Kinder- und Jugendbuch

„Ich hatte keine Strümpfe … Ich tanzte, um mich warm zu halten“

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2020

Anke Kuhl: MANNO! Alles genau so in echt passiert. 132 S., Klett Kinderbuch, Leipzig 2020, ab 8 Jahren

 

Linda Schwalbe: Ida und die Welt hinterm Kaiserzipf. 64 S., NordSüd, Zürich 2020, ab 5 Jahren

 

Juliane Sophie Kayser, Graham Rust (Ill.): Franz und die Puppe auf Reisen – Lilli und der Mann im Mond. 64 S., Tomorrow’s Classics, Heidelberg 2020, ab 6 Jahren

 

Patricia Hruby Powell, Christian Robinson (Ill.): Josephine – Das schillernde Leben von Josephine Baker. 104 S., E. A. Seemann Henschel, Leipzig 2018, ab 8 Jahren

 

Cordelia Albert, Ayuko Tanaka (Ill.): Als Ludwig aus dem Rahmen stieg. 32 S., Reisekönig, Bonn 2020, ab 7 Jahren

 

Kerstin Lücker, Ute Deanschel: Weltgeschichte für junge Leserinnen. 576 S., Kein & Aber, Zürich/Berlin ­2017/2020 ab 12 Jahren

Anke Kuhl, Illustratorin in der Frankfurter Ateliergemeinschaft Labor, gewährt in ihrem Comic MANNO! offen und ungeschönt (denn, so der Untertitel, Alles genau so in echt passiert) in 18 Geschichten Einblick in ihre Kindheit in den 1970er-Jahren. Es ist eine Mischung aus Unbeschwertheit und Glück wie die Stunden bei „Openom“, den Großeltern, die mit im Haus wohnen oder das „Yippie“, als die kurzsichtige Anke eine Brille bekommt: „Ich kann auf einmal die Leute im Fernsehen richtig gut erkennen.“ Aber auch Ängsten, großen und kleinen Katastrophen, wenn es z.B. zwischen den Eltern kracht, weil der Vater eine Freundin hat oder die Oma das gerade erworbene Freischwimmerabzeichen auf dem roten Badeanzug an die falsche Stelle näht und die kleine Anke schreit: „Oomaa! Doch nicht mitten aufs Mötzchen!!! (…) Sooo peinlich.“ Witzig und auch tröstend beschreiben Bilder und „Kindermund“ Gefühle und Situationen, die Kinder auch heute durchleben.

■ Bunt und knallig sind die Farben, einfach, großflächig, klar und kindlich die Formen im Bilderbuch Ida und die Welt hinterm Kaiserzipf von Linda Schwalbe. Knapp und mit prägnanten Worten erzählt sie das Leben der Forscherin Ida Pfeiffer (1797– 1858). Ida hat schon als Kind ihren eigenen Kopf und den „unbezwinglichen Wunsch, die Welt zu sehen“. Sie entschließt sich endlich, diesem „Traum von Abenteuern und Expeditionen“ zu folgen, als ihre „erwachsenen Kinder eigene Wege gehen“. Mit 44 Jahren begibt sie sich auf ihre erste Weltreise, die damals zwei Jahre dauerte und nicht die letzte sein sollte. Das Bilderbuch ist eine großartige Hommage an eine mutige, starke und für die damalige Zeit ungewöhnliche Frau. Im Sog des prächtigen Farbenund Formenspiels werden nicht nur die kleinen Betrachter Lust bekommen, den „Abenteuerkoffer“ zu packen und beherzt den eigenen Träumen zu folgen.

■ Kinder werden den Schmerz nachvollziehen können, wenn plötzlich die Lieblingspuppe verschwunden ist. 1923 begegnete der Schriftsteller Franz Kafka in Berlin einem Mädchen, das verzweifelt seine Puppe suchte. Er versuchte sie zu trösten und behauptete, die Puppe sei „auf Reisen“ und begann die Erlebnisse der Puppe aufzuschreiben, traf sich drei Wochen mit dem Kind und las sie ihr vor. Leider sind Kafkas Puppenbriefe verschollen. Die Geschichte inspirierte Juliane Sophie Kayser und sie erfand, eingebettet in die historischen Begebenheiten, neue Briefe in Franz und die Puppe auf Reisen – Lilli und der Mann im Mond. ­

Graham Rust bereichert mit feinem Strich die Puppenabenteuer und führt mit seinen Illustrationen in die Zeit der Zwanziger Jahre. ¡ „Ich hatte keine Strümpfe … Ich tanzte, um mich warm zu halten.“, zitiert Patricia Hruby Powell die berühmte Tänzerin Josephine Baker in der Biografie Josephine – Das schillernde Leben von Josephine Baker. 1906 arm in den Slums von St. Louis, Missouri geboren, träumt sie nur vom Tanzen. Ihre Wut und ihren Zorn über die Rassentrennung und -unruhen (1917) verwandelt sie in Tanz, sie schließt sich Negro-Varieté-Gruppen an und gelangt an den Broadway. Doch „für die Weißen sah ich wie Schokolade aus, für die Schwarzen wie Weißbrot“. Endlich findet sie in Paris den „Ort auf der Welt, an dem Farbe keine Rolle spielt“ und beginnt wie ein Vulkan die 1920er mit ihrem Tanz und Look zu prägen. Ihr Tanz und ihr Leben sind mitreißend. Und genauso brillant ist auch diese Biografie mit ihrem peppigen Zusammenspiel zwischen lockeren, vielfältigen Schrifttypen auf bunten Seiten und den kraftvollen, vor Energie strotzenden Zeichnungen von Christian Robinson.

„Blöder Beethoven“ entrutscht es dem siebenjährigen Paul. Er quält sich gerade am Klavier durch die Noten von „Für Elise“. Sofort weist eine energische Stimme den „Klimperhannes“ zurecht: „Du kannst doch nicht gleich aufgeben, nur weil es nicht sofort klappt!“ Ludwig van Beethoven ist aus dem Bilderrahmen über dem Klavier gestiegen und erzählt in Als Ludwig aus dem Rahmen stieg von Cordelia Albert über seine Kindheit, den Verlust der Mutter mit 16 Jahren, die Zeit in Wien, den Kompositionsunterricht bei Joseph Haydn, die verzweifelten Versuche seine Schwerhörigkeit aufzuhalten und die Reaktion seiner Mitmenschen: „Viele dachten, ich wäre grimmig und könnte Menschen nicht leiden, aber in Wahrheit war ich oft traurig und verzweifelt.“ Ayuko Tanaka vertieft den Dialog der Beiden durch zarte, verspielte Aquarellzeichnungen, berührend wie sie Beethovens Einsamkeit und Traurigkeit ob seiner Taubheit einfangen. Eine wundervolle Biografie und ein bunter, vielsagender Bilder- und Blumenstrauß zum 250. Geburtstag des Komponisten.

■ Dass die Beschäftigung mit Geschichte nicht trocken sein muss, zeigen Kerstin Lücker und Ute Daen­ schel in Weltgeschichte für junge Leserinnen. In lockerem, anekdotenhaftem Erzählstil spannen sie auf 576 Seiten einen Bogen durch die Weltgeschichte von Lucy vor ca. 3,2 Mio. Jahren bis zu Fridays for Future. Neben den Männern rücken sie bekannte und unbekannte Heldinnen der Geschichte ins Rampenlicht. Interessant und wissenswert also insbesondere auch für junge Leser und nicht nur „für junge Leserinnen“, insofern ist die Titelwahl bedauerlich. Sicher werden junge Leserinnen und Leser gleichermaßen mit Erstaunen lesen, dass z.B. die französische Schriftstellerin Marie le Jars de Gournay schon 1595 die Erkenntnis hatte: „Frauen sind nicht besser oder schlechter als Männer, sondern gleich.“

Renate Müller De Paoli ist freie Journalistin. RMDEP@t-online.de

 

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