Sozialwissenschaften

Wie die Deutschen weiß wurden

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 6/2017

Wulf D. Hund: Wie die Deutschen weiß wurden. Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus, J.B. Metzler Verlag, Stuttgart, 2017, 212 S., 10 farbige Abb., ISBN 978-3476-04499-0, € 19,99

Der Titel ‚Wie die Deutschen weiß wurden‘ verblüfft aufgrund seiner vermeintlichen Tautologie. So mancher Leser dürfte sich nämlich fragen, ob die ‚Deutschen‘ nicht schon immer ‚weiß‘ waren. Diese Auffassung vertrat nämlich der Historienmaler Wilhelm Lindenschmit (1806–1848) in seiner 1846 erschienenen deutschtümelnden Schrift ‚Die Räthsel der Vorwelt, oder: Sind die Deutschen eingewandert?‘. In dem Pamphlet verkündete er: „Der deutsche Mensch allein ist der wirkliche weisse Mann“ (1846, S. 46). Diese rassistische – und gleichzeitig sexistische – Behauptung war keineswegs eine Einzelmeinung; ‚Deutsches Weißsein‘ stand damals im Zentrum rassistischer Überheblichkeit.

Wie entstand dieses ‚weiße‘ Selbstbewusstsein von der ‚germanischen‘ bzw. ‚deutschen Race‘, das ab dem 17. Jh. im Trend der Zeit lag und sich in „unterschiedlichsten Formen des arischen Mythos, der Germanenideologie und des nordischen Gedankens“ (vgl. S. 6) manifestierte? Dieser Frage geht Wulf D. Hund (*1946), entpflichteter Soziologieprofessor, in der hier vorliegenden ‚Kleinen (Heimat)Geschichte des Rassismus‘ nach. Er beschreibt den „verwickelten Prozess“, der dazu führte, dass die Hautfarbe ‚weiß‘, ein physisches Merkmal, das jahrhundertelang keine spezifische Differenz zwischen Selbst- und Fremdbeurteilung der ‚Deutschen‘ begründet hatte, deren Selbstbild − unter gleichzeitiger Integration älterer Formen des Rassismus – prägte.

Seit den 1990er Jahren hat Hund den vergleichend-historischen Rassismus-Diskurs durch zahlreiche Abhandlungen − wie ‚Negative Vergesellschaftung: Dimensionen der Rassismusanalyse‘ − entscheidend geprägt. Wortgewandt und überzeugend hat der Autor immer wieder der Vorstellung widersprochen, ‚Rassen‘ seien natürliche Kategorien, tatsächliche biologische Gegebenheiten. Durch tiefgründige historische Recherchen entlarvte er ‚Rassen‘ als soziale Konstrukte. ‚Weißsein‘ wurde ebenso wie andere ‚Farben der Rassen‘ „in einem langwierigen und komplizierten Prozess allererst er-zeugt“, „[d]enn von Natur aus gibt es weder Rassen noch Weiße“ (S. 6).

Physische Anthropologen brauchten sträflich lange, bis sie bestehende Rassenkonzepte für obsolet erklärten (s. Deklaration von Schlaining; http://www.friedensburg.at/uploads/files/Deklaration_1995.pdf). Und Ewiggestrige – aus allen Schichten (!) – haben das offenbar bis heute nicht begriffen und perpetuieren ein längst überholtes biologistisches Menschenbild. Dabei wurde doch durch evolutionsbiologische Studien von Nina G. Jablonski und George Chaplin der Adaptationsprozess der Hautpigmentierung längst detektiert (s. http://www.pnas.org/content/107/Supplement_2/8962.full.pdf), worauf Hund leider (!) nicht hinweist.

Auch die Gesetzgebung hinkt hinterher, denn es ergibt sich das Paradox, dass zwar ein Problembewusstsein für den Begriff ‚Rasse‘ vorliegt, aber dennoch an dem Begriff festgehalten wird (vgl. GG, Art. 3, Abs. 3).

Der Hamburger Soziologe fokussiert in seiner Abhandlung auf die geschichtlichen, kulturellen, sozialen, ethnischen und politischen Situationen, die mit Beginn des europäischen Kolonialismus und höchst inflammatorisch ab dem Zeitalter der Aufklärung zu einer neuartigen Wahrnehmung der ‚Farben der Rassen‘ geführt haben. In zehn eindrucksvollen Kapiteln zeigt der Autor, wie sich das an der Hautfarbe orientierte Muster rassistischer Überheblichkeit in der deutschen ‚Heimat‘, einem heuristisch verstanden historischen Ort, erst allmählich neben anderen, viel älteren Rassismen entwickelte, um dann obsessiv seine brutale Wirkung im sozialen Miteinander zu entfalten. Nach kompakter Einführung in die Problematik zeigt Hund an kunsthistorischen und literarischen Beispielen, wie sich die Betonung der Hautfarbe durch den Kolonialismus und die Begegnung mit dem Exotischen „in einem komplexen kulturellen Ambiente“ (S. 13) anscheinend harmlos entfaltete. Antoine Pesnes Gemälde ‚Henriette Karoline von HessenDarmstadt mit Diener‘ (um 1750; vgl. Cover), verdeutlicht das gängige Sujet, das durch den Kontrast zwischen dem hellen Teint der Adligen und dem ‚Hofmohr‘ das Weißsein überhöht. Zeitgenössische Literaturzitate belegen die „Gleichsetzung von Weißsein und Weisheit“ (S. 13). Mit den Schriften von Francois Bernier (1625−1688) und insbesondere denen des Philosophen John Locke (1632−1704) bekommt „Hautfarbe im europäischen Selbstverständnis einen Stellenwert […], der Überlegenheit signalisierte“ (S. 25). Aber es fehlte noch eine systematische Nomenklatur, die die Menschheit gemäß ihrer Hautfarben klassifizierte; diese lieferte Carl von Linné (1707−1778) in der 1. Auflage von Systema naturae (1735). Dabei zeichnete sich das Dilemma ab, dass nicht nur die Deutschen, sondern auch andere Europäer und viele Asiaten ‚weiß‘ waren. Die Hautfarbe taugte also nicht als Alleinstellungsmerkmal zur Diskriminierung von Juden und ‚Zigeunern‘, eine rassentypologisch offenbar prekäre Situation. Von ‚Farben und Sünde‘ handelt das Kapitel zur langen Geschichte des Antisemitismus. Dieses dicht gepackte Essay benennt die Liste antisemitischer Stereotype, zu der auch Persönlichkeiten wie u.a. Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte, Clemens von Brentano, Arthur Schopenhauer und Richard Wagner sehr unrühmlich beigetragen haben. Zwar spielte die zugeschriebene ‚weiße‘ Hautfarbe keine Rolle, „womit die Rassenkonstruktion nur scheinbar außer Kraft gesetzt [war] – denn sie zielte tatsächlich immer nur auf angeblich innere Differenzen“ (S.36). Wegen des Dilemmas mangelnder visueller Identifizierbarkeit der Juden wurde schon im 12. Jh. von Friedrich II. verfügt, dass Juden sich erkennbar kleiden müssen, eine Stigmatisierung die durch den Judenstern seine Fortsetzung fand. Hund nennt ein weiteres Stigma. Der Konvertit Paul W. Hirsch erblödete sich nicht, die ordinäre Version zu verbreiten, jüdische Männer würden menstruieren, was „den ‚foetur judaicus‘, den man schon riechen könnte, ehe man den Juden sah“, erklären würde (S. 42). Weitere Inhalte seien nur angedeutet: Das Kapitel ‚Schwarze Ritter und Heilige Schwarze‘ handelt von der sich im 16. Jh. abzeichnenden Dehumanisierung ‚schwarzer‘ Menschen. Ferner geht es um die Bedeutung der Hautfarben Schwarz und Weiß in den machtpolitischen Auseinandersetzungen zwischen Christentum und Islam. Auch heute noch kursierende Facetten des ‚Zigeuner‘-Stereotyps werden im Abschnitt ‚Schwarzes Volk‘ und ‚Faules Gesindel‘ thematisiert, und in ‚Rassen® made in Germany‘ geht es um den Rassismus der Aufklärung, um die zeitgenössische Überführung alter Formen rassistischer Diskriminierung „in die neue Version eines biologisch argumentierenden Rassismus“ (S. 87). Ab Mitte des 19 Jh. begann mit den Weltausstellungen die Popularisierung des Weißseins, u.a. auch durch Völkerschauen bei Hagenbeck. In der Werbung für das Seifenprodukt ‚Kaloderma‘ verschmolzen „Weißsein und Reinheit […] zu einer einfachen Botschaft: rassische Überlegenheit ließ sich durch körperliche Sauberkeit und die wiederum durch einschlägiges Konsumverhalten demonstrieren“ (S. 105). Auch der ‚SarottiMohr‘ trug als Nachfahre des ‚Hofmohren‘ zur Betonung der Distanz zwischen weißen und farbigen ‚Rassen‘ bei. Schließlich geht es um die ‚Gelbe Gefahr‘ und ‚Schwarze Schmach‘ und die angebliche Bedrohung des Weißseins, und im Kapitel ‚Herrenvolk‘ und ‚Untermenschen‘ wird die dunkelste Seite deutscher Geschichte aufgeschlagen. Hund schreibt: „Das Ordnungssystem der Konzentrationslager wirkte wie ein Prisma, das die Vorstellung von einer weißen Herrenrasse in ein Spektrum farblicher Stigmata zerlegte“ (S. 135). Es war die „bürokratische Umsetzung des rassistischen Konglomerats aus Idiosynkrasie und Diskriminierung, das sich gleichwohl als Wissenschaft präsentierte…“ (S. 137). Das Kapitel Vom ‚Persilschein‘ zum ‚Weißen Riesen‘ handelt von der Entnazifizierung, die sich retrospektiv als große Farce erwies. Hund nennt sie – mit Recht – eine „Mitläuferfabrik“ (S. 158), in der sich die Deutschen ganz schnell wieder ‚weißwaschen‘ konnten. Auch die in die KZ-Verbrechen involvierten Industriebetriebe kamen fast ausnahmslos mit einer ‚weißen Weste‘ davon. Unter dem Stichwort ‚Schlußstriche‘ prangert Hund die Entwicklung eines ‚sekundären Antisemitismus‘ (sensu T. W. Adorno) scharf an und beschreibt die bedrohliche Entwicklung, wie unter der Tope ‚Abendland‘ „kulturelle Abgrenzungen […] mit traditionellem Rassendenken verbunden werden“ (S. 161). Arg gedrängt kritisiert er die pseudobiologischen Argumente von Thilo Sarrazin, die „demagogische[n] Manöver“ der PEGIDA und die „Rassisierung des Islam“. Er empört sich über den Literaturkritiker Dennis Scheck und dessen Blackfacing, „um den Anspruch von Weißen zu verteidigen, ihre zur Kultur geronnene rassistische Tradition guten Gewissens fortschreiben zu können“ (S. 164). Den Betreibern zahlreicher ‚Mohren-Apotheken‘ und ‚Mohren-Bräus“ wirft er vor „auf einer Deutungshoheit [zu bestehen], die historische Zusammenhänge ignoriert, damit verbundenes Unrecht leugnet und kritische Reflexion verweigert“ (S. 165). In Zeiten zunehmenden Rechtsrucks, in denen nicht nur anonym in den Internet-Foren, sondern ganz offen fremdenfeindlicher Meinungsmüll verbreitet wird und rassistische Übergriffe alltäglich geworden sind, klingt Hunds Buch wie ein Memento: Principiis obsta! Indem Hund den Begriff ‚Rasse‘ vom Begriff des Rassismus trennt und letzteren als Legitimationsideologie sozialer Ungleichheiten begreift, sollte jedem bewusst sein, dass der Diskurs über die Unvereinbarkeit von Kulturen und Ethnien rassistische Virulenz birgt.

Hund erzählt befremdliche, verstörende und beklemmende ‚Geschichten‘ zur Geschichte des (Kultur-)Rassismus und liefert aufschlussreiche, durch seine früheren Schriften bereits bekannte soziologische Reflexionen. Da der Rassismus – schon wieder – in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen ist und ganz offensichtlich nicht nur von bildungsfernen Schichten ausgeht, liegt hier ein willkommener Bildungsbeitrag vor. Aber hilft Bildung, wenn Dummheit der Stoff ist, aus dem die Vorurteile sind? Da bleibt nur das Prinzip Hoffnung. Glaubt man dem Diktum ‚Wer seine Geschichte vergisst, ist dazu verdammt, sie noch einmal zu erleben‘, dann ist der quellenintensive Band antirassistische Pflichtlektüre. (wh)

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

henkew@uni-mainz.de

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