Wissenschaftsgeschichte

WISSENSCHAFT

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2019

Mathieu Vidard: SCIENCE TO GO. Merkwürdiges aus der Welt der Wissenschaft. Aus dem Französischen von Jörn Pinnow. dtv, München, deutsche Erstausgabe 2018, Hardcover, 320 Seiten, zahlreiche Abb. und Tabellen, ISBN 978-3-423-28974-0, € 17,00

Mit dem Erscheinen von Universallexika verließ die Wissenschaft ihren sprichwörtlichen Elfenbeinturm. Als in den Jahren 1731–1754 das „Grosse vollständige UniversalLexicon aller Wissenschafften und Künste“ (sic!) erschien, reichten 63.000 Seiten, um das damals als relevant erachtete Wissen zu präsentieren. Es folgten sog. Realwörterbücher, darunter so bekannte Nachschlagwerke wie die Enzyklopädien von Zedler, Pierer, Meyer oder Bertelsmann. Heute füllen sie in bildungsorientierten Haushalten als ungelesene, vermeintlich antiquarische Kostbarkeiten zur bloßen Zierde die Bücherregale, denn durch die enorme Wissensexplosion wurden sie heute längst vom ‚allwissenden‘ Internet verdrängt.

Dazu wird in unzähligen populärwissenschaftlichen Printmagazinen sowie im Radio und Fernsehen eine breite Öffentlichkeit tagtäglich mit jeder Form von Allgemein- und Fachwissen konfrontiert. Neben Medien, die eine oberflächliche, massenwirksame Wissenschaftspopularisierung zur Bespaßung und zum billigen Zeitvertreib eines breiten Publikums anbieten, ohne seriös zu informieren oder aufzuklären, gibt es natürlich auch Sendungen mit anspruchsvollen medialen Bildungskonzepten, die Forschung aus erster Hand und Aktuelles aus der Wissenschaft auf anspruchsvollem Niveau für interessierte Zuschauer resp. Zuhörer bieten.

In den letzten Dezennien informieren zunehmend auch Universitäten und Forschungsunternehmen vermehrt auf sog. Wissenschaftsmärkten über ihre aktuellen Forschungsprojekte, Museen locken Interessierte in offenen Nächten kostenlos in ihre Ausstellungen und auf ‚Science Slams‘ buhlen Wissenschaftler um die Gunst von Zuschauern. Der französische Journalist Mathieu Vidard produziert und präsentiert seit 2006 die Sendung La têtê au carré auf France Inter und seit 2017 zur besten Sendezeit auf France 5 das Wissenschaftsmagazin Science grand format. In Interviews mit Wissenschaftlern unterschiedlichster Fachrichtungen versucht er seinen Zuhörern zu vermitteln, dass Forschung fasziniert und nicht elitär-trocken ist, sondern „mitten in unser aller Leben [steckt]“.

Über viele Jahre hat Vidard „[a]ll das, was mich beeindruckt, amüsiert oder neugierig macht“ (S. 7), in seinem Notizheft festgehalten und eine spannende Auswahl „Merkwürdiges aus der Welt der Wissenschaft“ als „Science to go“ zusammengestellt. Entstanden ist ein kurzweiliges, amüsantes und lehrreiches Wissensbrevier, das in 226 kurzen Texten, informationsreichen Tabellen und übersichtlich gestalteten Grafiken Antworten auf Fragen gibt, die Sie sich vielleicht schon immer stellten, ohne aber je nach Antworten gesucht zu haben oder auf die Sie vermutlich niemals von selbst gekommen wären.

Zur ersten Kategorie gehört z.B. „Eine kurze Geschichte der Zeit“, die auf einer sorgfältig gestalteten Doppelseite grafisch verdeutlicht, dass sich – bezogen auf ein Jahr – am 1. Januar der Urknall ereignete, am 9. September das Sonnensystem und am 14. September die Erde entstand, am 2. Oktober gab es erstmals Leben auf der Erde, am 19. Dezember erschienen erste Wirbeltiere und am 31. Dezember um 23:56 h der Homo sapiens. Der Mensch existiert also vergleichsweise nur einen Wimpernschlag lang – mit gravierenden Folgen!

Die zweite Kategorie betrifft z.B. die unendliche Folge von Dezimalstellen der irrationalen Zahl Pi, von denen der Chinese Chao Lu im Jahr 2005 67.890 auswendig aufsagte. Den 2004 aufgestellten europäischen Rekord von Daniel Tammet, der die 22.514 ersten Dezimalstellen in 5 Std. und neun Minuten herunterbetete, gibt Vidard auf gut fünf Seiten wieder; welch unglaubliche Gedächtnisleistung, wenn es so manchem schon schwerfällt, sich vier Ziffern von PINs zu merken.

Vidards Wissensmix ist ein Sammelsurium von Wissenswertem und völlig überflüssigem Wissen aus dem weiten Spektrum der Naturwissenschaften und Medizin, im doppelten Sinne des Wortes ‚merkwürdig‘, mal lehrreich und nachdenklich stimmend, mal aber auch nur kurios, skurril und herrlich unnütz, fernab des Bildungskanons.

Das ästhetisch gestaltete Taschenbuch mit hilfreichem Inhaltsverzeichnis und einer Auswahl intelligenter ‚Wissenschaftszitate to go‘ ist der ideale Schmöker für Jung und Alt, für daheim, in chronisch verspäteten Zügen und in trüben Wartezimmern. Zwar muss man nicht wissen, dass sich die Galaxis Andromeda pro Sekunde um 222 Kilometer nähert, da der Zusammenstoß erst in rund vier Milliarden Jahre erfolgen wird, aber dass ein Geräusch von 190 Dezibel für einen 70 kg schweren Menschen tödlich ist, sollte in unserer verlärmten Welt schon nachdenklich machen. Ebenso wie die umfangreiche Liste der am stärksten vom Aussterben bedrohten Arten, die eindringlich mahnt, uns unserer Verantwortung für die Natur bewusst zu werden. Da Wissenschaft ein Prozess ist, ein nie endender Diskurs in unserer Kulturgeschichte, sollte „Science to go“ in Serie gehen, denn Neues aus der Wissenschaft gibt’s immer. Interessierte können gar nicht genug davon bekommen. (wh) ˜

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitglied der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

henkew@uni-mainz.de

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