Kunst

Wenn Grenzen verschwinden

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2021

In diesem Sommer ist im Berliner Gropius Bau eine umfassende Werkschau der bedeutenden japanischen Künstlerin Yayoi Kusama zu sehen. Ein opulent gestalteter Katalog bietet seinen Lesern nicht nur reiches Bildmaterial, sondern in zahlreichen Aufsätzen und Essays auch eine gut strukturierte Einführung in die Werkgeschichte und ihre kulturellen Zusammenhänge. Die im Jahre 1929 in Matsumoto geborene Kusama gilt als Pionierin ganzheitlicher künstlerischer Erlebnisformen, bei denen sie sich als Künstlerin ebenso einbringt wie die Betrachter ihrer Kunst. „Selten greifen Werkproduktion, Präsentation und Rezeption so geschlossen ineinander wie im Werk dieser Ausnahmekünstlerin“, schreibt im Vorwort Stephanie Rosenthal, die Direktorin des Gropius Bau und Kuratorin der Ausstellung. Das Werk Kusamas ist vielschichtig. Es umfasst Zeichnungen, Collagen und Malerei, Performances und Happenings, Mode und Kunsthandwerk, Literatur, Fotografie und Film. In die Vielgestaltigkeit des Oeuvres führt Rosenthal mit einem originellen Essay ein, in dem sie einen Blick auf acht Ausstellungen von Yayoi Kusama wirft, die in den Jahren 1952 bis 1983 in Japan, in den USA und in Europa stattfanden.

Yayoi Kusama beginnt 1948 in Kyôto mit dem Studium der japanischen Malerei, löst sich aber schon bald von den künstlerischen Vorbildern Japans und zieht 1957 zunächst nach Seattle, ein Jahr später nach New York. Ihre erste Einzelausstellung hatte sie zuvor in ihrer Geburtsstadt. In den Aquarellen, Gouachen und Ölbildern scheinen schon die charakteristischen Elemente ihrer Bildsprache durch: „abstrakte Bilder mit wiederholten, geschwungenen Pinselstrichen“, gleichsam Vorläufer ihrer „infinity nets“ (S. 10). Zuerst in New York, danach in Europa, u.a. in Museen und Galerien in NRW und in den Niederlanden, kommt sie in Kontakt zu den aktuellen Kunstströmungen der späten 1960er Jahre. Sie selbst wird in diesen Jahren zu einer Pionierin der künstlerischen Performance und Installation, gelegentlich provokativ, aber immer innovativ, etwa mit ihrem „Infinity Mirror Room – Phalli’s Field“ aus dem Jahre 1965, einem „Meilenstein“ (M. Laurberg) der Werkgeschichte, bei dem sich der „Wandel vom Kunstwerk als Objekt zum Kunstwerk als Situation“ zeigt (S. 282). In den 1970er Jahren kehrt Kusama nach Japan zurück. Aufgrund gesundheitlicher Probleme, u.a. mit Halluzinationen, lässt sie sich 1977 in eine Psychiatrische Klinik einweisen, in der sie noch heute lebt, ganz in der Nähe ihres Ateliers. In dieser Zeit entstehen auch literarische Texte, die im Katalog Akira Tatehata vorstellt. Ein Höhepunkt ihres Schaffens ist sicherlich ihre Mitwirkung auf der 45. Biennale von Venedig, bei der sie den japanischen Pavillon gestaltet. In Malerei und Skulptur wird der mit Punkten versehene Kürbis zu einem zentralen Motiv ihrer Kunst. Darüber hinaus arbeitet sie auch mit Ton und Stoffen, die sie zu Skulpturen formt. In Singapur gestaltet sie 2006 den öffentlichen Raum, indem sie Bäume mit Stoffen ummantelt, die ihre charakteristischen „Polka Dots“, hier in weiß auf rotem Grund, zeigen.

Der vorliegende Katalog bietet einen hervorragenden Einblick in ein Werk, das sich zum einen in der Verwendung der Medien ausgesprochen wandelbar und grenzüberschreitend zeigt, bei dem zum anderen aber auch Kontinuitäten in der Bildsprache durchscheinen, vor allem in ihren „Netzen“ und in den mit farbigen Punkten markierten Werken. Die Essays im Band thematisieren diese verschiedenen Facetten des Oeuvres. Antje von Graevenitz diskutiert in einem luziden Beitrag „Kusamas Schlüsselbegriffe“: „Infinity Net“ und „Self-Obliteration“. Romina Dümler zeichnet die frühen Kontakte Kusamas zur Kunstszene in Nordrhein-Westfalen nach. Burcu Dogramaci kommt in der Beschreibung von Kusamas New Yorker Jahren (1958-73) zu dem Schluss, dass man ihrem Werk und ihrer Person „mit einer gewissen Unschlüssigkeit“ begegnete (S. 135). Dem Spätwerk Kusamas, namentlich den Bilderserien „Love Forever“ (2004-07) und „My Eternal Soul“ (seit 2009), widmet Jörg Heiser einen eindringlichen, wenngleich sprachlich gelegentlich etwas sperrigen Beitrag.

Der Katalog lässt kaum Wünsche offen. Die Texte sind informativ, die Abbildungen sind hochwertig. Begleitende Materialien wie Abbildungen von Plakaten, Fotografien oder Zeitungsausschnitten lockern die Textteile auf. Japanische Quellen sind im Anhang übersetzt. Nur über Yayoi Kusamas unternehmerische Aktivitäten und ihre Arbeitsweise hätte man gern noch Genaueres erfahren. Angesichts der Fülle der Arbeiten, ihrer räumlichen Dimensionen und ihrer hohen Komplexität fragt sich beispielsweise, wie die Werke dieser großen Künstlerin genau entstanden sind. (wsch)

 

Yayoi Kusama. Eine Retrospektive. Hrsg. von Stephanie Rosenthal. ­München/ London/New York: Prestel 2021, 351 S., 361 farb. Abb., 107 s/w Abb., Hardcover, ISBN 978-3-7913-7828-2, € 45,00.

Wolfgang Schwentker (wsch) ist Professor em. für vergleichende Kultur- und Ideengeschichte an der Universität Ôsaka und Mitherausgeber der Neuen Fischer Weltgeschichte.

schwentker@hus.osaka-u.ac.jp

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