Kinder- und Jugendbuch

Die schöne, neue Welt der digitalen Medien

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 4/2018

Es muss kaum wiederholt werden, dass die neuen Medien, insbesondere mit Smart- und I-Phone, tief in den persönlichen, familiären und schulischen Alltag eingedrungen sind und dort gleichermaßen für Informationen, Unterhaltung, aber auch heftige Erziehungskonflikte und pädagogische Diskussionen sorgen. Die Attraktion des kleinen Displays macht der realen Umwelt ernsthafte Konkurrenz. So las man kürzlich, dass in China gut sichtbare Linien auf den Bürgersteigen dem neuen digitalen Menschen mit nach unten gerichtetem Blick dabei helfen, Zusammenstöße zu vermeiden. Dennoch hat sich dieses allgegenwärtige und viel umstrittene Thema im traditionellen Medium Bilder-, Kinder- und Jugendbuch bisher nur in vereinzelten Titeln niedergeschlagen.

 

Francesca Pirrone: Bruno hat 100 Freunde. Aus dem Niederl. von Johnny van Hove. Alibri Verlag, Aschaffenburg 2018. 16,00 € ab 3 Jahren

Darunter fällt das Bilderbuch

Bruno hat 100 Freunde

von Francesca Pirrone auf. Der Bär Bruno findet ein Smartphone im Wald und ist auf der Stelle fasziniert von dessen leuchtendem Bildschirm, auf dem der Besitzer offensichtlich bereits 100 „Freunde“ eingesammelt hat. Was zählen dann noch Rico und Renzo, die beiden Bärenfreunde aus Fleisch und Blut!? Bruno fällt schlicht aus der realen Welt heraus. Während des Essens, auf der Toilette, abends im Bett, wenn sich die Freunde Bilderbücher über Bäume und Fische ansehen, chattet Bruno und schaut sich kleine Filmchen an. Er hängt mit Kopfhörern auf dem Sofa herum, während die Freunde zu einem Ausflug ins Freie aufbrechen. Völlig verzweifelt reagiert Bruno, als die leere Batterie seine glänzende Scheinwelt erlöschen lässt. Gut, dass die echten Freunde ihm die Treue gehalten haben. Die Botschaft ist schlicht und eindeutig. Sie wird von doppelseitigen Illustrationen mit ausholenden und elegant geschwungenen Linien veranschaulicht. Trotz starker bildlicher Vereinfachungen und Abstraktionen wirken die drei Bären lebendig. Ihre ausdrucksvolle Gestik und Mimik und ihr gewinnendes Äußeres lassen die Geschichte fast ohne Text lesbar werden. Ein gelungenes und humorvolles Bilderbuch, das bereits für Dreijährige mühelos verständlich ist.

 

Thomas Feibel: Like me. Jeder Klick zählt. 170 Seiten. Carlsen Verlag, Hamburg 2013. 6,99 € ab 12 Jahren

Eine digitale Scheinwelt stellt uns auch Thomas Feibel in dem Jugendroman

Like me, jeder Klick zähl

vor. Die 14-jährige Jana steht im Mittelpunkt, hübsch, aufgemacht wie ein Model und von vielen umschwärmt. Vor allem die Ich-Erzählerin gerät schon bald hoffnungslos in Janas Bann, insbesondere wenn diese von ihrem phantastischen Elternhaus, dem Garten mit Schwimmbad und ihrem bedeutenden Vater schwärmt. Zwar ist Jana eine schlechte und unzuverlässige Schülerin, aber auffallend selbstbewusst und obendrein die Königin des sozialen Netzwerks „On Show“, wo sie sich als Nutzerin mit „Jana Superstar“ angemeldet hat. Die weitere Handlung ist ganz von der Jagd auf virtuelle Freunde und „Follower“ geprägt, wobei Jana ihre Bewunderer gnadenlos missbraucht. „Post the Most!“. Jana scheut keine üblen

Tricks. Diskriminierende Filmchen über andere bringen ihr zahlreiche Klicks ein. Nicht nur hier erweist sich Jana von jeglicher Moralvorstellung unversehrt, auch das reiche Elternhaus stellt sich als Lüge heraus: Vater unbekannt, die Mutter alleinerziehend und Alkoholikerin, das Elternhaus eine schäbige Wohnung in einem armseligen Wohnkomplex. Der einfachen, im Schwarz-Weiß-Modus verfassten Handlung fehlt es nicht an Spannung, dennoch hätte man sich mehr Differenzierung für den Charakter Janas gewünscht. Ist sie doch eine Art Pipi Langstrumpf, die sich ihre traurige Lebenssituation schönredet und durch unverblümtes Auftreten verschleiert. Aber es geht in diesem Buch nicht wirklich um Jana, sondern um die verlogene Glitterwelt der sozialen Netzwerke und die kritische Distanz zu denselben.

 

Karoline Kuhla: Fake news. 192 Seiten. Carlsen Verlag, Hamburg 2017. 6,99 € ab 14 Jahren

Ausgewogen und faktenreich stellt die Zeitjournalistin Karoline Kuhla unter dem Titel Fake News die Welt der traditionellen und neuen Medien vor. In diesem Sachbuch aus der Reihe „Carlsen Klartext“ geht es allerdings nicht nur um „Fake News“, um „Lügenpresse“ und „alternative Fakten“, sondern es enthält auch einen „Grundkurs Medien“, der den Wandel des Journalismus in Zeiten des Internets beschreibt. Hier berichtet die Autorin über die vierte Gewalt im Staate, die Zeitungen, den Rundfunk und das Fernsehen, die Rolle der Redaktionen, über die Regeln des Journalismus, den Wert der Recherche, über den Presse- Kodex und den deutschen Presserat. Es geht um vertrauenswürdige Quellen, Presse-, Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsrechte. Gleichzeitig vermeidet die Autorin eine einseitige Beschwörung der Gefahren, die von Internet, Facebook oder Twitter ausgehen. Zwar kommt die Kritik an der schnellen Verbreitung ungeprüfter Nachrichten ausführlich zur Sprache, ebenso die Gefahr, dass Politiker (allen voran Trump) durch ihre direkten Meldungen die sog. vierte Gewalt im Staate schlicht übergehen. Andererseits schätzt die Autorin durchaus die schnelleren und vereinfachten Informations- und Mitteilungsmöglichkeiten durch das Internet, ebenso den unkomplizierteren Dialog zwischen Journalisten und Lesern. Junge Erwachsene werden hier zu einem sorgfältigen Umgang mit Nachrichten welcher Art auch immer angehalten. Das macht die Lektüre zu einem Gewinn für alle angehenden Mediennutzer.

 

Jean-Noel Lafargue (Text), Mathieu Burniat: Das Internet. 104 Seiten. Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2018. 12,40 € ab 14 Jahren

2001 durchtrennte eine georgische Bäuerin versehentlich mit ihrem Spaten ein unterirdisches Glasfaserkabel und legte damit den Internetzugang des Nachbarlandes Armeniens lahm. Dieses Ereignis inspirierte den Autor Lafargue und den Comiczeichner Burniat zu ihrem Sachbuch-Comic

Das Internet.

Das Kabel, durch zwei Augen und einen Mund vermenschlicht, nimmt die unwissende Alte auf und führt sie als Spiritus rector durch die Geschichte des Internets, seine rasante Entwicklung von den allerersten Anfängen, die auf das Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückgehen. Im Vordergrund dieser medialen Revolution stand der Wunsch nach schneller Kommunikation, zunächst zwischen den verschiedenen Forschungsinstitutionen der U. S. A. Die Autoren erklären sprachlich und bildlich viele technische Details der digitalen Datenüberragung. Wie setzt sich eine Internetadresse zusammen? Wozu brauchen wir einen Server? Wie funktioniert eigentlich Google, das über die größte Kapitalausstattung aller Unternehmen weltweit verfügt? Diese und viele Fragen mehr werden hier beantwortet. Kritische Einwände fehlen nicht, etwa der hohe Energieverbrauch, die Anfälligkeit des Systems oder das „Darknet“. Die schwindelerregende Entwicklung wird wie im Comic üblich durch viel Puffs, „Bumms“, und „pschssss“ in explodierenden Blasen dargestellt. Die kleinformatigen Bildreihen sind aber durchweg anschaulich und differenziert. Dieser Titel aus der Reihe „Die Comic-Bibliothek des Wissens“ ist Jugendlichen, mehr noch ahnungslosen Erwachsenen zu empfehlen. Allerdings sollte man sich trotz des Genres auf eine nicht ganz einfache Lektüre einstellen.

Dr. Barbara von Korff Schmising arbeitet als Rezensentin und Publizistin überwiegend im Bereich Kinder- und Jugendliteratur. Sie ist als Referentin in der Erwachsenenbildung tätig und hat 25 Jahre lang die „Silberne Feder“, den Kinder- und Jugendbuchpreis des Dt. Ärztinnenbundes als Geschäftsführerin geleitet.“

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