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Zeitungen machen und haben Geschichte

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 1/2021

Friedemann Bartu, Umbruch. Die Neue Zürcher Zeitung. Ein kritisches Porträt, Orell Füssli Verlag 2020, 288 S., geb., ISBN 978-3-280-05716-2, € 25,00.

Der Titel ist Programm: Wie ein roter Faden zieht sich das Thema „Umbruch“ durch das gesamte Buch und beleuchtet die Umbrüche im Zeitungswesen und speziell bei der traditionsreichen Neuen Zürcher Zeitung zwar kritisch, aber immer auch mit einem realistischen Blick auf die Gegebenheiten. Friedemann Bartu war 37 Jahre als Korrespondent und Redakteur bei der NZZ beschäftigt, kennt also Blattmachen und die Redaktion der liberalen Schweizer Zeitung als Insider. Intention des Werkes war eine kritische Auseinandersetzung, weder „Abrechnung noch Gefälligkeitswerk“ (S. 8). Der Autor stellt die Entwicklung der 1780 gegründeten Zeitung in den guten Jahren vor der Jahrtausendwende dar, setzt sich aber auch intensiv mit Fehleinschätzungen und Versäumnissen auseinander. In der „bleiernen“ Zeit der frühen 1990er Jahre stellt Bartu verpasste Chancen fest und analysiert 2001 mit SwissairPleite und dem Anschlag auf das Word Trade Center das Schicksalsjahr auch der NZZ. Im Verlauf der Jahre steuert die NZZ als „Flaggschiff ohne Flottenverband“ (S. 51) innerhalb der NZZ-Gruppe (Gründung der AG 1868): Sie konnte und musste über lange Zeit andere Blätter des Verbundes unterstützen. Die Besonderheit der NZZ war immer die international starke Marke, entsprechend galten die „Korrespondenten als heilige Kühe“ (S. 102). Weniger Beachtung fand die Lokalredaktion: „In den 1970er Jahren hatte das Ressort „Lokales“ einen derart tiefen Stellenwert in der NZZ, dass es sich sogar leisten konnte, Frauen anzustellen.“ So urteilte eine der ersten Redakteurinnen, Margot Hugelshofer (S. 66). Trotz des teilweisen Vorwurfs der Langeweile hielt sich die NZZ als auflagenstarkes Blatt. Als allerdings auch bei ihr die Abonnenten weniger und die Anzeigen spärlicher wurden, ergriff das Management Maßnahmen wie die Verpachtung der Anzeigenabteilung, es folgte eine stärkere Rücksichtnahme auf wichtige Werbepartner. Instruktiv sind auch Bartus Ausführungen zur Digitalstrategie des Zeitungshauses, das er „technologisch schon immer gut aufgestellt und oft gar in einer Pionierrolle“ (S. 207) sieht. Nicht verwunderlich, dass inzwischen auch bei der NZZ die Strategie des „digital/mobile first“ gilt. Nicht nur an dieser Stelle verbindet Bartu in seiner Darstellung der NZZ Geschichte und Gegenwart dieses traditionsreichen Blattes.

 

Jens Flemming, Die Madsacks und der »Hannoversche Anzeiger« – Eine bürgerliche Großstadtzeitung zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus 18931945 unter Mitarbeit von Nadine Freund, Wallstein Verlag 2019, 576 S., 15 s/w, 4 farb. Abb., Leinen, Schutzumschlag, ISBN 978-3-8353-3586-8 (2019), € 24,90

„Zeitungen machen und haben Geschichte, sie beeinflussen die öffentliche Meinung, aber sie sind auch abhängig von ihr“ (S. 7), so leitet der Historiker Jens Flemming seine fulminante Analyse des Hannoverschen Anzeigers zwischen 1893 und 1945 ein und umreißt damit auch das Spannungsfeld, in welchem sich Verlags- und Publikationsgeschichten befinden: Ihre Historie ist stets eingebunden in wirtschaftliche, gesellschaftliche und nicht selten auch in familiäre Entwicklungen – gerade in der von Flemming untersuchten Zeit mit umwälzenden Veränderungen wie Weltkriegen und politischen Systemwechseln. Nach beruflichen Stationen in St. Petersburg, Reval und Riga fand der gelernte Buchdrucker August Madsack in Hannover seine Wirkungsstätte und konnte im Kaiserreich Kontakt zu den wichtigen Kreisen der Großstadt aufbauen. 1893 erstmals erschienen, war der von Madsack herausgegebene Anzeiger ein bürgerliches, parteipolitisch nicht gebundenes Blatt. Die Darstellung von Flemming orientiert sich an den Zäsuren der deutschen Geschichte. Dabei wird nicht nur die Geschichte des rasanten Aufstiegs des Anzeigers als Vorläufer der heutigen Hannoverschen Allgemeinen Zeitung aufgezeichnet und Flemming setzt sich auch mit den Bedingungen für den Aufstieg der Zeitung auseinander.

Einer der Erfolgsfaktoren des Anzeigers war der Fokus auf das Geschehen vor Ort an der Leine, über das „was den Leuten nahe und ihnen abgeschaut war“ (S. 69). Verfasser dieser Alltagsplaudereien war Hermann Löns. Der Anspruch der Redaktion war „aufmerksam auf den lebendigen Pulsschlag des Volkes zu hören“ (S. 88). 1896 traf man mit der Gründung des Neuen Frauenblattes ebenfalls den Puls der Zeit; als Herausgeberin fungierte Luise Madsack, die Ehefrau des Zeitungsgründers, die auch selbst Artikel verfasste und 1898 im „Lexikon deutscher Frauen der Feder“ einen eigenen Eintrag erhielt. Einer der gemeinsamen Söhne, Erich Madsack, übernahm nach einem Volontariat beim Stuttgarter Neuen Tagblatt zunächst die Feuilletonredaktion und schließlich Verlag und Zeitung. Er war es auch, der den Verlag durch die schwierigen Zeiten nach 1933 steuerte. Dabei ging er Kompromisse ein und konnte dadurch bis 1943 den Niedersächsischen Anzeiger fortführen – wenn auch mit einer 51 % Beteiligung einer Verlagsholding der NSDAP. Erst nach der zwangsweisen Zusammenlegung mit der nationalsozialistischen Niedersächsischen Tageszeitung endete die Ära des Anzeigers als Marke. 1949 erhielt Madsack die Lizenz für die Hannoversche Allgemeine Zeitung und konnte damit an die erfolgreiche Zeitungstradition vor dem Krieg anknüpfen.

Flemming kommt dabei sehr differenziert zu dem Schluss, dass der Anzeiger „ein Organ von politisch polyvalentem Charakter“ war, das sich in den unterschiedlichen Epochen „jeweils häuslich eingerichtet hatte, schmiegsam in den Orientierungen, Überzeugungen und Werthaltungen“ und sieht „mehr als bloßes Überwintern, mehr und anderes als mürrisches Beiseitestehen und Mitlaufen ­contre coeur.“ (S. 535). Detailreich und dicht erzählt, verliert Flemming nie den Faden zu Fakten und wissenschaftlicher Tiefe.

 

Peter Hoeres, Zeitung für Deutschland. Die Geschichte der FAZ, Benevento Verlag 2. Aufl. 2019, 600 S., Hardcover, ISBN 978-3-7109-0080-8, € 28,00.

Das Besondere an Peter Hoeres Geschichte der Frankfurter Allgemeine Zeitung ist nicht nur, dass der Historiker als erster Zeitungsbiograf die Archive der FAZ benutzten durfte. Seinem Werk merkt man auch die vielen Gespräche und Hintergrundinformationen an, die Hoeres für sein Werk geführt und gesammelt hat. Seine Historie der FAZ ist ein Zusammentreffen mit vielen Blattmachern, welche die Zeitung über lange Jahre gestaltet haben und Persönlichkeiten, die sie indirekt geprägt haben. Die Gliederung hauptsächlich nach Protagonisten in den verschiedenen Epochen besitzt dadurch eine Stringenz, die den Leser auch in die Interna dieses speziellen Mediums mitnimmt. Dadurch ist nicht nur eine intensiv recherchierte, detailreiche Geschichte des Zeitungsunternehmens entstanden, sondern auch eine spannend erzählte, angenehm lesbare Geschichte des Leitmediums FAZ. Auch mit den Voraussetzungen und Zusammenhängen eines Leitmediums setzt sich Hoeres ausführlich auseinander. Das Werk bleibt aber nicht in theoretischen Ausführungen stehen, sondern vermittelt einen lebendigen Einblick auch in den Alltag der Zeitung und die Entwicklung der FAZ, deren Erfolgsgeschichte als überregionales Blatt ganz und gar nicht vorhersehbar war: Bei ihrer Gründung waren die Deutschen „ein Volk der Lokalzeitungsleser, der Provinzblätter“ (S. 23). Warum sich die Zeitung trotzdem erfolgreich behaupten konnte, zeigt Hoeres auf fast 600 Seiten und erinnert dabei an viele bekannte Persönlichkeiten wie Erich Welter, Joachim Fest oder Marcel Reich-Ranicki. Ihre intellektuellen Wurzeln reichen weit hinter das eigentliche Gründungsdatum bis zur Frankfurter Zeitung – ins Leben gerufen 1856 noch vor der Gründung des deutschen Kaiserreichs – und die Vorläufer sind teils bis heute in Rubriken in der Zeitung sichtbar wie Die Gegenwart, die ursprünglich eine von Benno Reifenberg initiierte „sehr elitäre Zeitschrift“ (S. 20) in karger Aufmachung war. Freilich kämpft auch die FAZ inzwischen mit Auflagenschwund. Wenn man aber verstehen will, warum sie sich nach wie vor als Leitmedium auf bundesdeutschen Schreibtischen der politischen wie kulturellen Elite hält und die Marke FAZ noch immer „als Synonym für Qualitätsjournalismus“ (S. 447) gilt, dann kann Hoeres Beschreibung viel dazu beitragen.

Dr. Ulrike Henschel ist Juristin, Geschäftsführerin des Kommunal- und Schul-Verlags in der Verlagsgruppe C.H.Beck und korrespondierendes Mitglied der Historischen Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Über die Entwicklung des juristischen Verlagswesens hat sie am Buchwissenschaftlichen Institut in Mainz promoviert.

ulrike.henschel@ksv-medien.de

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