Umwelt | Natur

Von Schmetterlingen, Bienen und Menschen

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2019

Olaf Nils Dube: Bienen und Menschen – eine Freundschaft. Mit Illustrationen von Isabel Pin. Berlin: In ­ sel-Verlag 2018, gebunden, 159 Seiten. ISBN 978-3-458-17777-7. € 18,00

Muss ein Buch den Leser glücklich machen wie es der Verlag nahelegt? Gar ein Sachbuch? Oder ist es mit seinen naturphilosophischen Inhalten über Bienen und Menschen gar keines? Jedenfalls ist das Glück des Autors, das ihn zu der poetischen Beschreibung einer ungewöhnlichen Freundschaft veranlasste, hinter jeder Zeile zu spüren. Ein Aussteiger, der ganz klassisch seinen wohldotierten Job hinwirft und in einen Zirkuswagen zieht, um fortan sein Leben mit und durch die Bienen zu bestreiten, wird sicher einen anderen Zugang zu den Honigbienen finden, als ein Wissenschaftler. Oder der gewöhnliche Profiimker – von denen es glücklicherweise vom USA-Typus bei uns in Deutschland nur wenige gibt – der, wie so häufig von seinen Berufskollegen des „normalen“ Bauernstandes praktiziert, eher die Gewinnmaximierung dank Chemie und Technik und nicht Natur und Umwelt oder das Tierwohl der ihm anvertrauten Geschöpfe im Sinn hat. Ganz anders der Autor des schmalen Inselbüchleins, der sich zwar früh in seiner Imkerkarriere auf den Weg zum Demeter-Profiimker macht, aber als „Alternativer“ sein Leben – seine Familie kommt kaum vor – mit den Bienen und rund um den Honig für Andersdenkende und Bienenliebhaber beschreibt. Seit das Bienenhalten „cool“ ist und sogar auf den Hochhäusern der Großstädte geimkert wird und gar Frauen sich diesem Sujet verschreiben, geht es mit unserer Honigbiene wieder aufwärts; zwar nicht mit deren Individuenzahl, aber mit der Anzahl der Völker, die von jüngeren, neugierigen Menschen nun gepflegt und behütet werden. Auch der Autor gehörte dazu, wollte sich aber nach seinem Rausschmiss aus seiner gut bürgerlichen Stellung – was er mit sehr viel Humor und Selbstironie beschreibt – nicht in die Fußstapfen dieser Hobbyimker begeben, sondern Nägel mit Köpfen machen und mit zum Lebensunterhalt seiner Familie beitragen. Und dazu braucht man neben dem Imkern entweder kaufmännisches Gespür oder die Finesse einer Marktfrau – am besten beides, wie der Autor in zwei Kapiteln amüsant darstellt.

Aber zurück zum Hauptanliegen des Autors, der biodynamischen Landwirtschaft bezogen auf die Imkerei. Nicht umsonst kommt er dabei immer wieder auf Rudolf Steiner zurück und auf seine anthroposophischen Vorstellungen vom natürlichen Zusammenwirken einzelner Komponenten der Natur und der Akteure dort in Bezug zur Landwirtschaft und übertragen auf sein eigenes Lieblingstier und dessen „wesensgemäßen“ Haltung.

Nach dieser langen, wenn auch nicht uninteressanten, „Vorrede“ über die oder auch den einen Menschen und deren Verbindung zu Natur und Biene wird es Mitte des Büchleins nun erheblich bienenlastiger. Der Bio-Imker schöpft aus seiner Erfahrung im Jahresrhythmus „des Bien“, wie er das gelebte Kollektiv des Bienenvolkes bezeichnet, wirft dabei aber immer einen Blick auf den Menschen, manchmal im Zorn, manchmal zum Vergleich. Hier findet denn auch der Bienenfachmann noch das eine oder anderer Wissenswerte insbesondere zur ökologischen Haltung der Honigbiene, wenn denn der Ertrag nicht alleine im Vordergrund steht und der Natur der Honigbiene genüge getan wird. Es ist dabei für den Laien oder den taufrischen Imker spannend, die Wunder der Natur im und außerhalb des Bienenstocks auf diese Art kennen zu lernen.

Die trotz des harten Jobs als Vollerwerbsimker gelebte und gut niedergeschriebene Naturromantik des Autors und seine Begeisterung für die Honigbiene und das Imkern verdecken dabei etwas die fehlende Darstellung des kritischen Zustandes unserer Natur und speziell der Insekten, die in seinem Metier wichtiger sein muss als für viele andere Menschen. Denn um das Kulturgut Honigbiene kümmern sich immer mehr Imker, aber wer kümmert sich um die Wildbienen, wie z.B. die auch von ihm erwähnte Zahntrost-Sägehornbiene, wenn es deren Nahrungsgrundlage, den im Spätsommer blühenden Zahntrost, durch die intensive, chemiesierte und mechanisierte Landwirtschaft nicht mehr gibt? Schade!

 

Paul Westrich: Die Wildbienen Deutschlands. Stuttgart: Eugen Ulmer Verlag, 2018. 824 Seiten, 1700 Farbfotos, 17 Zeichnungen, 14 Tabellen, gebunden, ISBN 978-3-8186-0123-2. € 99,00

Wer kennt sie nicht, die Honigbiene, genauer die Westliche Honigbiene (Apis mellifera), über die in den vergangenen Jahren viel geschrieben und in den Medien berichtet wurde. Sie gilt als Maßstab für die Unvernunft des Menschen im Umgang mit der Natur. Ihr Rückgang und ihre Probleme sind symptomatisch für das Insektensterben, verursacht primär durch unsere industrialisierte Landwirtschaft und die vielen anderen menschlichen Eingriffe in Natur und Umwelt. Mit dem kommerziellen Argument der ungeheuren Bestäubungsleistung dieser Spezies für unsere Landwirtschaft setzte selbst in unserem Landwirtschaftsministerium eine Image- und Förderkampagne ein, die im Zusammenhang mit der wieder modisch gewordenen Imkerei hier zu einer Stabilisierung der Bestände führte. Vergessen dabei wurde, dass gespritzte und überdüngte Wiesen und Felder, verschwundene blumenreiche Wegränder und Feldraine mit ihren Krautfluren oder fehlende Hecken, um nur einige der Missstände zu nennen, auch andere Arten betreffen, die man nicht der Pflege eines Imkers anvertrauen kann. Dies sind neben vielen anderen Insekten die Wildbienen, die – nebenbei bemerkt – durch ihre Vielfalt und Spezialisierung eine erheblich größere und oftmals wichtigere Bestäubungsleistung erbringen als unsere Honigbienen. Von diesen Wildbienen, zu denen u.a. die Hummeln gehören, gibt es weltweit über 20.000 Arten, davon 2000 in Europa und immerhin wurden mehr als 565 sogar in Deutschland nachgewiesen, woran der Autor des vorliegenden Werkes nicht ganz unbeteiligt ist. Über die Hälfte dieser Wildbienenarten ist entweder gefährdet, vom Aussterben bedroht oder so selten, dass sie als verschollen gelten. Betroffen davon sind Winzlinge von wenigen Millimetern bis zu den großen Hummelarten von einigen Zentimetern Größe, oftmals Spezialisten, angepasst an einzelne Pflanzen oder Pflanzengruppen, die ohne diese Bestäuber ebenso gefährdet sind wie diese. Im Kontext der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ der Bundesregierung von 2007 ist bis heute nicht wirklich viel geschehen. Wie beim Klimaschutz haben Arbeitsplatzinteressen – hier der subventionsbetonten industrialisierten Landwirtschaft – in der Regel auch hier Vorrang vor dem nachhaltigen Schutz dieser faszinierenden Blütenbesucher. Der Kumpel im Bergbau und die anthropogene Klimaänderung lassen grüßen. Aber noch gibt es keine Fridays-for-Wildbees-Demonstrationen! Das vorliegende Werk kann aber hierzu die wissenschaftlichen und praktischen Grundlagen liefern, um das Überleben mancher hochspezialisierten Wildbienenart und damit auch deren Bestäubungspartnern zu sichern.

Paul Westrich machte bereits in den 1980er-Jahren mit seinem Werk „Die Wildbienen Baden-Württembergs“ die Wildbienen zu seiner Passion und deren Problematik in Fachwelt und Öffentlichkeit bekannt – Auslöser für viele andere, Wissenschaftler und Naturbegeisterte, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Nun folgt sein wirklich großes Buch zu den Wildbienen Deutschlands – nicht alleine der Wiedervereinigung Deutschlands geschuldet, sondern einem erheblich erweiterten Kenntnisstand, an dem er tatkräftig als einer der Fachleute auf diesem Gebiet beteiligt war. Hierzu hat er neben vielen eigenen Naturstudien (mit immer wieder erstaunlichen Fotografien, die jeden Naturliebhaber begeistern müssen) über 3000 Publikationen ausgewertet und zitiert. Das Werk mit seinen über 800 Seiten und unglaublichen 1700 Fotos zeigt, auf welchem hohen Erkenntnisstand das Wissen über die Wildbienen heute schon ist, zeigt aber auch, dass insbesondere die Ökologie der Wildbienen noch lückenhaft ist und weiterer Anstrengungen bedarf.

Der Autor wählt zur Beschreibung seines Studienobjektes einen etwas außergewöhnlichen Ansatz, indem er zuerst die Lebensräume dieser Tiere, ihre Lebensweise (Brutfürsorge, Nester), die Nutznießer und Gegenspieler aus dem Tierreich bis hin zum Menschen sowie die Abhängigkeiten zwischen Bienen und Blüten skizziert. Und natürlich war ihm auch die Gefährdung der Wildbienen und ihr Schutz ein Anliegen. Abgeschlossen werden diese ersten vier Kapitel mit einer 30-seitigen Pollenliste von Pflanzen versus der sie befliegenden Wildbienenarten, die mit ihrer Nomenklatur überdeutlich die Abhängigkeit mancher Pflanzen von bestimmten Bienenarten und umgekehrt deutlich macht. Viele oligolektische Wildbienenarten, also solche, die auf eine spezielle Pflanzenart oder deren Familie spezialisiert sind, werden hier benannt. Beim Aussterben eines der Partner ist auch der andere gefährdet. Manch andere „gewöhnliche“ Pflanze wie die Schafsgabe oder der Hornklee erweist sich dagegen als wahre Bienenweide, aber auch hier gibt es Spezialisten die auf konkret deren Blüten angewiesen sind. Erst ab der Mitte des Buches widmet sich der Autor auf über 300 Seiten 560 Arten einheimischer Wildbienen in sogenannten Steckbriefen, die den kürzeren Beschreibungen von Bestimmungsbüchern ähneln, wenn auch auf höherem Niveau. Parameter sind Kennzeichen, Verbreitung, Lebensraum, Nistweise, Blütenbesuch und Phänologie. Hier erfolgt auch ein Hinweis, ob es für die jeweilige Art eine andere als Kuckucksbiene gibt – ja auch so etwas gibt es bei Wildbienen, wie auch blattschneidende Arten (zum Nestbau) wie bei den Ameisen. Über 420 Arten sind in Lebendfotos und mit Merkmalen zur Feldbestimmung dargestellt. Viele Arten und Verhaltensweisen sind so zum ersten Mal im Bild zu sehen.

Der mit der Meigen-Medaille der Deutschen Gesellschaft für allgemeine und angewandte Entomologie ausgezeichnet Dr. Paul Westrich studierte Biologie und promovierte in Tübingen. Seit mehreren Jahrzehnten erforscht er die Wildbienen und gibt sein Wissen in zahlreichen Publikationen und Vorträgen weiter. Hier hat er sich mit diesem Opus Magnum ein Denkmal gesetzt und für alle Entomologen, nicht nur für die Bienenspezialisten, sondern auch die Naturliebhaber, Umweltschützer und alle, die sich beruflich mit dieser Materie auseinander setzen müssen, ein fundamentales Werk erarbeitet, das für die nächsten Jahrzehnte – wenn nicht darüber hinaus – Bestand haben wird.

 

Bruno P. Kremer: Schmetterlinge in meinem Garten. Falterfreundlich gärtnern mit den richtigen Pflanzen, Haupt Verlag, Bern 2018. 208 Seiten, 350 Farbfotos, Flexobroschur, ISBN 978-3-258-08054-3, € 29,90.

Sie persönlich können etwas dagegen tun: gegen das Insektensterben und speziell den Rückgang der Schmetterlinge. Das ist die Kernaussage des Buches, das mit schönen Bildern und vielen Tipps diese These untermauert. Der Untertitel macht deutlich, wie das bewerkstelligt werden soll: Der „grüne Daumen“ im Hausgarten ist gefragt, kombiniert mit der Tierliebe des potenziellen Lesers und der Aussicht auf einen vielfältigen blühenden Garten und das gute Gewissen nach vollbrachter Tat. Denn nach der Umsetzung der Vorschläge hat Mann oder Frau etwas gegen das Artensterben getan. Jeder kann es also selbst in die Hand nehmen und muss nicht erst bei der Europäischen Kommission vorstellig werden, um die europäische Landwirtschaftspolitik zu ändern! So wird es zumindest suggeriert.

Aber Sarkasmus bei Seite – er ist dem Buch auch nicht angemessen. Die vielerorts für die Natur brachliegenden Hausgärten bieten zumindest theoretisch ein großes Potenzial, Nahrung für Insekten und damit auch für Schmetterlinge und deren Brut zu bieten, denn in deutschen Hausgärten gibt es diesbezüglich viel zu tun. Neben den zunehmend von modernen Architekten und sogenannten „Landschaftsgärtnern“ entdeckten Schottergärten gilt es nach wie vor, auch den „gepflegten Rasen“ zu bekämpfen, dessen biologische Nachhaltigkeit mehr als grenzwertig ist. Hierfür tritt der Autor ein, wenn er Hausgärten falterfreundlich mit entsprechenden Pflanzen, und hier sind nicht nur die bekannten Gartenpflanzen aus aller Welt gemeint, ausstatten möchte und hierzu die Wechselbeziehung zwischen Pflanze und Schmetterling – Fauna trifft Flora – auf seine eigene Weise darstellt.

Das durch den Haupt-Verlag in gewohnt guter Art gemachte Buch – tolle Bilder, informativer Text mit kurzen eingefügten Steckbriefen der wichtigsten Merkmale von Tier oder Pflanze, und alles im modernen Satz – ist in drei Abschnitte geteilt. In einer auch für Laien gut verständlichen Hinführung in die faszinierende Welt der Schmetterlinge und des falterfreundlichen Gartenbaus mit Kapitelüberschriften wie Den Schmetterlingen auf’s Maul geschaut oder Ein Stück vom Paradies beschreibt der Autor neben der Biologie der Tiere insbesondere das Zusammenwirken von Tag- und Nachtfaltern mit deren Wirtspflanzen in den vier Entwicklungsstadien Ei, Raupe, Puppe und Schmetterling. Dabei liegt auch hier das Schwergewicht auf der Flora mit Beschreibung des Blütenaufbaus bis zur Ausgestaltung eines insektenfreundlichen Gartens. Von den 180 in Europa heimischen Tagfalterarten und den hier bei uns um ein Vielfaches größeren Artenreichtum der Nachtfalter beschreibt der Autor – übrigens ein ausgewiesener Schweizer Biologe – gerade einmal die häufigsten 40 Arten in Einzelporträts, in der Regel mit Abbildungen auch der Puppe und der Raupe bzw. der Eier. Er trifft dabei, obwohl aus Schweizer Sicht geschrieben, primär auch den deutschen Schwerpunkt der Populationen. Diese Porträts beinhalten einen Kurzsteckbrief der Tiere mit eingestreuten Hinweisen zur Falterförderung im Hausgarten, die dann im nachfolgenden Kapitel zu den Pflanzempfehlungen für den eigenen Garten mit 80 eigenen Pflanzensteckbriefen bis hin zu Gartentipps ergänzt werden. Hier wird alleine durch Art und Anzahl der beschriebenen Pflanzen – viele wohlschmeckende Küchenkräuter sind dabei – auch der gärtnerische Charakter des Buches deutlich.

Wer Faltern im Garten einen Platz zum Leben schaffen will, findet in diesem Buch die richtigen Hinweise und die Futterpflanzen mit ihren Bedürfnisse, die dem gerecht werden und dem Garten ein eigenes buntes und unverwechselbares Gepräge geben – die Schmetterlinge und viele andere tierische Gartenbesucher werden es Ihnen danken.

 

Johann Zaller: Unser täglich Gift. Pestizide – die unterschätzte Gefahr. Deuticke im Zsolnay Verlag, Wien 2018. Paperback, 239 S., ISBN 978-3-552-06367-9 € 20,00

Wie neuesten Zeitungsmeldungen zu entnehmen ist, strebt die ehemalige Weinkönigin und heutige Bundeslandwirtschaftsministerin Juliane Klöckner ein EU-weites Verbot des heftig umstrittenen Herbizides Glyphosat an, gegen das nicht nur alle Umweltverbände Sturm gelaufen und Petitionen gestartet worden sind, sondern Wissenschaftler aller einschlägigen Wissenschaftszweige aus unterschiedlichen Gründen Warnungen ausgesprochen haben. Gut so, wenn auch in den Augen des Rezensenten reichlich spät und nicht eigener Einsicht, sondern dem Druck der Öffentlichkeit folgend! Dem würde sicher auch der Autor des in Rede stehenden Taschenbuches zustimmen, der sich allerdings bei seiner Auseinandersetzung zum Thema nicht nur auf diesen Wirkstoff beschränkt, sondern alle Pestizide und deren Verwendung und Auswirkung im Fokus hat, zu denen neben den Herbiziden, also den „Unkraut“-Vernichtern auch Insektizide, Fungizide (Pilzmittel), Akarizide (Mittel gegen Milben) oder Molluskizide (Schneckengifte) u. a. gehören.

Die Ministerin selber kommt aus dem Weinbau und damit aus einer Branche, die, nach dem Apfelintensivanbau (ein konventioneller Apfel wird im Durchschnitt bis zur Ernte 31 Mal gespritzt!), die meisten Pestizide in einer großen Bandbreite in die Umwelt ausbringt. Wen wundert es, dass es so lange gedauert hat mit dieser (Teil-)Einsicht, wie dieses Lobbytum überhaupt ein besonderes Phänomen dieses landwirtschaftlich-industriellen und primär durch Subventionen gestützten Komplexes ist, der auch vom Autor ins Visier genommen wird. Er steht damit nicht alleine, wie mehrere Sachbücher der letzten Jahre zu ähnlichen Themen beweisen.

Die beinahe weltweit unheilige Allianz zwischen Landwirtschaft und Chemieindustrie, verwoben mit der „boden­ ständigen“ Politik über deren Subventionen auf allen politischen Ebenen schafft ein Klima, in dem mahnende Stimmen aus Umwelt, Medizin und Wissenschaft nur schwer durchdringen. Selbst gravierende Umweltskandale vergangener Jahrzehnte schafften hier kein Fanal für die Zukunft. Wie z.B. DDT, ein Herbizid, das jahrzehntelang auch in der Landwirtschaft eingesetzt wurde, aber seine traurige „Berühmtheit“ erst als Entlaubungsmittel in Vietnam erhielt; oder das Insektizid Lindan. Das wurde auch zum Holzschutz in Innenräumen verwendet und erst vom Markt genommen, als ganze Häuser wegen Unbewohnbarkeit abgerissen und als Sondermüll entsorgt werden mussten, nachdem die Bewohner mit neuen Krankheitsbildern den Ärzten Rätsel aufgaben. Oder Atrazin: Noch heute kämpfen einige Gemeinden auch hier in Deutschland mit den Folgen dieses Herbizites, obwohl es seit 1991 verboten ist. Atrazin gilt als krebserregend und greift ins Hormonsystem von Tieren (und Menschen?) ein. Der Stoff ist extrem langlebig und wird im Boden kaum abgebaut. Je nach geologischen Verhältnissen taucht er erst mit großer Verspätung im Grundwasser auf – und kann dort sehr lange bleiben. Die Folge: ganze Brunnen müssen stillgelegt oder das Wasser einer teuren Reinigung zugeführt werden. Natürlich zu Lasten der betroffenen Gemeinden. Weder der Landwirt noch der Produzent werden bei uns hierfür zur Kasse gebeten. Anders in den USA, wo Novartis/Syngenta über 100 Mio. Dollar an die Wasserversorger zahlen musste. Ab und zu können die USA doch als Vorbild herhalten!

Ein anderes Beispiel neueren Datums sind z.B. die Neonicotinoide. Ihre erwiesene Bienenschädlichkeit – und natürlich wie fast immer sind diese im Insektenreich nicht alleine betroffen – hat zwar EU-weit zur Gebrauchseinschränkung dreier dieser Wirkstoffe geführt, aber dank der guten Chemielobby und der Protagonisten der Landwirtschaft nicht zu einem Verbot. Vielleicht erinnert sich der Eine oder die Andere noch an den Skandal des Sommers 2017, als Millionen von Eiern aus Holland und Belgien vernichtet werden mussten, die, in ganz Europa verteilt, mit Fibronil, einem Stoff aus dieser Substanzklasse, belastet waren. Die Züchter hatten „nur“ die Reinigung ihrer Ställe damit durchgeführt. Und wie so häufig bei Pestiziden weisen die damit in Berührung gekommenen landwirtschaftlichen Produkte erhebliche Rückstände auf, die sich in den damit gefütterten Tieren anreichern und letztendlich auch beim Menschen als „Endverbraucher“ landen. Die Bienen sterben also nicht nur oftmals direkt an den Pestiziden, sondern speisen diese über Nektar und Pollen auch direkt in ihre eigene und über den Genuss des Honigs durch den Menschen auch in dessen Nahrungskette ein. Und hier akkumulieren sich diese schwer abbaubaren Produkte so, dass oftmals auch nachfolgende Generationen darunter zu leiden haben. Geschuldet ist dies auch dem Fakt, dass der eigentliche Wirkstoff nur etwa zu 10% direkt auf die Zielorganismen (also z.B. den Schadpilz) wirken, der Rest wirkt auf Lebewesen, die eigentlich nicht bekämpft werden sollen bzw. gar nicht bekämpft werden dürfen. Neben solchen inzwischen historischen Reminiszenzen steht der Autor als Umweltökologe der Universität für Bodenkultur in Wien – einer renommierten Einrichtung – im Hier und Jetzt, wenn er seine Analysen ausbreitet und über seine Forschung zur Pestizidbelastung unserer Ökosysteme einschließlich der Tierwelt und des Menschen berichtet. Wussten Sie zum Beispiel, dass wir inzwischen alle unsere (bereits bedenkliche?) Dosis Pestizide, deren Auswirkungen wir noch gar nicht kennen, im Körper haben, selbst wenn Sie noch nie mit diesen direkt in Berührung gekommen sind, also nicht zu den Hobbygärtnern gehören, die ihren Garten schon immer mit Hilfe deutscher Chemiekonzerne und dem nächsten Gartencenter und dem Motto „Viel hilft viel“ gepflegt (!) haben. Übrigens reden wir – und auch der Autor – hier von einem Milliardengeschäft für die ca. 1200 (!) in Deutschland und Österreich zugelassenen Pestizide (!). Weltweit werden 2,7 Millionen Tonnen Pestizide produziert (Stand 2012), Tendenz steigend mit Schwergewicht in den USA und zunehmend in China. Weltweit ist der größte Verbraucher aber Europa vor Asien und Nordamerika, kein Grund also, mit dem Finger auf den Mittleren Westen der USA zu zeigen. Der größte Verbraucher in Deutschland ist die Bundesbahn, noch vor der Landwirtschaft, während in den Kommunen der Trend rückläufig ist durch den Druck der eigenen Bürger! Die Bahn hat allerdings Besserung versprochen und erste Maßnahmen greifen bereits. Zu hoffen ist, dass sich diese Zahlen vielleicht durch die Zunahme von Klagen Betroffener ändern werden, wenn das Beispiel Monsanto mit seinem Glyphosat in den USA Schule macht und auch den deutschen Chemiegiganten auf diesem Feld auf die Füße fällt. Beispiele hierfür gibt es auch schon in Europa und der angeblich ungefährliche Einsatz dieser Mittel in Land- und Forstwirtschaft bei „ordnungsgemäßer Anwendung“ – hierrüber weiß der Autor einiges zu berichten – führt inzwischen schon zur Anerkennung von neuen Berufskrankheiten z. B. im Weinbau durch das Ausbringen dieser Spritzmittel. Soviel zur Unbedenklichkeit auch zur Anwendung im eigenen Garten. Rauschte es vor noch nicht allzu langer Zeit heftig im deutschen Blätterwald zu den Grenzwerten bei der Stickoxydbelastung der Luft in unseren Innenstädten als von einem Lungenfacharzt die Höhe derselben hinterfragt wurde, so hört man von einer permanenten „Anpassung“ der Grenzwerte der Pestizidrückstände nach oben rein gar nichts. So wurde beispielsweise der Grenzwert für Fungizide bei Feldsalat verdoppelt, wie auch die Lebensmittelüberwachung an verschiedenen Stellen in Deutschland hinterfragt werden darf – so zumindest die Ansicht des Autors. Dieser endet allerdings nicht bei apokalyptischen Zuschreibungen, sondern wägt, wie es der Wissenschaft geziem, die einzelnen Methoden und deren Kosten und Umweltwirkungen sorgfältig gegeneinander ab. Vorgestellt respektive erwähnt und zitiert werden auch Vollkostenrechnungen einzelner Studien zu spezifischen Themenfeldern, die auch inhärente Kosten von Umweltschäden mitberücksichtigen und zu frappierenden Ergebnissen z.B. zugunsten der rein mechanischen Bearbeitung gegenüber dem Einsatz von Pestiziden kommen. So liegen nach Darstellung des Autors die jährlichen Umweltkosten durch Pestizide bei ca. 50$ pro Hektar, nicht gerechnet die Preise der Spritzmittel selber. Dafür kann man gut und gerne auch bei entsprechendem Management eine mechanische Bearbeitung anwenden, wenn, ja wenn denn diese Kosten in Rechnung gestellt würden.

Kritisch setzt sich der Autor auch mit der Frage auseinander, ob die wachsende Weltbevölkerung überhaupt ohne Pestizide ernährt werden kann oder wie die Politik faktenbasiert entscheiden und handeln soll – ohne Einflüsse von Chemielobbyisten und Bauernvertretern. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass der Pestizideinsatz es in den letzten 40 Jahren nicht wirklich geschafft hat, Ernteverluste durch Schädlinge oder Krankheiten nachhaltig einzudämmen; ein folgerichtiges Resümee seiner langjährigen Arbeit.

Wenn er dann auch noch von unerwarteter Seite durch den Präsidenten der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft Rückendeckung erhält, der vor Kurzem ausgeführt hat, dass der „gigantische Chemieaufwand“ zu Resistenzen (gegenüber der Chemie) und gar Ernterückgängen geführt habe, dann kann der Autor, trotz vieler Anfeindungen auch durch die einschlägigen Verbände, nicht ganz daneben liegen.

Ein sehr lesenswertes Buch, das viel Sachwissen vermittelt – ohne in den wissenschaftlichen Elfenbeinturm abzugleiten – und so auch Lesern ohne naturwissenschaftliche Kenntnisse den Horizont weiten kann. ˜

Dr. K. P. Christian Spath (cs) ist Physiker und Ingenieur und war bis zu seiner Pensionierung über lange Jahre an der Universität in Mainz tätig. Er ist seit Jahrzehnten dem Naturschutz verbunden und Vorsitzender eines Naturschutzverbandes.

spath@uni-mainz.de

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