Kulturwissenschaften

Die Welt so sehen wie sie ist

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2020

Hans Rosling, Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Aus dem Englischen übersetzt von Hans Freundl, Hans-Peter Remmler, Albrecht Schreiber. Berlin: Ullstein Taschenbuch 2019, 400 S., Klappenbroschur, ISBN-13 9783548060415. € 16,00 (Originalausgabe: Hans Rosling, Factfulness, Ten Reasons We’re Wrong About The World And Why Things Are Better Than You Think, Flatiron Books New York 2018)

Hans Rosling (1948–2017), studierte Medizin und Statistik in Uppsala, war viele Jahre als Mediziner in Entwicklungsländern tätig und wurde 1997 Professor für Internationale Gesundheit an der führenden medizinischen Hochschule Schwedens, dem Karolinska-Institut. Der Senat dieses Instituts ist das Nobelpreiskomitee für Medizin. Rosling war darüber hinaus Mitbegründer der schwedischen Sektion von „Ärzte ohne Grenzen“ und langjähriger Berater der WHO und von UNICEF. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er durch seine im Internet verfügbaren, originellen TED-Vorträge zur globalen Entwicklung von Gesundheit und Wohlstand bekannt. Er demonstriert dort unter anderem, wie gering das Wissen über grundlegende Fakten auf diesen Gebieten im Allgemeinen und selbst bei wichtigen Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft ist. Dem abzuhelfen ist eines der Motive, die ihn veranlasst haben, in seinem letzten Lebensjahr das vorliegende Buch zu verfassen. Sohn Ola Rosling und Schwiegertochter Anna Rosling Rönnlund haben in der Aufbereitung der Daten mitgewirkt und fungieren als Mitautoren.

Die Botschaft, die er zu vermitteln sucht, ist, dass sich Gesundheit und Wohlstand im Weltmaß in den letzten Jahrzehnten dramatisch verbessert haben, diese Verbesserungen aber –zumindest in den wohlhabenden Ländern – nicht zureichend oder gar nicht wahrgenommen werden. Wie er die Botschaft vermittelt, stilistisch und rhetorisch, ist einfach großartig. Er fragt, hier seine Leser, dort seine Zuhörer, nach ausgewählten Fakten zu Gesundheit und Wohlstand. Sodann konfrontiert er sie mit den Befunden. Der Überraschungseffekt, den der Leser/Zuhörer erlebt, wenn sich seine Vermutung mal um mal als falsch erweist, verunsichert und veranlasst den Leser/Hörer nachzudenken, was die Ursache seiner Irrtümer sein könnte. Konkret geht Rosling so vor, dass er in 14 Industrieländern einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung zwölf Fragen zur globalen Entwicklung von Bildung, Armut, Bevölkerung und Krankheit stellt, und je drei Antwortmöglichkeiten vorgibt. Eine der Antwortmöglichkeiten ist die richtige. Er ermittelt dann, wieviel Prozent der Bevölkerung keine, eine, zwei, drei usw. richtige Antworten gegeben haben. Es stellt sich heraus, dass, über alle 14 Länder gemittelt, nur 10% der Befragten fünf oder mehr richtige Antworten geben konnten. Hätte man eine Person, der jegliches inhaltliche Verständnis zu den in den Fragen angesprochenen Sachverhalten fehlt, die richtigen Antworten ankreuzen lassen, wären 33%, genauer ein Drittel, der Antworten, also vier Antworten, richtig gewesen. In Roslings Interpretation lautet dieser Befund: Schimpansen kennen die Welt besser als die aufgeklärten Bürger der Industrieländer! Rosling bittet den Leser, die am Anfang des Buches genannten 12 Fragen zu beantworten, um sich selbst zu testen. So können neun von zehn Lesern den niederschmetternden Befund am eigenen Leibe erfahren. Drei Beispielfragen seien genannt.

Frage 1: Wie viele Mädchen absolvieren heute die Grundschule in den Ländern mit niedrigem Einkommen? Drei Antwortmöglichkeiten werden angeboten: (a) 20%, (b) 40%, (c) 60%. Die richtige Antwort ist (c). Sie wurde von nur 9% der befragten Deutschen angekreuzt.

Frage 3: In den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung (a) verdoppelt, (b) nicht verändert, (c) halbiert. Die richtige Antwort ist (c). In Deutschland wissen das nur 6% der Befragten.

Frage 9: Wie viele der einjährigen Kinder auf der Welt sind gegen Krankheiten geimpft? Die Antwortoptionen sind (a) 20%, (b) 50%, (c) 80%. Die richtige Antwort ist (c). In Deutschland liegt der Anteil richtiger Antworten bei 6%.

In keiner der genannten drei Fragen erreichte das jeweils beste Land mehr als 25% richtiger Antworten. Wie kommt das? Man könnte vermuten, die Unkenntnis der Fakten beruhe auf schlichtem Nichtwissen, dem durch gezielte, reine Wissensvermittlung leicht beizukommen sei. Diese Hypothese lehnt Rosling strikt ab. Stattdessen versucht er die niederschmetternde Faktenunkenntnis mit einer Reihe von alternativen Hypothesen zu erklären. Die Erklärungen stützen sich auf „Instinkte“, denen die Menschen folgen. Aufgrund der „Instinkte“ komme es zu systematischen, nicht zufälligen Fehlern in der Wahrnehmung der Wirklichkeit. Zehn dieser Instinkte nennt und erläutert er, auf sie stellt der Untertitel der englischen Fassung des Buches ab. Mit dem „Instinkt der Kluft“ bezeichnet Rosling die Beobachtung, dass Menschen in Dualitäten denken: Reiche Länder – Arme Länder, Industrieländer -–Entwicklungsländer, Wir – Sie usw. Um diese – irreleitende – Dichotomie zu überwinden, schlägt er vor, statt in zwei in vier Kategorien zu denken. Er bildet deshalb nicht zwei sondern vier Ländergruppen. In der ersten Gruppe leben Menschen mit einem kaufkraftbezogenen Einkommen von unter 2 $ pro Tag, in der zweiten jene mit 2-8 $ pro Tag, in der dritten Menschen mit 8-32 $ pro Tag und in der dritten jene, die über mehr als 32 $ je Tag verfügen können. Derzeit bestehen die vier Gruppen weltweit aus 1, 3, 2, 1 Milliarde Menschen. Mit dieser Neueinteilung ändert sich an der faktischen Armut selbstverständlich überhaupt nichts. Aber man sieht, dass 5 der 7 Milliarden Menschen unter „mittleren“ Einkommensbedingungen leben, unter denen „ein Großteil ihrer menschlichen Bedürfnisse befriedigt wird“. Und man sieht auch besser die enormen Veränderungen: Noch vor 200 Jahren lebten 85% der Menschen in Gruppe 1, und noch vor 70 Jahren lebten die meisten Menschen in Europa und Nordamerika wie in den heutigen Gruppen 2 und 3. Sätze von der „sich vertiefenden Kluft“, wie sie auch heute gang und gäbe sind, stehen in scharfem Kontrast zu diesem Befund. Sie leben von dem Konstrukt der Dualität, der Dichotomie, der Gegensätzlichkeit, z.B. „Vermögensmillionäre“ auf der einen Seite, die „Anderen“ auf der anderen Seite. Mit der Lebenswirklichkeit von 99% der Menschen hat eine solche Beschreibung der Wirklichkeit jedoch nichts zu tun.

Mit dem „Instinkt der Negativität“ beschreibt Rosling die Neigung der Menschen, vornehmlich negative, weniger hingegen positive Entwicklungen wahrzunehmen. So wissen nur wenige, in welchem Maße sich die Lebenserwartung in der Vergangenheit erhöht hat. Dass die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt weltweit nicht 50 Jahre, auch nicht 60 Jahre, sondern 70 Jahre beträgt, weiß eine Mehrheit der Bevölkerung in keinem der 14 Industrieländer. Weiter verweist Rosling in diesem Zusammenhang etwa darauf, dass die Kindersterblichkeit, d.h. der Anteil der Kinder, die vor dem 5. Lebensjahr sterben, von 44% um 1800 auf 4% 2016 gesunken ist und dass die Verwendung ozonzerstörender Substanzen von 1,6 Mio. (1970) Tonnen auf 0,02 Mio. Tonnen abgenommen hat. Diese und weitere bemerkenswerte, aber selten wahr genommenen Verbesserungen werden in 36 Abbildungen präsentiert. Ursachen dieser asymmetrischen Wahrnehmung sieht Rosling (a) in der Verklärung der Vergangenheit, (b) der aufmerksamkeitsheischenden medialen Strategie der Skandalisierung sowie (c) dem Mangel an Erkenntnis, dass Dinge immer noch schlecht, zugleich aber schon wesentlich besser geworden sein können.

Andere „Instinkte“, die die Wahrnehmung der Realität verzerren, sind die psychologischen Instinkte „der Angst“, „der Schuldzuweisung“, „der Dringlichkeit“ sowie die mathematischen Instinkte „der geraden Linie“, nach dem man Trends einfach fortschreibt, sowie „der Dimension“, nach dem man sich an Niveaugrößen statt an Relativgrößen orientiert. Zu jedem dieser Phänomene präsentiert Rosling Belege aus Wirtschaft, Gesellschaft und Medizin. Und er beschließt jedes dieser Kapitel über die Instinkte mit Vorschlägen, wie man der Instinkte Herr werden kann.

Das Buch enthält ein Feuerwerk an Mut machenden Fakten. Die Botschaft lautet: Es gibt zwar vieles, zu Recht Beklagenswertes über den Zustand der Welt. Darüber dürfen aber die vielen erreichten Verbesserungen in den Lebensbedingungen der Mehrheit der Menschen nicht vergessen werden. Auf diese Verbesserungen nachdrücklich hinzuweisen, ja dazu aufzufordern, sie aber wenigstens zur Kenntnis zu nehmen, ist das zentrale Anliegen des Autors. Seine Internetpräsentationen zu diesem Thema gehören zum Besten, was das Internet zu bieten hat. Die Sorge des Rezensenten, dass das Buch nur einen schwachen Widerhall der Präsentationen geben könnte, da man hier den Autor weder sieht, noch hört, es keine Interaktion mit dem Publikum gibt und die optische Dynamik seiner Graphiken nicht erkennbar ist, ist glücklicherweise unbegründet. Die im Buch dargestellte Fülle von Fakten und Erläuterungen, die unterhaltsame Art ihrer Präsentation, die Möglichkeit, den Verbindungen zwischen den einzelnen Kapiteln nachzugehen, das Zusammenfügen der vielen Mosaiksteine zu einem stimmigen Gesamtbild, dies alles schafft dem Buch sein Alleinstellungsmerkmal und ein uneingeschränktes Lesevergnügen. (khs) ˜

Prof. Dr. Karlhans Sauernheimer (khs) wirkte von 1994 bis zu seiner Emeritierung im März 2010 als Professor für VWL an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er publiziert schwerpunktmäßig zu Themen des internationalen Handels, der Währungs- und Wechselkurstheorie sowie der Europäischen Integration. Er ist Koautor eines Standardlehrbuchs zur Theorie der Außenwirtschaft und war lange Jahre geschäftsführender Herausgeber des Jahrbuchs für Wirtschaftswissenschaften.

karlhans.sauernheimer@uni-mainz.de

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