Kinder- und Jugendbuch

Göttliche Hasen, hilfreiche Kraniche und allmächtige Kaiser

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2021

 

Chen Jianghong: Sohn des Himmels, 44 S., aus dem Franz. von Tobias Scheffel, Frankfurt/M., Moritz Verlag, 2019, € 18,00. Ab 5

 

Yaxin Yang: Der neunfarbige Hirsch, 32 S., dt. Textbearbeitung Elisabeth Hohmeister, Zürich 2009, minedition. € 12,95. Ab 5

 

Shitaku Yae / Fujimura Hisakazu (Text), Tejima Keizaburo (Ill.): Der weise Hase Isopo, 36 S., aus dem Jap. von Izukawa Yoko, Basel 2011, Baobab Books, € 16,50. Ab 5

 

Jihyun Kim: Sommer, 56 S., Stuttgart 2021, Urachhaus, € 16,00. Ab 6

 

Kim, Ryeo-Ryeong: Eins-zwei. Eins-zwei-drei, 208 S., aus dem Korean. von Manfred Selzer u. Hyuk-Sook Kim, Basel 2020, Baobab Books, € 18,00. Ab 14

Übersetzungen auf dem deutschen Kinder- und Jugendbuchmarkt werden von der westlichen Hemisphäre, insbesondere amerikanischen Büchern beherrscht. Osteuropa oder der nahe und ferne Osten dagegen spielen für die Lesesozialisation unserer Kinder kaum eine Rolle. Die Experten halten sie für altmodisch, das heißt von belehrenden Absichten auf Kosten der Spannung dominiert. So muss man sich auf eine intensive Suche machen, um Bilderbücher oder Jugendromane aus dem japanischen, chinesischen oder koreanischen Kulturraum zu finden. 

Vorwiegend finden Märchenerzählungen Zugang zu unserem Buchmarkt. Der aus China stammende Illustrator und Autor Chen Jianghong, der in Paris lebt, lässt sich immer wieder von Märchenmotiven aus seiner Heimat inspirieren, so auch in seinem Bilderbuch Sohn des Himmels. Neugier treibt die Prinzessin Xian-Zi aus dem Himmelspalast auf die Erde. Es gefällt ihr dort besser als unter dem Regime ihres allzu strengen Vaters. Sie verliebt sich in einen jungen Mann und sie bekommen einen gemeinsamen Sohn, den die Prinzessin Tian-Zi nennt. Aber inzwischen hat ihr erboster Vater sie auf Erden entdeckt und lässt seine untreue Tochter mit Gewalt in den Himmelspalast zurückbringen. Jahre später wird sich ihr Sohn auf eine lange Suchwanderung begeben und seine Mutter wiederfinden. Auf dem Rücken eines gewaltigen Kranichs bewältigt er die letzte Etappe. Chen Jianghong zeichnet mit Tusche auf Reispapier. Die Spannung seiner Bilder beruht auf einer wechselvollen Dramaturgie, die menschliche Sehnsucht, Hoffnung und Schmerz ebenso expressiv darstellen, wie die düsteren oder freundlichen Landschaftskulissen, die den Weg Tian-Zis zum Himmelpalast begleiten. Himmelpalast, „Tiangong“, lautet übrigens auch die Bezeichnung für die erste chinesische Weltraumstation.

Der neunfarbige Hirsch in der Version der chinesischen Illustratorin Yaxin Yang beruht ebenso auf einer in China berühmten Legende. Es geht um die Großmut der Tiere und die Habgier der Menschen. Der neunfarbige Hirsch lebt „sorglos und glücklich“ am schönen Yangzi-Fluss, bis er einen Menschen vor dem Ertrinken rettet und diesen vergeblich darum bittet, seinen Aufenthaltsort nicht preiszugeben. „Schwarz und stinkend“ werde er, verspricht der Mann, sollte er je den Hirsch verraten. Doch Geldgier lässt ihn sein Versprechen brechen, als sich die Geliebte des Kaisers das Fell des neunfarbigen Hirsches wünscht. Die Jagd beginnt, aber die Reue des Kaisers im allerletzten Moment rettet das prächtige Tier. Yaxin Yang arbeitet mit Kollagen und Tusche und nimmt Motive der älteren chinesischen Malerei auf, ihre ungewöhnlichen Perspektiven dagegen sind durchaus modern. Der Kontrast des übergroß gestalteten Hirsches in seinen neun bunt schillernden Farben neben den zwergenhaften menschlichen Figuren bleibt nicht ohne Ironie und verrät den satirischen Blick auf das Tun der Menschen. In einer comicähnlichen Bilderreihe sehen wir am Ende, wie sich der Verräter fast zu Tode schämt und tatsächlich „schwarz und stinkend“ wird.

■ Aus dem mündlich tradierten Schatz der Ainu, die auf der japanischen Insel Hokkaido leben, stammt die Fabel Der weise Hase Isopo. Dieser Hase wird als göttlich empfunden, weil er ein vollkommen glückliches Dasein in Feld und Flur führt. Eines Tages muss das Tier erkennen, dass es alt geworden ist und seine Umgebung nicht mehr deutlich erkennt. Da sucht es die Geborgenheit seiner Familie und genießt ein behütetes Alter ebenso wie die ausgelassene Freiheit der Jugend. Doppelseitige Holzschnitte in der japanischen Tradition illustrieren diese schlichte Erzählung. Sie lassen den Betrachter die Weite der Insellandschaft spüren. Die karge Vegetation ist in regelmäßigen und kontrastreichen Strukturen abgebildet. Ihre zurückhaltende Farbigkeit zeugt von einem nordischen Licht, unter dem die karge Schönheit dieser Insel liegt.

Wie lassen sich die glücklichen „alltäglichen Momente“, die uns die Wälder, das Wasser und der Himmel gewähren, bewusst machen, festhalten und anderen mitteilen? Dieses Anliegen verfolgt die koreanische Grafikerin Jihyum Kim in ihrem Bilderbuch Sommer, das ganz ohne Worte auskommt. Fotorealistische Illustrationen führen uns aus der Großstadt hinaus in die Natur. Von einem idyllisch gelegenen Holzhaus, in dem die Großeltern leben, geht ein Junge über einen schmalen Weg durch Farne und Büsche bis zu einem einsamen See, dessen helle Wasserfläche durch gefleckte Birkenstämme glitzert. Der Junge tummelt sich im Wasser und lässt sich von der Sonne trocknen. Auf seinem Heimweg sind die Schatten schon lang und das Licht gedämpft. Im letzten Bild schaut der Junge zum Himmel. Baumwipfel umsäumen einen sternenklaren Nachthimmel. Die Illustrationen sind vorwiegend grauweiß und kommen ohne ausgeprägte Kontraste aus. Aber ihr kaum merkliches Spiel mit Licht und Schatten geben der Natur und den Tageszeiten ihren ganz eigenen Charakter und lassen den Betrachter einen unspektakulären Tag und seine schönen Momente miterleben.

Ebenfalls aus Korea stammt die Autorin Kim Ryeo-Ryeong. Ihr Jugendroman Eins zwei. Eins zwei drei versetzt uns in das zeitgenössische Seoul. Hier lebt der 17-jährige WanDuk in einem prekären Milieu. Seine Mutter, eine Vietnamesin, wird er erst im Laufe des Buches kennenlernen, sein kleinwüchsiger Vater schlägt sich als Tänzer mit Gelegenheitsjobs durchs Leben. Das einzige Mädchen, das sich für ihn interessiert, ist krankhaft ehrgeizig und ein Mobbing-Opfer. Sein Klassenlehrer behandelt ihn äußerst grob, meint es aber im Grunde gut mit ihm. Wan-Duk neigt zu unbeherrschter Gewalttätigkeit, da es ihm an Selbstbewusstsein fehlt. Erst als er einen Trainer im Kickbox-Kampf findet, gelingt es ihm, seine fehl geleiteten Energien zu beherrschen. Der raue, aber nicht ­böse gemeinte Umgang der Menschen miteinander, der extreme Ehrgeiz der Kinder in schulischer Hinsicht und die Rolle der verschiedenen Kampfsportarten mögen uns fremd vorkommen, doch ist dieser Roman unseren westlichen Entwicklungsromanen nicht unähnlich. Denn es geht um den schwierigen Weg ins Erwachsenenalter, um die Erkenntnis, ein Außenseiter zu sein, um Armut und Ausländerfeindlichkeit. Vermutlich aber wäre dieser lakonisch-witzige Roman – wie auch Der weise Hase Isopo – bei uns nicht erschienen ohne den gemeinnützigen Schweizer Baobab Verlag, der sich für die kulturelle Vielfalt in der deutschsprachigen Kinderliteratur engagiert.

Dr. Barbara von Korff Schmising arbeitet als Rezensentin und Publizistin überwiegend im Bereich Kinder- und Jugendliteratur. Sie ist als Referentin in der Erwachsenenbildung tätig und hat 25 Jahre lang die „Silberne Feder“, den Kinder- und Jugendbuchpreis des Deutschen Ärztinnenbundes als Geschäftsführerin geleitet. 

bschmising@gmx.de

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