Natur und Kunst

Maria Sibylla Merian zwischen Malerei und Naturforschung

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 3/2018

Carin Grabowski: Maria Sibylla Merian zwischen Malerei und Naturforschung. Pflanzen- und Schmetterlingsbilder neu entdeckt. Berlin, Dietrich Reimer Verlag, 2017. Geb., 480 S., 274 Farb- und 22 s/w-Abb., ISBN 978-349601571. € 79,00

Wenn es nach der Literaturprofessorin Gudrun Lehnert (Univ. Potsdam) geht, gehört Maria Sibylla Merian zu den Frauen, die man kennen muss. Aber mal ehrlich: Was heißt schon kennen? Natürlich nehme ich an, dass Sie einige Bilder der Künstlerin, Naturwissenschaftlerin und Forschungsreisenden, deren Todestag sich im vergangenen Jahr zum dreihundertsten Mal jährte, kennen. Vielleicht sind Ihnen auch einige biografische Daten dieser außergewöhnlichen Frau bekannt, deren künstlerische und naturwissenschaftliche Arbeit schon zu ihren Lebzeiten europaweit große Anerkennung fand. Wenn Sie in den neunziger Jahren betucht waren, hatten Sie vielleicht sogar ein Porträt von Maria Sibylla Merian mit der Silhouette einer Wespe vor den schemenhaften Umrissen der Stadt Nürnberg in ihrer Brieftasche. Bei mir hat es maximal zum 200 DMSchein mit Clara Schumanns Ebenbild gereicht. Zwischen den Polen, zu wissen, um welche Künstlerin es sich handelt, oder detailliert ihr Curriculum vitae zu kennen, liegt ein gewaltiger Unterschied. Zwar haben wir über das Leben und Wirken der berühmten, in Frankfurt geborenen Künstlerin und Naturforscherin eine Fülle von Informationen, aber es gibt offenbar immer noch Neues zu entdecken. Das zeigt der vorliegende Prachtband, dem die 2015 von der Autorin an der Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin eingereichte Dissertation zugrunde liegt (Titel: „Zwischen Naturtreue und Konstruktion – Kritische Analyse und Neubewertung des Œuvres der Maria Sibylla Merian (1647–1717)“; Betreuer: Prof. Dr. Horst Bredekamp).

Damit wird klar, dass es sich nicht um ein weiteres populärwissenschaftliches Blumen- und Insektenbuch im Rahmen der Kommerzialisierung von Merians Werk handelt, sondern um eine kunsthistorische Analyse ausgewählter Aquarelle des St. Petersburger Konvoluts. In der Akademie der Wissenschaften werden die Kunstwerke, die Zar Peter der Große 1717 von der Künstlerin erworben hatte, aufbewahrt.

Ziel der Studie von Carin Grabowski, einer ehemaligen Oberstudienrätin (Biologie, Geografie, Sport) und Kunstgeschichtlerin, ist u.a. die Etablierung einer neuen Chronologie der Bilder, also „werksimmanent aus der malerischen Entwicklung der Künstlerin und ihrer Töchter einzelne Bilder […] chronologisch neu zu ordnen“ (S. 9). Ferner hat die Verfasserin mögliche Verfälschungen von Merians Bildaussagen analysiert, d.h. „…die eigenmächtigen Veränderungen der Kupferstecher bei der Übertragung von Merians Vorlagen auf die Kupferplatten“ (S. 9), und schließlich geht es um „[d]ie Erforschung der Metamorphose im Nebeneinander einer Lebensgemeinschaft“, um die Erfindung des „Biotopbildes“ und die „Zusammenführung von morphologischen Versatzstücken in konstruierter Komposition von höchster Ästhetik“ (S. 14). Was sich hinsichtlich der Fragestellung sehr akademisch anhört, sollte aber keinen abschrecken. Zwar ist der Text anspruchsvoll, aber klar und leicht verständlich geschrieben und beeindruckend übersichtlich gegliedert. Da die Werkschau zahlreiche Ergänzungen der Biografie dieser für ihre Zeit ungewöhnlich emanzipierten Frau enthält und durch die Präsentation und Interpretation ausgewählter Bilder besticht, spricht sie nicht nur Experten/innen an.

Auf die Einleitung in den Forschungsstand und die Arbeitsthesen folgt ein umfangreiches Kapitel zum historischen Kontext. Nach den familiären Wurzeln der Protagonistin werden ihre künstlerische Ausbildung, ihre problematische und letztlich gescheiterte Ehe geschildert, aus der ihre zwei Töchter hervorgingen. Von besonderem Interesse sind Merians Schaffensphasen in Nürnberg und später in Frankfurt sowie das Leben mit ihren Töchtern Johanna Helena (geb. 1668) und Dorothea Sophia (geb. 1678) in der pietistischen Labadisten-Gemeinde in Wieuwerd, im Schloss Waltha. Ferner werden der Wechsel nach Amsterdam und die gewagte Forschungsreise, Das Unternehmen Surinam, thematisiert. Schließlich geht es um den Existenzkampf als alleinstehende Frau, die Raupenbücher sowie Merians klägliches Lebensende und den Verkauf ihrer künstlerischen Pergamente an Zar Peter den Großen.

Der Abriss schildert das singuläre, selbstbewusste und bewegte Leben einer begnadeten Künstlerin, der wohl berühmtesten Frau der frühen Naturforschung, einer wissenschaftlichen Autodidaktin, denn damals hatten Frauen keinen Zugang zur Universität.

In Maria Sibylla Merian verband sich die ererbte künstlerische und wissenschaftliche Begabung ihres früh verstorbenen Vaters, Matthäus Merian d. Ä. (1593–1650), der als Buchdrucker und Verleger hoch anerkannt war, mit einem begeisterten Naturinteresse und nicht zu sättigendem Erkundungseifer. An ihren leiblichen Vater dürfte sie kaum Erinnerungen gehabt haben, denn dieser starb bereits, als sie drei Jahre alt war. Da ihre Mutter, Johanna Catharina Sibylla Heim, den Neigungen ihrer Tochter stets skeptisch gegenüberstand, ist es ihrem Stiefvater, dem geschätzten holländischen Blumenmaler Jakob Marrel (1614–1681) und seinen Schülern zu verdanken, dass ihr Talent bereits von früh an gefördert wurde. Auch der holländische Blumenmaler Johann Andreas Graff (1636–1701), den sie als 18-Jährige heiratete, beförderte ihre künstlerische Entwicklung. Hinzu kam, dass im damaligen Frankfurt die Seidenraupenzucht florierte, so dass ihr außergewöhnliches Talent und die faszinierende Metamorphose der Insekten zu einem innovativen Blick verschmolzen. Als man noch an die Urzeugung von Lebewesen aus unbelebter Materie glaubte, erkannte sie erstmals die ökologischen Beziehungen zwischen einzelnen Pflanzen und der Insektenentwicklung. Damit war sie ihrer Zeit weit voraus, denn der Begriff Ökologie wurde erst 1866 von dem Universalgelehrten Ernst Haeckel (1834−1919) geprägt.

Carin Grabowski analysiert das ‚Frühwerk und die Blumenbücher‘, beschreibt den Beginn der Malaktivitäten und das Kopieren von Vorlagen und studiert eingehend das Unterrichtsprogramm und die Entstehung eines einzigartigen Malstils, in dem Insekten, die damals als niederes Getier verachtet wurden, in den Fokus gerieten. Ferner begutachtet sie die frühen Blumenporträts und -gebinde, deren Verkauf zur Sicherung des Lebensunterhalts der Familie beitrug, und wirft einen besonderen Blick auf das ‚Pathos in einem ‹biografischen Bild›‘ und erläutert, warum sie „analog zu Freuds Leonardo-Analyse einen psychologischen Interpretationsansatz für möglich erscheinen [lässt]“ (S. 39).

‚Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung‘ heißt eines der Raupenbücher, die im Mittelpunkt des nächsten Kapitels stehen. Es werden die Anfänge der Insektenforschung, Merians sog. Biotopbilder sowie das Konzept und das Anliegen des Raupenbuchs vorgestellt. Ferner werden Merians Kompositionskunst und die gestörten Metamorphosen und Pflanzengallen erläutert. Anschließend beschreibt die Verfasserin den „morphologisch sezierenden Blick auf Insekten und Parasiten“ (S. 59) und den mentalen Wandel in der Bildaussage sowie kompositorische Besonderheiten und „andere Künstlerhände“ (S. 67), um dann Merians wissenschaftliche Leistung zu würdigen.

In ‚Die Kräuterserie‘ werden die Arbeitsblätter von Maria Sibylla Merian und ihren Töchtern im Hinblick auf schlüssige Beweise für eine Händescheidung der in Werkstattarbeit entstandenen Bilder analysiert. Und in ‚Die Gartenserie‘ werden Unstimmigkeiten in der angenommenen Chronologie diskutiert und der Versuch einer Neuordnung vorgenommen. Nachdem die Labadisten-Gemeinde verlassen werden musste, erfolgte Merians Existenzneugründung in Amsterdam. In ‚Die Amsterdamer Bewährung‘ erläutert die Kunstgeschichtlerin den Ablauf des Werkstattbetriebs, die „Erfindung einer neuen Falterflugdarstellung“ (S. 103), die Geschäfts- und Produktionsverfahren und die schwierige Vermarktungssituation. In dieser Zeit entstand die Motivation für die Surinamreise (1699–1701).

Der wagemutige Aufbruch einer geschiedenen Frau in Begleitung ihrer jüngeren Tochter ins tropische Südamerika kennzeichnet Maria Sibylla Merians brennenden Entdeckungsdrang. Carin Grabowski geht kurz auf das Ziel dieser anstrengenden Expedition ein, die wegen Merians Erkrankung, vermutlich Malaria, schon nach zwei Jahren endete. Der Schwerpunkt des Surinam-Kapitels liegt auf der bildwissenschaftlichen Untersuchung. Es geht um Merians Erkenntnisse, die Besonderheiten der Metamorphose tropischer Insekten, beeindruckende Porträt darstellungen sowie die Erfassung der Lebensgemeinschaften und die Flugsequenzen einheimischer Falter. Im letzten Kapitel über die jüngeren Raupenbücher kommt Carin Grabowski zu dem Schluss, dass Dorothea „das Werk nach dem Wunsch der Mutter vollendet hat“ (S. 147), betont aber gleichzeitig die Notwendigkeit, das dritte Raupenbuch „einer genauen Untersuchung mit Fokus auf die Entwicklung Dorotheas als Künstlerin zu unterziehen“ (S. 147). Die überarbeitete Dissertation verbindet in beispielhafter Weise kunst- und bildwissenschaftliche mit naturwissenschaftlichen Analysen und Erkenntnissen. Sie zeigt Maria Sibylla Merian als Pionierin der Entomologie, die mit akribischer Sorgfalt und exzeptioneller künstlerischer Begabung ihre Naturbeobachtungen ästhetisch und innovativ umsetzt, indem sie einen neuen Bildtyp schafft. Es entsteht das Biotopbild, das Pflanzen und Insekten im gemeinsamen Lebensraum zeigt und die metamorphotischen Stadien einbezieht. Wie Grabowski zeigt, konnten die beauftragten Kupferstecher den innovativen Darstellungen der Avantgardistin Merian nicht immer folgen. Ferner gelingt es aufgrund von individuellen Markenzeichen der drei Malerinnen, Händescheidungen im Werk nachzuweisen. Da die jüngeren Werke in niederländischer Sprache verfasst wurden, blieb die Wahrnehmung in der Fachwelt weitgehend aus. Abgesehen davon ließ die aufblühende Naturforschung Merians Leistung bald in Vergessenheit geraten. Der aufwändig gedruckte Band enthält 384 ausführliche Fußnoten, ein hilfreiches Glossar, eine umfangreiche Zeittafel, ein hoch informatives Literaturverzeichnis sowie einen hilfreichen Katalog, bestehend aus einer tabellarischen Übersicht der Bilder mit Konkordanzangaben sowie 124 ganzseitigen Bildern des St. Petersburger Konvoluts mit jeweils gegenüberliegenden Interpretationen.

Die grandiose Hommage an Maria Sibylla Merian ist für alle professionell mit ihrem Werk Befassten ein absolutes Muss, aber auch Laien können die faszinierende Lektüre mit ihren einzigartigen Bildern genießen. (wh)

 

Judith Magee: Ars Natura – Meisterwerke großer Naturforscher von Merian bis Haeckel. Theiss Verlag, Darmstadt, 2017, 256 S., 220 Abb., ISBN 978-3806236187. € 39,95

Die beiden Leitkategorien ‚Kunst‘ und ‚Natur‘ stehen in einer besonderen Interdependenz zueinander. Versteht man Kunst (lt. ars) allgemein als gezielte menschliche Tätigkeit, die nicht funktional festgelegt ist, so ist Natur (lt. natura von nascor „entstehen, geboren werden“) das, was nicht vom Menschen geschaffen wurde.

Wissenschaftsgeschichtlich betrachtet waren die Künste und Naturwissenschaften lange Zeit einander sehr nah. Kunst war seit jeher auch ein Erkenntnismedium, um Dinge der Natur durch Zeichnungen besser zu verstehen. Schon in frühesten Zivilisationen wurden Pflanzen und Tiere eingehend beobachtet und porträtiert. Aber durch das vielfache Kopieren von Holzschnitten der Tier- und Pflanzendarstellungen entstanden „daraus nicht viel mehr als stilisierte Dekorelemente“ (S. 6), schreibt Judith Magee, die ehemalige Leiterin der Kunstsammlung in der Bibliothek des Natural History Museum, London. Erst ab dem 15. Jahrhundert werden die Kunstwerke mit der Technik des Kupferstichs immer präziser, und mit Universalgenies der Renaissance wie Albrecht Dürer (1471–1528), der versucht sich zur Wahrheit „durchzumalen“ (sensu KlausRüdiger Mai), sowie Conrad Gessner (1516–1565), dessen Biographie von Urs Leu erst kürzlich gewürdigt wurde (vgl. FBJ 6, 2017, S. 61-63, Rezension wh), oder Leonardo da Vinci (1542–1519), der sich zeitlebens mit dem Verhältnis von Kunst und Naturwissenschaft beschäftigte, wurden die Darstellungen auch zunehmend realistischer. Die exakte Beobachtung schulte die Wahrnehmung; Zeichnungen und Malerei wurden zu einer erkenntnisleitenden Instanz.

Gleichzeitig änderten sich die Vorstellungen von der Natur. Das Zeitalter der Entdeckungen, vom 15.-18. Jahrhundert, führte zur europäischen Expansion. Insbesondere mit der wissenschaftlichen Revolution im 17. Jahrhundert erweiterten unstillbare Neugier und abenteuerliches Fernweh den Horizont. Der sukzessiven Entdeckung der weißen Flecken auf der Weltkarte folgten deren Eroberung, Erkundung und Erschließung. Insbesondere Niederländer, Briten und Spanier, aber auch Portugiesen und Franzosen etablierten ein weltweites Handelssystem zur kommerziellen Ausbeutung der neuen Ressourcen. Ihre Expeditionen wurden von Forschungsreisenden begleitet, die vielfach auch großes künstlerisches Talent hatten. Aber nicht jede/r Wissenschaftler/in war zeichnerisch so begabt wie der Universalgelehrte Alexander von Humboldt (1769–1859) oder die Entomologin Margarete Elizabeth Lafontaine (1862– 1940), so dass Künstler/innen angeworben werden mussten, die ihr Leben und Werk ganz der Naturdarstellung widmeten. Zeichnungen, Aquarelle und Skizzen konnten die exotische Flora und Fauna zur taxonomischen Bestimmung adäquat festhalten; wie hätte man sonst die botanisch und zoologisch nicht selten obskur anmutende Andersartigkeit der überseeischen Kontinente mitteilen können? Das gilt auch für die fremdländischen Bewohner/innen und die Naturlandschaften, die in faszinierenden Darstellungen festgehalten wurden. Wie sehr diese Epoche auch die Entwicklung komplexer Theorien über die natürliche Welt prägte, zeigt z.B. Alexander v. Humboldts Tableau de la Nature, ein Kupferstich von 1865, der die pflanzengeografische Erkenntnis illustriert, dass die Verteilung von Pflanzen durch physikalische Phänomene bestimmt wird (vgl. S. 12).

Nach einer souveränen Einleitung in die Thematik beschreibt Judith Magee die eurozentrisch geprägte Entdeckung der Natur der Kontinente. Zunächst geht es um Amerika. In „Entdeckung und Verzeichnung der Neuen Welt“ (S. 16) entwirft die Kuratorin der Library Special Collections im Natural History Museum einen versierten Blick auf die naturkundlichen Entdeckungen Süd- und Nordamerikas. Hier – wie auch in den anderen Kapiteln – verbindet sie faktenreiche biografische Daten der Künstler/innen mit deren einzigartigen Darstellungen. Neben der idyllischen Fischereiszene von John White (ca. 1540 – ca. 1593) finden sich die naturgetreuen Vogel- und Fischbilder von Mark Catsby (1683–1749), der Korallenbaum und die Papaya von Maria Sibylla Merian (1647–1717) (s. Grabowski, C.: M. S. Merian, Rezension dieses FBJ) sowie die einzigartigen Pflanzenbilder und der famose farbige Warmouth (Sonnenbarsch) von William Bartram (1739–1823). Neben zahlreichen ornithologischen Bildern begeistern Humboldts Schwarzgesicht-Uakari und sein Chimborasso-Aquarell.

Spannend liest sich auch das Kapitel über Australasien, das „Land der Träumer und Strafkolonie“. Selbst wenn man bereits etwas über James Cooks Entdeckungsreisen auf der Endeavour und der Resolution weiß, beeindrucken die Bilder des schottischen Naturzeichners Sydney Parkinson (1745–1771), der 24-jährig in Batavia an Bakterienruhr starb. Noch heute wirkt dessen kurioses Schnabeltier wie ein Wolpertinger. Ebenso kann man sich für Georg Forsters (1754–1794) Primelea gnidia oder dessen Kehlstreifenpinguin begeistern. Unentdeckte Spezies malte der englische Missionar William Ellis (1794–1872), darunter einen Flughund auf Tonga und einen Schwarzgesicht-Raupenfänger. Welcher Europäer hätte geglaubt, dass es einen schwarzen Schwan (Trauerschwan, Cygnus atratus) gäbe, wenn der ‚Maler von Port Jackson‘ ihn nicht gezeichnet hätte? Obwohl die naiven anthropologischen Bilder dieses Malers wie Karikaturen wirken, zeigen sie doch Australian Aborigines mit markanten Körperbemalungen und beim bizarr wirkenden Heilen von Kopfschmerzen. Und natürlich fehlen die meisterhaften Bilder des österreichischen Botanikers Ferdinand Bauer (1768–1826) sowie die des britischen Ornithologen und Tiermalers John Gould (1804–1871) und die Darstellungen kultureller Aktivitäten des Marineoffiziers Georg Rapers (1769–1797) nicht.

Das Kapitel „Handel und Empire“ über Asien gliedert sich in die Abschnitte Indien und China. Die Bilder der andersartigen Fauna und Flora in den von der britischen und niederländischen Ostindienkompanie dominierten Kolonien beeindrucken, darunter die realistischen Zeichnungen von Nathaniel Wallich (1786–1854), die nachweislich einheimische Künstler anfertigten. Vom Arzt und Naturforscher Patrick Russel (1727–1805) stammen diagnostisch hilfreiche Darstellungen von Schlangenarten, und die entomologischen Kunstwerke von Thomas Hardwicke (1756–1835) sind perfekt, ebenso wie seine Darstellung eines gewöhnlichen Stachelschweins. In China sammelte der Teeinspektor John Reeves (1774–1856) naturkundliche Exemplare und Kunstwerke. Neben Bildern vom Bartaffen, Plumplori, Vari und einer Bengalkatze sind u.a. die Zeichnungen mariner Lebewesen beeindruckend. Die europäische Präsenz sowie die Entdeckung und Kolonialisierung Afrikas „Von der Aufklärung bis zum Viktorianischen Zeitalter“ ist eng mit dem Sklavenhandel und den Handelsniederlassungen entlang des Kontinents verbunden. Magee beschreibt die schrittweise Erschließung dieser Terra incognita. Neben Darstellungen der Tier- und Pflanzenwelt von Georg Forster (s.o.) sowie des Armeeoffiziers William Cornwallis Harris (1807–1848) imponieren u.a. romantische und leicht idealisierte Landschaftsgemälde und ethnische Porträts des deutschen Malers Johann Martin Bernatz (1802–1878) und dynamische Tierzeichnungen des englischen Tierzeichners Thomas Baines (1820–1875).

Im letzten Kapitel geht es um Europa und den europäischen Blick auf die Natur. Die aus Übersee importierten ‚Schätze‘ der Handelsgesellschaften gelangten in den Besitz von Museen, Planetarien und Zoos, „Naturkunde-Kunst in allen ihren Formen war eine Wachstumsindustrie“ (S. 198). Professionell beschreibt die erfahrene Kunstkuratorin diese Phase der Aufklärung und wissenschaftlichen Revolution, die letztlich in der Biologie den evolutionsbiologischen Paradigmenwechsel einleitete.

Der Kupferstich eines Schimpansen (Pan troglodytes) des Arztes und Anatom William Cowper (1666–1709) und das Wimmelbild von Ernst Haeckels (1834–1919) tropischen Eidechsen sowie dessen Meeresprotozoen und Stachelhäuter fehlen hier ebensowenig wie die detaillierten Rhododendron-Bilder des botanischen Zeichners Walter Hood Fitch (1817–1892), die berühmte Bart-Iris von Maria Sibylla Merian oder die Mandelblüten des Blumen- und Landschaftsmalers Johann Christoph Dietzsch (1710–1769), um nur einige zu nennen. Insgesamt stammen die abgebildeten Kunstwerke von 85 Künstlern und Künstlerinnen, deren biographische Daten neben einem hilfreichen Register und weiterführender Literatur im Anhang angeführt sind. Der Band ist hinsichtlich seiner textlichen und grafischen Gestalt sowie Bildauswahl und Ästhetik ein grandioses Meisterwerk. Diesen Eindruck schmälert auch die Tatsache nicht, dass die englische Ausgabe unter dem Titel Art of Nature. Three Centuries of Natural History Art Around the World bereits 2009 im Natural History Museum erschien und die 15 Literaturangaben noch älter sind. Da es im 19. Jhdt. zu einer Entfremdung von Kunst und Naturwissenschaften kam, die bis in unsere unmittelbare Gegenwart fortwirkt, ist der Band ein Geschichtsdokument und eine zeitlose Augenweide. (wh)

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitglied der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

henkew@uni-mainz.de

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