Politik

Am Tropf von Big Food

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 5/2017

Thomas Kruchem: Am Tropf von Big Food. Wie die Lebensmittelkonzerne den Süden erobern und arme Menschen krank machen. Reihe X Texte, transcript Verlag, Bielefeld 2017, 212 Seiten, zahlreiche s/w-Abb., 9 Tabellen, ISBN 978-3-8376-3965-0, € 19,99

Big Food ist ein Sammelbegriff für eine Handvoll multinationaler Nahrungs- und Getränkehersteller sowie Fast-FoodKetten, die weltweit die Märkte kontrollieren. Die enorme Machtkonzentration von Megakonzernen wie Nestlé, Unilever, Danone, Mars, Kellog’s, Coca Cola u.a. hat dramatische Folgen, denn die Industrialisierung unserer Ernährung bedroht und vernichtet die Existenz traditioneller landwirtschaftlicher Betriebe und gefährdet rücksichtslos die Gesundheit von Verbrauchern.

Die Gefahr, die von Big Food ausgeht, ist für jeden sichtbar: Fettleibigkeit durch Junkfood, hochverarbeitete Nahrungsmittel, die fast nur aus Fett, Stärke, Zucker, Salz, Geschmacksverstärkern sowie Konservierungs- und Farbstoffen bestehen. Public Health-Studien lassen keinen Zweifel: Instant-Nudeln, Zerealien, Pizzen, Hamburger, Pommes frites, Kartoffelchips, zuckrige Joghurts, Süßwaren und Limonaden erzeugen Suchtdruck mit fatalen Konsequenzen für die Konsumenten und die öffentliche Gesundheit. Adipositas entwickelte sich zu einer Pandemie mit einem hohen Risiko für Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ-2. Allein in China starben 2016 1,3 Mio. Menschen an Diabetes. Jüngste Statistiken prognostizieren für die subsaharischen Länder, dass sich die derzeitigen Typ 2-Diabetes-Raten bis 2030 verdoppeln könnten. Damit würden die gesundheitlichen Errungenschaften der letzten Jahre völlig aus dem Ruder laufen; hier tickt eine Zeitbombe. Während sich in den Industrieländern vermehrt Widerstand gegen die Geschäftspraktiken der Megakonzerne formiert und der Absatz gesättigt erscheint, wendet sich Big Food vermehrt den Schwellen- und Entwicklungsländern des Südens zu und„erschleicht […] sich und seinem krank machenden Junkfood Zugang zu den Hütten“ (S. 11), um die exorbitanten Gewinne weiter zu steigern.

Der renommierte Buch- und Radioautor Thomas Kruchem, der für seine gesellschaftskritischen Bücher bereits viermal mit dem Medienpreis Entwicklungspolitik des BMZ ausgezeichnet wurde, ist mit Recht empört über die aggressiven Marktstrategien der Konzerne, die ausgerechnet auf jene Verbraucher zielen, die ihren verführerischen, „Träume weckenden und Elterngefühle missbrauchenden Gesundheitsversprechen wehrlos ausgesetzt sind“ (S. 16).

Mit journalistischer Neugier und leidenschaftlichem Engagement analysiert der weitgereiste Autor, der schon in 60 Entwicklungs- und Schwellenländern recherchiert hat, welchen Schaden die Täter anrichten, wie sie die Menschen täuschen, und wen sie vor ihren Karren spannen (vgl. S. 11). Laut Statistik der Welthungerhilfe haben täglich rund 800 Mio. Menschen akuten Hunger und jeder neunte Mensch leidet an chronischem Hunger. Obwohl weltweit genügend Nahrungsmittel produziert werden, um alle satt zu machen, gelingt es bislang nicht, den Hunger erfolgreich zu bekämpfen. Darüber hinaus gibt es noch den „stillen“ (oder „verborgenen“) Hunger, eine chronische Mangelernährung, bei der die rund zwei Mrd. Betroffenen zwar meistens genügend Energie aufnehmen, es ihnen aber an Proteinen und Mikronährstoffen, wie z.B. Vitamin A und D, Kalzium, Eisen, Jod und Zink, mangelt. Von Regierungen und Entwicklungshilfeorganisationen wurde dieses Phänomen lange Zeit sträflich unterschätzt. Die auffälligsten, meistens irreversiblen gesundheitlichen Schäden stillen Hungers sind körperliche und geistige Unterentwicklung, was im Englischen stunting heißt. Fast jedes vierte von 670 Mio. Kindern unter fünf Jahren ist stunted, wird sein körperliches und geistiges Entwicklungspotential lebenslang nicht ausschöpfen.

Mit empathischer Betroffenheit schildert der Autor und gefragte Consultant zu Fragen der Entwicklungspolitik, dass er in nahezu jedem afrikanischen und südasiatischen Dorf chronisch mangelernährte Menschen getroffen hat, vorwiegend Kinder, denen „der Glanz der Neugier in den Augen [fehlt]“ (S. 20), die antriebsschwach und extrem infektionsanfällig sind. Chronisch Mangelernährte, die das Erwachsenenalter erreichen, sind in ihrer Dorfgemeinschaft marginalisiert und fristen ein klägliches Dasein mit nur geringer Lebenserwartung. Hauptursachen für stillen Hunger sind Armut und soziale Ungleichheit, Benachteiligung von Frauen sowie nicht sachgerechte Praktiken bei der Ernte, Verarbeitung und Aufbewahrung von Nahrungsmitteln. Nach Angaben der FAO ist ein Viertel der Nahrungspflanzen mit Aflatoxinen belastet. Sie schwächen chronisch das Immunsystem, begünstigen damit Infektionen und sind offenbar auch karzinogen; hier tickt eine weitere gesundheitliche Zeitbombe. Big Food verdrängt skrupellos die traditionellen Ernährungssysteme der südlichen Märkte. Die Kooperation zwischen Megakonzernen und einheimischen Kleinbauern ist ambivalent: zwar erhöht sie das Einkommen der die Rohstoffe für Junkfood liefernden Bauern, aber mit der negativen Folge, dass diese dann nicht mehr direkt für ihre Familien und die lokalen Märkte produzieren. So werden mit machiavellistischer Strategie neue Märkte für krankmachendes Junkfood erschlossen. Auch vor der Ernährung der Kleinsten wird nicht halt gemacht. Die perfide Werbung und Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten unterläuft rücksichtslos den ethischen Kodex der WHO; offenbar haben die Megakonzerne aus dem rund 40 Jahre zurückliegenden Milchpulverskandal des Nestlé-Konzerns nichts dazugelernt; für die Unternehmensführungen zählen fern ab jeder Verantwortungsethik nur die shareholder values.

Kruchem zeigt, dass Gier steigerungsfähig ist. Indem die Konzerne ihre industriell verarbeiteten Nahrungsmittel mit Nutrazeutika, das sind Präparate aus synthetisch hergestellten Mikronährstoffen, anreichert, können sie „hygienisch verpackte (aber nach wie vor fett und krank machende) Nahrungsmittel als ‚gesunde‘ Mittel gegen Mangelernährung anpreisen“ (S. 94). Das ist das ‚trojanische Pferd‘, um das Marktpotential für Junkfood immer weiter auszuschöpfen. Gegen Studien, die belegen, dass Nutrizeutika keine wirksame Antwort auf Mangelernährung sind, wehrt sich Big Food mit skandalös manipulierten Gegengutachten und brachialer Lobbyarbeit. Durch Umarmungsstrategien werden UNICEF und NGOs in Interessenkonflikte gestürzt, denn die Organisationen der internationalen Zivilgesellschaft sind auf finanzielle Spenden angewiesen.

Durch seine akribische Recherche legt Thomas Kruchem Big Foods Manipulationen und die z.T. problematische Rolle der NGOs schonungslos offen und fordert, „endlich einen zielgerichteten Kampf gegen die Ernährung mit Junkfood und für gesunde Ernährung aufzunehmen.“ (S. 160). Um die ethisch verwerflichen Geschäftspraktiken von Big Food, Big Soda und Big Fast Food und den krank machenden Konsum von Junkfood effizient zurückzudrängen, bedarf es des konzertierten Widerstands „von Konsumenten, Zivilgesellschaft, Regierungen, UN-Institutionen, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen sowie der Wissenschaft“ (S. 172). Mit einem 10-Punkte-Plan zur Selbstverteidigung, d.h. der Strategien für den angemessenen Umgang mit Junkfood-Konzernen, sendet Kruchem einen konstruktiven, flammenden Weckruf, um die drohende Pandemie abzuwenden. Trotz negativer Erfolgsprognose könnte der entschiedene Widerstand doch etwas bewirken, wie der jahrelange Kampf gegen Big Tabaco zeigt (vgl. Oreskes N. / Conway E.M.: Die Machiavellis der Wissenschaft: Das Netzwerk des Leugnens. – s. Rezension von WH in FBJ 2/2015, S. 67-68).

Thomas Kruchems dechiffrierender Essay ist zornig, schonungslos entlarvend, imponierend informationsgesättigt, aufwühlend, alarmierend sowie konstruktiv und dazu noch leserfreundlich – kurz: ein politisches Sachbuch der Extraklasse! (wh)

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

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