Editorial

Das geht uns alle an!

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 2/2020

„Es zeigt sich in diesen Tagen immer häufiger, wie dünn unsere zivilisatorische Kruste demokratischer Rechtsstaatlichkeit vielfach ist“, warnt Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin in ihrem Appell zur Freilassung von Julian Assange. Der Journalist und WikiLeaks-Gründer sitzt seit fast einem Jahr in Auslieferungshaft im britischen Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh, das wegen der harten Haftbedingungen auch als „britische Version von Guantánamo Bay“ bezeichnet wird. Nils Melzer, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen zum Thema Folter, konnte ihn im Mai 2019 dort besuchen und stellte anschließend fest, Julian Assange zeige „alle Symptome, welche typisch sind für Opfer langandauernder psychischer Folter“.

„In dieser Tragödie geht es im Wesentlichen um Zweierlei“ schreibt die ehemalige Bundesjustizministerin in ihrem fachbuchjournal-Kommentar, „um den Menschen Julian Assange, der ganz offensichtlich gesundheitlich körperlich und psychisch schwer angeschlagen ist und in dem Hochsicherheitsgefängnis nicht angemessen behandelt werden kann. Es geht aber – und auch das geht uns alle an – um die Frage, wie die Öffentlichkeit in unseren demokratischen Rechtsstaaten die Handlungen der Mächtigen in den Bereichen von Regierung, Geheimdiensten, Militär und Wirtschaft wirksam kontrollieren kann.“ In den ersten Prozesstagen Ende Februar saß Julian Assange in einem Glaskasten mehrere Meter entfernt von seinen Anwälten, mit denen er sich deshalb nur in den Pausen besprechen konnte. Menschenrechtliche und rechtsstaatliche Grundprinzipien werden mit Füßen getreten. Die zivilisatorische Kruste demokratischer Rechtsstaatlichkeit ist dünn. Das geht uns alle an!

Einen inhaltlichen Schwerpunkt legen wir in dieser Ausgabe auf die Auseinandersetzung mit dem Jahr 1990. „Das Jahr 1990 freilegen“, ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk, das zu Recht in der Kategorie Sachbuch/Essay für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 nominiert wurde, führt auf fast 600 großformatigen Seiten durch das Nachrevolutions- und Wiedervereinigungsjahr 1990. „Ich glaube, in unserem Buch kriegt man diese emotionale Kraft, die in diesem Jahr steckte, geliefert. Nicht als wissenschaftliche ­Analyse, sondern als Lesestoff. Am ­Ende ist das Buch natürlich wie das Jahr. Das Buch ist eine totale Überforderung für den Leser, wie das Jahr für den beteiligten Ostdeutschen auch eine totale Überfor ­derung war. In ­gewisser Weise führt uns also auch die Form dieses ­Buches emotional in dieses Jahr.“ Sagt Fotograf und Mitgestalter Andreas Rost (1990 24 Jahre) im fachbuchjournal-Gespräch mit Kristina Frick (1990 10 Jahre). Sie reflektiert das in ihrer Buchpräsentation so: „Die Frage, ob man sich mit der Wendezeit auseinandersetzen möchte, dürfte sich im Grunde nicht stellen. Man sollte es einfach tun. ­Alles, was dazu nötig ist, ­findet sich in diesem Werk im Telefonbuchformat einer Millionenstadt. – Was 1990 passiert i ­ st, wie sich 1990 ­angefühlt hat, wie 1990 ausgesehen hat oder was 1990 mit 2020 zu tun hat.“

Jan Wenzel, in dessen Leipziger Verlag „Das Jahr 1990 freilegen“ erschienen ist, beantwortet dieses Mal unseren Fragebogen auf der letzten Seite. Ich muss gestehen, dass mich einige der Antworten des 48 Jahre alten Verlegers von Spector Books überrascht haben. Zum Beispiel: „eBooks sind mir egal.“ Aber lesen Sie selbst. Die Antwort auf die Frage, wie die Verlagslandschaft sich in den nächsten zehn Jahren verändern werde, strotzt vor Selbstbewusstsein und Optimismus: „Das Medium Buch wird durch seine Robustheit sicher für das Anthropozän wichtiger werden als der Computer. Das zumindest zeichnet sich deutlich ab.“ Über diese erstaunliche These hätte ich gerne mit ihm auf der Leipziger Buchmesse diskutiert, schade.

Da der persönliche und direkte Austausch in diesen Wochen durch das Virus etwas kurz gekommen ist – und das eventuell noch einige Zeit so bleiben wird, wünsche ich Ihnen ganz reale und hohe Bücherstapel und -­vorräte ­zuhause. Sie finden zur Vermehrung dieser sicher auch wieder Anregungen in dieser Ausgabe des fachbuchjournal ­ s. Und die Zeit zum Lesen müssen Sie sich einfach nehmen, denn, so Jan Wenzel (da stimme ich ihm voll und ganz zu), „wenn ich lese, kann ich von mir absehen, ich folge dem Geflecht der Bücher, ich komme mit ihnen in Zeiten, zu denen ich sonst keinen Zugang hätte und verkehre mit Menschen, die ich nie gesehen habe; ich ­folge den Büchern, lasse mich von ihnen leiten.“

Angelika Beyreuther

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