Kinder- und Jugendbuch

Politische Kinderliteratur

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 2/2017

„Es ist wichtig, politische Themen wie Demokratie, der Umgang mit Macht, Konflikte und ihre Lösungen, Toleranz und Respekt füreinander immer wieder aufzugreifen. Aber neben Fragen nach den politischen Aspekten kommen bei Kinder- und Jugendbüchern immer noch die literarästhetischen dazu“, das sagt Dr. Alexandra Ritter. Sie hat an der Lernwerkstatt der Martin-LutherUniversität Halle Wittenberg „Von Gurkenkönigen, Tieferschatten und mittelschönem Leben. Politisches Lernen mit Kinderliteratur – Demokratie in Kinderschuhen“ mitgewirkt und stellt das Thema politisches Lernen mit Kinderbüchern ins Zentrum ihres Engagements.

❱ „Hier kommt keiner durch!“ ist ein Buch für kleine Kinder und beschäftigt sich mit den Themen Macht und Grenze. Es erfüllt, wie auch alle anderen hier vorgestellten Titel, beide Aspekte. Eigentlich darf keiner aus der bunten Menschenmenge auf die rechte Buchseite. Der Buchfalz ist dabei die Grenze. Der General hat dies strikt angeordnet und sein Aufpasser hat Mühe, den Befehl durchzuführen. Als der Ball hinüber hüpft, gibt es kein Halten mehr. „Für mich sind politische Themen in Kinderbüchern sehr wichtig“, so die portugiesische Autorin Isabel Minhós Martins. „Dabei geht es mir vor allem darum, den Kindern zu vermitteln: Geht mit offenen Augen durch die Welt. Sie sollen darüber nachdenken: Möchte ich immer mit allem einverstanden sein oder habe ich auch die Kraft, meine Stimme zu erheben und ‚Nein‘ zu sagen, wenn es nötig ist und die damit einhergehenden Risiken zu ertragen?“

 

S. Barroux: Ahmed, Schaltzeit Verlag 2016, aus dem Französischen von Claudia Sandberg, ab 6 Jahren

❱ Im Fall von „Ahmed“ war es der Sohn des Illustrators Barroux, der ihn auf die Lebenssituation des Obdachlosen in Paris aufmerksam gemacht hat. Auf dem gemeinsamen Weg in die Kita sind die beiden täglich an ihm vorbeigegangen, bis er 2006 verschwunden war. Erfroren! Auch den Jungen im Bilderbuch beschäftigt der geheimnisvolle Mann, der von anderen kaum beachtet wird. In seiner Fantasie ist er König eines fernen, orientalischen Landes. So wechseln die großartigen Illustrationen – eine Kombination aus Bleistift und Acrylfarben – zwischen bedrückender Pariser Realität und wohltuenden Szenen in einer Wüstenoase. „Barroux beeindruckt mich durch seine Einfachheit und Klarheit, verbunden mit einer verblüffenden Vielschichtigkeit“, so sein Verleger Andreas Illmann. Und begründet sein Engagement für politische Kinderbücher so: „Mit politischen Bilderbüchern versuchen wir Kindern zu vermitteln, wie sie auch mit schwierigen Dingen umgehen und diese Welt, unsere Zukunft selbst gestalten können.“

 

William Sutcliffe: Concentr8, rotfuchs rowohlt Verlag 2016, aus dem Englischen von Moritz Seibert und Katharina Kastner, ab 15 Jahren

❱ Im London der nahen Zukunft spielt der fesselnde, dramatische Jugendroman „Concentr8“ des englischen Autors William Sutcliffe. „Ich nehm das Zeug, seit ich acht bin, glaub ich. Seit Ewigkeiten“, so berichtet Troy, einer aus der Clique, bei dem ADHS diagnostiziert wurde. Auch die anderen Jugendlichen werden mit Ritalin-Pillen versorgt, doch eines Tages kommt es zu einem Aufruhr. Chaos bricht aus in den Straßen Londons. „Als sie uns Concentr8 wegnahmen, […] war das so ähnlich, als würde man eine Coladose heftig schütteln und dann den Verschluss aufziehen.“ Blaze, der charismatische Anführer der Jugendlichen, provoziert eine Geiselnahme. Die Tage in einer stillgelegten Lagerhalle werden abwechselnd aus der Sicht von Troy, Karen, Femi und Lee erzählt. „Junge Menschen mit Büchern zu politisch-sozialen Themen zum Nachdenken zu bringen, das ist für mich eine große Motivation beim Schreiben“, so William Sutcliffe. Schon mit „Auf der richtigen Seite“ hat er mit dem Israel/Palästina-Konflikt ein hochpolitisches Thema angepackt, literarisch überzeugend umgesetzt und stand damit auf der Nominierungsliste der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015.

 

Raphaele Frier/Aurelia Fronty: Malala – für die Rechte der Mädchen, Knesebeck Verlag 2017, aus dem Französischen von Maren Illinger, ab 10 Jahren

❱ Malala Yousafzai hat den Friedensnobelpreis bekommen. Die französische Autorin Raphaele Frier widmet nun diesem Mädchen, das ein Attentat der Taliban überlebte und für die Kinderrechte kämpft, ein Bilderbuch. „Malala – für die Rechte der Mädchen“ ist eine Biografie, die in Text und fantasievollen Illustrationen die Lebensstationen von Malala einfängt. Der Illustratorin Aurélia Fronty gelingt es, diese in farbenfrohen, ausdrucksstarken und teils erschütternden Bilder darzustellen. Auf sechs zusätzlichen Doppelseiten zeigen schwarz-weiß Fotografien, Karten und Lebensdaten noch mehr von Malala – Ergebnisse der intensiven Recherche der Autorin. „Meine eigene Tochter ist gerade ein Jahr jünger als Malala. Als mein Verleger mir vorschlug, nach Rosa Parks und Martin Luther King eine Biografie über dieses Mädchen zu schreiben, habe ich keine Sekunde gezögert. Deren Leben zu erzählen, meint von politischen Kämpfen zu erzählen, die die Welt verändern“, so Raphaele Frier.

 

Astrid Lindgren: Niemals Gewalt!, Vorwort von Dunja Hayali, Oetinger Verlag 2017, aus dem Schwedischen von Anna-Liese Kornitzky und Kerstin Behnken, ab 16 Jahren

❱ Um die Welt zu verändern muss man bei den Kindern anfangen. Davon war Astrid Lindgren (1907–2002) überzeugt. „Niemals Gewalt!“ – die Rede, die sie anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1978 in Frankfurt am Main gehalten hat, ist vom Oetinger Verlag neu herausgegeben worden. „Die jetzt Kinder sind, werden ja einst die Geschäfte unserer Welt übernehmen, sofern dann noch etwas von ihr übrig ist. Sie sind es, die über Krieg und Frieden bestimmen werden und darüber, in was für einer Gesellschaft sie leben wollen.“ Astrid Lindgren plädiert für eine gewaltfreie Erziehung, liebevolle Achtung voreinander und hat mit ihren literarischen Kinderfiguren wegweisende Vorbilder erschaffen. „Auch künftige Staatsmänner und Politiker werden zu Charakteren geformt, noch bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben – das ist erschreckend, aber es ist wahr“, so Astrid Lindgren in ihrer engagierten Rede. Dunja Hayali hat für die Neuausgabe ein kluges Vorwort geschrieben. Sie war vor allem von Astrid Lindgrens „Madita“ und deren Gerechtigkeitssinn fasziniert. „Ich bin überzeugt, dass das Buch Einfluss genommen hat auf meine Entwicklung. Ich habe mich schon als Jugendliche immer eingemischt“, so die ausgezeichnete Journalistin. ¢

Die Autorin Antje Ehmann hat Literaturwissenschaft an der Johann-Wolfgang-GoetheUniversität in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt Kinder-und Jugendliteratur studiert und 1998 ihren Magisterabschluss gemacht. Nach kurzer Tätigkeit am Kindertheater arbeitet sie seit mehr als 15 Jahren als freie Journalistin, Referentin und Jurorin im Bereich Kinder- und Jugendliteratur. 

antje.ehmann@gmx.de

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