Kinder- und Jugendbuch

Genau hinschauen, entdecken und verstehen

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2020

Bilderbücher richten sich vorwiegend an Kinder, die noch nicht lesen können, doch werden nur wenige Titel verlegt, die ganz ohne ­geschriebene Worte auskommen. Obwohl unsere tägliche Schnellkommunikation zunehmend durch Filmchen und Fotos gekennzeichnet ist, sind wir nicht geübt darin, eine ­Bildsprache zu lesen und das, was Bilder auf ­verschiedenen Ebenen erzählen, zu verstehen. Für deren Umsetzung in Sprache brauchen die ­meisten einen Text. Dennoch gibt es einige Illustratoren, die auf die ­Expressivität ihrer ­Bilder und den wachen Blick der Betrachter vertrauen.

¡ Düsteres Grau und Schwarz dominieren in John Hares Bilderbuch Ausflug zum Mond. Ein kleines gelbes Raumschiff löst sich im ersten Bild von einer größeren Raumfähre und setzt alsbald auf dem staubigen Mondboden auf. Ein Lehrer mit seiner Schülergruppe steigt aus. Wir sind in der Zukunft, ein Klassenausflug zum Mond mit einer funktionstüchtigen Ausrüstung ist zu etwas Alltäglichem geworden. Bedrohlich erheben sich spitze Bergkegel und senken sich tiefe, schattige Spalten in die Felsen. Dank der geringeren Anziehungskraft lassen sie sich aber mühelos überwinden. Eines der Kinder ist fasziniert von der bunten Erdkugel am Himmel, es bleibt zurück und zeichnet sie selbstvergessen. Plötzlich befindet es sich ganz alleine in dieser fremdartigen Welt; denn schon steigt das kleine Raumschiff ohne es in den schwarzen Himmel auf. Jetzt erst wagen sich die Mondbewohner hervor, unförmige, aber offensichtlich harmlose Wesen. Scheinen sie doch selbst Angst zu haben. Aber schon kehrt das Raumschiff zurück und sammelt das vergessene Kind wieder ein. Seine Buntstifte bleiben bei dem dankbaren Mondvolk zurück. Die großflächigen, nur scheinbar kindlich-naiven Illustrationen präsentieren das Geschehen in raffiniert wechselnden Perspektiven, die uns eine aufregende Erfahrung in einer fremdartigen Welt unmittelbar miterleben lassen.

John Hare: Ausflug zum Mond, Moritz Verlag, Frankfurt 2019, 48 S., € 14,00. Ab 4

 

 

¡ Mit einem hellen Sommersonnentag auf unserer Erde dagegen verlockt das Bilderbuch Picknick mit Torte. Viele bunt gekleidete Tiere spielen in diesem chaotischen Durcheinander mit. Simultane Ereignisse konkurrieren miteinander, deren Erfassen ein detektivisches Auge verlangt. Und wer wissen will, wohin die Torte fürs Picknick im Freien verschwunden ist, der muss vermutlich zurückblättern, um die letzte Spur von ihr zu entdecken. Wie einem Zauberer gelingt es dem erfahrenen, niederländischen Illustrator Thé Tjong-Khing, das Auge nicht nur zu lenken, sondern auch abzulenken. In unordentlicher Prozession zieht die Tiergesellschaft zu einem entfernten Picknickplatz. Sie müssen Wassertümpel überqueren, sie keuchen steile Berge hinauf, die Hasenkinder streiten sich, ein Rollstuhl kippt um, alle sind beladen mit Taschen, Decken, Paketen, Rucksäcken und Spielzeug. Aufmerksamkeit ist gefragt. Wer hat der Lilie den hübschen Kopf abgeschlagen? Was ist der verliebten Mäusedame geschehen, die sich abgesondert hat und ihren wunden Blick auf ein flirtendes Paar wirft? Verwickelte Komödie und Tragödie zugleich ist auch dieser zweite Band mit verschwundener Torte Unterhaltung und Herausforderung für hellwache Augen.

Thé Tjong-Khing: Picknick mit Torte, Moritz Verlag, Frankfurt 2018, 32 S., € 13,95. Ab 4

 

 

¡ Wie eine Graphic Novel ohne Worte müssen wir uns das Buch mit dem denkbar kurzen Titel A des Illustrators Pavel Čech vorstellen. Inspiriert durch den Prager Aufstand 1968 entwirft er mit großem Detailreichtum eine finstere Großstadt, in der nur der Buchstabe A Geltung hat. Er füllt die Zeitungen, er tönt aus den Lautsprechern, die Kinder singen ihn in der Schule. Nur einer, die Nr. 21868, schaut über den Tellerrand und entdeckt jenseits der Stadt eine farbenfrohe, sonnige Landschaft. Wie Ikarus baut sich dieser Außenseiter Flügel und fliegt mit seinem Fahrrad in die Freiheit. Staunend blickt er auf eine im Sonnenlicht leuchtende Stadt. Auf dem letzten großen Doppelbild wirft der fliegende Freiheitsheld ein buntes Alphabeth über seine graue Heimat, eine Botschaft aus der freien Welt. Pavel Čech arbeitet im üblichen übertreibenden Stil des Comics. Die Meinungswächter blicken martialisch, einschüchternde Maschinenräume und eine überdimensionale Architektur bedrängen die einzige menschlich wirkende Figur. Der Gegensatz von Unterdrückung und Selbstentfaltung wirkt so scharf wie die Darstellung von Fegefeuer und Paradies. Bereits junge Betrachter werden diese BilderBotschaft mühelos entziffern.

Pavel Čech: A, Alibri Verlag, Aschaffenbug 2019, 56 S., € 16,00. Ab 12

 

¡ Lustiger geht es in Jan van Hollebens Foto-Bilderbuch zu, das uns in loser Reihe ganz ungewöhnliche Aufnahmen von Menschen und Objekten vorführt. Nicht die nachträgliche Bearbeitung, sondern die Anordnung und Kombination der Motive schaffen den irritierenden Charakter dieser Fotosammlung. Trickreiche, optische Inszenierungen ohne jeden Kommentar inspirieren den Betrachter zu ganz eigenen Gedankenspielen. Da schauen sich doch zwei Stehlampen so intensiv an, als wären sie in ein wichtiges Gespräch vertieft. Ein sich kringelnder Berg von Spaghetti auf dem Kopf eines Jungen täuscht eine blonde Lockenpracht vor. Waghalsig aufgetürmte Objekte, die scheinbar schwerelos übereinander gestapelt die Balance halten, erweisen sich bei näherem Hinsehen als schlicht waagrecht auf dem Fußboden arrangiert. Raffiniert eingebaute Spiegel schaffen mysteriöse Räume, Lebewesen ohne Köpfe und Körper mit seltsam verdrehten Armen oder vier Beinen verraten dem aufmerksamen Beobachter am Ende doch immer, auf welchem Weg die Fotographie entstehen konnte. Denn Jan van Holleben möchte seine jungen Betrachter nicht hinters Licht führen, sondern seine Aufmerksamkeit wecken und zu längerem Verweilen animieren. Und wer Vergnügen an diesen hintergründigen Bildern findet, kann sich selbst an einem Foto versuchen und seine Freunde vor ein Rätsel stellen.

 

Jan van Holleben: Das Bilderbuch, Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim 2019,
224 S., € 19,95. Ab 6Verlag, Weinheim 2019, 224 S., € 19,95. Ab 6

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Dr. Barbara von Korff Schmising arbeitet als Rezensentin und Publizistin überwiegend im Bereich Kinder- und Jugendliteratur. Sie ist als Referentin in der Erwachsenenbildung tätig und hat 25 Jahre lang die „Silberne Feder“, den Kinder- und Jugendbuchpreis des Deutschen Ärztinnenbundes als Geschäftsführerin geleitet.

bschmising@gmx.de

 

 

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