Kultur, Kunst

250 Jahre Ludwig van Beethoven

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 5/2020

Der 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven sollte mit einer Vielzahl von Veranstaltungen und Konzerten gefeiert werden. Die weltweite Pandemie wirbelte auch diese Pläne durcheinander. Aber die Verlage haben natürlich viele interessante Bücher zu diesem Anlass herausgebracht. Und unser Rezensent hat eine ganz individuelle Auswahl für uns gelesen – und angehört.

BEETHOVEN. Welt. Bürger. Musik. Katalog zur Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn, 2019/2020. Hrsg. von Beethoven-Haus Bonn, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn. Wienand 2019, Hardcover, 264 S., 282 farb. Abb. und 8 s/w Abb., ISBN 978-3-86832-555-3. € 39,80.

Im Rahmen des 250sten Jubiläumsjahres BTHVN 2020, das unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Steinmeier steht, wurde von der Bundeskunsthalle Bonn und dem Bonner Beethoven-Haus eine große Ausstellung zu BEETHOVEN. Welt. Bürger. Musik auf den Weg gebracht. Zwar konnten viele Besucher seit Eröffnung der Ausstellung Ende 2019 die sorgfältig und aus heutiger Sicht konzipierte Darstellung Beethovens besuchen. Durch die Pandemie bedingten Einschränkungen seit März 2020 hat der große Begleitkatalog eine besondere Bedeutung erlangt und der virtuelle Rundgang, der noch bis zum 17. Dezember 2020 zugänglich ist, wird sicher auch sehr geschätzt. In ihrem Grußwort hebt Staatsministerin Monika Grütters hervor, dass Beethovens Vermächtnis Welt-Musik ist, welche Menschen über alle Grenzen hinweg berührt, bewegt, begeistert und verbindet. Damit gilt Ludwig van Beethoven bis heute als visionär und zukunftsweisend. Seinen 250. Geburtstag zu feiern, ist deshalb eine nationale Aufgabe.

Die zentrale Ausstellung des Beethoven-Jubiläumsjahres lädt dazu ein, den „Rebell“ und „Revolutionär“ Beethoven aus unterschiedlichen Perspektiven als Künstler wie auch als Menschen und als Bürger kennenzulernen. Dabei verfolgt die Ausstellung einen dezidiert kulturhistorischen Ansatz, wie der Intendant der Bundeskunsthalle Rein Wolfs und der Direktor des Beethoven-Hauses, Malte Boecker, im Vorwort darlegen. Beethoven werde als freischaffender Komponist ebenso thematisiert wie die gesellschaftspolitischen Entwicklungen der Zeit um 1800, die sich in seinem Werk spiegeln.

Zu den Exponaten der gelungenen und pädagogisch exzellent zusammengestellten Ausstellung gehören einige berühmte Beethoven Dokumente, die seit Jahrzehnten nicht mehr ausgestellt oder überhaupt noch nicht öffentlich präsentiert worden sind – darunter das Heiligenstädter Testament von 1802, in dem der Komponist seine Verzweiflung über die fortschreitende Ertaubung zum Ausdruck bringt, sowie sein erst vor kurzem aufgetauchter Brief an Heinrich von Struve aus dem Jahr 1795, in dem Beethoven den Zeitpunkt herbeisehnt: wann wird auch der Zeitpunkt kommen wo es nur Menschen geben wird, wir werden wohl diesen Glücklichen Zeitpunkt nur an einigen Orten heran nahen sehen, aber allgemein – das werden wir nicht sehen, da werden wohl noch JahrHunderte vorübergehen. Neben einigen seiner berühmtesten Porträts (Stieler, Mähler usw.) und Musikautographen wie der Kopistenabschrift der 3. Sinfonie „Eroica“ und Skizzen zur „Ode an die Freude“, die bereits 1812 entstanden, vermittelt die Ausstellung ein lebendiges Bild des Komponisten bei der Arbeit.

Dank zahlreicher privater und öffentlicher Leihgeber aus aller Welt ist eine hervorragende Ausstellung gelungen. Sie ist begleitet mit Musikbeispielen, welche die Wendepunkte in Beethovens Werk markieren. Der Katalog enthält Aufsätze namhafter Beethoven Forscher und Historiker (u.a. von William Kindermann, Jan Caeyers, Julia Ronge – eine der Kuratorinnen und heute Kustos der Sammlungen des Beethovenhauses – und Barry Cooper) neben kurzen Beiträgen führender Interpreten – darunter die Bratschistin Tabea Zimmermann, die Violinistin Isabelle Faust, der Piani ­ st Sir András Schiff, die einen sehr persönlichen, aktuellen Blick auf „ihren“ Beethoven gewähren. Das Gemeinsame ihrer Aussagen ist die Hervorhebung von Beethovens Musik als Ausdruck der Universalität und Menschlichkeit, welche stets neu inspiriert. So heißt es bei der Bratschistin Tabea Zimmermann: Beethovens Musik bleibt in der Fülle der Meisterwerke ein unerreichter und unverzichtbarer Klang-Schatz, der bearbeitet und erforscht werden möchte. Musiker und Publikum arbeiten sich Generation um Generation an Beethovens Ideenreichtum, an seinem Umgang mit Melodie und Harmonik, an seinen originellen Einfällen und Eigenheiten ab.

Die Kuratorinnen Agniezka Lulínska und Julia Ronge haben die Ausstellung als biografische Schau konzipiert, die das Einzelschicksal mit den Lebenswelten und sozialhistorischen Bedingungen seiner Zeit verknüpft. Dabei wird die biografische Erzählung über Beethoven in fünf chronologisch angeordnete Abschnitte gegliedert. Das ­erste Kapitel Bonn – Beruf Musiker 1770–1792 präsentiert die Bonner Zeit Beethovens von seiner Geburt 1770 bis zu seinem Aufbruch nach Wien 1792. Das zweite Kapitel Wien – Neue Horizonte 1792–1801 setzt sich mit Beethovens ersten Jahren in Wien von 1792 bis 1801 auseinander. Man erfährt etwas über die Ausbildung bei Josef Haydn und Johann Georg Albrechtsberger und die Unterstützung führender Wiener Adeliger für Beethoven. Das dritte Kapitel Wege zum Erfolg 1802–1812 konzentriert sich auf die Schaffensperiode, in der Beethoven große Werke, u. a. 1806 die Klaviersonate Op. 57 Appassionata, die 3. Sinfonie in gantz neuer Manier Op. 55 komponiert, Skizzen anfertigt zur Pastoralsinfonie Op. 68 und seine neu bearbeitete Oper Fidelio und die Ouvertüre zu Egmont vorstellt. In diesem Zeitraum beklagt er sich in dem berühmten Heiligenstädter Testament 1802 über seine beginnende Schwerhörigkeit, was ihn in eine tiefe Lebens- und Schaffenskrise stürzt. Das vierte Kapitel Der Ruhm und der Preis 1813–1818 beschreibt das damalige Zeitgeschehen in Europa – den Sturz Napoleons, die Neuordnung auf dem Wiener Kongress (1814/15) und den Beginn der Restauration. Das fünfte Kapitel Beethoven grenzenlos 1819–1827 setzt sich mit Beethovens letzten Lebensjahren auseinander, seinen späten Klaviersonaten und Streichquartetten.

Den Katalog – wie die beiden Kuratorinnen Agnieszka Luli´nska und Julia Ronge in ihrem Begleittext Zur Ausstellung betonen – haben sie bewusst nicht als einen klassischen Ausstellungskatalog angelegt, sondern als einen opulenten Bildband zu Beethovens Leben und Werk konzipiert. Dies ist in der Vielfalt, Buntheit, aber auch wissenschaftlich fundierten Sammlung der Beiträge gelungen und lädt dank der attraktiven Gestaltung zum Schmökern und Verweilen ein.

 

Beethoven around the world, The complete string quartets, Quatuor Ébène, Philadelphia, Vienna, Tokyo, São Paulo, Melbourne, Nairobi, Paris, Mai 2020 Erato/Warner Label

„Beethoven around the world” – man glaubt, Beethovens Musik sei doch schon weithin bekannt. Aber was das Ébène Quartett 2019 bis zum Beginn des Jahres 2020 geleistet hat – glücklicherweise bevor die Pandemie dieses Projekt zum Scheitern gebracht hätte, ist außergewöhnlich. In diesen Monaten hat das Quartett etwa 40 Konzerte in 18 Ländern auf sechs Kontinenten gespielt. Auf sieben CDs sind die Konzerte, ob in Philadelphia, Nairobi oder Wien in Konzert-Liveaufnahmen festgehalten und in einem Booklet beschrieben. Eine einmalige „Klangrede“ (S. 18) dieses brillanten französischen Quartetts ist entstanden.

Wie man dem über 100seitigen, schön bebilderten Begleitheft mit Impressionen der einzelnen Stationen ihrer Konzertreise nachempfinden kann, ist die Absicht dieses Projekts, das elitäre Verständnis der Beethovenschen Musik zu überwinden und Jugendlichen in aller Welt die Modernität dieser Werke aufzuzeigen. Das Quartett hat die Idee dieser Welttournee auf ihrer Webseite so formuliert: Die emotionelle und intellektuelle Kraft der Beethoven Werke [..] die Idee der Humanität ganz im Sinne der Aufklärung [zu vermitteln]. Eine Filmdokumentation, die Ende 2020 erscheinen wird, soll austesten, ob und wie dieses Ideal heute noch Gültigkeit hat, und soll diese Fragen beantworten: Wie wird diese Musik in Philadelphia wahrgenommen? Wie im Wiener Konzerthaus heutzutage? Oder im Sahel Gebiet? Wie wird diese Musik bei so gegensätzlichen Kulturen ankommen?

Kleine Videoimpressionen auf der Webseite sowie die Kurzberichte im Booklet, die der Cellist Raphaël Merlin redigiert hat, geben erste Eindrücke wieder. Immer wieder dringt durch ihre Spielweise ihr sehr genaues Verständnis von Beethovens Quartettschaffen hervor, die Spannungsbögen, Akzentsetzungen, Individualität der Stimmführung, Feinsinnigkeit und größte Variabilität der Tongebung. Gewissermaßen ist Beethovens Op. 131 das Schlüsselwerk, welches das Quartett aufgrund der Vorstellungskraft ihres (nun mehr über 80jährigen) Lehrers Eberhard Feltz, der uns dieses Werk nahegebracht hat und es uns bis in kleinste Detail erarbeiten ließ (S. 19) stark geprägt hat, so auch der Unterricht bei György Kurtág. Mit diesem Op. 131 nimmt Beethoven […] den modernen Geist an, schreibt Raphaël Merlin, und bleibt fortwährend aktuell. Zum 5. Satz, dem frenetischen und provokativen Scherzo, fügt Merlin das bekannte Schiller Dictum hinzu: Der Mensch … ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Dieser Ausspruch Schillers kann durchaus für das Selbstverständnis von Quatuor Ébène im 20. Jahr ihrer Existenz und für ihre Aufführungen gelten.

Pierre Colombet (1. Violine) spielt auf einer 1717 Stradivari, Gabriel Le Magadure (2. Violine) auf einer 1727 Stradivari, Marie Chilemme spielt eine Viola von Marcellus Hollmayr (Füssen, 1625) und Raphaël Merlin ein Cello von Carlo Tononi (alles Leihgaben).

Das Projekt Beethoven around the world ist von Kulturstiftungen, wie u.a. dem Institut Français und vielen Einzelsponsoren ermöglicht worden. Das Abschlusskonzert im Beethovenhaus in Bonn – einige Mitglieder des Quartetts konnten sich zuvor Original-Handschriften Beethovens anschauen – hat dem Publikum die Besonderheit und Tiefgründigkeit dieser Aufführung mit den dargebotenen Quartetten Op. 18,3 und Op. 132 noch lange nachklingen lassen.

 

Stephan Eisel, Beethoven in Bonn, Edition Lempertz 2020 (Deutsch/Englisch), Klappenbroschur, 126 S., durchgehend farbig bebildert, ISBN 978-3-96058-342-4. € 8,99.

Der Bonner Musikwissenschaftler und Historiker Stefan Eisel gibt in seinem Buch einen exzellenten Überblick über die 22 Jahre, die Beethoven seit seiner Geburt 1770 in Bonn bis zu seiner Abfahrt nach Wien 1792 verbrachte. Während der Zeit der napoleonischen Kriege in Europa und deren Folgen lebte er dort bis zu seinem Tod. Eisels Buch basiert auf seiner ausführlichen 550 Seiten umfassenden Untersuchung „Beethoven – Die 22 Bonner Jahre“, welche demnächst veröffentlicht wird. Mit seinen vielen Illustrationen gibt das Buch einen kompakten Abriss über das Leben der Beethoven Familie und deren Freundeskreis in Bonn. Während Beethovens Großvater, Ludwig d. Ä. und sein Vater Johann beide als Sänger bei der Hofkapelle der kurfürstlichen Residenzstadt Bonn engagiert waren, begann der junge Ludwig van Beethoven bereits im Alter von elf Jahren als Stellvertreter für seinen Lehrer Gottlieb Neefe zu arbeiten. Mit 13 Jahren erhielt er eine feste Anstellung als Bratschist an der Hofkapelle. Das Buch enthält eine Einleitung und 13 knapp gefasste Kapitel, die mit viel Bild-und Dokumentenmaterial versehen sind. Dank der Unterstützung durch das Beethovenhaus stellt das anschaulich gestaltete Taschenbuch u.a. Die Musikstadt Bonn in der damaligen Zeit, Beethovens Weg zum Berufsmusiker oder Beethoven Am Klavier, an der Orgel und im Orchester übersichtlich dar, also diese ersten 22 Jahre der Entwicklung zur eigenständigen Künstlerpersönlichkeit, die unstrittig nicht erst in Wien begann. Neben der Familie Beethoven wurde die Bonner Musikszene, wie Eisel aufzeigt, von anderen einflussreichen Musikerfamilien bestimmt. Viele von ihnen waren wie Großvater und Vater Beethovens Mitglieder der Hofkapelle. Dazu gehörte die Familie Ries; Franz Anton Ries erteilte Beethoven zeitweise Geigenunterricht. Außerdem die Familie Salomon, die viele Spuren in der Bonner Musikszene hinterließ. Philipp A. Salomon arbeitete ab 1765 als Oboist und Violinist in der Hofkapelle.

In dem Haus in der Bonngasse Nr. 20, heute das Beethovenhaus, Museum und Gedächtnisstätte, einem der ersten Wohnsitze der Familie Beethoven, wohnten früher die Familie Salomon und auch die Familie des Nikolaus Simrock. Er war Hornist in der kurfürstlichen Hofkapelle, später Leiter einer Musikalienhandlung und führte ab 1790 einen Verlag.

Ab dem sechsten oder siebten Lebensjahr besuchte Ludwig van Beethoven die Münsterschule, die sich damals im Kapitelhaus des Bonner Münsters befand. Der Unterricht währte nur vier bis fünf Jahre, denn schon bald konzentrierte sich Ludwig auf die Musik, wie für Musikerfamilien üblich. Den ersten Klavierunterricht erhielt er mit vier Jahren von seinem Vater Johann, der sehr viel Wert auf Disziplin legte und 1778 den ersten öffentlichen Auftritt seines Sohnes in Köln im musikalischen Akademiesaal in der Sternengass organisierte. Das Klavierspiel vor Zuhörern gehörte von da an zur Routine des heranwachsenden Beethoven. Ebenso unternahm er Reisen in der Region zu Musikfreunden. Eine wichtige Rolle spielte für Beethoven sein Lehrer Christian Gottlob Neefe, der 1779 als Musikdirektor ans Bonner Theater kam. Er war ein erfolgreicher Instrumentalist. Ausgebildet bei Adam Hiller in Leipzig, brachte er die Bachsche Musiktradition nach Bonn. Er war Mitbegründer der Bonner Lesegesellschaft (1787) und vehementer Verfechter der Aufklärung.

Die musikalischen Kenntnisse des elfjährigen Beethoven waren vor diesem Hintergrund schon so solide, das ihn seine Lehrer Neefe kurzerhand 1781 zum Stellvertreter ernannte, eine Voraussetzung dafür, dass der neue Kurfürst Max Franz ihn 1784 offiziell zum stellvertretenden Hoforganisten ernannte. Als Hofmusiker war der 13-jährige nun Berufsmusiker. Eine der ersten gedruckten Kompositionen Beethovens waren die 1782 im Verlag Michael Götz in Mannheim erschienenen Neun Variationen für Klavier über einen Marsch von Ernst Christoph Dressler WoO 32. Die Variationen stellen höhere technische Ansprüche als die meiste Klaviermusik der Zeit und geben Einblick in Beethovens außergewöhnliche Fähigkeiten am Klavier. Zu dem persönlichen Freundeskreis, der Beethoven zeitlebens begleitet, gehörte auch der fünf Jahre ältere Arzt Franz Gerhard Wegeler, der schon um 1785 Beethoven in die Familie Breuning als Klavierlehrer eingeführt hat. Die damals 26-jährige Witwe Helene von Breuning (deren Mann war 1777 beim Schlossbrand ums Leben gekommen) hatte vier Kinder Eleonore (1771), Christoph (1773), Stephan (1774) und Lorenz (1776), die als Altersgenossen für Beethoven wie Geschwister waren. Die Breunings wurden für ihn angesichts der schwierigen eigenen Familienverhältnisse zur Ersatzfamilie und im Kreise der Breuning-Familie erhielt Beethoven viele geistige Anregungen. Im Schlusskapitel Beethoven Bonnensis zeigt Eisel eindrücklich, wie nahe Beethoven Bonn und seine dortigen Freunde in seinem Leben geblieben sind, u.a. zeichnete er verschiedene Briefe, so auch 1823, als Beethoven Bonnensis. ­

 

Familie Beethoven im kurfürstlichen Bonn. Neuauf­ lage nach den Aufzeichnungen des Bonner Bäckermeisters Gottfried Fischer, Übertragen, kommentiert, illustriert und hrsg. von Margot Wetzstein, 2006, ISBN 978-3-88188-098-5, € 19,50.

Zu den BTHVN 2020 Jubiläumsfeiern müssen auch wichtige Quellen erwähnt werden, die zum Verständnis von Beethovens Familie, Kindheit und Jugend zählen. Darum soll auf die sorgfältig edierte und mit umfassenden Kommentaren versehene Neuauflage (2006) nach den Aufzeichnungen des Bonner Bäckermeisters Gottfried Fischer hingewiesen werden.

Zwar wurden bereits 1971 vom damaligen Direktor des Beethoven-Archivs Joseph Schmidt-Görg die Aufzeichnungen Fischers aus den Jahren 1837 bis etwa 1857 übertragen und kommentiert, andere Beethovenbiografen haben den Inhalt meist nur auszugsweise in moderner Sprache wiedergegeben. Aber die sorgfältigen Forschungen von Margot Wetzstein zusammen mit der genealogischen Spurensuche von Theo Molberg geben mehr als die bekannten Streiche und Anekdoten des jungen Ludwigs („Eierdieb … ein Notenfuchs“) und der Familie Beethoven, die Nachbarn von Fischers waren, wieder. Wie die Autorin im Vorwort schreibt, werfen Fischers Notizen auch ein deutliches Licht auf die Bonner Stadtgeschichte und auf Attraktionen in der Umgebung. Auch sind sie eine wichtige soziologische Quelle für den Blick auf die kleinbürgerliche Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts. (S. VII) Ein zweiter Band ist 2010 erschienen: Das Haus in der Rheingasse, Beethovens Wohnhaus im Kontext der Bonner Geschichte (1660–1860), Gottfried Fischers Materialsammlung, erstmals hrsg. von Margot Wetzstein, genealogische Erschließung von Theo Molberg.

Beethoven war zehn Jahre alt, als Gottfried Fischer geboren wurde. Dessen Schwester Cäcilie war da schon 18 Jahre alt und hatte viel von und mit der Nachbarsfamilie Johann van Beethoven und seinen Söhnen erlebt. Als man in Bonn einige Jahre nach dem Tod Beethovens daran dachte, ein Denkmal zu seinen Ehren zu errichten (1845 eingeweiht) und Beethovens Geburtshaus als eine Erinnerungsstätte besuchte, war auch Fischers Wohnhaus in der Rheingasse von dem dafür zuständigen „Comité“ besucht worden. Der 57-jährige Bäckermeister und seine 75-jährige Schwester wohnten noch in diesem Haus. So vermutet Wetzstein, dass Fischer sich herausgefordert fühlte, nicht allein Erinnerungen an das Geburtshaus in der Bonngasse, sondern alle, auch über die Familie von Beethovens Großvater Ludwig d. Ä. aufzuschreiben. Die Familie war möglicherweise bereits um 1733 in das Fischerhaus in der Rheingasse gezogen und die Erinnerungen daran wurden – wie jetzt nachzulesen – in der Fischerfamilie sehr bewusst weitergegeben.

Gottfried Fischers Sprache ist stark vom rheinischen Dialekt gefärbt. Dies macht das Lesen schwierig (moderne Übertragungen liegen vor), aber die profunden Erläuterungen und Hilfestellungen durch Margot Wetzstein sowie der ästhetisch anregend und mit reichen Illustrationen versehene Originaltext machen dieses Werk zu einer wichtigen Ergänzung der Beethoven Biographik.

 

Konrad Beikircher, Der Ludwig – jetzt mal so ­gesehen, Beethoven im Alltag, Kiepenheuer&Witsch 2019, Hardcover, 277 S., ISBN 978-3-462-05273-2, € 16,00.

Manche, die ein Faible für das Rheinland haben, sind gelegentlich auch dem Witz und Humor gegenüber nicht zugeknöpft. Konrad Beikircher, ein „Zugereister“ aus Südtirol, lebt und arbeitet in Bonn. Der studierte Diplompsychologe und Musikwissenschaftler ist heute als Kabarettist und Autor tätig und befasst sich mit Sprache und Wesen des Rheinländers. Sein Buch über den Alltag Beethovens ist amüsant. Beethovens Humor, der oft in seinen Kompositionen mit überraschenden, witzigen Einfällen aufblitzt, kennt man durch seine Briefe, in denen er mit Wortspielen und lustigen Kanons seinen Adressaten „reizen“ möchte. Ganz im Geiste dieses einzigartigen Komponisten erfährt man in Beikirchers etwas anderer Biographie … alles über den Alltag des berühmten Rheinländers im Wiener Exil (S. 2); vieles über die Jugendzeit, sein Elternhaus, seine Freunde und das tägliche Leben.

In launigem Tonfall beschreibt Beikircher Beethovens Essgewohnheiten, seinen Umgang mit Geld und natürlich Ludwig und die Frauen (Kapitel 6). Das 5. Kapitel Der Mietnomade beschreibt die unglaubliche Zahl an Wohnungswechseln (basierend auf Kurt Smolles Buch: Wohnstätten Ludwig van Beethovens von 1792 bis zu seinem Tod). Beikircher gelingt es, diese Aufzählung der (fast) 70 Umzüge in spannenden Kontexten darzustellen. Auch findet sich ein bemerkenswertes Kapitel über Beethovens Neffen Karl (Der Helikopter-Onkel – Kapitel 7), in dem Beikircher interessante Beobachtungen aus seiner Gutachtertätigkeit zu Sorgerechtsfragen beim Oberlandesgericht in Köln einflechten kann. Die locker geschriebenen und gut recherchierten Texte zu Beethoven sind sehr vergnüglich. Warum Beikircher jedoch die fiktive Erzählung von Richard Wagner Eine Pilgerfahrt zu Beethoven (die nie stattgefunden hat) mit in sein Buch aufgenommen hat, ist nicht ganz plausibel.

 

Andreas J. Hirsch, Beethoven in Wien/Vienna. Edition Lammerhuber 2019. Leinen geb., 216 S., 106 Fotos sowie historisches Bildmaterial (Deutsch/Englisch), ISBN 978-3-903101-50-0, € 29,90.

Dieses wunderbare Buch ist für Liebhaber der Beethovenschen Musik und solche, die ihn und seine Lebensumstände in der Wiener Zeit näher kennen lernen wollen. Höchst subjektiv hat der künstlerische Fotograf, Autor und Kurator Andreas J. Hirsch seine Annäherung an Beethoven vi ­ suell und mit vorzüglichen Texten sinnlich erfahrbar gestaltet.

Die „Exposition“ des Buches, ähnlich der musikalischen Themensetzung einer Sinfonie, sind ausgewählte Bilder und Perspektiven aus dem Theater an der Wien, dem Eroica-Saal des Palais Lobkowitz, der Mölkerbastei, der Beethovenruhe Heiligenstadt mit Beethovens Büste im Zentrum (1863 enthüllt) oder der Blick auf das traditionsreiche Weingut Mayer am Pfarrplatz. Alle diese Orte eröffnen einen Zugang zur Welt Beethovens in Wien, der Stadt, in der er 35 Jahre bis zu seinem Tod 1827 gearbeitet, gelebt und auch gelitten hat.

Hirschs „Annäherungsversuch“ beginnt mit einem markanten Einstiegstext und Bildsequenzen über die Bedeutung des Theaters an der Wien für Beethovens musikalische Karriere. Unter den elf Kapiteln finden sich einprägsame Überschriften wie Lebenskrise und heroische Zeit: Beethoven in Heiligenstadt (Kap. 3) oder Das geistige Reich über allem: Beethovens Gang in die Natur (Kap. 7). Auf zwei Seiten (auf der gegenüberliegenden Seite stets auch in englischer Übersetzung) skizziert Hirsch seine Auffassungen über Beethovens Gedankenwelt. So erwähnt er im 7. Kapitel die wichtigen Persönlichkeiten, die fast zu gleicher Zeit wie Beethoven geboren wurden, den Naturforscher Alexander von Humboldt, Napoleon, Hegel oder den Dichter Friedrich Hölderlin. Beethovens ­Generation erfuhr unter anderem die Erschütterungen und Fernwirkungen, die zwei Revolutionen in den Gesellschaften Europas hinterließen: die Französische Revolution, aber auch die vorangegangene, in der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 gipfelnde Amerikanische Revolution. (S. 140)

Ein Gestaltungsmittel von Hirsch besteht darin, dass er nach einem einleitenden charakterisierenden Text Zitate von Beethoven und jetzt lebenden Persönlichkeiten – wie der Pianist Rudolf Buchbinder oder der Biograph Jan Caeyers – abdruckt und diesen literarischen Einstieg mit einem ganzseitigen Bild hervorhebt. So fügt er in Kapitel 7 die Rückansicht der Beethovenstatue im Heiligenstädter Park in schwarz/weiß ein – man sieht den Spaziergänger Beethovens plastisch vor Augen – und hebt Beethovens berühmten Ausspruch hervor: Mir ist das geistige Reich das liebste, und die oberste aller geistigen und weltlichen Monarchien. Darunter wird der Beethovenforscher William Kindermann zitiert, der zur Reflexion einlädt: Mehr als jeder andere Komponist vor ihm beförderte Beethoven die radikale Veränderung des traditionellen Verhältnisses von Künstler und Gesellschaft … Der Künstler … galt, wenn er Erfolg hatte, als Originalgenie, … das eine bis dahin ungeahnte Ordnung der Dinge zum Vorschein bringt und in seinen Werken dem Absoluten oder – paradoxerweise – dem Unnennbaren in seiner Unendlichkeit Ausdruck verleiht. (S. 143)

Leseempfehlungen, nützliche Informationen über Beethovenstätten in Wien und ein Register runden dieses in jeder Hinsicht (auch in Papierauswahl, Umschlag, Bindung und Bildqualität) vorzüglich gestaltete Buch ab.

 

Beethoven liest, Hrsg. von Bernhard R. Appel und Julia Ronge, 2016, Schriften zur BeethovenForschung Band 28, Verlag Beethoven-Haus Bonn, 334 S., ISBN 978-3-88188-150-0, € 68,00.

Die Beiträge verschiedener Musikwissenschaftler und Beethovenforscher geben anhand der Rekonstruktion von Beethovens Lektüre eine genauere Vorstellung – als bisher bekannt – von Beethovens Geisteswelt und Interessen. Beethoven war Autodidakt und hat sich im Lauf seines Lebens tiefe Kenntnis über die griechische und römische Antike, die indische Geisteswelt, Theologie, Religion, Astronomie und die Literatur von Shakespeare bis Friedrich Schiller angeeignet.

In ihrem Beitrag Die Odyssee – Leitbild für Kunst und Leben belegt die Autorin Friederike Grigat, dass das Studium von Homers Odyssee eine Schlüsselrolle im Leben Beethovens spielte. In seiner Bibliothek befand sich ein Exemplar von Homers Odyssee in der Übersetzung von Heinrich Voß (1781). In den 25 Stellen, die Beethoven in seiner Ausgabe anstrich, bringt Odysseus Weisheit und Gottvertrauen zum Ausdruck. Die Anziehungskraft von Homers Odyssee beruhte offensichtlich auf Beethovens Zustimmung zu Homers moralischer und ästhetischer Grundhaltung (S. 239); die Lektüre prägte sein Selbstverständnis als Künstler. Beethoven hatte mehrere Werkpläne zur Vertonung der Odyssee und beschäftigte sich intensiv mit der Prosodie und dem Versmaß des Homerischen Werkes. Neben weiteren griechischen Autoren besaß er auch eine Übersetzung aus dem Lateinischen von Cicero Sämtliche Briefe und Plutarch Biographien.

Ebenso intensiv setzte Beethoven sich mit der indischen Geisteswelt auseinander, wobei er, wie der Autor Bernhard Appel in einem Beitrag für das Buch darlegt, sein Wissen aus einer zweibändigen Abhandlung des Geographen und Biologen Eberhard August Wilhelm von Zimmermann (1743–1815) (S. 38) bezog. Dessen Tagebuch über die Reisen regte Beethoven zu etlichen Tagebucheintragungen zwischen 1812–1818 an, in denen er teilweise Stellen aus den Veden und aus der Hymne an Narayena (nach William Jones) zitierte.

Beethoven besaß darüber hinaus eine umfangreiche Sammlung theologisch-religiöser Texte, darunter neben der Bibel ein Exemplar von Thomas a Kempis‘ Vier Bücher von der Nachfolge Christi (Reutlingen o.J.), wo der Mensch aufgefordert wird, sich in vertiefter Andacht Gott zu öffnen. Der Autor Alexander Wolfshohl kommentiert in seinem Artikel Beethoven liest Autoren und Texte mit Bezug zu Religion und Theologie, dass aus den Spuren wie z. B. den Markierungen in Christoph Christian Sturms (1740–86) Betrachtungen über die Werke Gottes in der Natur, den diversen Exzerpten im Tagebuch und aus den Liedvertonungen (z. B. den Gellert-Liedern) Beethovens religiöse Anschauungen erhellt werden: [D]ie Bindung an ein personal empfundenes göttliches Gegenüber, das Naturerlebnis als Ort der Begegnung mit dem Erhabenen, die Verpflichtung zur eigenen weltimmanenten Vervollkommnung. (S. 139)

Mit großer Aufmerksamkeit studierte Beethoven die Literatur von William Shakespeare und vor allem die politischen Dramen Friedrich Schillers (Don Carlos, Wilhelm Tell, Die Braut von Messina, Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, das in Bonn Anfang der 1783 uraufgeführt wurde.) Für den jungen Beethoven, wie für viele andere Jugendliche damals im aufgeklärten Bonn, war Friedrich Schiller eine „Identifikationsfigur“, der in seinen Dramen die Gesellschaftsordnung in Frage stellt und die Spannung zwischen despotischem Einzelwillen und dem moralischem Anspruch des Einzelnen thematisiert, so fassen es der Journalist Geert Müller-Gerbes in Diskussion mit Alexander Wolfshohl in ihrem Dialog Beethoven liest Friedrich Schiller zusammen (eine Podiumsdiskussion als Teil einer Reihe Beethoven liest 2012 im Bonner Beethoven Haus). Gerhard von Breuning – so Alexander Wolfs­ hohl – habe noch den sterbenskranken Beethoven Anfang Januar 1827 gefragt: „Willst du vielleicht Schiller lesen?“ Offensichtlich hat der vertraute junge Besucher sich eine positive, lindernde Wirkung von dieser Lektüre versprochen; er muss gewusst haben, wie Beethoven zu Schiller als Autor stand. Beim Tod des Komponisten sind Werkausgaben Schillers in seinem Besitz; wir wissen von Anstreichungen in den Gedichten, Notate von Textstellen sind überliefert und die Konversationshefte weisen aus, dass Schiller… zum verfügbaren Bildungsgut Beethovens gehört hat. (S. 1) Mit Schiller seien wichtige Zentralbegriffe wie Menschenliebe, Bruderliebe, Tugend und Menschenglück verbreitet worden. Als Beethoven nach Wien 1792 abreist, enthält sein Stammbuch allein drei Eintragungen mit Versen aus Schillers Don Carlos; und er fährt 1792 nach Wien mit Schillers Ode an die Freude im Gepäck.

Aufschlussreich ist auch der Beitrag von Franz ­Michael Maier Beethoven liest Littrow (zuerst vorgetragen im Rahmen eines Albrecht Riethmüller Forschungskolloquiums am Musikwissenschaftlichen Seminar der Freien Universität Berlin 2014.) Der Astronom und Mathematiker Johann Josef Littrow (1781–1840) war 1819 zum Direktor der Sternwarte in Wien ernannt worden. Dem Wiener Publikum stellte er sich damals mit einer Aufsatzreihe Kosmologische Betrachtungen in der Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode vor, dessen Mitarbeiter auch Beethoven war, der damals ein Freiexemplar erhielt. Er muss, so vermutet Maier, Littrows Artikel mit Neugierde gelesen haben, denn in seinem Konversationsheft im Februar 1820 steht der Eintrag: das Moralische Gesetz in unß u. der gestirnte Himmel über unß‘ Kant!!! Littrow Direktor der Sternwarte. Laut Maier hätten die Beethoven Forscher William Kindermann und Lewis Lockwood zu Recht darauf hingewiesen, dass das Zitat nicht wörtlich von Kant stammte, sondern aus einem Aufsatz von Littrow, der Kant paraphrasiert habe.

Offensichtlich habe Beethoven die Artikel von Littrow sehr geschätzt und auch dessen Publikationen zur Kenntnis genommen (darunter auch Littrow: Keplers Leben.) Interessant ist Maiers Hinweis auf Beethovens Vertonung des Schiller‘schen Freudengedichts im Zusammenhang mit Littrow, der aus seiner Perspektive die nie unterbrochene Freude des Astronomen bei der Betrachtung des Himmels hervorhebt und sich in seiner „Dritten Kosmologischen Betrachtung“ ausführlich mit Schillers Naturbegriff auseinandersetzte. (S. 266) Durch das Motiv der Freude habe Beethoven die „individuelle Vielfalt der Welt … gegen die rationalistische Vereinheitlichung verteidigt“ (S. 284), dem Littrow mit seinem Hinweis auf die Freude des Astro­nomen bei der Betrachtung des Himmels sicher zugestimmt hätte.

 

Hans-Joachim Hinrichsen, Ludwig van Beethoven. Musik für eine neue Zeit. Bärenreiter/Metzler 2019, geb., 386 S., ISBN 978-3-476-04912-4. € 39,99. 

Dem Autor dieses fast 400 Seiten umfassenden Werks gelingt es, eine fundierte Debatte über Beethovens ästhetische Innovationsleistung als eine Revolution der Denkart (Immanuel Kant) [S. 9] zu eröffnen. Wie er selbst einschränkend zu Beginn darlegt, handelt das Buch in erster Linie von „Beethovens Musik, nicht von seinem Leben. Es hält sich aber, ohne eine Biographie sein zu wollen, nach Möglichkeit an die Chronologie. Dabei soll deutlich werden, wie tief diese Musik auf Probleme, Ideen und Themen ihrer Zeit reagiert.“ (S. 8) Die Überschriften der vier großen Abschnitte: Der junge Beethoven: Neue Musik; Der Künstler als Philosoph: Ästhetische Erziehung; Im Zenit: Musikalisches Denken und Erkundungen zum Spätstil: Lachen, Schmerz und Größe geben den Gang der Untersuchung wieder.

Hierbei bestechen die zahlreichen Zitate und Verweise auf Kants Überzeugungen und auf „die Kantianer“ im Umfeld von Beethoven. Beethovens eigene Überzeugungen werden in Bezug auf Schiller und Kant, z.B. durch Beethovens Eintragungen in sein Tagebuch, seinen Briefen oder Konversationsheften, interpretiert (gelegentlich auch spekulativ gedeutet), verbunden mit der Frage, wieweit sich Beethoven der Frage über die Rolle des Künstlers und seine Kunst gestellt hat. Hinrichsen versucht mithilfe seiner eng an Kant angelehnten Methodik an ausgewählten Kompositionen seine Art der Musikanalyse darzustellen. Anhand seiner Beobachtungen an einzelnen Werken, verbunden mit Hinweisen auf bedeutungsschwere Abschnitte (mit Taktzahlen), versucht er, Beethovens hintergründig-planvolle, seinen Zeitgenossen nicht immer verständlichen Passagen, als Musik für eine neue Zeit zu verdeutlichen, ja zu „beweisen“. Für den Leser hat dieses Verfahren nicht immer den Erkenntnisgewinn, den Hinrichsen anzunehmen scheint. (Vielleicht hätte der Verlag die neueren Formen des digitalen Lehrmaterials hier einsetzen können und dem Buch eine CD mit den entsprechenden Erläuterungen des Autors und mit musikalischen Beispielen beifügen können? Zum Beispiel nach Art William Kindermanns Lecture über die Diabelli-Variationen oder András Schiffs brillanten Wigmore Hall Lecture zu Op. 54.)

Ähnlich wie die sehr gelungene Sammlung von Einzeluntersuchungen „Beethoven liest“ vom Beethovenhaus (2016 – öfters vom Autor zitiert), wendet sich Hinrichsen der Auseinandersetzung Friedrich Schillers über das Erhabene, über die „ästhetische Erziehung des Menschen“ – im Lichte der Kant‘schen Untersuchungen – zu. Dabei gelingt es, viele der ästhetischen Fragen im Sinne der damaligen Debatte um die erzieherisch-moralische Rolle des Künstlers neu zu beantworten. (Dies hätte der Regisseur der Fidelio Neuaufführung in Bonn am 1. Januar 2020 vielleicht auch studieren sollen, denn laut FAZ-Rezension vom 4. ­Januar handelte es sich bei dieser Aufführung um eine „Mobmacht, Beethoven im Keller: Volker Lösch inszeniert in Bonn einen platt agitatorischen ‚Fidelio‘.“) Hinrichsens Nachwort Schluss mit Beethoven? Beginnt so: Es steckt, so scheint es, viel Idealismus in Beethovens Musik. Ihr Gehalt ist utopisch und ihr Menschenbild optimistisch. Dies habe auch Abwehrreflexe erzeugt, mit denen man sich auseinandersetzen müsse. Aber trotz aller Katastrophen in der Nachfolgezeit sei [n]och nie das Scheitern einer vernünftigen Hoffnung an der harten Realität ein gutes Argument … gegen die Macht der Uto ­pie gewesen.

Dem versöhnlichen Satz am Schluss seiner Untersuchung ist zuzustimmen: [Das Buch] möchte lediglich zu einer tieferen Beschäftigung mit seiner [B.] Musik einladen, die auf ihre Weise selbst einen Appell formuliert, rechnet sie doch mit mündigen Hörern, Spielern und Lesern, die sich von ihr zwar beeindrucken, gar überwältigen, keinesfalls aber einschüchtern lassen.

 

Martin Geck (Auswahl und Kommentierung), So sah die Welt Beethoven. Momentaufnahmen in Wort und Bild aus zweieinhalb Jahrhunderten. Olms Verlag 2020, 176 S., Softcover, ISBN 978-3-487-08626-2, € 19,80.

Das letzte Werk des bekannten Musikwissenschaftlers und Autors Martin Geck (1936–2019) wurde kurz nach dessen Tod im Beethovenjahr 2020 veröffentlicht. „So sah die Welt Beethoven“ lautet der Titel des Buches, in dem 78 Beethoven-Bewunderer und -Kritiker aus zweieinhalb Jahrhunderten zu Wort kommen und dabei aus ihrer Perspektive Beethoven und sein Werk beurteilen. Unter den ausgewählten kurzen Textauszügen befinden sich Aussagen von Komponisten wie Robert Schumann, Clara Wieck, Johannes Brahms, Igor Strawinsky und Arnold Schönberg, aber auch Beiträge von Dichtern, z.B. Goethe, Heine, Thomas Mann, neben Gedanken von Philosophen und Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, die Geck knapp und geistreich kommentiert. Der Leser erhält einen Einblick, wie Beethoven in Russland (Tolstoi, Stalin, Lenin) oder auch in Frankreich (Romain Rolland oder Heinrich Heine) wahrgenommen wurde. Im Kontrast stehen dagegen die Äußerungen ultranationalistisch denkender Dirigenten wie Hans von Bülow, der Beethoven im Zusammenhang mit seiner kultischen Bismarckverehrung sah, so wie Beethoven vom Chefideologen der Nazis Alfred Rosenberg „vereinnahmt“ oder von führenden Vertretern der „Viererbande“ während der chinesischen Kulturrevolution als Klassenfeind und Ausdruck kapitalistischen Denkens gebrandmarkt wurde. Der Autor lädt den Leser in dieser Weise zu einer Zeitreise großer kultureller Schwankungen und Brüche der vergangenen 250 Jahre im Spiegel der Beethoven-Rezeption ein. Mit Beethovens musikalischer Entwicklung beginnend kann man erfahren, dass dessen Lehrer Joseph Haydn, wie Ignaz von Seyfried berichtete, sich häufig als liebenswürdiger Greis (…) nach seinem Telemach erkundigte und oftmals gefragt habe: Was treibt denn unser Großmogul?. Geck betrachtet dies im geschichtlichen Kontext der damaligen Zeit: Danach war Beethoven schon früh für das „Große und Erhabene“ und auch „als Künstler war er groß und erhaben – ungeachtet der Töne von Verzweiflung, die aus dem ‚Heiligenstädter Testament‘ zu uns dringen.“ Beethovens Freund, Graf von Waldstein, hatte Beethoven Joseph Haydn als Lehrer empfohlen, bei dem der 22-Jährige nach seiner Ankunft in Wien (1791/92) sein Studium begann. Er nahm aber offenbar hinter dem Rücken des Altmeisters auch Unterricht beim Singspielkomponisten Johann Schenk und bei dem bekannten Musiktheoretiker Georg Albrechtsberger. Von Antonio Salieri habe er sich im „freien Stil“ und speziell in der italienischen Gesangskomposition unterweisen lassen, ebenso bei dem Geiger Ignaz Schuppanzigh und dem Kontrabassisten Dominiko Dragonetti. „Das alles spricht für einen Großmogul, der nicht nur selbstbewusst – manchmal sogar recht selbstherrlich – auftritt, der vielmehr auch das Reich seiner Kunst beständig erweitern möchte“, so Geck.

Die Wiener Pianistin Dorothea von Ertmann (1781–1849), der Beethoven seine Klaviersonate op. 101 widmete, habe einst Beethovens ehemaligen Sekretär Anton Schindler über eine Begegnung mit Beethoven berichtet, welche nach dem Tod ihres geliebten Kindes stattgefunden hatte. Statt ihr „sein Beileid mit Worten auszudrücken (…) setzte er sich sogleich, mich stumm grüßend, an das Clavier und phantasierte während langer Zeit. Wer könnte diese Musik mit Worten beschreiben! Man glaubte Engelschöre zu hören, welche den Einzug meines Kindes in die höheren Sphären feierten. Als Beethoven geendet hatte, drückte er mir stumm die Hand, er selbst war zu aufgeregt, um sprechen zu können, und verschwand. Die Begebenheit kommentierend schreibt Geck: „Die Assoziationen der Dorothea von Ertmann beim Vernehmen der Improvisation Beethovens mögen in heutigen Ohren naiv klingen, damals waren sie von romantischem Lebensgefühl durchpulst.“ Ebenso schwärmerisch romantisch fiel auch das Urteil von Bettina von Arnim (1785–1859) aus, die ihren Besuch in Wien 1810 zum Anlass nahm, über die Musik Beethovens ohne Rücksicht auf deren Details zu schwärmen. Geck vertritt jedoch die Ansicht, dass man von Arnim nicht Unrecht tun dürfe, wenn man sie als Autorin fingierter Brief entlarve. „Bedeutsam ist vielmehr ihr Gespür für Beethoven als Philosoph in Tönen.“ In ihrem Briefroman „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ lässt „die Dichterin ihren Gesprächspartner Beethoven (…) sagen: ‚Sprechen Sie dem Goethe von mir, sagen Sie ihm, er soll meine Symphonien hören, da wird er mir recht geben, daß Musik der einzige unverkörperte Eingang in eine höhere Welt des Wissens ist, die wohl den Menschen umfaßt [freilich dergestalt,] dass er aber nicht sie zu fassen vermag. – Es gehört Rhythmus des Geistes dazu, um Musik in ihrer Wesenheit zu erfassen: sie gibt Ahnung, Inspiration himmlischer Wissenschaften, und was der Geist sinnlich von ihr empfindet, das ist die Verkörperung geistiger Erkenntnis‘.“ Romantisch und durchaus fachkundig war auch das Urteil des Dichters und Komponisten E.T.A. Hoffmann, der in der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ (Leipzig, Juli 1810) Beethovens Fünfte Sinfonie besprach. Für Geck war es „eine Sternstunde des damals noch jungen Musikfeuilletons (…) Einerseits spricht Hoffmann im Blick auf Beethovens Musik bildkräftig vom ‚Reich des Unendlichen‘, des ‚Ungeheuren und Unermesslichen‘ und davon, dass sie ‚die Hebel des Schauers, der Furcht, des Entsetzens, des Schmerzes‘ bewege und damit ‚jene unendliche Sehnsucht, die das Wesen der Romantik ist‘, erwecke.“ (…) „Andererseits weiß der gestandene Komponist Hoffmann von Beethovens Komposition nicht nur zu schwärmen, sondern zugleich ihre ‚innere Structur‘ und ‚die hohe Besonnenheit’ zu würdigen, die von Beethovens ‚anhaltendem Studium der Kunst‘ zeuge.“

Lächerlich und überspannt dagegen wirkte die Vereinnahmung Beethovens durch den Dirigenten Hans von Bülow, der wie Geck notiert, „als Tyrann am Dirigentenpult (…) bekannt und gefürchtet“ war und sich „auch als Demagoge auf eigentlich berufsfremdem Feld zeigte“, als er am 28. März 1892 eine Aufführung von Beethovens Eroica dirigierte, welche er dem Fürsten Bismarck, dem „Bruder Beethovens“ gewidmet hat. Von Bülow war der Ansicht, dass gegenüber der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die positive Devise: Infanterie, Kavallerie und Artillerie! gelten solle. „Ja, meine Herren, im Ernst: diese drei Worte sind nicht Worte des Glaubens, sondern der Gewißheit (…). Wir Musikanten mit Herz und Hirn, mit Hand und Mund, wir weihen und widmen heute die heroische Sinfonie von Beethoven dem größten Geisteshelden, der seit Beethoven das Licht der Welt erblickt hat. Wir widmen sie dem Bruder Beethoven’s, dem Beethoven der deutschen Politik, dem Fürsten Bismarck! Fürst Bismarck – hoch! Der Dirigent und Musikkritiker Paul Bekker (1882 Berlin – 1937 New York) hatte ein Buch über Beethoven verfasst, das für die damaligen Intellektuellen wegweisend war. Man könne die Symphonien Reden an die Nation, Reden an die Menschheit nennen, schrieb dieser. Weil diese Menschheit starke, ungebrochene Kräfte in sich trug, konnte sie den größten zeitgenössischen Tondichter zu Werken inspirieren, deren Wirkungsdimensionen alles vordem auf diesem Gebiet Geschaffene weit übertrafen (…). Diese auf Wirkung in die Breite zielende Tendenz der Beethoven’schen Symphonie gelangt zum krönenden Abschluss im Chorfinale der Neunten, dessen ideale Bedeutung die Aufforderung zum Mitsingen ist – wie beim Choral der Bachschen Kantate und Passion. Laut Geck war Bekkers Werk über Beethoven (1911) das Standardwerk über Beethoven. Unter den Nazis musste der Musikkritiker und Theaterintendant wegen seiner jüdischen Wurzeln die Heimat verlassen und in die USA emigrieren. Nach Geck war es Bekker gelungen, Beethovens Persönlichkeit kulturgeschichtlich einzuordnen, als er schrieb: „Die Ideen Kants und Schillers erfahren durch den Komponisten ihre ‚Verklärung‘ im Sinne einer musikalischen ‚Darstellung der großen sittlichen Freiheitskämpfe dieser Epoche‘.“

Spannend zu lesen sind auch Gecks Bemerkungen zu führenden Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts. So habe z.B. Igor Strawinsky, gemäß seiner an der musikalischen Struktur orientierten Sprache, Beethoven oftmals der „überladenen Orchestrierung von Wagner“ gegenübergestellt. Nach Geck war Strawinsky der Meinung, dass Beethoven nur „so viel an Reizen, wie es die konstruktive Ordnung erfordert“, bietet. Der betagte Strawinsky habe besonders die späten Streichquartette Beethovens geliebt. Im Alter habe Strawinsky nämlich von seinem persönlichen Glauben gesprochen, dass die (späten Beethoven’schen) Quartette eine „Charta der Menschenrechte sind.“ Diese Musik verkörpere „eine erhabene Vorstellung der Freiheit, die das enthält und zugleich überschreitet, was Beethoven meinte, als er (dem Fürsten Galitzin) schrieb, dass seine Musik ‚der leidenden Menschheit helfen‘ könnte.“

Der Philosoph Theodor W. Adorno teilte in einem 1942 verfassten Brief an Rudolf Kolisch diesem mit: (…) insbesondere beruht seine (Beethoven, A.H.) Überlegenheit wohl darauf, daß alles musikalisch Einzelne in einer dialektischen Beziehung zum Ganzen steht. Er nahm dabei Bezug auf eine Des-Dur Stelle im Adagio von op. 59, No. 1 (Streichquartett Nr. 7 in F-Dur). Geck merkt an, er habe diesen Text gewählt, weil er exemplarisch für Adornos Musikdenken sei: „Bis ins letzte Detail hinein und ganz im Sinne Hegelscher Dialektik wird das Einzelne auf das Ganze, das Ganze auf das Einzelne hin gedeutet.“ Nach Adorno beschränke sich Beethoven nicht darauf, „innerhalb seines eigenen System immer neue Freiräume aufzutun und somit dieses System beständig an seine Grenzen zu führen; vielmehr vermag es das Moment subjektiver Freiheit seinem eigenen System beständig entgegenzusetzen.“ Interessant ist auch die Rezeption von Arnold Schönberg, der in einer Reflektion über das Motiv von Beethovens 5. Sinfonie schrieb: So ist z.B. das Beethovens Fünfte eröffnende Motiv (…) sogar hinsichtlich der Tonart noch unbestimmt. Ehe das bestimmende C hinzukommt, kann es für Es-Dur gelten, und anhand weiterer Notenbeispiele zeigt: Das nenne ich entwickelnde Variation. Laut Geck stellte sich Schönberg „mit dem von ihm selbst geprägten Terminus (entwickelnde Variation) bewusst in eine kompositorische Tradition, die er mit den Namen Bach, Beethoven und Brahms verband: In ihren Werken sah er sein diesbezügliches Verfahren vorgebildet.“

Der Pianist Alfred Brendel setzte sich intensiv mit Beethovens Diabelli-Variationen auseinander: Bei allem, was sie an Ernst und Lyrik, an Geheimnisvollem und Depressivem, an Sprödigkeit und besessener Virtuosität enthalten, sind Beethovens Diabelli-Variationen ein Kompendium musikalischer Komik. (Brendel in „Das umgekehrte Erhabene: Beethovens Diabelli-Variationen“, 1989) Geck zollt dem Pianisten Brendel große Hochachtung. Man müsse „ein zum Spott neigender Musikkenner wie Alfred Brendel sein, um sich den Diabelli-Variationen auf unkonventionelle Art zu nähern.“ Es sei bewundernswert, „wie Brendel sich als Pianist intensiv in die einschlägige Fachliteratur eingearbeitet habe, um das Werk originell und vielperspektivisch zu analysieren“.

Etwas hiervon ist auch in dem posthum erschienen Werk Martin Gecks zu spüren, quasi ein Kaleidoskop der unterschiedlichsten Wahrnehmungen Beethovens, klug, manchmal auch etwas mit Ironie gemischt, stets anregend ausgewählte Momentaufnahmen.

Anno Hellenbroich war 25 Jahre geschäftsführender Redakteur einer Nachrichtenagentur. Er hat zahlreiche Vorträge über Beet­ hoven und verschiedene Aspekte der klassischen Musik gehalten und Beiträge darüber veröffentlicht. Als Bratschist spielt er in einem Kammerorchester. a.hellenbroich@t-online.de

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