vogelzug als Marathon“), Ökologie („Anflug aus dem Nebel “), Parasitologie („Eine gemütliche Nische für Parasiten“), Paläontologie („Konrad Gessners fossile Krabbe“), Physik („Wie sieht ein Atom aus?“), Sozialmedizin („Länger Leben durch saubere Luft?“), Strukturbiologie („Transport von Membranproteinen“), Verhaltensbiologie („Rülpser in der Gezeitenzone“) sowie Wissenschaftsgeschichte („Die Erstbeschreibung der botanischen Höhenstufen 1555“) bis zur Zahnmedizin („Über Zähneknirschen und Kieferpressen“), Zoologie („Von Tieren lernen“; „Wie wird der Hals der Giraffe so lang?; „Warum haben Zebras Streifen?“; „Warum ist der Pfau so blau?“) und Zytobiologie („Warum sich Zellen bewegen“).

Die Texte – einige wenige davon auch in Englisch – sind überwiegend allgemeinverständlich und unterhaltsam, vielfach spannend und bisweilen verblüffend. Sie werfen erhellende Blicke auf die Natur, die uns trotz jahrhundertelanger Forschung in unzähligen Phänomenen immer noch undurchsichtig und schemenhaft erscheint, eben eine Natura obscura ist. Diesen Aspekt hat der Tropenzoologe Thierry Freyvogel (*1929) in seinen „…Gedanken zur Biologie“ auf eindrucksvolle Weise deutlich gemacht:

„Was die Welt im Innersten zusammenhält, wird der Mensch schwerlich erfassen. Was also bleibt? Wie schon Psalmen des hebräischen Testaments bezeugen, bleiben dem Naturforscher, diesem bevorzugten Zeitgenossen der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, als letztlich Erfüllendes das große Wundern und tiefste Bescheidenheit“ (S. 55). Leser/innen, die an der Rubrik Natur & Wissen der FAZ und NNZ Interesse finden, werden diese zum Schmökern und Staunen einladende, höchst abwechslungsreiche Sammelschrift schätzen, und Freunde der Makrofotografie werden von den spektakulären Abbildungen des vielfach für seine Arbeit ausgezeichneten Basler Micronauten Martin Oeggerli begeistert sein. (wh)

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

henkew@uni-mainz.de

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