Literaturwissenschaften

Theodor Storm Jurist, Dichter und Schriftsteller

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2018

Vor 130 Jahren starb der norddeutsche Schriftsteller Theodor Storm im Schleswig-Holsteinischen Hanerau-Hademarschen. Unsere Rezensentin Stefanie Engelfried nimmt dies zum Anlass, den bekannten deutschen Vertreter des Bürgerlichen Realismus zu beleuchten, dessen juristische Tätigkeit nicht im Gegensatz zu seinem Schriftstellertum stand; beides bedingte und befruchtete sich gegenseitig. Zudem empfiehlt sie aktuelle Publikationen rund um Theodor Storm zum Verschenken und sich selbst Beschenken.

  • Theodor Storm: Weihnachtsgeschichten. Herausgegeben von Ingwert Paulsen jr., Fotografiert von Günter Pump. Husum: 2018. Husum Druck- und Verlagsgesellschaft mbH. u. Co. KG. 6. Auflage. 96 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen, broschiert. ISBN: 978-3-89876-168-0. 7,95 Euro.
  • Mit Theodor Storm durch den Advent. Historischer Weihnachtsschmuck und Zitate. Edition Weihnachtshaus. Husum Druck- und Verlagsgesellschaft. ISBN: 978-3-89876-892-4. 8,95 Euro.
  • Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Haselünne: 2017. Machandel Verlag. 144 Seiten. Hardcover mit Fadenheftung. ISBN: 978-3-95959-048-8. 14,90 Euro.
  • Theodor Storm: Die Regentrude. Reihe: Zigarettenpausenbuch, Band 5. Haselünne: 2018. Machandel Verlag. 152 Mini-Seiten, Mini-Taschenbuch. ISBN: 978-3-95959-109-6. 7 Euro.
  • Theodor Storm: Der kleine Häwelmann. Mit farbigen Illustrationen von Ulrike Möltgen.  Berlin: 2017. Insel Verlag. 47 Seiten. Gebunden. ISBN: 978-3-458-19441-5. 13 Euro.
  • Theodor Storm: Die große Hörspieledition. Pole Poppenspäler – Carsten Kurator – Im Nachbarhaus links – Der Schimmelreiter – Die Regentrude. Hörspiel mit Christine Kaufmann, Dagmar Manuel, Christian Brückner, Bernhard Minetti und vielen anderen. München: 2017. Der Hörverlag/Verlagsgruppe Random House GmbH. Hörbuch mit 7 CDs, Gesamtlaufzeit ca. 6 h 2 min. ISBN: 978-3-8445-2511-3. 29,99 Euro.

Warum Theodor Storm zu Weihnachten lesen?

Viele seiner Werke gehören heute zwar zur klassischen Schullektüre, aber nur wenige wissen, dass Storm, der als einer der beliebtesten Dichter des 19. Jahrhunderts gilt, ein besonders inniges Verhältnis zum Weihnachtsfest hatte. Gertrude Storm, Tochter und Biographin, berichtet im Nachwort der von Ingwert Paulsen jr. herausgegebenen „Weihnachtsgeschichten“ (Husum Druck- und Verlagsgesellschaft): „Unser Vater war ein echter, rechter Weihnachtsmann, er wusste jedes Fest erst recht zu einem Feste zu gestalten. Den ganzen Zauber der Weihnacht seiner Kindheit wusste er in unsere Weihnacht zu übertragen.“ Welchen Zauber dieses Familienfest auf Theodor Storm ausgeübt hatte, beschreibt er in einem Brief vom 19. Dezember 1858 an seine Eltern: „Wie unendlich gemütlich war das erst vor Jahren, zu Hause, wenn in der großen Stube die Lichter angezündet waren, der Teekessel sauste, die braunen Kuchen und Pfeffernüsse standen auf dem Tisch, Vater und wir Kinder warteten dort auf Lorenzen und Onkel Woldsen, während drüber in der Wohnstube der Weihnachtstisch arrangiert wurde. Ich sehe noch die erleuchtete Außendiele, auf die wir immer, wenn die Haustür ging, ausguckten. Und mir ist, als habe an diesem Abend die Dielenlampe besonders hell gebrannt.“ Die im handlichen 96 Seiten umfassenden Taschenbuch „Weihnachtsgeschichten“ zusammengefassten vier Geschichten und Gedichte beschwören die beschriebene Atmosphäre vor dem inneren Auge des Lesers wieder herauf, unterstützt durch stimmungsvolle Fotografien von Günter Pump, die unter anderem Einblicke in das ehemalige Wohnhaus des Dichters geben. Der Adventskalender „Mit Theodor Storm durch den Advent“ (Husum Druck- und Verlagsgesellschaft) greift ebenfalls die

Husumer Wohnstätte des Literaten auf und zeigt als Motiv das Wohnzimmer des Storm-Hauses mit dem nach den Angaben des Dichters festlich geschmückten Tannenbaum. Hinter den Türchen verbergen sich Abbildungen historischen Weihnachtsschmucks aus dem Weihnachtshaus Husum sowie sich darauf beziehende Zitate aus Novellen, Gedichten und Briefen Theodor Storms.

Mein richterlicher und poetischer Beruf sind meistens in gutem Einvernehmen gewesen, ja, ich habe sogar oft als eine Erfrischung empfunden, aus der Welt der Phantasie in die praktische des reinen Verstandes einzukehren und umgekehrt.

(Theodor Storm)

 

Ein Leben getrieben von Politik, Juristerei und kreativem Schaffen

Am 14. September 1817 wurde Hans Theodor Woldsen Storm als ältester Sohn des Justizrats Johann Casimir Storm und der Patriziertochter Lucie Woldsen in Husum geboren. Bereits mit 15 schrieb er seine ersten Gedichte. Als er 17 war, wurden erste Gedichte und mehrere journalistische Arbeiten in regionalen Wochenblättern abgedruckt. Mit 20 begann Storm sein Jura-Studium, das ihn nach Kiel und Berlin führte. Damals freundete er sich mit den Brüdern Theodor (gilt als einer der bedeutendsten Altertumswissenschaftler des 19. Jahrhunderts, der 1902 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt wurde) und Tycho Mommsen (Altphilologe und Gymnasialdirektor) an. Diese Freundschaft beflügelte sein literarisches Schaffen. Die drei Freunde trugen unter anderem eine Sammlung Schleswig-holsteinischer Lieder, Märchen und Sagen zusammen und veröffentlichten das

„Liederbuch dreier Freunde“ mit selbstverfassten Gedichten. Ansonsten berichtet Storm eher sachlich von seinem „Studium, das man ohne besondere Neigungen studieren kann; auch war mein Vater ja Jurist.“ Das Schreiben und die Juristerei bringt er sein ganzes Berufsleben lang gut unter einen Hut: „Mein richterlicher und poetischer Beruf sind meistens in gutem Einvernehmen gewesen, ja, ich habe sogar oft als eine Erfrischung empfunden, aus der Welt der Phantasie in die praktische des reinen Verstandes einzukehren und umgekehrt.“ Zudem lässt sich der Realist durch verhandelte Gerichtsfälle inspirieren, schöpft daraus literarische Stoffe (beispielsweise für „Draußen im Heidedorf“) und bringt darüber hinaus sogar sein juristisches Fachwissen in manche Novellen ein. 1843 kehrte er nach Husum zurück und eröffnete dort eine Anwaltskanzlei. Mit 29 Jahren heiratete er seine Cousine Constanze Esmarch, mit der er sieben Kinder bekam. Kurz nach seiner Hochzeit lernte er jedoch eine weitere wichtige Frau in seinem Leben kennen – die elf Jahre jüngere Dorothea Jensen. Diese heiratete er 1866 nach dem Tod seiner ersten Frau und wurde zum achten Mal Vater. Aufgrund politischer Entwicklungen musste Theodor Storm seine Heimat verlassen und wurde 1853 Gerichtsassessor in Potsdam, 1856 Kreisrichter im thüringischen Heiligenstadt. Erst 1864 konnte Storm nach der Niederlage Dänemarks im Deutsch-Dänischen Krieg wieder nach Husum zurückziehen, wo er schließlich als Amtsrichter tätig war. 1880 trat Storm in den vorzeitigen Ruhestand und zog nach Hademarschen, wo er 1888 im Alter von 70 Jahren seinem Magenkrebs erlag. Neben seinen Gedichten ist Theodor Storm besonders für seine Novellen bekannt. Sein bekanntestes Werk ist die Novelle „Der Schimmelreiter“, die kurz vor seinem Tod erschienen ist.

Zwei Klassiker in ungewöhnlicher Aufmachung

 

Wer kennt sie nicht, die düstere Geschichte um den Deichgraf Hauke Haien, der gegen Aberglaube und für den Fortschritt kämpft? „Der Schimmelreiter“ basiert auf einer Sage, mit der Storm sich über Jahrzehnte befasst hat. Der Neudruck des Machandel Verlags aus Haselünne/Emsland besticht mit einer wertigen Aufmachung des Hardcovers mit Fadenheftung in handlichem Format und holzschnittartigen, modernen Illustrationen, die die düstere Grundstimmung dieser bekannten Spukgeschichte unterstreichen. Der Eine-Frau-Verlag der Apothekerin Charlotte Erpenbeck ist ein Herzensprojekt. Warum die Verlegerin Storm ins Sortiment aufgenommen hat, erklärt sie wie folgt: „Den Autor Storm habe ich mit hereingenommen in mein Sortiment, weil ich den bereits als Kind in der Bibliothek meiner Eltern in einem mehrbändigen Werk fand und mit Begeisterung gelesen habe. Seine Sprache ist modern genug, dass auch der heutige Leser Vergnügen an seinen Geschichten finden kann. Ich verlege prinzipiell einfach das, was mir selbst Spaß macht oder was ich aus diversen Gründen einfach interessant finde.“

 

Im Machandel Verlag ist auch das Kunstmärchen „Die Regentrude“ aus dem Jahr 1863 erschienen, das Storm an Weihnachten verfasste als er wegen Röteln das Bett hüten musste. Das Besondere an dieser Veröffentlichung ist das Minibuchformat, das die Verlegerin folgendermaßen erläutert: „Warum wir ausgerechnet dieses Format genommen haben? Damit der anonyme Bookoholiker sich in der Pause diskret zu ein paar Leseminuten verziehen kann, während seine Umwelt denkt, er gehe nur eine Zigarette rauchen. Die Büchlein sind so konzipiert, dass sie Zigarettenschachtelgröße und höchstens Zigarettendicke haben. Es passen also zwei bis drei Bücher in ein Zigarettenetui, und wenn die Tarnung noch stärker sein muss, ein Buch mit einer Lage Zigaretten davor. Schließlich sind Raucher durch ihre Sucht immer entschuldigt – Leser leider nicht. Davon abgesehen: Hier haben Sie Taschenbücher in Miniaturbuchformat, die garantiert auch in die kleinste Tasche passen.“

Ein Märchen für Groß und Klein

 

„Der kleine Häwelmann“ ist ein weiteres Kunstmärchen von Theodor Storm. Er schrieb es 1849 für seinen Sohn Hans. Der Begriff „Häwelmann“ stammt übrigens aus dem Niederländischen und bezeichnet ein kleines Kind, das übertriebene Aufmerksamkeit für sich einfordert. Über die Bedeutung des abrupten Schlusses, bei dem die Sonne den kleinen aufmüpfigen Jungen ins Meer wirft und der nur durch die abschließende Einbeziehung des Lesers gerettet wird, lässt sich trefflich streiten – insbesondere vor dem Hintergrund der oftmals nervenaufreibenden Weihnachtszeit, in der viele Kinder vor den überquellenden Spielzeugregalen in den Einkaufsläden sicherlich ebenfalls zum Teil lautstark viel Aufmerksamkeit einfordern. Der Insel Verlag hat diese kleine für Kinder konzipierte Mär- chenerzählung in einer schön gestalteten und von Ulrike Möltgen durchgängig farbig illustrierten 47 Seiten umfassenden Ausgabe neu aufgelegt, die Groß und Klein ansprechen dürfte.

Fünf Hörspiele für Storm-Liebhaber

 

Wer Hörspiele liebt, bei dem sollte „Theodor Storm: Die große Hörspiel-Edition“ nicht unter dem Weihnachtsbaum fehlen. Der Hörverlag hat mit dieser nostalgisch-wertig aufgemachten CD-Box etwas ganz Besonderes für Storm-Liebhaber herausgebracht. Hochkarätige Schauspieler und Sprecher wie Christine Kaufmann (mit dem Golden Globe ausgezeichnet), Dagmar Manzel (Deutscher Fernsehpreis, Adolf Grimme Preis, Deutscher Filmpreis), Christian Brückner (Synchronsprecher von Marlon Brando, Harvey Keitel oder Robert de Niro) oder Bernhard Minetti (Großes Bundesverdienstkreuz, Bambi-Filmpreis) lesen folgende fünf Werke aus der Feder von Theodor Storm: Pole Poppenspäler, Carsten Curator, Im Nachbarhause links, Der Schimmelreiter, Die Regentrude. Die Beiträge sind eine Zusammenstellung von Aufnahmen verschiedener Sender und Rundfunkanstalten aus den Jahren 1954 bis 1989 – eine exquisite Sammlung von Hörspielen, wie sie heute fürs Radio aus Kostengründen kaum noch produziert werden. Die insgesamt 7 CDs haben eine Laufzeit von gut 6 Stunden. Es lohnt sich, das 35 Seiten umfassenden Booklet zur Hand zu nehmen. Darin findet sich neben ausführlichen Informationen zu den unterschiedlichen Produktionen auch ein lesenswerter Essay von Thomas Mann aus dem Jahr 1930 über Theodor Storm.

Stefanie Engelfried ist Diplom-Germanistin und Kommunika tionswissenschaftlerin, die langjährig als Redakteurin und Kommunikationsprofi für verschiedene Verlage tätig war und jetzt für ein multinationales deutsches Großunternehmen im Einsatz ist. In ihrer Diplomarbeit beschäftigte sie sich unter anderem mit Theodor Storms Märchen „Der Spiegel des Cyprianus“. Sie lebt mit ihrem Sohn und viel Geschichte in einem 400 Jahre alten Fachwerkhaus in Ditzingen.

stefanie.engelfried@gmx.net

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