Theologie | Religion

Zum Fest der Liebe

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2018

Raimon Panikkar / Hans-Peter Dürr: Liebe – Urquelle des Kosmos. Zwei Wissende und Weise im Gespräch über Religion und Naturwissenschaft. Kevelaer: Verlagsgemeinschaft topos plus, 2017. 240 Seiten. Klappenbroschur. ISBN 978-3-8367-0027-6. € 17,95

Der Buchdeckel zeigt die beiden weißhaarigen Gesprächspartner in einer Portrait-Collage. Auf der Voranzeige des Buches war Panikkar anders fotografiert zu sehen: ein schwarzes Gewand um die Schultern, lächelnd wie Dürr, wie dieser ‚hilaritas‘ ausstrahlend, heitere Zuversicht, der Welt mit dem eigenen Werk etwas Gutes zu erweisen. Auf dem ausgelieferten Buch blickt er verletzlicher in die Weite, und seine mitsprechenden Hände sind angedeutet. Der deutsche Physiker Dürr lebte von 1929 bis 2014. Panikkar, als Sohn einer römisch-katholischen Katalanin und eines hinduistischen Inders 1918 geboren, starb 2010. Das Buch herausgegeben hat Roland R. Ropers. Von ihm zeigt der Verlag auf Seite 239 das topos-Taschenbuch „Mystiker unserer Zeit im Portrait“ an. Dass er aus dem engli schen Sprachraum kommt, ist aus seinem Lobgedicht auf Panikkar (Seite 47-50) zu schließen: Auf Englisch ist es gereimt, ins Deutsche übersetzt reimlos.

Dürr, Panikkar und Ropers waren vom 25. bis 30. Juni 2003 beieinander in Panikkars Haus in Tavertet, einem Gebirgsdorf im Umland von Barcelona. Sechzehn Stunden Tonbandaufnahmen hielten das Gespräch fest.

Ropers hat Beeindruckendes von und Informationen zu den Gesprächspartnern zusammengetragen; sie füllen das erste Viertel des Buches (bis Seite 60). Dann folgen in Tavertet gesprochene Darlegungen: Dürrs „Quantenphysikalische Weltbetrachtung“ (bis 90) und Panikkars „Kosmotheandrische Vision“ (bis 109). Diese Referate und den „Dialog“ (ab 113) hat Ropers mit vielen Zwischenüberschriften aufgelockert. Man sprach gemeinsam Deutsch, Dürr mit naturwissenschaftlichem Akzent, Panikkar mit dem Künstler-Akzent des Religionserfahrenen.

Die Mathematik brachte Dürr nicht ins Spiel (64), obwohl in ihrer Sprache quantenphysikalische Gesetzmäßigkeit unzwei deutig ausdrückbar ist. Aber das mathematisch Formulierte ist nicht beobachtbar. Was sich vom Beobachter fassen lassen wird, ist vorweg nie eindeutig. Quantenphysikalisch betrachtet kann man nicht sicher damit rechnen, ein Ding, ‚res‘, real in den Griff zu bekommen. Besser als der Ausdruck ‚Realität‘ passt ‚Wirklichkeit‘: Welt wirkt. Wir sprechen mit Verben (71) angemessener als mit Substantiven. Das bis zum Jetzt Gewordene endet, und vom Jetzt wellen „Kann-Möglichkeiten“ (72) des Werdens in die Zukunft und bilden „Erwartungsfelder“ (79). Seit „Max Planck durch eine unerklärliche experimentelle Beobachtung 1900“ (196) auf das ‚Wirkungsquantum‘ stieß, wissen wir: Weltgeschehen läuft nicht ab wie eine aufgezogene Uhr (69), sondern „in jedem Augenblick ereignet sich die Welt neu“ (80).Von Werner Heisenberg zitiert Dürr (90): „Die Quantentheorie ist so ein wunderbares Beispiel dafür, dass man einen Sachverhalt in völliger Klarheit verstanden haben kann und gleichzeitig doch weiß, dass man nur in Bildern und Gleichnissen von ihm reden kann.“

Dürr benutzt ein Sanskrit-Wort: A-dvaita (70, 78f, 89). Will er damit Panikkars Verstehen entgegenkommen? Panikkar erwähnt (114), er habe „zehn Jahre lang die Veden übersetzt, am Anfang noch viele Seiten auf Deutsch, weil Sanskrit dem Deutschen viel näher als dem Englischen ist“. Veda, auch ein Sanskrit-Wort, bedeutet ‚Wissen‘. Die Nähe zum Deutschen erklärt sich daraus, dass die altindische Sprache, in der religiöses Wissen aufgeschrieben wurde, zur indogermanischen Sprachfamilie gehört. Mit ‚dvai‘ ist ‚zwei‘ deutlich verwandt. A-dvaita zeigt hin auf eine ‚religio‘-Verbundenheit (70, 114), die nichts Fassbares ist, sondern geschieht. Darin werden Zwei kein Einerlei. Vielmehr kommt das Eine so zum Anderen, dass Entzweiung vergeht.

Panikkar formuliert als eine der mannigfachen DreifaltigkeitsIntuitionen, die sich Menschen bewusst gemacht haben, die kosmo-the-andrische: Weltall – Gott – Mensch. Aus Dreieinigem quillt „jede Wirklichkeit, insofern sie wirklich ist“ (98), wirkend „durchweht“ (101) vom Lebenswind. „Diese Intuition hat ihren Ursprung letztlich in einer mystischen Erfahrung und ist als solche unbeschreibbar.“ Als „Frucht“ dieser Geheimnis-Erfahrung dämmert dem Bewusstsein der Einklang „Erkennender, Erkanntes und Erkennen“ (108). Die Schwierigkeit, sich über „prinzipiell Unbegreifliches“ zu verständigen, wird im Dialog deutlich (113). Dürr hört bei „Erfahrung“ das, was Physiker im Umgang mit begegnenden Problemen sammeln (119-121), nicht das Gewahren des Einblitzens der Wirklichkeit im Nu (158). Panikkar muss erst einsehen, dass Quantenphysiker nicht mehr Dinge im Griff zu haben behaupten, sondern Unbegreifbarkeit respektieren. Der Naturwissenschaftler und der Religionsphilosoph treffen sich darin, dass beide Wasser als Gleichnis betrachtet haben. Ein Tropfen ist ‚individualisiertes‘ Wasser, vereinzelt durch die Oberflächenspannung. „Wir sind die Tropfen“, die „ins Meer fallen“. (90, 183, 186) Das Ego, das sich im Griff zu haben wähnt, stirbt, aber nicht das „Ich bin“ (218, 135, 155). Philosophie, „Weisheit der Liebe“, ist Frucht des „Gewahrseins der Liebe und der Wirklichkeit“. „Die Liebe entdeckt, dass du kein beliebiger Tropfen Wasser bist“, sondern individuum ineffabile (217-219). Der Naturwissenschaftler, der wagt, Sachverhalte, die in der Physik zur Sprache kommen, als Liebe zu deuten (123f), sagt ahnend „Ah …“ – eine wortlose Entsprechung, vom Zu-Kommenden in ihm ausgelöst (210-212). Ich bin in der Liebe, die mich trifft. „Sie wird nicht aus anderem geboren, sie ist es, die alles durchdringt, umfasst und zusammenhält“ (214). Hans Peter Dürr: „Liebe ist für mich Urquell des Kosmos.“ Raimon Panikkar: „Und Wissenschaft ohne Liebe ist keine Wissenschaft“ (237); „Liebe und Erkenntnis“ sind im Ursprung ungeschieden (115).

Dürr hat eine „Schwierigkeit“ mit dem Christentum: „Christus ist für mich sperrig“. „In meinem Erleben finde ich keine Rolle für diesen Christus, den Gesalbten.“ (129f) Panikkar sagt ihm: „Wenn jemand wie du mir erzählt, das Wort Christus z. B. berühre ihn nicht, werde ich es ihm nicht ans Herz legen“ (181). „Wenn du liebst, ist Gott da, denn Gott ist die Liebe, und da ist auch Christus.“ „Und Christus ist für mich das Symbol der ganzen Wirklichkeit“ (131) in ihrem Nicht-Zweierlei. „Advaita ist so wichtig, und die Trinität ist das Symbol dafür im Westen. Am Anfang war Christus. Das ist ganz theologisch gemeint: Am Anfang war Christus, und der Anfang ist immer. Das ist der kosmische Christus“ (145). Gott kommt zur Welt als Mensch und – un-zwei – Gott. Wo Neues ersteht, war Christus da.

Roper berichtet, dass in Tavertet am 28. Juni 2003 der Himmel über der Erde durch ein gewaltiges Sonnenhöchststand-Gewitter sich in das Gespräch einmischte, und dass am Sonntag, dem 29. Juni, zu Dritt die von Panikkar zelebrierte Eucharistie gefeiert wurde und Dürr den Prolog des Johannesevangeliums vorlas: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort…“

Das, worüber die beiden als „Wissende und Weise“ Gepriesenen sich subtil zu verständigen suchen, dieses Zur-Welt-Kommen, – das führen Kinder im weihnachtlichen Krippenspiel auf. Ein Buch, dessen Titel ebenfalls „Liebe“ betont, lädt ein, es zu erwarten.

 

Kara Huber / Wolfgang Huber: Es geschieht aus Liebe. Ein Weihnachtsversprechen. Hamburg: Kreuz Verlag, 2017. 127 Seiten. Leineneinband mit Schutzumschlag. ISBN 978-3-946905-12-7. € 18,00

Die Autoren sind seit 1966 ein Ehepaar. Sie lehrte Schulkinder, er bemühte sich forschend und lehrend, Kirche zu leiten. Hubers und Tödts lernten sich 1968 kennen. Ich bekam das Buch geschenkt. Es ist eine sehr schöne Festgabe für Leser und Betrachter. Durch seine Gestaltung bezeugt es die Schönheit des Geschenks Gottes an die Welt, das wir am Christfest feiern. Jedem der zehn Kapitel steht, doppelseitig wiedergegeben, ein Gemälde eines alten Meisters voran, Renaissance-Malerei des 14. bis 16. Jahrhunderts. Eine darin vorkommende gedeckte Farbe ist auch die der folgenden linken Seite, auf der jeweils ein Bibelwort steht, sowie die des Eröffnungsbuchstabens und der Zwischentitel im Kapitel. Die Eingangspassage jedes Kapitels lenkt den Blick darauf, wie der Maler das Weihnachtsgeschehen dargestellt hat. (Mich freute, dass, wann immer der Künstler dem Ochs und dem Esel die Anwesenheit beim Zur-Welt-Kommen des Jesuskindes erlaubte, sie sehr aufmerksam schauten.)

Wer welches Kapitel entworfen hat, ist – wie das Vorwort (Seite 7) vorhersagt – erratbar. Im ersten Kapitel wird „der klirrend kalte Winter 1945/46“ erwähnt; da war Kara das Neugeborene der Familie, die vor den siegend vordringenden russischen Soldaten die Flucht ergriffen hatte. „Das Weihnachtsversprechen ‚Friede auf Erden für alle‘ klang kühn und vertröstete auf eine bessere Zukunft.“ (18) Vor diesem Kapitel verheißt auf Lapislazuli-blauem Grund Jesaja 65,17: „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“

Die Autoren greifen ihre Wortprägung „Weihnachtsverspechen“ in mancherlei Zusammenhängen auf: Für die Mitarbeiter im lutherischen Gemeindezentrum bei Kapstadt, unter Xhosas, ist es die traditionelle gemeinsame Grillparty am Atlantikstrand im hochsommerlichen Dezember, die in einem Jahr abgeblasen werden musste, weil die Bankkarte des Zentrums entwendet und zehntausend Rand vom Konto gestohlen worden waren (39f). Für zwei kleine Kinder ist es der Besuch des Weihnachtsmarkts an der Kaiser-WilhelmGedächtniskirche in Berlin, den die Eltern ihnen am 19. Dezember 2016 spendieren, und die Vier erleben mit, wie ein Lastwagen in die Besuchermenge fährt, elf Menschen tötet und viele weitere verletzt (60-63). In Chicago 1908 bekommt ein Mann, der im Schlachthofviertel mit ähnlich Verzweifelten am Weihnachtsabend Unterschlupf gesucht hat, ein Zeitungsblatt in die Hände, das ihm die Botschaft bringt, „Jedermann in Ohio“ wisse nun, er hätte „nicht das Geringste“ mit der Sache zu tun, die ihm die Polizei anhängt – und der beteiligte Bertolt Brecht schließt: Nicht wir anderen „hatten dieses Blatt für ihn ausgesucht, sondern Gott“ (70-72). Umgeben von seinen Nächsten tut ein Schwerkranker seinen letzten Atemzug in der Heiligen Nacht 2016. „Zu Hause zu sterben war sein Wunsch. … Das Weihnachtsversprechen ist erfüllt.“ (120) Aber im Grunde gemeint sein soll, laut Untertitel des Buches, „EIN Weihnachtsversprechen“.

Das Gemälde zu Kapitel 2, das auch den Schutzumschlag schmückt, zeigt den „englischen Gruß“: ‚Ave Maria – gegrüßt seist du, Maria‘. Der Bote Gottes stimmt das junge Mädchen auf die Verheißung ein, „zur Mutter Jesu“ zu werden. Diesen Gruß „kann sich auch ein Protestant zu Eigen machen“. Wolfgang Huber, der von Amts wegen – er hatte 2003-2009 den Vorsitz des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland inne – auf Protestantisches bedacht sein musste, tat dies entgrenzend. „Jungfrauengeburt“ ist kein biologisches Wunder, sondern Hinweis auf das eigentliche Wunder, das wir in Maria grüßen: „in ihr und durch sie wird Gott Mensch; in ihr und durch sie kommt Gott zur Welt“. (23, 30f)

Vor Kapitel 4 ist zu betrachten, wie Hirten, Josef und Maria – und Ochs und Esel – vor dem Stall das neugeborene Kind anschauen und über ihnen dreizehn Engel musizieren. Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium in einer Christvesper „am Heiligen Abend in St. Marien, der Berliner Bischofskirche“: „unvergesslich“. Schön spielend in Klängen und Worten wird „Gott die Ehre“ gegeben. Die „Echo-Arie“, „Dialog zwischen zwei Sopranstimmen“: ‚Flößt, mein Heiland, flößt dein Namen / Auch den allerkleinsten Samen / Jenes strengen Schreckens ein? / Nein, du sagst ja selber Nein.‘ „Und dann das himmlische Echo: ‚Nein‘.“ „Und weiter: ‚Sollt ich nun das Sterben scheuen? / Nein, dein süßes Wort ist da! / Oder sollt ich mich erfreuen? / Ja, du Heiland sprichst selbst ja.‘ Und dann erneut das himmlische Echo: ‚Ja‘.“ Und „jeweils am Ende, auf dem Höhepunkt der musikalischen Gestaltung, verselbständigt sich die Echostimme und spricht allein das bekräftigende ‚Nein‘, das vergewissernde ‚Ja‘.“ Sie singt die Stimme des MenschenSohnes Gottes, der ‚nicht Ja und Nein‘ ist, ‚sondern das Ja war in ihm. Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre‘ (2. Korintherbrief 1,20). ‚Wo ist der neugeborene König der Juden?‘, fragen die aus dem Morgenlande gekommenen Weisen in Jerusalem. Sie haben zwei Planeten wahrgenommen, die, sich übereinander schiebend, als Stern von Bethlehem erschienen sind, Zwei in Eins. Sofort fällt „die Altstimme, die im Weihnachtsoratorium immer wieder die glaubende Seele vertritt“, den Weisen ins Wort: Nicht dort! ‚Sucht ihn in meiner Brust, / hier wohnt er, mir und ihm zur Lust‘. Und später: ‚Ach, wann wird die Zeit erscheinen? / Ach, wann kommt der Trost der Seinen?‘ Die Antwort klingt „nicht nur in einer, sondern in drei Stimmen“: ‚Schweigt, er ist schon wirklich hier! / Jesu, ach so komm zu mir.‘ (46-52) Vater, Sohn, Einiger Geist. „Bethlehem ist überall“ (51), und ‚Weihnachten‘ allezeit zu erwarten. ‚Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage!‘ (Weihnachtsoratorium) Im Namen Jesus Christus begegnet uns das ‚Ich bin‘ „des Gottes, der uns in seiner Liebe birgt“ (47). Gottes Kommen geschieht in Liebe und versetzt in Glückseligkeit. Das letzte Kapitel hat als Vor-Wort Lukas 2,10f, die Botschaft des Engels, zu dem die himmlischen Heerscharen treten, an die Hirten auf dem nächtlichen Feld: ‚Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr…‘. Im Kapitel erzählt Kara zum Schluss (122-124) von einer Geburt, die so nicht errechnet war. „Nicht im Januar soll das Baby zur Welt kommen, sondern gleich.“ Es kam am 25. Dezember. Seine große Schwester spielte am Vorabend Maria im Krippenspiel. (it)

 

Christiane Tietz: Karl Barth. Ein Leben im Widerspruch. München: C.H.Beck, 2018. 538 Seiten mit 50 Abbildungen. Gebunden mit Leseband. ISBN: 978-3-406-72523-4. € 29,95

„2019 ist Karl-Barth-Jahr der evangelischen Kirchen. 50. Todestag von Karl Barth am 10. Dezember 2018.“ Mit diesen Hinweisen kündigt der Verlag das Buch an. Eberhard Busch (geboren 1937), ab 1965 Barths persönlicher Assistent, erlebte mit, wie Barth am Morgen des 10. Dezember 1968 gefunden wurde – „…irgendwann mitten in der Nacht gestorben. Er lag da wie schlafend. Die Hände waren unverkrampft gefaltet…“. Busch stellte „Karl Barths Lebenslauf. Nach seinen Briefen und autobiographischen Texten“ 1975 im Chr. Kaiser Verlag vor. Diesem grundlegenden Buch verdanke auch die neue Biographie viel, würdigt die Verfasserin in ihrem am 10. Mai – dem Tag von Barths Geburt 1886 – datierten Vorwort 2018, geschrieben in „Horgen, dem Nachbarort des ‚Bergli‘ “, des von Barth oft aufgesuchten Sommersitzes ob dem Zürichsee (Tietz, 14).

Christiane Tietz (geboren 1967), Professorin für Systematische Theologie an der Universität Zürich, langjährige Erste Vorsitzende der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft deutschsprachige Sektion – bei C.H.Beck erschien von ihr 2013 „Dietrich Bonhoeffer. Theologe im Widerstand“ – erzählt Barths Leben und Denken unter veränderten Umständen. „In den ersten Jahrzehnten nach seinem Tod war seine Theologie im deutschsprachigen Raum und in den USA prägend.“ „Und heute? Weltweit […] gehört Karl Barth nach wie vor zu den am meisten gelesenen Theologen“, während deutschsprachige Theologenkreise inzwischen eine Abkehr von Barth vollzogen. Die Autorin zählt sich zu denen, die „Karl Barths theologischen Ansatz […] weiterhin für wegweisend“ halten. (Epilog, 417-419) Barths Lebenslauf legt Geburt es in nahe, dass Tietz fast so wie Busch die Biographie in Stationen gliedert. 1 (1886–1904) Basel, Kindheit und Jugend als Ältester im Theologieprofessorenhaushalt in Bern. Die Ausbildungsjahre, bei Busch eine Station, trennt Tietz: 2 (1904–1909) Theologiestudium in Bern, Berlin, Tübingen, Marburg; 3 (1909–1911) Vikariat in Genf. Dann wie Busch: 4 (1911–1921) ‚Roter‘ Pfarrer im Industriearbeiterdorf Safenwil im Aargau. Tietz’ Punkt 5 ist Barths Römerbrief-Kommentar 1919 gewidmet, der einschlug „Wie eine Bombe auf dem Spielplatz der Theologen“ (Zitat Seite 106). Die Universitätslehrerjahre 1921–1930 fasst Busch zusammen, Tietz legt die Zeit in Göttingen – 6 (1921–1925) – und in Münster – 8 (1925–1930) – auseinander und betrachtet dazwischen als Punkt 7 die Römerbrief-Neubearbeitung 1922. Für ihren Punkt 9, „‚Notgemeinschaft‘ zu dritt“ – Charlotte von Kirschbaum wird Teil des Barthschen Haushalts –, hatte Tietz zu neuen Quellen Zugang. Gleich Busch behandelt Tietz’ Punkt 10 (1930–1935) Barths Professur in Bonn, aus der er, eine dem Dritten Reich zuwidere Stimme, herausflog heim in die Schweiz. Die Baseler Jahre bis 1962, bei Busch dreigeteilt, gliedert Tietz in zwei Zeitabschnitte – 11 (1935–1945) und 12 (1945–1962) – und untergliedert diese nach Sachthemen, zu denen Barth sich äußerte. Tietz’ Punkt 13 bietet Einblicke in Barths „Monumentalwerk“, die mehr als 9000 Seiten starke Kirchliche Dogmatik, deren 13 Teilbände von 1932 bis 1967 erschienen, alle, bis auf den Fragment gebliebenen letzten Teilband IV/4, den Studierenden zum Mitdenken vorgelegt in Lehrveranstaltungen. Besonders hier verweist Tietz auf ih- ren Lehrer Eberhard Jüngel, der bei Barth lernte und ihr „das Begeisternde an Barths Theologie“ vermittelte (Vorwort, 14); das Buch ist Jüngel gewidmet. Die letzte Station ist bei Tietz wie bei Busch Barths spät angetretener bewegter Ruhestand, 14 (1962–1968).

Leben „im Widerspruch“: Barth widersprach, wo Theologie meinte nicht von Gottes Gottheit ausgehen zu müssen, sowie wo gesellschaftliche Stimmungen Gott für den eigenen (westlichen) Weltteil gegen den anderen reklamierten oder politische Parteibildungen sich ein „C“ zulegten (cf. Tietz, 13). Der Rede Barths sowohl von Gott als auch zu Weltlichem wurde heftig widersprochen. Dem Widerspruch Gottes sich anheimgebend war Barth frei zu unbestechlicher Weltwahrneh- mung und zu Selbstbetrachtung mit Humor; er blieb unbeeindruckt von Anpassungszwängen und verschont von Selbstbewertungsverlockungen durch sein weltweites Renommee.

Zu 3: Ein Foto (Seite 66) zeigt die Kanzel in der Kapelle in Genf, auf der Calvin die Bibel auslegte. Als Vikar, fand Barth rückblickend, sei er die Treppe zu ihr wie ein junger Bernhardiner tolpatschig eigensinnig hinaufgestolpert. An seinem ersten Konfirmandenkurs nahm Nelly Hoffmann teil. Sie wurde, knapp 18jährig, am 16. Mai 1911 von dem gerade 25 Jahre alt gewordenen Karl Barth gefragt, ob sie seine Frau werden wolle. Ermutigt von ihrer verwitweten Mutter, die „Vertrauen zu diesem feurigen, jungen Pfarrer“ hatte, kam es noch im selben Mai zur Verlobung (75f). Hochzeit war am 27. März 1913. Nelly meisterte trotz ihrer Jugend die anspruchsvollen Aufgaben einer Pfarrfrau, bewahrte sich einen eigenen Lebensbereich mit ihrem Geigenspiel und stand später als Mutter der fünfköpfigen Kinderschar dem Professorenhaushalt vor (95-98, 117).

Zu 5: In den Safenwiler Dorfpfarrerjahren ereignete sich Barths ‚ganz andere‘ Begegnung mit dem Wort Gottes. Er las den Römerbrief, „als hätte ich ihn noch nie gelesen“. Begeistert nahm er beim Apostel Paulus ein ‚ganz anderes‘ Reden von Gott wahr als die beim Menschen ansetzende Theologie, die er sich bisher hatte beibringen lassen. Den angesprochenen Menschen trifft Gottes gültiges Ja in eins mit dem vom Ja her nötigen Nein zu allem Gott nicht Entsprechenden. Ein Schweizer Verlag brachte Barths Kommentar mit Erscheinungsjahr 1919 heraus. Als das Buch vom Chr. Kaiser Verlag in München entdeckt und in Deutschland vertrieben wurde, erregte es Aufsehen und führte zur Berufung Barths auf einen theologischen Lehrstuhl in Göttingen. (100, 106, 110-113) Fotos aus der frühen Zeit – 1913, 1925 (Seite 101 und 120) – zeigen Barth befremdlich förmlich gekleidet, den Hals in einen ‚Vatermörder‘-Kragen eingezwängt. Seine eigene Aus- stattung mit Gelehrsamkeit abschätzend meinte er 1921, er werde wohl „immer nur dieser schweifende Zigeuner sein, der nur ein paar verlöcherte Kessel sein eigen nennt und dafür gelegentlich ein Haus anzündet“ (118). Auch anderen kam er wie „ein etwas wilder Geselle“ vor (114).

Zu 6: Aus dem Pfarramt ohne weitere akademische Qualifizierungen zum Lehren berufen, wusste er und warnte die bei ihm Studierenden, „Dogmatik sei ein ‚lebensgefährliches Unternehmen‘“. Von Gottes Selber-Sprechen zu Menschen zeugt die Bibel; auf dieses Zeugnis hin wagt der Prediger, von Gott zu sprechen, und wagt der Hörer, darin Gottes Anspruch zu vernehmen; das in menschlichem Wagnis in der Kirche bekundete Wort Gottes bedenkt der Dogmatiker. In diesem Zirkelschluss sei die ganze Wissenschaft der christlichen Lehre beschlossen. (Cf. 124f, 174f)

Zu 7: Beim Schreiben des 1919er ‚Römerbriefs‘ war Barth vom Gewahrwerden der Gottheit Gottes enthusiasmiert. Die Umarbeitung zum ‚zweiten Römerbrief‘ 1922 schrieb er, wie der Weggefährte Eduard Thurneysen spürte, „nicht ohne eigenes Entsetzen“ (137), betroffen von dem Richtwort an einen, dessen Herz sich übereilen will, „etwas von Gott zu reden; denn Gott ist im Himmel, und du bist auf Erden“ (Prediger Salomo 5,1). Die „Sache“ ist so kritisch, dass Kritikern das Kritisieren vergehen müsste (141). Theologen sollen von Gott reden, ohne es zu können. Zu reden wagend, balanciert der Mensch auf einem schmalen Felsengrat, immer in Gefahr, beim nächsten Schritt entweder vom Ja oder vom Nein Gottes zum Menschen, von Gnade oder Gericht, verfehlt redend in den Abgrund zu stürzen. Aber dem im Himmel trauend, der Menschen auch gegen irdische Schwerkraft halten kann, hoffen Theologen, dass durch menschliches Reden hindurch Gottes Anspruch zu Wort komme. (151f)

Zu 9: Die Barth-Kinder waren auch die Erben des Nachlasses von Charlotte von Kirschbaum. Sie entschieden sich, im Jahr 2008 Briefe „der ganz besonderen und einmaligen Liebe, welche unsern Vater mit unserer ‚Tante Lollo‘ verband, ans Licht zu bringen“ (188). Die am 25. Juni 1899 in Ingolstadt geborene Tochter eines im Ersten Weltkrieg in Frankreich gefallenen Generalmajors begegnete im August 1925 auf dem „Bergli“ Karl Barth. Im Sommer 1927 diktierte Barth ihr die Druckfassung seiner „christlichen Dogmatik im Entwurf“ in die Schreibmaschine. Vom 15. Oktober 1929 an lebte sie im Barthschen Haushalt. Fast vierzig Jahre lang war das Fräulein von Kirschbaum die unverzichtbare tägliche Gehilfin in der theologischen Lehre Barths. (183, 188f, 200) „‚Unzumutbar‘, sagen wir Kinder im nachhinein“ (188), war, was Barth den zwei ihm „verordneten“ (237) Frauen zumutete. Nelly musste die geistige Zusammenfügung einer anderen Frau mit ihrem Mann dulden. Lollo musste lebenslang auf körperliche Ehegemeinschaft verzichten. Barth wagte zu hoffen, dass Scheidung von der einen oder der anderen nicht „der Wille Gottes und also der Gehorsam für uns“ wäre (195). Und er wusste um Liebe, die den „Eros schlicht überflüssig“ macht (Kirchliche Dogmatik IV/2, 852; die Druckfahnen dieses Teilbands schickte Charlotte von Kirschbaum Heinz Eduard Tödt 1955 zu). Vor 1919 hatte Barth beim Lesen des Römerbriefs, wie im dunklen Kirchturm treppauf tastend, unvermutet statt des Geländers ein Seil ergriffen, das die große Glocke anschlug, die weithin hörbar die „Göttlichkeit Gottes“ läutete (Rückschau 1927, bei Tietz 173). Im Vortrag „Die Menschlichkeit Gottes“ retrahierte Barth nach rund vierzig Jahren die damalige einseitige Betonung. Er hatte schon früh geahnt, dass manchem Autor, der – Schleiermacher? – Theologie vom Menschen her zur Sprache bringt, zuzutrauen ist, er habe „wahrscheinlich immer irgendwie Recht, auch dann, wenn er Unrecht hat“ (Barth 1922, bei Tietz 121). Als Barth 1956 seinen 70. zugleich mit Mozarts 200. Geburtstag gefeiert hatte, bekannte er, größer als alles, auch wenn es das notwendige Nein in sich schließt, sei Gottes Ja zum Menschen. „Wer und was Gott und wer und was der Mensch in Wahrheit ist“, haben wir „dort abzulesen, wo ihrer beider Wahrheit wohnt: in der in Jesus Christus sich kundgebenden Fülle ihres Zusammenseins, ihres Bundes“, der Menschenfreundlichkeit Gottes, der Liebe.

Ein Altersfoto von 1966 (auf Seite 406) zeigt Karl Barth, dem jüngeren katholischen Kollegen Hans Küng ruhig zugewandt, so, wie ihn Studenten in Basel gesehen haben: lässig gekleidet, die Baskenmütze auf dem Kopf, die Pfeife in der Hand und die schwere Hornbrille vor den kurzsichtigen, aber genau beobachtenden funkelnden Augen (356).

Hiermit sei’s genug des Antippens an all das, was im Buch zu finden ist. Christiane Tietz bietet aufgrund bewundernswerter Recherche eine verlässliche eindringliche Gesamtschau von Karl Barths Leben und Werk (424-428 Zeittafel, dann knapp 100 Seiten Anmerkungen, 522-531 Literaturverzeichnis, 533538 Personenregister). Von ihr angeleitet Texte Barths im Original zu lesen empfiehlt sich sehr; denn Barths „Theologische Existenz heute!“ (Titel seiner vom 24. [irrtümlich Tietz Seite 224: 14.] auf den 25. Juni 1933 verfassten Protestschrift gegen das akute Anbequemen der Kirche an falsche Führung) stürmt in seinen eigenen Worten noch ‚ganz anders‘ daher. Heinz Eduard Tödt, auf dessen alte Veröffentlichungsbestände ich während des Lesens von Tietz’ neuem Buch immer wieder zugriff, hat ein Gespräch Barths mit ihm, dem 35jährigen Spätheimkehrer-Theologiestudenten, am 1. Advent 1953 aufgezeichnet. Auf die Tödt bedrängende Frage, „ob es denn so etwas gäbe, ein Denken von dort her, von Gott her, von der Trinität her, sagte Barth: Ja, diese Frage läßt sich nicht theoretisch beantworten; Sie müssen es tun, dann werden Sie sehen, ob Sie es können. Ich habe es mein Leben lang nun versucht und ich muß sagen, daß mir damit eine Fülle von Einsichten geschenkt worden ist.“ (H. E. Tödt, Theologie lernen und lehren mit Karl Barth, Lit Verlag 2012, 96) Eine kleine Fehlinformation durch Busch (Seite 418) aufnehmend hält Tietz (Seite 356) Tödt für einen der Doktoranden Barths. Aber er promovierte nicht in Basel, sondern 1957 in Heidelberg, und zwar im Neuen Testament, ganz im Sinne des Barthschen Theologieversuchs, im Hören auf das Zeugnis der Schrift den Anspruch Gottes wahrzunehmen, in dessen lebendigem ‚Wort‘, ‚Logos‘, der Grund gelegt ist für das Leben in der Welt. (it)

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 nebenamtlich Kolle giums mitglied der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg.

itoedt@t-online.de

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