Im Fokus

Mehr Träume, als die katholische Kirche zerstören kann

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2020

Luna Born: Missbrauch mit den Missbrauchten. 

Mehr Träume, als die katholische Kirche zerstören kann. 

Vorwort von Pater Klaus Mertes. 

Baden-Baden: Tectum 2019, 300 S., brosch.,  ISBN 978-3-8288-4340-0, € 25,00

Luna Born wurde in eine streng katholische Familie hineingeboren. Ihre Kindheit verbrachte sie im Ausland, wo der Missbrauch begann. Nach dem Abitur studierte sie Medizin und spezialisierte sich u. a. als Therapeutin. Heute lebt Luna Born mit ihrer Familie im Süden Deutschlands. Mit einer großen Sehnsucht nach Ehrlichkeit und Authentizität hat die Autorin sich Schritt für Schritt mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt und wurde so vom Opfer zur Betroffenen. Unsere schriftlich gestellten Fragen beantwortete Luna Born am 29. Mai 2020. (ab)

Frau Born, in Ihrem Buch erzählen Sie Ihren langen Weg bis zur Anerkennung als Missbrauchsopfer der römisch-katholischen Kirche und darüber hinaus. Wann fassten Sie den Entschluss, Ihre Geschichte aufzuschreiben und zu veröffentlichen? Gab es einen konkreten Auslöser?

Nun das war eine schleichende Entwicklung mit Höhen und Tiefen und dann war am Ende doch plötzlich kristallklar, dass ich dieses Buch mit diesem Inhalt schreiben werde. Ich habe ja zweimal die Entscheidung getroffen über das Thema ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen. In meinem Buch beschreibe ich die Entwicklung etwa so: Die Ablehnung durch das zuständige Bistum und auch die lapidare Antwort aus Rom trafen mich tief. Ich zog mich zurück, malte und schrieb. Ich ließ mich weiter professionell unterstützen und kam langsam zur Ruhe. Ich begann, die Texte und die Bilder zusammenzufassen, undes entstand zum ersten Mal der Wunsch, ein Buch daraus zu machen. Ich schrieb das Manuskript mit der Hand, ich fotografierte die Bilder und klebte Abzüge zu den Texten und sicherte NICHTS! Der Inhalt war opferbezogen und oft traurig und einsam. Als ich nach Monaten das Original verlor und es nie wiederfand, erreichte das Leid einen weiteren Tiefpunkt. Es schien zum Verzweifeln mit diesem Thema und diesem Teil meiner Geschichte. Wie konnte ein ganzes Manuskript einfach verschwinden? Heute kann ich sagen: Dem Himmel sei Dank: Es ist weg! Das Buch wäre kein Glücksroman geworden, keine Liebesgeschichte an mich und mein Leben!

Es schien damals wieder einmal nur zwei Möglichkeiten zu geben: Ich konnte mich im Opfersein verlieren oder all meinen Mut zusammennehmen und mich selbst fragen, was das zu bedeuten hatte und welche Chance darin für mich lag. Mutig beschloss ich, mich meiner Geschich-te noch einmal ganz neu zu stellen. Ich wusste, dass ich mich, wenn ich diesen Spießrutenlauf der letzten Monate lebend überstanden hatte, auch dem eigentlichen Trauma offener und tiefer zuwenden konnte, ohne Gefahr zu laufen, daran kaputt zu gehen. Ich begann – erfolgreich – mit einer Traumatherapie. Ganz allmählich und schleichend – so, wie das Trauma in meiner Kindheit begann – bekam ich wieder Boden unter den Füßen. Ich konnte meine Resilienz, meine innere Kraft und Stärke wahrnehmen und gleichzeitig besser mit meiner Verletzlichkeit leben. Ich wurde weicher und klarer und ehrlicher – auch mir selbst gegenüber.

Und das Gefühl und die Sehnsucht, ein Buch zu schreiben, wuchs. Wie so oft kam die Erkenntnis über Nacht: Ja, ich werde ein Buch schreiben, das den erlebten Missbrauch zum Inhalt hat, aber aus der neuen Perspektive. Ich ließ mich leiten von den Fragen: Was kann ich denn heute ändern, wenn ich den Missbrauch an sich nicht und die Folgestörungen nur bedingt ändern kann? Ich kann versuchen zu verhindern, dass der Missbrauch so systematisch weitergetrieben wird. Was daran ist systematisch? Und wie viel von dem „System“ und den „Systemstrukturen“ waren und sind mitverantwortlich für die Erlebnisse mit dem zuständigen Bistum?

Indem ich genau das darlege und an dem Erlebten sozusagen „live aufhänge“, lässt sich mithilfe des Buches heute hoffentlich erreichen, dass die Fortsetzung des Missbrauchs durch die römisch-katholische Kirche zum Beispiel durch Vertuschung oder durch Wegschauen oder durch das Ablehnen von Verantwortung aufhört. Ich kann einen Beitrag dazu leisten, dass das jetzige Fehlverhalten aufgedeckt wird und dass hingeschaut wird. Ich kann heute etwas tun, damit der Wahnsinn irgendwann hoffentlich ein Ende findet. Es ist wichtig, Details des „Missbrauchs mit den Missbrauchten“ zu veröffentlichen, und zwar jetzt! Ich kann also Ihre Frage nach einem konkreten Auslöser nicht eindeutig beantworten.

Sie haben das Werk unter ihrem Künstlerinnennamen veröffentlicht. Warum?

Ich habe lange mit mir gerungen, ob es feige ist, wenn ich das Buch unter meinem Künstlerinnennamen veröffentliche, ob ich mich nicht zeigen will. Als ich mich dann entschlossen hatte, es so zu veröffentlichen, habe ich mich sehr erleichtert gefühlt. Jedes Mal, wenn ich mit meinem bürgerlichen Namen unterschreibe, spüre ich die Erleichterung, die Bereiche meines Lebens so getrennt zu haben. Mein Schutzbedürfnis für mich und meine Familie ist groß und ich bin froh, in diesem Punkt gut für mich gesorgt zu haben. Pater Mertes, der das Vorwort zu meinem Buch verfasst hat, meinte einmal in dem Zusammenhang zu mir: „Ihr müsst euch doch als Betroffene jetzt nicht auch noch für die Aufarbeitung opfern.“

Und ich habe mich ja auch entschieden, alle anderen Menschen, die in dem Buch vorkommen, zu schützen. Selbst wenn ich bis heute vieles vom Handeln und Tun bzw. Nicht-Tun der Mitarbeiter der Kirche nicht nachvollziehen kann und mich das immer wieder schmerzt bis retraumatisiert, respektiere ich, dass alle „nur“ Menschen sind. Ich habe den Schutz aller gewürdigt und die Namen im direkten Zusammenhang mit der Geschichte geändert. Im Rahmen der Anzeige selbst, steht der Täterschutz übrigens weit über dem Opferschutz. Der Angeklagte darf und wird niemals mit Namen genannt, die Opfer müssen alle persönlichen Daten offenlegen. Im Verfahren – das übrigens beim Beantworten dieser Fragen immer noch läuft! – gelte ich nur als Zeugin. Das bedeutet zum Beispiel, dass der Angeklagte und sein Rechtsvertreter volle Akteneinsicht erhalten. Mir als Zeugin und auch meiner Rechtsvertreterin wird das verwehrt.

Allein um dieses Ungleichgewicht ein wenig auszubalancieren, bin ich froh über den von mir gewählten Schutz mir und meiner Familie gegenüber.

An wen richten Sie sich mit Ihrem Buch?

Mein Buch richtet sich an alle Menschen ab etwa 16 Jahren. Es trägt zur Klärung und zur Aufarbeitung bei; warum Jahre nach den ersten Veröffentlichungen der Missbrauchsskandale und der Herausgabe der sogenannten Leitlinien immer noch so wenig im Sinne einer wahrhaftigen und radikalen Offenlegung, Bearbeitung und Anerkennung der Betroffenen passiert ist. Ich richte mich natürlich an alle anderen Betroffenen, die sich vermutlich in einer ähnlichen Lage befinden. Anders als für die Betroffenen der Internate z.B., die sich ja alle untereinander kennen und kannten, haben wir einzelne Opfer es ungleich schwerer mit dem Nachweis und unserer Glaubwürdigkeit. Daher halte ich die Vernetzung der einzelnen Betroffenen für besonders wichtig – mein Buch trägt hoffentlich dazu bei. Für mich gehören sowohl Betroffene und Nichtbetroffene als auch alle Beteiligten an Entscheidungsstellen zur Zielgruppe.

In Ihrem Buch legen Sie exemplarisch offen, welche Strukturen in der katholischen Kirche Missbrauch begünstigen und verschleiern. Was hat sich aus Ihrer Sicht bereits geändert und was müsste sich noch ändern?

Der zweite Teil meines Buches enthält die Strukturen der katholischen Kirche, die ich im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal und der Aufarbeitung problematisch und ursächlich erlebe. Aufgegliedert und systematisch geordnet gehe ich detailliert auf z.B. das Zwangszölibat, die Doppelmoral und die Sexualmoral der katholischen Kirche, aber auch auf die künstlich erhöhte moralische Instanz der Geistlichen, die Struktur der Monarchie und die Paralleljustiz ein; ausführlich beschreibe ich die Vermischung von staatlichem Rechtssystem und Seelsorge und der Möglichkeit des „energetischen Schulterzuckens“. Besonders liegt mir die Erwähnung der „Verdrehung des SchuldPfeils“ am Herzen, eine oft erlebte Abwehrreaktion, z.B. wenn Pfarrer Täter bei der Konfrontation meinte, warum ich auch immer so eine süße rote Hose angehabt hätte … Ich kann in keinem Punkt eine wirklich radikale Veränderung feststellen. Es wird an der Fassade gestrichen, es wird mehr über das Thema gesprochen – aber ganz ehrlich, wann war denn der Missbrauchsskandal das letzte Mal Thema in den Nachrichten oder den Talkshows? – Es werden Zahlungen in Aussicht gestellt, ohne konkrete Zusage, wann und wie die Betroffenen das Geld endlich bekommen werden.

Für mich haben die Entscheidungsträger der Kirche die Verantwortung für das Leid noch nicht wirklich übernommen. Weder die Reden vom Papst noch das, was ich persönlich von vielen deutschen Bischöfen erlebt habe, gibt mir das Gefühl über deren Bereitschaft, aufrecht und gerade für das erlittene Unrecht Verantwortung zu übernehmen.

Nun hat sich die Katholische Kirche Anfang März 2020 auf die Höhe von Entschädigungszahlungen für Missbrauchsopfer festgelegt und sich dabei an der geltenden Schmerzensgeld-Tabelle in Deutschland orientiert.

Halten Sie das für ein positives Signal an die Opfer?

Hier gibt es verschiedene Punkte zu beachten: Ich finde es immer gut, wenn auch in der katholischen Kirche offen über den Missbrauchsskandal gesprochen wird. Und es wird allerhöchste Zeit, dass nicht mehr nur eine Anerkennungszahlung, sondern auch endlich eine Entschädigung des Leids im Gespräch ist.

Und nein, ich halte es für kein positives Signal an die Opfer, wenn die Kirche sich an den üblichen SchmerzensgeldTabellen orientiert. Die Zahlen weichen weit von dem ab, was Opfervertreter seit Jahren aus guten Gründen für angemessen halten. Weiterhin wird ja der Weg zur Zahlung wieder offengelassen und es zeichnet sich eher erneut ein schwieriges Antragsmodell ab. Besonders wichtig ist mir in diesem Zusammenhang, dass die Höhe der Entschädigungszahlung nicht an das Ausmaß der Traumafolgestörungen geknüpft werden kann und darf. Das entstandene Leid soll entschädigt werden! Wenn ich z.B. über ein hohes Maß an Resilienz verfüge, viel Unterstützung in Anspruch nehmen konnte, gelernt habe trotz und mit den Traumafolgestörungen ein gutes Leben zu leben, dann kann sich das doch nicht negativ auf die Höhe der Entschädigung auswirken. Das ist unredlich – und für mich persönlich nur ein weiteres Beispiel von alten Mustern in der katholischen Kirche.

Der Untertitel des Werkes lautet „Mehr Träume, als die katholische Kirche zerstören kann“. Wovon träumen Sie?

Das ist eine sehr schöne Frage und es wird zum ersten Mal auf den Untertitel meines Buches eingegangen. Danke! Tatsächlich war das lange mein Arbeitstitel, der dann in Rücksprache mit dem Verlag zum Untertitel wurde. Je länger ich an dem Buch geschrieben habe, umso klarer konnte ich erkennen, dass ich über Resilienzen verfüge, die mich davor bewahrt haben, an den Erfahrungen innerlich zerbrochen zu sein. Das ist vor allem aktuell sehr wichtig, denn die Art und auch die Länge des währenden Verfahrens erlebe ich immer wieder retraumatisierend. Und trotz dieser zahlreichen Retraumatisierungen durch Vertreter der katholischen Kirche, vor allem des zuständigen Bistums, bin ich nicht innerlich taub und zerstört. Allein das ist ein sehr großer Traum von mir – das alles so zu schaffen! Im Großen und Ganzen lebe ich meinen Traum: Trotz meiner Folgestörungen gelingt es mir oft, glücklich zu sein; ich lebe intensive und lebendige zwischenmenschliche Beziehungen; ich habe das große Glück, meine Kinder – die nun keine Kinder mehr sind – aktiv und wach begleiten zu dürfen, soweit das noch nötig ist, und ich fühle mich von ihnen begleitet, wo das schon nötig ist. Ich wäre gerne durch die Kirche anders finanziell abgesichert, da erlebe ich die größten Einschränkungen und fühle da ein weiteres Versagen der Kirche.

Ich liebe es, mich innerlich weiterzuentwickeln und habe aktuell ein Projekt ins Leben gerufen, in dem wir sehr aktiv die These überprüfen, dass vor allem unsere Gedanken – auch die unbewussten – unser Leben, unser Glücksgefühl bestimmen. Ich habe Lust und nehme mir die Zeit, Bücher zu schreiben; alles Träume, die die katholische Kirche trotz Missbrauch und Retraumatisierungen nicht zerstören konnte und kann!

Ich träume natürlich davon, dass viele Menschen aus der Kirche austreten und damit ihre Solidarität gegenüber uns Betroffenen deutlich machen. Wahrscheinlich käme deutlich mehr Bewegung und Lösungswille in den Prozess, wenn weniger Gelder im Sinne von Kirchensteuern fließen würden.

Ich träume davon, dass im zuständigen Bistum einer endlich den Mut hat, mir nicht nur leise und heimlich zu sagen, dass er mir glaubt, sondern auch Konsequenzen für Pfarrer Täter daraus entstehen lässt. Der jetzige „Richter“ hat während der Anhörung im Herbst 2019 mehrfach vor allen Anwesenden bestätigt, dass er mir absolut glaubt und wollte sich dann weigern, diese seine Aussage im Protokoll aufzunehmen.

Ich träume davon, dass sich der zuständige Bischof und auch meine Eltern bei mir entschuldigen – öffentlich! Natürlich träume ich davon, dass genau mein Buch der Tropfen ist, der das Fass der Ungeduld und des Zu-Viels in Bezug auf die katholische Kirche und den aktuellen Umgang mit uns Betroffenen endlich zum Überlaufen bringt. Ja! Was für ein Traum.

Ich wage wieder groß zu träumen!

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