Zeitgeschichte

Zeitgeschichtliche Freilegungen

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 4/2017

Jede moderne Gesellschaft muss sich der Frage nach ihrer Sicht auf die Vergangenheit stellen. Ihre Gedenkstätten und Denkmäler sind Medien der Vermittlung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie wirken gegenwarts- und zukunftsprägend, indem sie das Begreifen von geschichtlichen Ursachen, Prozessen und Wechselwirkungen ermöglichen, reflexives Geschichtsbewusstsein fördern.

Die historische Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus wurde in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit weitgehend als Nestbeschmutzung diskreditiert. Im familiären Umfeld und Bekanntenkreis nachzufragen, was jemand eigentlich von den NS-Gräueln wusste, war lange Zeit verpönt. Im Umgang mit der NS-Geschichte dominierten Verdrängung, Verharmlosung und Verschweigen.

Auf die oberflächlich betriebene Entnazifizierung folgte während des aufkommenden Ost-West-Konflikts in den 1950er Jahren eine lasche „Integrationspolitik“, die sich nach den Worten des Historikers Jan Phillip Sternberger durch vitale Vergesslichkeit auszeichnete. In der jungen Bundesrepublik fehlte es an einer tiefgreifenden historisch-politischen Aufarbeitung und an selbstkritischer Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Das zeigt sich auch daran, dass öffentliches Erinnern von Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager wenig erwünscht war. Auch die vielerorts auf Betreiben von Kommunen vorgenommene Unkenntlichmachung der Standorte ehemaliger KZ-Lager durch Überbauung oder Einebnung bezeugt, dass man die jüngste Vergangenheit aus dem Bewusstsein streichen wollte. Es ging vorrangig um Vergangenheitsbewältigung. Dieser von Bundespräsident Theodor Heuss häufig verwendete Terminus impliziert, dass man Vergangenheit bewältigen, also „zu einem Ende bringen“ könne. Aber Schatten der Vergangenheit sind lang; nicht alle wollten vergessen. Dazu zählt Fritz Bauer (1906–1968), Generalstaatsanwalt in Hessen, dessen Mut und Entschlossenheit den ersten Auschwitzprozess (1963–1965) vor einem deutschen Gericht ermöglichte; dazu zählt die deutsch-französische Journalistin Beate Klarsfeld, deren Engagement für die Aufklärung und Verfolgung der NS-Verbrechen so weit ging, dass sie den Bundeskanzler Georg Kiesinger am 7. November 1968 auf dem Podium des Berliner Konzertsaals öffentlich wegen seiner NSDAP-Vergangenheit ohrfeigte.

Mit der 1968er Generation wurde die Forderung nach einer zügigen juristischen, gesellschaftlich-politischen und wissenschaftlichen Aufarbeitung unüberhörbar, der Ruf nach kollektiver Vergangenheitsbewältigung. Nach den politisch unruhigen 1970er Jahren folgte endlich ein Perspektivwechsel. Erinnerung an die NS-Verbrechen und besonders die Shoah wurde zum zentralen Begriff in der Demokratie- und Menschenrechtserziehung, gehörte von nun an zur bundesrepublikanischen Staatsräson.

1981 trafen sich bundesrepublikanische Initiatoren für KZGedenkstätten zur Einweihung des Dokumentenhauses der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg und forderten den Aufbruch zur konzeptionellen Abkehr von systematischer Verdrängung und Vergessen-Wollen.

Das Kompositum Erinnerungskultur steht heute – wenn auch nicht unumstritten – für den geschichtlichen und gesellschaftlich-politischen Diskurs, der den Umgang des Einzelnen und der Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit und Geschichte bezeichnet. Die gesellschaftspolitischen und wissenschaftlichen Kontroversen in der erinnerungskulturellen Aufarbeitung der NS-Verbrechen und der Verbrechen der Deutschen Wehrmacht sind zahlreich, nicht zuletzt auch deshalb, weil Erinnerung und Erinnerungstradierung alleine offenbar im historisch-politischen Bildungsdiskurs zu kurz greifen.

Die „Geschichte der Erinnerungskultur“ der letzten vier Dezennien ist von offenem Dissens geprägt: man denke nur an den Historikerstreit, die zeitgeschichtliche Debatte von 1986/87 um die Singularität des Holocaust und dessen Bedeutung für das Geschichtsbild Deutschlands, ferner an die aufwühlende Martin Walser-Ignaz Bubis-Kontroverse von 1998 sowie die massive Kritik an den beiden Wehrmachtsausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung (1995–99 und 2001–04) und an die heftige Diskussion um die Errichtung des Holocaust-Mahnmals in Berlin (2005). Die aktuelle Diskussion um ein angebliches Haltungsproblem der Bundeswehr zeigt, dass die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit auch 72 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs keineswegs abgeschlossen ist.

Dass die geschichtliche Aufarbeitung in der DDR ganz anders verlief, lag auch daran, dass sie im Rahmen ihrer Rechtfertigungsideologie als „antifaschistischer Staat“ jede Verantwortung für die NS-Verbrechen per se ablehnte. Der Mythos, die DDR sei ein Hort des Antifaschismus gewesen, zeigt exemplarisch, dass selbst ein so akzeptiert und etabliert erscheinender Begriff wie kollektives Gedächtnis (sensu Aleida und Jan Assmann) zu hinterfragen ist.

Nach Volkhard Knigge, Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an der Universität Jena, „erscheinen kollektive Erinnerung und kollektives Gedächtnis weniger als Gebilde a priori harmonisierender, gleichgerichteter Erinnerungen, sondern vielmehr als […] soziale und politische Konstruktion oder Rhetorik von tonangebenden Gruppen und Medien, die selbstverständlich auch aktuellen Hegemonie-, Macht- und Herrschaftsinteressen folgen“ (siehe: „Erinnerung oder Geschichtsbewusstsein?“, S. 7, www.gmoe.uni-jena.de/index.php?id=27).

Die gegenwärtige Zunahme rechtspopulistischer Deutschtümelei verbunden mit dem unverhohlenen Lautwerden rechtsextremer Forderungen nach einer „erinnerungspolitischen 180°-Wende“ und Beendigung einer „dämlichen Erinnerungspolitik“ gaben den Anlass zur Rezension neuerer Literatur über Verbrechen des Nationalsozialismus. Die Ursache liegt jedoch im Wissen um die Fragilität demokratischer Systeme und in der Notwendigkeit, stets ein kritisches, reflexives Geschichtsbewusstsein wachzuhalten.

Die drei nachfolgend besprochenen Bände betreffen:

1. die neue Dauerausstellung der KZ-Gedenkstätte Buchenwald,

2. Freilegungen – Wege, Orte und Räume der NS-Verfolgung,

3. den Friedhof des Kriegsgefangenenlagers Bergen-Belsen.

Volkhard Knigge in Zusammenarbeit mit Michael Löffelsender, Ricola-Gunnar Lüttgenau und Harry Stein, herausgegeben im Auftrag der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittel-Dora (2016) Buchenwald – Ausgrenzung und Gewalt 1937-1945. Begleitband zur Dauer ausstellung in der Gedenkstätte Buchenwald. Wallstein, Göttingen, 296 Seiten, 445 z.T. farbige Abbildungen, Klappenbroschur, ISBN 978-3-83531810-6, € 19,80

Als ich den vorliegenden Band zur Besprechung erhielt, versuchte ich mich zu erinnern, wann ich eigentlich zum ersten Mal fundierte Informationen über das System der SSKonzentrationslager erhielt. Das war vermutlich 1959/60 als Sekundaner. Meine Quelle war Eugen Kogons Buch Der SSStaat. Anlass zur Lektüre dieses Standardwerkes war der Suizid eines Schülervaters meines Gymnasiums, angeblich wegen seiner Vergangenheit als SS-Arzt. Die verstörende Lektüre induzierte die bleibende Frage, wie es in Kriegszeiten überhaupt möglich war, ein so perfides und diabolisch durchorganisiertes Terrorsystem zu betreiben, denn als Kriegshalbwaise und Vertriebener konvergierten in meiner damaligen Vorstellung Krieg und totales Chaos.

Zwanzig Jahre später war ich anlässlich einer internationalen Anthropologie-Tagung als Gast der Akademie der Wissenschaften der DDR in Weimar und besuchte auch die nahe gelegene Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald auf dem Ettersberg. Neben dem dumpfen Unbehagen, das wohl jeden Besucher beim Betreten des Geländes durch das Torgebäude und beim Anblick der Verbrennungsöfen im Krematorium beschleicht, erinnere ich, dass es während der Führung zu erheblichen Irritationen bei unserer Besuchergruppe kam. Dies weniger wegen der architektonischen Monumentalität der Mahnmalsanlage mit dem monströsen Glockenturm, sondern wegen des einseitigen Lobes auf den heldenhaften Widerstand der inhaftierten deutschen Antifaschisten, insbesondere den ehemaligen KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann, der 1944 im Krematorium hingerichtet wurde. Dass sich unter den Häftlingen neben rassistisch Verfolgten (vorwiegend Juden sowie Sinti und Roma), auch sog. „Gemeinschaftsfremde“, worunter „Arbeitsscheue“, „Asoziale“, „Gewohnheitsverbrecher“ und Homosexuelle kategorisiert wurden, und Zeugen Jehovas befanden, wurde systematisch ausgeblendet. Das gilt auch für die zahlreichen Kriegsgefangenen sowie die vielen Zwangsarbeiterinnen in den Außenlagern der Rüstungsindustrie. Die politische Instrumentalisierung gipfelte in der Behauptung, dass die 3. Panzerdivision der US-Armee den Vormarsch auf Buchenwald aus niederen Motiven bewusst verzögert habe und dass die Befreiung am 11. April 1945 durch den Widerstand deutscher antifaschistischer Kräfte, d.h. das kommunistische Lagerkomitee, erfolgt sei und nicht durch die Intervention von außen.

Aufgrund der verklärten kommunistischen Erinnerungskultur der DDR wurde es gleich nach der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten notwendig, Leitlinien für eine Neukonzeption der Gedenkstätte Buchenwald zu entwickeln. Schon 1995 erfolgte – anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung der KZHäftlinge – die Eröffnung der ersten Dauerausstellung. Dass diese bereits gut zwei Jahrzehnte später durch die im Begleitheft dokumentierte Ausstellung abgelöst wurde, liegt nicht in einer prinzipiell veränderten konzeptionellen Zielsetzung. Ausschlaggebend waren die während der 20-jährigen Laufzeit der ersten Ausstellung gemachten Erfahrungen und gewonnenen Einsichten, ferner neue geschichtsdidaktische Ansätze und museumstechnische Gestaltungsmöglichkeiten, aber vor allem der rapide Datenzuwachs, u.a. durch den International Tracing Service (ITS; Bad Arolsen, s. nachstehende Rezension). Schließlich hatte sich auch der Fundus durch Gegenstände, die Verwandte und Freunde von Überlebenden zur Aufbewahrung erhalten hatten, erheblich erweitert.

Der leitende Kurator der 2. Dauerausstellung, Professor Volkhard Knigge, seit 1994 Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, sieht die primäre Aufgabe dieser und vergleichbarer Ausstellungen darin, „die dort geschehenen Verbrechen gegen deren Verharmlosung und Verleugnung unwiderlegbar zu dokumentieren und darzustellen sowie den Verfolgten Gesicht und Stimme zu geben“ (S. 6). Mit welchen didaktischen und museologischen Mitteln kann das gelingen? Darstellungen der Vergangenheit sind immer Konstruktionen, unterliegen immer einer Interpretation. Und wie muss eine Ausstellung konzipiert sein, die sich mehr als 70 Jahre nach Ende der NS-Zeit kaum noch an die Zeitzeugengeneration und deren Kinder wendet, sondern an eine Nachkommengeneration, für die NS-Geschichte „erkaltet und gegenwartsfern“ (vgl. S. 6) ist?

Was weiß die Enkelgeneration der Zeitzeugen von Buchenwald? Vermutlich wenig. Hier nur die Auflistung einiger statistischer Eckdaten des Grauens:

Das KZ wurde im Sommer 1937 auf dem Ettersberg errichtet, keine 10 km vom Stadtzentrum Weimars entfernt, also in unmittelbarer Nähe zur „Kulturstadt des Nationalsozialismus“.

Es war eines der größten Arbeitslager auf deutschem Boden, in dem bis April 1945 annähernd 280.000 Menschen aus nahezu allen Ländern Europas im Haupt- und 139 Außenlagern inhaftiert wurden, von denen schätzungsweise 56.000 umkamen. Die meisten Todesopfer waren Sowjetbürger, Polen und Ungarn, neben 8.000 Opfern aus fast allen anderen europäischen Ländern, darunter geschätzt 11.000 Juden.

Allein zwischen 1939–1942 wurden 8.000 sowjetische Kriegsgefangene durch Genickschuss ermordet (vgl. S. 36). Auf Evakuierungs- und Todesmärschen kamen in den letzten drei Monaten vor der Befreiung 9.000 Häftlinge (vgl. S. 136) um. In Ermangelung jeglicher Versorgung in der Quarantänestation (sog. Kleines Lager) kam es Anfang des Jahres 1945 zu einem Massensterben, 6.000 Häftlinge verhungerten oder wurden als Schwache und Kranke von der SS ermordet (S. 144). Beim Einrücken der 3. US-Armee in das Lager befanden sich unter den 21.000 Überlebenden 904 Kinder, die ihr Überleben der Solidarität von Mithäftlingen verdankten, die sie in einem geschützten Raum versteckt hielten.

Die Kuratoren standen vor der Aufgabe, „unannehmbare Geschichte“ begreifbar zu machen. Den Begriff prägte der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész (1929–2016), ein Überlebender von Buchenwald.

In seinem in Politik und Zeitgeschichte abrufbaren Internetaufsatz – ‚Das radikal Böse ist das, was nicht hätte passieren dürfen.‘ Unannehmbare Geschichte begreifen – bezieht sich Volker Knigge bereits im Titel auf Hannah Arendt und Imre Kertész. Der Autor, Jenaer Geschichtsprofessor und leitender Kurator der Dauerausstellung, erläutert, dass „sowohl der Begriff des radikal Bösen wie die Charakterisierung von Geschichte als unannehmbar nicht ins Abstrakte oder gar das Metaphysische verweisen, sondern durchdachte historische Erfahrung repräsentieren und auf dem Durchdenken, auf dem Begreifen historischer Erfahrung beharren, damit unmenschliche Geschichte überwunden und unter Bezug auf historische Erfahrung verhindert werden kann“ (http://www.bpb.de/apuz/218716/unannehmbare-geschichte-begreifen). Der Begleitkatalog spiegelt das historische, geschichtsdidaktische und museologische Ausstellungskonzept in den Grundzügen wider. Es geht den Konservatoren darum, sich von dem sonst üblichen Trend, Geschichte und Geschichtsbewusstsein auf Erinnerung zu reduzieren, deutlich abzusetzen. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wird daher nicht auf das „entkontextualisierte Grauen der Lager“ eingeengt (vgl. S. 7); es geht nicht um die bloße Darstellung von Schrecken und eine erkenntnisarme Widerspiegelung von Leid und Gewalt (S. 8), sondern dezidiert darum, „erfahrbar zu machen […], was an Geschichte und Zukunft virulent und relevant bleibt“ (S. 6).

Es geht, soweit das aus dem Begleitheft zu beurteilen ist und (hoffentlich) auch auf die Präsentationen und Installationen der Ausstellung zutrifft, um die Vermeidung pathetischer Überhöhungen und Erregung von Mitleid. Jeglicher Versuch, „so zu tun, als ließe sich Vergangenheit medial authentisch verlebendigen“ (S. 6), wird unterlassen.

Es ist bekannt, dass Darstellungen von Gewalt, Schrecken und Leid individuell sehr unterschiedlich wahrgenommen werden, aber auch bei sensibler und auch sensitiver Beurteilung des Bildmaterials wird deutlich, dass die Kuratoren hier einen sehr strengen Maßstab angelegt haben. Mögen die Bilder von Leichen im Außenlager Ohrdruf (bei Gotha) (S. 170) und insbesondere das Farbfoto von gestapelten entblößten Leichen auf einem LKW-Anhänger im KZ Buchenwald diese Grenze auch überschreiten, so sind diese und wenige andere Ausnahmen durchaus der zuvor erwähnten Dokumentationspflicht geschuldet. Nach einem ausführlichen Vorwort zur Zielsetzung der Ausstellung Ausgrenzung und Gewalt 1937-1945 folgt eine dicht bebilderte und textlich ausgefeilte geschichtliche Dokumentation, die ihre intensive Wirkung auf den Betrachter dadurch erreicht, dass der Blick nicht einseitig auf das Lager und die darin ausgeübte Gewalt gerichtet ist. Indem die Kuratoren eine erweiterte Perspektive gewählt haben, wird deutlich, dass Ausgrenzung und Gewalt im Nationalsozialismus „mitten in der Gesellschaft“ (Jean Améry, 1912–1978; Widerstandskämpfer und Opfer des Nationalsozialismus) stattfanden.

Die Ausgrenzung von zu „Volkfeinden“, „Andersartigen“ und „Minderwertigen“ erklärten Mitbürgern/innen, begann bereits im Januar 1933 mit der „Machtübertragung“ (defensiv formuliert „Machtergreifung“) und mit dem Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933, der faktischen Aushöhlung von demokratischer Machtkontrolle und Machtverteilung. Der Romanist und Politiker Victor Klemperer (1881–1960) schrieb: „Wieder ist es erstaunlich, wie wehrlos alles zusammenbricht.“ Die Festigung der nationalsozialistischen Diktatur geschah „ohne daß es nur einen einzigen zum äußersten empörte, ja im ganzen, ohne daß es die Leute überhaupt stark berührt“ (S. 9), kommentierte Robert Musil (1880–1942) die Zerstörung der friedlichen Grundordnung im März 1933. Diese beiden Zitate stehen symptomatisch für das Anliegen der Ausstellung, zu illustrieren, dass die von den Nationalsozialisten verübte Ausgrenzung und Gewalt von der Bevölkerung ohne erkennbaren Widerstand gebilligt wurde. Zeitgenössische Bilder von Weimar, der Hauptstadt des NSDAP-Gaus Thüringen, Dokumente der Beteiligung städtischer Krankenhäuser am Programm zur Verhütung erbkranken Nachwuchses und Bildserien vom Bau des KZ Buchenwald in unmittelbarer Nähe zur Kulturstadt des Nationalsozialismus belegen, dass die Ausgrenzung und Gewalt in Teilen offen sichtbar war. Die öffentliche Hinrichtung zweier Häftlinge, die bei ihrem gescheiterten Fluchtversuch einen SS-Mann getötet hatten, dokumentiert den Weg in die Verrohung, die seit der Pogromnacht im November 1938 in die Gewaltspirale, die systematische Verfolgung und Ausgrenzung sog. „Minderwertiger“ und „Volksfeinde“, führte, auch mit Unterstützung sog. „Rassenforscher“ (v.a. Anthropologen, Humangenetiker, Mediziner).

In den weiteren Kapiteln geht es um Krieg und Verbrechen, die Eskalation der Gewaltherrschaft, „rassenkundliche Erfassungen“, antisemitische Feindbilder und Massenmord – und die Mörder.

Die Selbstbilder der Mörder zeigen „Aufsteiger, die ihr Privatleben am bürgerlichen Lebensstil ausrichten“ (S. 42), die sich stolz „als neue Elite des deutschen Volkes“ sehen, eine Selbstwahrnehmung, die durch Bilder ihrer „bürgerlichen Biederkeit“ (S. 43) entblößt wird.

Die Botschaft der Dokumente ist beklemmend: Die Mörder des totalitären Systems waren unter „uns“ – Verwandte, Freunde, Nachbarn, Bekannte, sie kamen aus allen Schichten. Auf weitere Aspekte, wie z.B. die Zwangsordnung des Lagers, das befremdliche Miteinander von Verbrechen und Kooperation sowie die Rolle des Lagers für die Kriegswirtschaft und die Zwangsarbeit sowie Strukturen des Widerstands, kann hier nicht näher eingegangen werden, was auch für das Geschehen in den letzten Monaten die Räumungstransporte, das Massensterben, die Todesmärsche und die Tage der Befreiung im April 1945 – gilt.

Den Ausstellungsmachern gelingt es, historische Erfahrung durch differenzierte Konstruktion und kompetente Interpretation partiell begreifbar zu machen. Das geschieht durch 80 Lebens- und Verfolgungsgeschichten, die den einzelnen Themenkomplexen zugeordnet sind. Sie erzeugen eine unmittelbare Nähe zum Schicksal von Häftlingen. Auch die Präsentation von Sachzeugnissen aus dem Lageralltag, Dingen – Gegenständen, macht Geschichte sichtbar.

Das Mantra Wir haben nichts gewusst! Wir haben nichts gewusst!, das Einwohner Weimars nach der Befreiung des Lagers bei der Konfrontation mit den Verbrechen anstimmten, wird durch die Dokumentation als feige Schutzbehauptung entlarvt. Man hat es gewusst! − Das belegt exemplarisch die unscheinbare handschriftliche Gesprächsnotiz des befreiten Häftlings Herbert Morgenstern vom 11.4.1945:

Bei dem Versuch der Herstellung einer telefonischen Fernverbindung antwortete die Weimarer Telefonistin: ‚Wie siehts in Buchenwald aus?‘

Antwort: ‚Na so halb und halb‘ Telefonistin: ‚Habt Ihr denn die Häftlinge alle getötet? Laßt ja keinen raus‘ (s. S. 177).

Eine Reihe sehr lesenswerter Aufsätze zur Geschichte des Rassismus und zur Zeugenschaft Überlebender vertieft den Blick auf die Zeit des größten Zivilisationsbruchs der Geschichte. Mögen die Ausstellung und dieser Begleitband eingedenk des allgemeinen Ratschlags Principiis obsta! einen Beitrag dazu leisten, dass sich unmenschliche Geschichte nicht wiederholt.

 

Henning Borggärfe (Hrsg., 2016) Freilegungen. Wege, Orte, Räume der NS-Verfolgung. Jahrbuch des Inter national Tracing Service Bad Arolsen, Bd. 5, Wallstein, Göttingen, 263 S., 32 Abb., brosch., ISBN 978-3-8353-1925-7, € 29,90

Bad Arolsen ist heute eine idyllische Kleinstadt im Norden Hessens. Ihre Historie weist sie schon früh in der Weimarer Republik als Hochburg der SS aus. In der NS-Zeit beherbergte Arolsen eine SA-Sport- und SS-Führerschule. 1943 wurde ein Teil der SS-Verwaltungsschule Dachau hierher verlegt. Die notwendigen Um- und Ausbauarbeiten leisteten Häftlinge aus dem KZ Buchenwald, die nach dem Einmarsch der US-Armee am 29. März 1945 ins Lager Buchenwald zurückverlegt wurden, von wo aus einige anschließend auf Todesmärsche geschickt wurden.

In dieser Stadt, die wie so viele in Deutschland eine schmähliche NS-Vergangenheit hat, befindet sich seit 1946 der Sitz des Internationalen Suchdienstes (International Tracing Service, ITS), gleichsam ein Mahnmal aus Papier.

Das Archiv, das seit 2013 zum UNESCO – Memory of the World gehört, enthält rund 30 Mio. Dokumente über die Schicksale von NS-Verfolgten. Die gesammelten Daten betreffen Informationen aus den von den Alliierten gesicherten Dokumenten über Inhaftierungen und Inhaftierte von Konzentrations- und Vernichtungslagern sowie Ghettos und Gestapo-Gefängnissen. Über die Zwangsarbeiter geben Arbeitsbücher und Meldekarten detailliert Auskunft. Umfangreiche Informationen liegen auch zu Displaced Persons vor, also Personen, die sich nach der Befreiung kriegsbedingt außerhalb ihres Heimatstaates befanden.

Eine ebenfalls zum Weltdokumentenerbe zählende Zentrale Namenkartei (ZNK) enthält rund 50 Mio. Hinweiskarten auf 17,5 Mio. Menschen (vgl. https://www.its-arolsen.org/archiv/).

Die vom ITS seit 2012 herausgegebenen Jahrbücher bieten wichtige deutsch- oder englischsprachige Beiträge zum wissenschaftlichen Diskurs über die NS-Verfolgung. Laut Mitteilung der Direktorin des ITS, Floriane Hohenberg, läuft die unter dem Haupttitel Freilegungen erscheinende Jahrbuchreihe mit dem vorliegenden Band aus und wird zukünftig durch zweijährig veröffentlichte Konferenzberichte über internationale Forschungsergebnisse der ITS-Archivarbeit ersetzt werden. Herausgeber der Sammelschrift mit dem Subtitel Wege, Orte und Räume der NS-Verfolgung ist der stellvertretende Leiter der Abt. Forschung und Bildung des ITS, Henning Borggräfe. Der promovierte Historiker erläutert einleitend, dass es in der historischen Forschung zu den NS-Verbrechen wie auch zur Nachgeschichte der NS-Verfolgung ein „wachsendes Interesse an den geografischen Dimensionen von Geschichte und entsprechenden Zugängen“ (S. 11) gibt, was in über 2000 Forschungsanfragen pro Jahr deutlich wird.

Da das ITS, die weltweit größte Datensammlung zur Geschichte der NS-Verbrechen und ihrer Folgen, einen „Digitalisierungsgrad von über 85% der Archivbestände aufweist“ (S. 13), eröffnen sich durch Verknüpfung mit Geografischen Informationssystemen (GIS) völlig neue Rekonstruktionsmöglichkeiten. In den ersten vier Beiträgen geht es um Wege: Christian Groh, Archivar und Historiker, beschreibt in seinem Beitrag die Möglichkeiten der geografischen Recherche. Sebastian Bondzio, Christoph Rass (Univ. Osnabrück) und Ismee Tames (Utrecht) zeigen in ihre Studie People on the Move, wie Lebenslaufdaten des ITSArchivs zur Rekonstruktion von Verfolgungs- und Migrationswegen zu visualisieren sind. So können u.a. anhand digitaler Karten mit georeferenzierten Dokumenten Routen von Todesmärschen ermittelt werden. Der Beitrag des Herausgebers ist eine Fallstudie zu den Opfern der ‚Aktion Arbeitsscheu‘ mit der Rekonstruktion der Verfolgungswege der knapp 300 Opfer. Die Studie von Alina Bothe, Habilitandin an der FU Berlin, behandelt Die Deportation von Jüdinnen und Juden polnischer Staatsangehörigkeit aus Berlin im Oktober 1938, indem sie exemplarisch auf vier Familienbiografien fokussiert.

In den nächsten beiden Abhandlungen geht es um Orte: Der Politikwissenschaftler Roman Herzog analysiert die „Topografie des italienischen Lagerkosmos unter dem Faschismus“ und gibt Aufschluss über die Verteilung von Tausenden Lagern unter italienischer Aufsicht. Die Historiker Markus Roth (Arbeitsstelle Holocaustliteratur Univ. Gießen) und seine Kollegin Christiane Weber steuerten einen hochspannenden Beitrag zum GeoBib-Project, „einen digitalen Atlas der Holocaust und Lagerliteratur (1933–1949)“ bei, der unerwartete „Zugänge zu Werken, Autoren und Orten“ schafft. Schließlich geht es um Räume, ein komplexer Begriff, der sich erst in den vergangenen Jahren in den Kultur- und Sozialwissenschaften durchgesetzt hat (vgl. Stephan Günzel (Hrsg., 2010): Raum. Ein Interdisziplinäres Handbuch. Metzler). In dem hierzu beigesteuerten Beitrag von Paul Sanders, Geschichtsprofessor an der NEOMA Business School Reims, geht es um die NS-Verfolgung und den Widerstand an der Peripherie, den britischen Kanalinseln. Beata Halicka, Professorin am Collegium Polonicum (Poznan– Frankfurt/Oder), vermittelt einen Blick auf das Schicksal polnischer Zwangsarbeiter, die durch den Vormarsch der Roten Armee und infolge der Grenzverschiebungen zu Siedlern im polnischen „Wilden Westen“ wurden. Die Beschränkung auf die Reflexionen ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter schränkt den wissenschaftlichen Wert dieser Studie ein, solange die Erinnerungen und Wahrnehmungen der geflüchteten und vertriebenen deutschen Bevölkerung nicht relativierend einbezogen werden. Der Beitrag des rumänischen Historikers Petre Matei befasst sich mit der im ITS archivierten Sammlung von circa 155.000 rumänischen Wiedergutmachungsanträgen. Dieses einzigartige Material ermöglicht neben der Rekonstruktion von Kriegsopferschicksalen auch neue Erkenntnisse über die Wiedergutmachungspolitik der Bundesrepublik Deutschland. Im zweiten Teil des Jahrbuchs folgen unter dem Haupttitel Erkenntnisse fünf kurze Beiträge, die über laufende Kooperationen und Projekte des ITS informieren. Der bewegende autobiografische Beitrag der Schauspielerin Patricia Litten über das Schicksal ihres Onkels Hans Litten, der sich im KZ Dachau nach jahrelanger Haft und Folter das Leben nahm, steht exemplarisch für die Bedeutung des Archivs für Familienangehörige. Die Leiterin der Abt. Auskunftserteilung zu NS-Verfolgten, Anna Meier-Oszinski, erläutert die in den letzten Jahren vorgenommene Entbürokratisierung der Arbeitsabläufe bei der Bearbeitung humanitärer Anfragen und liefert einige Fallbeispiele. In dem Beitrag der Historiker Umberto Gentiloni und Stefano Palermo geht es um die Deportation von über 1.000 Jüdinnen und Juden von Rom nach Auschwitz-Birkenau, unter denen sich auch 200 bis 300 Kinder befanden. Keines von ihnen überlebte die Verfolgung. Die Studie zeigt, welche zentrale Bedeutung das Archiv des ITS für derartige Rekonstruktionsversuche hat. Die Wiener Library for the Study of the Holocaust & Genocide in London ist eine von sieben Copyholders des digitalen ITS-Archivs. Die Abteilungsund Forschungsleiterin Christine Schmidt skizziert das sich aus dem joint venture zwischen den beiden Institutionen ergebende Forschungs- und Bildungspotenzial. Der abschließende Beitrag von Akim Jah, Elisabeth Schwabenauer und Margit Vogt, die in den ITS-Abteilungen Forschung und Bildung respektive Pädagogik und Bildung tätig sind, informiert über Pädagogische Zugänge zum Weltdokumentationserbe am Beispiel des neuen ITS-Workshopkonzepts (S. 235).

Da das 5. Jahrbuch des International Tracing Service einen kompakten Einblick in laufende Forschungs- und Bildungsprojekte der einzigartigen Institution liefert, ist es für Dozenten und Studierende der Zeitgeschichte und Geschichtslehrer unverzichtbar und eventuell auch für an der Geschichte der NS-Verbrechen und der Erfahrungsgeschichte der NS-Verfolgten interessierte Laien ein Anstoß, das breite Informations- und Bildungsangebot des Archivs in Bad Arolsen zu nutzen.

 

Silke Petry u. Rolf Keller (2016) „Ruhet in Frieden, teure Genossen…“. Der Friedhof des Kriegsgefangenenlagers Bergen-Belsen – Geschichte und Erinnerungskultur. Herausgegeben von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Wallstein, Göttingen, 92 S., 84 z.T. farbige Abb., brosch., ISBN 978-3-8353-1922-6, € 12,90

Am 15. April 2017 jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen durch britische Soldaten zum 72. Mal. Nicht weit entfernt von den damals aufgefundenen anonymen Massengräbern des KZ liegt der Friedhof des Kriegsgefangenenlagers Bergen-Belsen. Auf dieser Anlage wurden im Zeitraum von 1941–1945 19.600 sowjetische Kriegsgefangene, 142 italienische Militärinternierte und 9 polnische Kriegsgefangene bestattet. Sie starben in dem von der deutschen Wehrmacht errichteten und betriebenen Barackenlager, das schon bald nach Beginn des Vernichtungsfeldzugs gegen die Sowjetunion völlig überfüllt war, an Hunger, fehlender medizinischer Versorgung, Seuchen (u.a. Typhus, Fleckfieber) und sehr häufig an brutaler Misshandlung. Erst gegen Kriegsende, Anfang Januar 1945, erfolgte im Rahmen der Verlegung zahlloser KZ-Häftlinge aus frontnahen Konzentrationslagern die Umfunktionierung des Lagers in ein KZ. Bergen-Belsen (S. 3), erlangte seine weltweite Bekanntheit u.a. dadurch, dass hier im Januar 1945 Anne Frank und ihre Schwester Margot vermutlich an Fleckfieber verstarben.

Silke Petry, wiss. Mitarbeiterin der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten in Celle, und Rolf Keller, Abteilungsleiter dieser Institution, legen hier eine sehr informative Dokumentation über einen der „größten Tatorte sowohl von Verbrechen der Wehrmacht als auch der SS“ (S. 3) vor.

Die reich bebilderte und aufwendig gedruckte Abhandlung befasst sich im ersten Abschnitt mit der Geschichte des Kriegsgefangenenlagers Bergen-Belsen (1940–1945). Schon 1935 begann die Wehrmacht mit der Errichtung des Truppenübungsplatzes Bergen und dem Bau riesiger Kasernenanlagen sowie eines Heeresbaulagers aus Baracken für 4.000 deutsche und polnische Bauhandwerker. Ab Kriegsbeginn dienten diese Baracken als Unterkünfte für Kriegsgefangene. Bereits seit dem Überfall auf Polen und dem anschließenden Feldzug gegen Frankreich sowie verstärkt ab dem Vernichtungsfeldzug gegen Russland erfolgte die Errichtung sog. KriegsgefangenenMannschafts-Stammlager (Stalag). Da die Wehrmacht aber keine hinreichende Vorbereitung für die Unterbringung und Versorgung der während des II. Weltkriegs in deutsche Gefangenschaft geratenen 5,7 Mio. sowjetischen Soldaten getroffen hatte, kam es in den sog. Russenlagern zu katastrophalen Zuständen. Die beiden Autoren liefern präzise Fakten über die verheerende Lage der Kriegsgefangenen, denn es wurde von der deutschen Wehrmacht in jeglicher Hinsicht gegen die Verpflichtungen der Internationalen Genfer Konvention von 1929 verstoßen.

Der zweite Abschnitt dokumentiert die Anlage und den Betrieb des Lagerfriedhofs im Krieg 1941–1945. Die Autoren listen die Bestattungsvorschriften nach der Genfer Konvention sowie des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) und die Aufgaben der Wehrmachtgräberoffiziere bzgl. einer würdevollen Bestattung und der Meldevorschriften bei Sterbefällen auf. Im Sommer 1941 wurde bei den Bestattungen noch weitgehend vorschriftsmäßig verfahren, aber ab Winter 1941/42, als die Anzahl der Todesfälle auf durchschnittlich 100 pro Tag stieg, „konnte von einer würdevollen Behandlung und Bestattung der Toten nicht mehr die Rede sein“ (S. 34). Das lassen Fotos und Berichte vermuten, aber offenbar bestand das OKW darauf, die Identifikation der Beerdigten durch Kennzeichnung der Grabstätte möglich zu machen. Laut OKW-Befehl vom März 1942 sollte auch in den Gemeinschaftsgräbern durch Erkennungsmarken eine spätere Identifikation anhand komplexer Angaben in der Kartothek möglich sein. Auch die Pflege und Gestaltung der Anlage und der Grabstätten und sogar eine Generalüberholung wurden noch im Sommer 1944 vom OKW veranlasst, weil das offenbar das beste Mittel ist, um eine entsprechende Pflege von deutschen Gräbern im Feindesland zu erreichen… (S. 41). Für die Monate Oktober 1941, Juni 1943 und Januar 1945 liegen exakte Pläne der Friedhofsanlage vor, die von den Autoren für den jüngsten Plan mit Luftaufnahmen der Royal British Air Force und der U.S. Air Force vom Sept. 1944 und April 1945 abgeglichen wurden.

Der dritte Abschnitt handelt vom Kriegsgefangenenfriedhof ab Mitte 1945, von den Umgestaltungen in der Nachkriegszeit, ferner einem Exkurs der Historikern Julia Jeske zur Biographie des Schöpfers der Trauernden auf dem sowjetischen Ehrenmal, Mykola Muchin (1910–1962).

Schließlich wird die umfassende Neugestaltung in den 1960er Jahren geschildert, die aufgrund des gespannten Ost-WestVerhältnisses mit erheblichen diplomatischen Kontroversen einherging.

Das abschließende Kapitel Schicksalsklärung und Gedenken rekapituliert den sich in den 1980er Jahren abzeichnenden Wandel in der Erinnerungs- und Gedenkkultur. Während frühere Ausstellungen und Gedenkveranstaltungen an der Gedenkstätte Bergen-Belsen fast ausschließlich auf die Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung und das Schicksal der jüdischen Austauschgeiseln und Häftlinge im KZ Bergen-Belsen fokussierten, rückten seit den Neunzigern die sowjetischen Kriegsgefangenenfriedhöfe verstärkt in den Mittelpunkt der Forschung und des bürgerschaftlichen Engagements. Dadurch, dass seit 1996 die Wehrmachtsdokumente über die verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen im Zentralen Archiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation (CAMO, Podolsk bei Moskau) für Forschungszwecke verfügbar sind und seit 2008 die Namen und Personaldaten verstorbener Kriegsgefangener auf der Internetseite www.obd-memorial.ru eingesehen werden können, haben sich offizielle Anfragen nach dem Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener stetig gesteigert.

Eine Bildserie über die Friedhofsbesuche russischer Angehöriger unterstreicht eindrucksvoll den humanitären Wert zeitgeschichtlicher Forschung und verantwortungsvollen Gedenkens, denn es gilt das Diktum von Hanna Arendt (1906–1975): „Das Höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen und abzuwarten, was sich daraus ergibt.“ ¢

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

henkew@uni-mainz.de

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