Wirtschaft

Wirtschafts- und Sozialgeschichte Westeuropas seit 1945

Manuel Schramm: Wirtschafts- und Sozialgeschichte Westeuropas seit 1945. Massenkonsum und Globalisierung: die Grundlagen der Welt von heute. utb in Gemeinschaft mit Böhlau Köln 2017. 168 S., 71 Abbildungen. Softcover, ISBN 978-3-8252-4837-6. € 19,99

Eine „Wirtschafts- und Sozialgeschichte Westeuropas seit 1945“ verfassen zu wollen, ist ein anspruchsvolles Vorhaben. Der Gegenstand der Untersuchung umfasst eine Zeitspanne von gut sieben Jahrzehnten, 18 Länder sowie die gesamte Bandbreite ökonomischer und gesellschaftlicher Prozesse, wie sie in modernen Industriestaaten zu beobachten sind. Dabei gilt es, auf möglichst viele Teilaspekte des Themas einzugehen, ohne dass die Darstellung oberflächlich wird. Um das Fazit vorwegzunehmen: Manuel Schramms Monographie meistert diese Herausforderung.

Dennoch sticht bei Gliederung und inhaltlicher Schwerpunktsetzung ein konzeptioneller Mangel ins Auge. Auf der obersten Ebene teilt der Verfasser die Wirtschafts- und Sozialgeschichte Westeuropas seit 1945 in drei Phasen ein: Die „Hungerjahre (1945–1950)“, „Das Zeitalter des Massenkonsums (1950– 1970)“ sowie „Das Zeitalter der Globalisierung (1970–2000)“. Diese Strukturierung wirft eine Reihe von Fragen auf: Warum taucht die Zeit nach der Jahrtausendwende nicht in der Gliederung auf, obwohl sie Gegenstand der Ausführungen ist? Endete die Globalisierung im Jahr 2000? Und, am wichtigsten: Hätte der epochale Umbruch 1989/90 nicht ebenso wie die europäische Einigung einen eigenen Gliederungspunkt verdient? Der Weg von der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ (EGKS) sowie der „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ (EWG) über die EG hin zur osterweiterten EU mit Binnenmarkt und gemeinsamer Währung findet zwar vereinzelt Erwähnung, aber eher unsystematisch und auf der gleichen Gliederungsebene wie etwa „Frauenzeitschriften“, „Waldsterben“ oder „Globalisierung der Ernährung“. Die fehlende Schwerpunktsetzung in diesem Bereich hat Konsequenzen: Der Euro sowie die Ursachen und Folgen seiner Krise werden mehr als stiefmütterlich behandelt. Hier würde der Leser mehr und bessere Informationen erwarten.

Schwerer wiegt jedoch, dass es dem Autor nicht immer gelingt, die gebotene kritische Distanz zu den historischen Vorgängen zu wahren und sich nicht zu wertenden Kommentaren hinreißen zu lassen. So heißt es beispielsweise auf S. 90: „Die ‚autogerechte Stadt‘ wurde seit Ende der fünfziger Jahre allen Ernstes (Hervorhebung des Rezensenten) zum stadtplanerischen Leitbild erhoben.“ Auf S. 112 wird das Betreuungsgeld ohne weitere Begründung in der Sache als „umstritten“ abqualifiziert, die in vielerlei Hinsicht hochproblematische und in der damaligen politischen Debatte mindestens ebenso heiß diskutierte Pflegeversicherung jedoch nicht. Als „sicher ein Verdienst der Frauenbewegung“ stuft der Autor in Abschnitt 3.5.2 die Tatsache ein, dass „heutzutage sogar die CDU“ für eine Frauenquote in Aufsichtsräten votiert habe. Und auf S. 141 bleibt nach Ansicht des Verfassers „zu hoffen“, dass das Aufkommen von Parteien und politischen Bewegungen wie Podemos in Spanien, Syriza in Griechenland oder den „Fünf Sternen“ in Italien „nur ein kurzzeitiger Effekt ist, der mit dem Abflauen der Krise verschwindet“. Meinungsäußerungen dieser Art sollten gerade in einem Studienbuch keinen Platz haben. Sie sind nicht nur anachronistisch, sondern verstoßen auch gegen das Gebot größtmöglicher Objektivität in der wissenschaftlichen Darstellung.

Bedauerlicherweise hält sich zudem die Qualität der Abbildungen in Grenzen. Sie wirken oft wie mit einfachsten Mitteln selbst erstellt, sind nicht immer verständlich beschriftet, weichen im Layout teils erheblich voneinander ab oder erscheinen aus anderen Quellen „reinkopiert“.

Zu den Stärken des Bandes zählt die sachkundige Beschäftigung mit dem Kriegsende und den Nachkriegsjahren – eine Zeit, die oft nicht im Fokus zeitgeschichtlicher Überblicksdarstellungen liegt. Mindestens genauso wertvoll sind die kritische Einordnung des „Wirtschaftswunders“ in den wirtschaftshistorischen sowie weltwirtschaftlichen Kontext und die gekonnte Darstellung der gesellschaftlichen Konsequenzen des Massenkonsums. Anderswo findet man dazu häufig bloß die unreflektierte Aufzählung von „wundersamen“ Produktionsrekorden. Hier kommt die große Stärke des Buches zum Ausdruck: Es erklärt in verständlicher Art hochgradig komplexe ökonomische und soziale Prozesse, ohne dass der inhaltliche Anspruch hinter den didaktischen zurücktritt. Das Studienbuch vermittelt dem Leser einen kurzen und kompakten Überblick über ein beeindruckendes Themenspektrum und die am Ende jedes Abschnitts eingefügten und sehr gut ausgewählten Literaturhinweise geben Hilfestellung für die vertiefende Lektüre.

Nach beruflichen Stationen bei der DZ Bank, der Deutschen Bank (DB Research) und der Bundesbank lehrt Prof. Dr. Stefan Schäfer seit 2012 Makroökonomik an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden. Zu seinen Interessengebieten gehören die Geschichte der europäischen Währungsintegration sowie die Erforschung der wirtschaftskulturellen Divergenzen in der Eurozone. Prof. Schäfer ist Mitglied im „Aktionskreis Stabiles Geld“.

stefan.schaefer@hs-rm.de

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